Der weltweite Sehnsuchtsort Venedig im Dokumentarfilm portraitiert

548981_web_R_K_B_by_daniel stricker_pixelio.deOrte, die als touristische Anziehungszentren fungieren, haben es schwer ihr autonomes Eigenleben zu bewahren. Sie werden meist nur durch den Blick des Reisenden wahrgenommen, nicht als natürlicher Lebensraum. Eines solchen Lebensraums hat sich nun Carlo Mazzacurati in dem Dokumentarfilm 6 x Venedig angenommen.
Sechs Schicksale in der unnormalsten Stadt der Welt
So wenig wie Rothenburg ob der Tauber nur ein zurückgebliebenes Fachwerkdorf ist, kann man Venedig allein auf den Markusplatz und eine Gondelfahrt reduzieren. Der Tourismus stellt zweifellos eine entscheidende Einnahmequelle dar, doch ist die Stadt zugleich auch Wohnort ganz normaler Menschen. Carlo Mazzacuratis präsentiert in 6 x Venedig sechs dieser Einwohner mit ihren kleinen Geschichten und ihrem kleinen Leben. Möglichenfalls unfreiwillig wird dabei deutlich, dass Venedig wahrlich keine Durchschnittsstadt und die gezeigten Personen auch keine Durchschnittsmenschen sind. „Wie normal sind Menschen, die in einer der unnormalsten Städte der Welt leben?“, fragt denn auch der Film passend.
Man begegnet dem pensionierten Mestriner, der als freiwilliger Archivar im Staatsarchiv tätig ist. Mit innerer Würde berichtet er davon, wie er über den Tellerrand der eigenen einfachen Herkunft herauszublicken gelernt hat. Er habe im Archiv die richtigen Menschen kennenlernen dürfen, Menschen mit Bildung. Und durch diese Fügung konnte er das eigene Interesse für die Herkunft und die Geschichte seiner sich so stark verändernden Heimatstadt entwickeln. Viele seiner ehemaligen Klassenkameraden seien irgendwann geistig stehengeblieben, würden keine Neugier mehr auf das Leben haben. Das sei bei ihm zum Glück anders gelaufen.
Das Zimmermädchen Roberta erzählt mit Stolz von ihrer Tätigkeit in einem barocken Luxushotel. Sie schwärmt für den Duft der Seife Jerry Lewis´ und berichtet ernüchtert davon, dass Reiche und Prominente auch nur Menschen sind. Sie kommen in das Hotel, bringen ihre Ängste und Neurosen mit, hinterlassen teils verschmutzte Zimmer. Fast beiläufig und doch ergreifend erwähnt die Tochter eines Gondoliere ihren früh verstorbenen Bruder.
Menschen, die man in Berlin eher selten trifft
Auf einen kauzigen Archäologen folgt der versponnene Kunstmaler Carlo. Ein sonderlicher, zurückgezogener Einsiedler, der die Welt durch die Abstraktion wahrnimmt und dem Geld nicht viel bedeutet. Er ist ein sozialer Außenseiter, dem von seiner nicht sonderlich kunstsinnigen Umgebung offene Missachtung entgegenschlägt. Die menschlich berührendste Geschichte ist die des ehemaligen Diebes Ramiro, der über seine heiße Jugend und den jähen Absturz berichtet. Eine klassische Kriminellenkarriere. Er habe kein gutes Leben gehabt, reflektiert er und lacht bitter, deutlich in die Jahre gekommen und mit Zahnlücken ausgestattet. Den Abschluss bildet ein frühreifer und sehr extravertierter Junge, der den Betrachter in die Welt der jugendlichen Wahrnehmung zurückführt. Eine Welt, in der sich alles um Sport, Bruce Lee, die Samurais und Musik zu drehen scheint.
