Frankfurts Neue Altstadt – Das Herz am rechten Fleck. Eine Antwort.

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Es hätte so schön sein können. Im Herbst soll das Dom-Römer-Areal, Frankfurts „Neue Altstadt“, offiziell eingeweiht werden. Und selbstverständlich haben die großen Politiker der Stadt vor, sich zu diesem Anlass gehörig selbst zu inszenieren. Auch wenn sie eigentlich wenig mit dem Projekt zu gehabt haben. Oberbürgermeister Feldmann machte es im zurückliegenden Wahlkampf jedenfalls mit vielen Pressefotos vor.

Ich hatte nicht vor, Ihnen den Spaß zu verderben. Das hat nun ein anderer versucht. Stephan Trüby wurde von der Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ eine 2/3-Seite für einen großen Artikel eingeräumt. (8.4.2018) Trüby leitet das IGMA – Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen an der Universität Stuttgart. Seine Publikationen lassen darauf schließen, dass man es hier nicht nur mit einem Anhänger modernistischer Architektur und einem radikalen Gegner von Rekonstruktionen zu tun hat. Trüby wendet für seine Attacken gegen Rekonstruktionsvorhaben auch gerne die alte „antifaschistische“ Horrorshow an. Denn er weiß, dass das letzte Mittel, um irgendeine nicht genehme Entwicklung in der Bundesrepublik zu verhindern, immer noch der alte „Nazi“-Ruf ist. Eine Art Bannwort, die den braven Spießbürger in der Vergangenheit stets erstarren ließ.

2015 unterzeichnete er einen Aufruf „Gegen die Salonfähigkeit Neuer Rechter“. Dieser richtete sich gegen den wissenschaftlichen Mitarbeiter für Philosophie und Ästhetik an der HfG Karlsruhe, Marc Jongen, nachdem bekannt wurde, dass dieser in die AfD eingetreten war. In einem offenen Brief zu dem Aufruf wurde verlautbart, „Jongen mache politische Werbung für eine Splitterpartei mit Verbindungen in die Neonazi-Szene, und sei damit ein `akademisches Feigenblatt´ für Rechtsradikale“. 2016 verfasste Trüby in der „Zeit“ einen Artikel über „Rechte Räume“, in dem es vor allem gegen Siedlungsprojekte auf dem Land, Ritterburg-Freunde und diverse Symboliken ging, selbstverständlich wild zusammengemischt. 2017 moderierte er in München eine Diskussions-Veranstaltung über „Rechte Räume“, in der auch Anetta Kahane von der berüchtigten „Amadeu Antonio Stiftung“ als Gast eingeladen war. In der Einladung hieß es, dass sich „die Veranstaltung mit der Frage (beschäftigt), wie der Aufschwung rechtspopulistischer Politik auch die Architektur ins Visier der Rechtsnationen rückt. Besonders die Zunahme von `No-Go-Areas´ für Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch Aussagen von AfD-Politikern über städtische Räume in Deutschland werden diskutiert.“

Nun hat sich Trüby an mir auf die alte Masche abzuarbeiten versucht. Der Grund: Das zum Teil nach originalem Vorbild rekonstruierte Dom-Römer-Areal ist ihm ein Groll.

Zuerst versucht er in seinem Artikel das Projekt mit der sozialpopulistischen Masche madig zu machen. So würden dadurch nicht „die drängendsten Probleme der Stadt“, die „Frage nach bezahlbarem Wohnraum“ und einer „Stadt für alle“ (was immer das sein soll), gelöst. Bezahlbaren Wohnraum schaffen zwar auch nicht die geplanten modernen Wohntürme für Besserverdienende in der Innenstadt, und die steigenden Mieten haben mit politischen Entscheidungen (u.a. der Währungspolitik) zu tun. Aber, geschenkt. Es ist ohnehin nur ein vorgeschobenes „Argument“ Trübys. Trüby wettert dann gegen ein „aalglattes Stadtviertel“ und „Heile-Welt-Gebaue“. Und auch die abfällige Rede von „Massen an futter- und einkaufsfreudigen Touristen“, die bald durch das „Altstadtidyll“ geschleust würden, zeugt nicht gerade von Offenheit gegenüber Menschen aus anderen Ländern, die uns gerne besuchen.

Dann aber nimmt Trüby Fahrt auf und bedient endlich den ganzen altlinken verbalen Sermon, der uns nun bereits seit 50 Jahren bestens bekannt ist. Die Rekonstruktionsbewegung ist ein „Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten“. Und da ich als Urheber der neuen Frankfurter Altstadt ausgemacht werde, musste ganz tief gegraben werden, um meine Person in einem möglichst schlechten Licht erscheinen zu lassen. Da werden für seine Zwecke passende Zitatpassagen aus bald 25 Jahre alten Aufsätzen herausgepickt. Da werden teils längst nicht mehr existente Zeitschriften erwähnt, für die ich mal als junger Student wenige Artikel geschrieben habe (an denen nichts zu beanstanden ist). Da werden Mitautoren an einem 1995 erschienenen Sammelband herangezogen, die überhaupt keinen Einfluss auf die von mir geschriebenen Aufsätze hatten. Auch deren Beteiligung entschied nicht ich als Autor, sondern der damalige Herausgeber, der die von Trüby erwähnte parteipolitische Karriere samt späteren Ausstieg zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen hatte.