Die menschliche Intimität in den Interviews basiert auf dem Vertrauen, das der Regisseur aufzubauen in der Lage war. Er erläuterte dies folgendermaßen: „Für jeden ist es immer anstrengend, vor einer Kamera zu sprechen. Das Geheimnis war, sie immer griffbereit zu haben auch während der vorbereitenden Treffen, peu à peu nahmen sie die Kamera nicht mehr wahr. An diesem Punkt entblößen sie sich, aber du musst ehrlich sein, darfst sie nicht betrügen. Du erzählst mir, was du willst, nimmst dir die Zeit die du brauchst, weil man viel Zeit braucht, um zur Wahrheit zu gelangen. So entsteht eine affektive Beziehung, eine Bindung. Es ist das Gegenteil der Aggressivität, mit der das Fernsehen in das Leben der Menschen eindringt. Sie selbst haben nicht die Charaktereigenschaft der Leute, die vom Fernsehen vergewaltigt werden wollen. Heutzutage lässt jedoch der Fernsehprozess einen jeden zum Protagonisten werden durch die fast pornographische Zurschaustellung der Dramen des eigenen Lebens.“
Ein gelungenes Portrait der Lagunenstadt
Der Film möchte für das „normale“ Venedig sensibilisieren. Keinesfalls wird dabei die touristische Attraktivität in 6 x Venedig geleugnet. Regisseur Mazzcurati erklärt denn auch die Wirkung der Stadt als weltweiter Sehnsuchtsort: „Ich denke immer, wenn jemand eine Maschinerie erfände, um das Erstaunen dessen zu messen, der in Venedig ankommt und das Profil des Wassers sieht, wenn er aus dem Bahnhof oder von der Piazzale Roma herauskommt, dann gäbe es einen unglaublichen Energiefluss!“ So entdeckt man in dem Film durchaus die städtischen Anziehungspunkte, den Markusdom, ebenso den Canale Grande, die Rialtobrücke. Dennoch versucht der Film Abziehbilder zu vermeiden und entführt stets in ganz andere, faktisch private Ecken der Lagunenstadt.
Das Manko von 6 x Venedig ist dabei allerdings, dass dem Film thematisch der rote Faden fehlt. Zwar leben alle sechs Personen in Venedig, doch man vermisst die Gemeinsamkeiten und ein übergeordnetes Motiv. 6 x Venedig weist stellenweise nicht mehr Inhalt auf, als diverse Reisereportagen zu deutschen Landstrichen im hiesigen Fernsehen. Gleichwohl ist der Streifen eine qualitativ hochwertig gefilmte Liebeserklärung an die Lagunenstadt. Das eigentlich interessante sind denn auch die sechs vorgestellten Gesprächspartner, die aus ihrem Leben berichten und dem Betrachter dadurch deutlich machen, dass hinter vielen Menschen, denen wir oft nur flüchtig begegnen, eine packende Lebensgeschichte stecken kann. Vielleicht würden wir anders schauen und reden, wenn wir nur wüssten.

 
Zuerst veröffentlicht bei blauenarzisse.de am 29.3.2012
Foto:  Daniel Stricker, pixelio.de

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Mehr Hubschrauber bitte

563899_web_R_by_Wolfgang Wendlinger_pixelio.de Daß es längst keinen „antitotalitären Konsens“ mehr gibt, sondern die Bundesrepublik ein mindestens so „antifaschistisch“ verfaßter Staat ist wie einst die DDR, muß gegenüber dem Bürger kaum noch verschleiert werden. Die rückständige Gesetzeslage mag noch so ausgewogen klingen, doch in der fortschrittlichen Umsetzung, der Praxisebene, wurde mittlerweile eine Achsenverschiebung der politischen Kultur erreicht, die stolz darauf ist, mindestens „auf dem linken Auge blind“ sein zu dürfen. Man kann sogar weiter gehen.
Da die „Antifa“ Teil eines seit mindestens zehn Jahren staatlich geförderten Kontrollinstrumentariums ist, ist die Rebellenpose „antifaschistischer“ Jungaktivisten Popattitüde, eine Fassade, schöner Schein. Nie war Jugend so liebenswert wie heute. In der gegenwärtigen Situation mit dunkler Sonnenbrille auf der Nase „Nazis raus“ zu brüllen, beinhaltet schließlich in etwa soviel Mut und reale Kritik am politischen Apparat, wie wenn man 1944 inbrünstig HJ-Lieder gesungen, 1988 beim Aufmarsch der „Jungen Pioniere“ eifrig gewunken oder 2011 zur Beerdigung des Nordkoreaners Kim Jong Il besonders dicke Tränen vergossen hätte. Welcher staatstreue Mitbürger sollte also etwas dagegen haben?
Natürlich dürften diejenigen, die sich angesichts der Realität wirklich als Rebellen fühlen, schon von bemerkenswerter Dummheit gesegnet sein. Die anderen wissen – spätestens seitdem die Renten sicher sind – ganz genau, daß wir in der Gesellschaft des schönen Scheins leben. Sie dürfen also die Rebellen mimen, sich aber zugleich der klammheimlichen Unterstützung befreundeter Medienvertreter und der Geldgeber in Politik und Behörden sicher sein. Nur wenn sie zu frech werden, wird ein wenig sanfte Erziehungsmaßnahme von oben nötig.
Weich aufgefangen
In wenigen Jahren dann, nach dem Studium der Gesellschaftswissenschaften, das ahnen die klügeren Vertreter der einschlägigen Gruppen, werden sie weich aufgefangen, bekommen eine Anstellung im Büro eines befreundeten Parlamentsabgeordneten. Oder sie wandern gar selbst durch den Parteienapparat. Beim „Joschka“ hat’s ja auch geklappt. Alternativ böte sich die Karriere im etablierten Medienbereich an, ein günstiges Klima also, um von dort die einst im Kleinen betriebene Arbeit im größeren Maßstab fortzusetzen. Auch für einen lehrenden Posten an einer Universität ist oft der Weg nicht verbaut. So sollte es nicht überraschen, wenn sich später alte Weggefährten unter die Arme greifen. Der eine gibt als politisch Verantwortlicher jene wissenschaftliche Studie in Auftrag, die der andere liefert. Und der dritte besorgt die nötige Publizität in der Presse. Es ist der normale Weg der Dinge.
Ganz anders auf der rechten Seite. 24 Festnahmen von „Neonazis“ hätte es bei Razzien in vier Bundesländern gegeben, wußten dieser Tage die Medien zu berichten. Im Zentrum des Interesses stand ein so genanntes „Braunes Haus“ in Bad Neuenahr-Ahrweiler, auch wenn dieses entgegen anderslautenden Presseberichten nicht ausgeräuchert wurde. Nun dürften die Aktivitäten von Leuten, die zu einer Silvesterparty mit dem Titel „Zwei Jahre braunes Haus. Jetzt knallt es richtig“ einladen und dabei die Buchstaben „NSU“ farblich hervorheben, wahrlich nicht sehr appetitlich sein. Doch geht es um die konkreten Vorwürfe, die zu der umfangreichen Polizeiaktion und bundesweiten Presseaufmerksamkeit geführt haben. Der Presse seien sie entnommen:
1. Die Braunhäusler hätten „linke Antifaschisten“ ausspioniert.
2. Sie hätten Namen und Adressen von „linken Antifaschisten“ veröffentlicht.
3. Sie hätten linksgerichtete Demonstranten zu deren Wohnungen verfolgt und dort Steine gegen das Haus geworfen.
4. Sie hätten Körperverletzung gegen Angehörige der „linken Szene“ begangen.
5. Sie hätten Landfriedensbruch begangen.
Parallelen, die keiner sieht
Nun sind das alles wahrlich keine Kavaliersdelikte, und gegen ein polizeiliches Vorgehen grundsätzlich nichts einzuwenden. Doch irgendwie kommt einem unbeteiligten Beobachter diese Verhaltensweisen bekannt vor. Irgendwo war da doch mal etwas Ähnliches … Irgendwo, so ist es einem vage im Gedächtnis, gehört es zum guten Ton, andere Menschen auszuspionieren und zu „enttarnen“. Irgendwo wurden auch schon mal Namen und Adressen von politischen Gegnern veröffentlicht. Da wurden irgendwo auch schon mal die Wohnstätten von Andersdenkenden attackiert. Und Körperverletzungsdelikte kamen auch ein paar Mal vor.