Nachdem sich Trüby die Zitate herausgepickt hat, die ihm passen, um mich als dämonischen Demiurg an die Wand zu projizieren, kommt er wieder auf das Altstadt-Thema zu sprechen. Ich hätte dafür „Kreide geschluckt“, behauptet er.

Nein, kann ihm geantwortet werden. Niemand hat Kreide geschluckt. Menschen entwickeln sich nur über die Jahrzehnte. Sie eignen sich einen erweiterten Horizont an. Sie sehen Dinge differenzierter, aber auch schärfer. Sie vermögen, das besser auszudrücken, worum es ihnen geht. Womöglich ist eine solche geistige Entwicklung Trüby unbekannt. Das weiß ich nicht.

Am Inhalt meiner von ihm erwähnten Artikel und Aufsätze zu Architektur und deren politischen Hintergründen habe ich überhaupt nichts auszusetzen. Manches rührt mich sogar bei heutiger Lektüre. Kein Wort nehme ich zurück. Und der positive Zuspruch vieler Bürger bestärkt mich darin. Heute indes gilt es, den Fokus auf die globale Entwicklung zu richten. Viele Besuche im Ausland, beispielsweise von Griechenland über Marokko, Albanien bis Spanien, haben mir die jeweiligen länderspezifischen Bemühungen gezeigt, die eigene Identität auch in den Bereichen Architektur und Stadtplanung zu erhalten. Und sie haben mir noch stärker vor Augen geführt, dass es ein globales Problem mit der modernistischen Architektur und der von ihr geschaffenen Stadträume gibt. Es geht, um es einfach auszudrücken, um eine menschlich gestaltete Welt angesichts einer fortschreitenden, den ganzen Erdball umfassenden Globalisierung. Und weil das im Kern auch schon das Anliegen meines von Trüby zitierten Aufsatzes von 1995 war, lautete dessen Untertitel „Für eine menschliche Architektur“ (was Trüby wiederum verschweigt).

Trüby wirft mir vor, Ideologe zu sein, doch er selbst ist er ein Ideologe par excellence. Um seine Theorie gegen Rekonstruktionen darzulegen, geht er sogar bis in die frühen 1950er Jahre zurück und positioniert sich noch einmal gegen die Rekonstruktion des nun schon Jahrzehnte im Großen Hirschgraben stehenden Goethe-Hauses. Der Theoretiker und damalige Goethehaus-Gegner Walter Dirks hätte seinerzeit nämlich die modernistische Marschrichtung vorgegeben. Trüby: „Hinter Dirks Haltung stand – aus heutiger Sicht völlig zu Recht – die Sorge, dass man mit einer Rekonstruktion die Spuren des Nationalsozialismus und auch der eigenen Schuld löschen wollte.“ Doch in den 1980er Jahren sei bereits der Weg der Tugend verlassen worden: „Wenig später ging Frankfurt erst so richtig in die geschichtsrevisionistischen Vollen, und zwar mit der Rekonstruktion des Römerbergs, die von 1980 bis 1983 erfolgte“.

Aus diesen Zeilen kann man erkennen, dass Trüby ein unverbesserlicher Modernist ist. Er ist einer, der die neue Bebauung des Frankfurter Dom-Römer-Areals als harte Niederlage empfindet. Immer noch trauert er dem längst vergilbten Bauklotz-Entwurf von KSP Engel nach, der dort für kurze Zeit ursprünglich errichtet werden sollte. Trüby verhält sich wie ein fanatischer Militär, der eine Niederlage nicht verkraftet und deshalb, obwohl bereits alles gelaufen ist, als letzter der Getreuen noch ein Schuss abfeuern muss. Der Schuss soll natürlich auch andere, zukünftige Rekonstruktionsprojekte in anderen Städten treffen.