Bloß, wo war das noch einmal? Und wer steckte dahinter? Ich komme nicht mehr drauf. Von umfangreichen Polizeirazzien und umfangreicher Presseaufarbeitung habe ich jedenfalls kaum etwas gehört. Dann wird wohl auch nichts gewesen sein. Alles wohl nur eine Fata Morgana.
Über eine weitere umfangreiche Polizeiaktion berichtete die Neue Presse. Hamburgs Staatsschutz und das Landeskriminalamt Niedersachsen haben Wohnungen von 17 mutmaßlichen Mitgliedern der Gruppe „Die Unsterblichen“ durchsucht. Der Vorwurf: Die Gruppe „Die Unsterblichen“ hätte mehrfach maskiert so genannte „Flashmobs“ durchgeführt, also unangemeldete Spontandemonstrationen. „Wir nehmen diese Entwicklung sehr ernst”, sagte immerhin Manfred Bernius, Leiter der Abteilung Staatsschutz bei der Karlsruher Kriminalpolizei.
Der Flashmob tobt
Das sollte er auch, denn die Entwicklung dieser Gesellschaft läuft, vor allem Dank der Berliner Politik, alles andere als in ruhige Gewässer. Nicht zuletzt die Autoren der Jungen Freiheit weisen auf die Fehlentwicklungen immer wieder hin: Integrationsdefizite, Eurokrise, demographischer Wandel (Überalterung), Demokratieabbau mit Machtverlagerung nach Brüssel usw. usf. Oder meint der Staatsschützer vielleicht etwas anderes? Meint er diese paar Flashmobber?
Diese Flashmobber scheinen wirklich in letzter Zeit gefährlich aktiv. Zum Beispiel gegen Burschenschafter, gegen „Naziläden“, gegen NPD-Stände, gegen die Kürzung der Jugendpauschale in Sachsen oder für den Mindestlohn. Diese „Unsterblichen“ müssen also offenbar dahinter stecken, wer hätte das gedacht. Bloß gut, daß der Staatsschutz endlich diesem sinistren „Flashmob“-Treiben, diesem Verstoß gegen das Versammlungsgesetz, den Riegel vorschiebt.
Heute wäre es angebracht, das legendäre Lied „Hubschraubereinsatz“ der NDW-Gruppe „Foyer des Arts“ an die allgemeine Lageeinschätzung anzupassen. Etwa so: „Rechtsextremisten, Rechtsextremisten, überall, überall Rechtsextremisten. Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz, Hubschraubereinsatz …“ Ein einst staatskritischer, satirisch verfaßter Text hätte sich so mit der politischen Praxis verbunden und zur programmatischen Anweisung transformiert. Wenn das kein Beweis für gesellschaftliche Dialektik ist.

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 19.3.2012
Foto: Wolfgang Wendlinger, pixelio.de

Beate Klarsfeld – Der Ohrfeigenbaum Walter Ulbrichts

Give me fiveBeate Klarsfeld hat sich einen Namen als Ohrfeigen-Austeilerin gemacht. 1968 beschimpfte sie Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger als „Nazi“ und ohrfeigte ihn. Sie wurde damit zum Prototyp für Unmengen von späteren Krakeelern mit Hang zur Handgreiflichkeit. Kiesinger ist abgesehen von seiner formalen Mitgliedschaft in der NSDAP kein persönliches Vergehen nachweisbar, was neuere Biographien untermauern. Ausreichende Worte des Bedauerns und der Entschuldigung hat Klarsfeld für ihr Verhalten keine gefunden. Sie ist es vielmehr gewohnt, stets mit Samthandschuhen angefaßt zu werden, früher gab es ein bißchen Bewährung, heute manch ängstlichen Hofknicks.
Möglichenfalls in einem Anfall von Senilität hatte ihr einst der Schriftsteller Heinrich Böll unvermeidlicherweise sogar noch rote Rosen nach Paris geschickt. Nun ist gegen die Strafverfolgung maßgeblicher Kriegsverbrecher nichts einzuwenden, doch wäre deshalb nichts falscher, als Klarsfeld für eine kompromißlose Humanistin zu halten. Die 1939 als Beate Auguste Künzel geborene Journalistin hat zwar zum Einen ihre Befriedigung als Racheengel gefunden, andererseits aber kaum ein kritisches Wort über die Untaten des Sowjetkommunismus geäußert, mit dem sie durchaus verbandelt ist.
Sachdienliche Hilfe aus Ostberlin
Nun tritt sie als chancenlose Kandidatin der „Linken“ für das Bundespräsidentenamt an. Es bereite ihr keine „Bauchschmerzen, daß ich ausgerechnet für die Linken kandidiere“, äußerte sie. Und mit Blick auf Joachim Gauck schrieb Klarsfeld: „Ich glaube, es wäre für Deutschland sehr positiv, wenn mit meiner Kandidatur dem Kandidaten Joachim Gauck eine Deutsche gegenüber stehen würde, die etwas anderes symbolisiert.“
Was meint sie damit? Etwa das Kungeln mit der umbenannten Partei der einstigen Mauermorde und Stasi-Knäste? Und dabei ist gar nicht mal von ihrer heutigen distanzlosen Haltung zu Gysi, den vielen ehemaligen DDR-Verantwortlichen und Stasi-Mitarbeitern die Rede, sondern vom Original. Wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete, war die Kiesinger-Ohrfeige zuerst mit der DDR-Führung abgesprochen worden. So sei die „Nazi-Jägerin“ Klarsfeld zu diesem Zweck im April 1968 nach Ostberlin gereist, um sich mit dem Nationalrat „über die Vorbereitung einiger Aktionen gegen Kiesinger zu beraten und entsprechende Unterstützung zu erhalten.“ SED-Chef Walter Ulbricht hätte den DDR-Nationalrat daraufhin angewiesen, „Frau Klarsfeld jede sachdienliche Hilfe zu gewähren.
Hysterikerin der Vergangenheitsbewältigung
Das für ihre Unterstützung zuständige Mitglied des SED-Politbüros, Albert Norden, skizzierte Klarsfeld dabei als „militant antifaschistisch“: „Ihre politischen Aktivitäten reduziert sie allerdings ausschließlich, das aber mit aller Vehemenz, gegen Kiesinger, aufgrund seiner Nazivergangenheit.“ Solche Figuren waren der SED-Führung natürlich stets willkommen und nützlich, dienten sie doch dazu, die offizielle Propagandabehauptung gegen die Bundesrepublik als eines von alten Nationalsozialisten gesteuerten Staates öffentlichkeitswirksam zu machen.