Rekonstruktionen sind in diesem Selbstverständnis „rechtsradikal“, also solle man gefälligst modernistisch bauen, heißt sein Ruf. Und wenn das nicht klappt, dann soll – laut Trüby – „zivilgesellschaftliche Gegenwehr“ her. Das ist kryptisch ausgedrückt, denn welche Zivilgesellschaft soll denn gegen ein kleines Rekonstruktionsprojekt „Gegenwehr“ leisten? Für den KSP Engel-Entwurf? Bekanntlich hat es bislang noch kaum Bürgerinitiativen für modernistische Bauprojekte gegeben, die ohnehin 99,9 % der hiesigen Bauvorhaben ausmachen. Aus gutem Grund. Viele wissen aber, dass mit solchen unklaren Formulierungen in heutigen Zeiten nicht „Greenpeace“ oder das Diakonische Werk gemeint sind, sondern in der Regel eine lautstarke und gewaltaffine „Antifa“. Zumal es ja gegen Bestrebungen eines angeblichen „Rechtsradikalen“ gehen soll. So stellen es sich eben viele Herren in Nadelstreifenanzügen vor, nicht nur auf den gut dotierten Professorenstühlen. Die Ideologie geben sie vor, sich selbst wollen sie aber nicht die Hände schmutzig machen, weil das andere auf der Straße erledigen sollen. Doch Trüby hätte es frei gestanden, selbst „zivilgesellschaftliche Gegenwehr“ zu leisten, statt nach anderen zu rufen. Er hätte sich nackt an das Technische Rathaus ketten können, als die Abrissbagger anrückten. Das wäre immerhin eine couragierte Aktion gewesen. Die FAZ hätte garantiert berichtet.

Wenn Trüby gegen Ende seines Aufsatzes bekundet, „Missverständnissen vorzubeugen“ und nicht „Rekonstruktionen als solche zu skandalisieren“, ist das nur ein Täuschungsversuch oder eine Selbsttäuschung. Die von ihm angeführten Beispiele sind entweder reine Wiederaufbau-Maßnahmen der Nachkriegszeit (Paulskirche Frankfurt, Alte Pinakothek München) oder nur eine so genannte „kritische Rekonstruktion“ (Neues Museum Berlin von Chipperfield), die möglichst viele Brüche, Schrammen und Zerstörungen zu konservieren versucht. Mit der aktuellen Rekonstruktionsbewegung hat das nichts zu tun.

Nein, das stumpfe „Nazi“-Rufen funktioniert einfach immer weniger. Zudem will sich eine junge Generation immer weniger von verquasten geschichtlichen Belehrungen dirigieren lassen, welche Architektur sie sich für ihre Orte und ihr Lebensumfeld wünschen darf und welche nicht. Und das ist auch gut so. Von mir aus kann ein Trüby mich „rechtsradikal“ nennen. Im Teeny-Alter überlegte ich einmal, in eine Partei einzutreten. Sogar Jusos und „Grüne“ waren in der Auswahl. Ich las mir als 16-Jähriger sämtliche Parteiprogramme durch und entschied mich bis heute, parteilos zu bleiben. Damals dämmerte mir, dass ich kein Linker bin. Ob ich stattdessen ein Rechter, ein Konservativer, bin? Womöglich schon, wenn auch in ganz anderem Sinne, als es sich manche Linke oder auch Rechte vorstellen. Und gegen Radikalität des Geistes ist auch nichts einzuwenden. „Radikal“ kommt von dem lateinischen Wort „Radix“ (Wurzel). Probleme können getrost von ihrer Wurzel her analysiert werden, sofern das daraus entspringende Handeln den menschlichen Maßstab nicht aus den Augen lässt. Insofern soll mich ein Modernist eben „Rechtsradikaler“ nennen, wenn ihm das Freude bereitet.

Die Freude über die neue Frankfurter Altstadt, die erst noch in der Bevölkerung stark anwachsen wird, wird das nicht trüben. Ja, ich bin der geistige Urheber des Altstadt-Projekts. Ich habe dem damaligen Stadtverordneten Wolfgang Hübner von den BFF seinerzeit die Idee mitgeteilt und mit ihm gemeinsam den initiierenden Antrag für die Stadtverordnetenversammlung formuliert. Und, ich habe das nie an die große Glocke gehängt. Ich brauche keinen Ruhm, kein Schulterklopfen, keine Medaille, keinen finanziellen Nutzen. Ich freue mich, wenn sich eine große Zahl an Menschen freut. Wenn ich ihnen etwas geben konnte. Ganz im Stillen. Ich hätte mich sogar gefreut, wenn sich die Politiker der Stadt bei der Einweihung als die Altstadtgründer gefeiert hätten. Nur wenigen Leuten gegenüber, die meisten aus dem Freundeskreis, offenbarte ich mich als Urheber des Projekts. Meine einzige öffentliche Äußerung dazu tätigte ich bei einer Ansprache zum 10-jährigen Bestehen des Vereins „Pro Altstadt“, zu der ich gebeten worden war.

Das hätte so bleiben können. Doch Stephan Trüby wollte das nicht und zog es vor, mich zu „outen“. Nun, jetzt bin ich eben „geoutet“ und werde fortan ganz offen mit dieser schönen Sache umgehen.

Claus Wolfschlag

 

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