Klarsfeld nutzte für ihre Agitation gegen Kiesinger offenbar gefälschte und fehlinterpretierte DDR-Dokumente. Die Berliner Morgenpost schreibt dazu: „Beate Klarsfeld stützte sich offenkundig auf diese Unterlagen bei ihrem wütenden Kampf gegen den Bundeskanzler, der bis heute zu Unrecht als ehrenwerte und mutige Tat im kollektiven Gedächtnis Deutschlands verankert ist.“ Auch für einen weiteren Typus gab Klarsfeld somit das Vorbild: Die Hysterikerin der Vergangenheitsbewältigung. Der Spiegel berichtete bereits 1969 von Klarsfelds „schrillen Tönen“, von ihrem begrenzten Blickwinkel und Fanatismus im „Nazi“-Aufspüren am Beispiel Kiesingers: „Über Auftritten, Konferenzen, einer Gegenkandidatur in Kiesingers Wahlkreis und forschen Sprüchen verrannte sie sich in den Versuch einen NS-Verbrecher Kurt Georg Kiesinger dokumentarisch belegen zu wollen, den es nicht gegeben hat.“
Hochgeschriebene Ex-68erin
Wäre Klarsfeld nicht von den Medien so großgeschrieben worden und dazu vermutlich von solchem Geltungsdrang getrieben, sie wäre heute wohl nur eine der vielen kleinen ergrauten Ex-68erinnen, deren Altersfreude darin besteht, sich an neu verlegten Pflastersteinen zu ergötzen.
Die Linke verlautbart über Klarsfelds Aufstellung, „sie sei die einzige Deutsche, die sich dafür eingesetzt habe, daß ehemalige Nazis keine Rolle in der Politik der Bundesrepublik spielen konnten“. Das ist eine glatte Lüge. Mindestens Margot Honecker und eine ganze Heerschar von Stasi-Agentinnen, weiblichen RAF-Mitgliedern, linken Publizistinnen und Politikerinnen haben sich exakt ebenso dafür eingesetzt. Von den vielen Männern ganz zu schweigen, vor allem jenen im Ausland, die mit Sicherheit ganz genau darüber wachten, daß „ehemalige Nazis“ nur so lange eine Rolle in der bundesdeutschen Politik spielten, wie sie auch nach ganz anderen Pfeifen tanzten.
Warum nicht mal Frau Merkel ohrfeigen?
Klar, daß Klarsfeld auch heute durchschaubar auf Linie bleibt. Für ein NPD-Verbot spricht sie sich aus und fühlt sich von der „Linken“ durch ihre Nominierung „hundertprozentig“ unterstützt im ewigen „Kampf gegen den Faschismus“. Wie spannend. Die Linkspartei setzte sich auch schon in der Vergangenheit dafür ein, daß die darob sichtlich geschmeichelte Klarsfeld, das Bundesverdienstkreuz erhalten solle. Eine Ohrfeige hat dafür aber bislang noch nicht ausgereicht. Am 18. März hätte sie nun allerdings Gelegenheit, etwas mehr für die Auszeichnung zu tun, das Konto zu erweitern.
Sie könnte Kanzlerin Merkel ohrfeigen, wegen deren aktiver Rolle beim Euro-Rettungsschirm für Griechenland. Oder Wolfgang Schäuble für’s ignorante Sudoku-Spielen. Oder Claudia Roth für ihre nervigen Multikulti-Schwärmereien. Oder Linken-Chefin Gesine Lötzsch, die offenbar einen ehemaligen Stasi-Mann als Büroleiter angestellt hat. Oder überhaupt einige der Linken-Mitglieder, die einst die SED-Mitgliedschaft aufwiesen. Bei Kiesinger hat das schließlich auch ausgereicht. Oder am besten ohrfeigt sich Klarsfeld einfach mal selbst. Vielleicht wacht sie ja auf diese Weise auf, setzt einen Lernprozeß in Gang und hört auf, sich als moralische Instanz zu inszenieren.

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 5.3.2012
Foto: Rita-Thielen, pixelio.de

Sergej in der Urne

509631_web_R_K_B_by_Carsten Grunwald_pixelio.de In der Wochenzeitung “Junge Freiheit” vom 24.2.2012 erschien eine Kinokritik aus meiner Feder zu dem Dokumentarfilm “Sergej in der Urne. Da nicht mehr Platz zur Verfügung stand, musste die Rezension stark gekürzt werden. Für cineastisch Interessierte stelle ich somit die Vollversion hier ins Netz…
Kino: „Sergej in der Urne“ von Boris Hars-Tschachotin
Einem seltsamen politischen Strippenzieher ist der Dokumentarfilm „Sergej in der Urne“ gewidmet. Der 1883 als Sohn eines zaristischen Diplomaten geborene Sergej Tschachotin war ein Biologe auf dem Gebiet experimenteller Zellforschung. Da es ihm aber offenbar am Zeug zum ganz großen Wissenschaftler fehlte, verlegte er bei sich bietenden Gelegenheiten gerne seine Energien in den Bereich politischer Mobilisierung. Hierin hatte er ein gewisses Talent, und bereits 1902 engagierte er sich als linksorientierter Student gegen die zaristische Regierung. Da er Diplomatensohn war, entging er der Deportation nach Sibirien, wurde somit nur ausgewiesen. Über Messina führte sein Weg nach Heidelberg, dann 1913 auf Bitte des berühmten Professors Iwan Pawlow zurück nach St. Petersburg. 1915 gründete Tschachotin dort nach einem Zeitungsaufruf ein Organisationsbüro, nun zur besseren Ausbildung der russischen Armee. Unter Gönnerschaft des zaristischen Kriegsministeriums bildete er Soldaten zu Technikern für den Giftgaskrieg aus. Das wäre ein „Frontwechsel“ gewesen, erklärt im Film sein Sohn Wenja über den zuvor als Pazifisten auftretenden Vater. Nach dem gescheiterten Kronstädter Aufstand flüchtete Tschachotin und wurde kurzzeitig Propagandaminister des Zaristen Pjotr Krasnow in der Ukraine. Bald musste er als Bauer verkleidet auch dort untertauchen. Er nahm einen Lehrstuhl in Heidelberg an. Doch in Deutschland erfüllte ihn nun die zunehmende NS-Propaganda mit Sorge. Er sah darin die intuitive Nutzung der Pawlowschen Reflexe zum Zweck politischer Manipulation. Sein Sohn Wenja berichtet dem Filmemacher, wie er selbst als junger Mann eine Goebbels-Rede besucht hatte. Obwohl bereits intellektueller Gegner der Nationalsozialisten wäre auch er kurz davor gewesen, sich von der Begeisterung der Masse ergreifen zu lassen und in Jubel zu verfallen. Sergej Tschachotin beschloss nun, eine Gegenpropaganda zu entwickeln. Er geriet in Kontakt zu dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Carlo Mierendorff und stellte fortan seine Kreativität in den Dienst des Sozialismus. So war es Tschachotin, der die „antifaschistische“ Symbolik der SPD-dominierten „Eisernen Front“ entwarf: Drei Pfeile, die dem Hakenkreuz entgegen gestellt wurden und es in kombinierter Darstellung als laufende, die Flucht antretende Füße aussehen ließen. „Der Sozialismus zerstört das Hakenkreuz“, sollte diese „antifaschistische“ Symbolik ausdrücken, die – in heutiger Zeit von jedem dummen Schläger verwendet – als pars pro toto erst ihre ganze negative, repressive Kehrseite entfaltet hat. „Er war in der sozialistischen Partei so etwas wie Dr. Goebbels bei der NSDAP“, äußert sein Sohn Petja. Und Sohn Wenja: „Seine Dialektik war ein Verführungskunststück.“ So konnte Tschachotin eine kurze Zeit sein ganzes Talent im Abhalten von Konferenzen und der Entwicklung von Propagandaformen entfalten. Er erkannte den Einfluss des Symbols auf die Psychologie der Massen, kombinierte die Pfeile mit der Faust der Arbeiterbewegung und dem Ruf „Freiheit“. Doch die träge SPD-Führung hörte nur wenig auf den Enthusiasten.
Folgerichtig wurde Tschachotin nach der „Machtergreifung“ 1933 von der Universität Heidelberg entlassen, da seine politische Haltung nun „absolut missbilligt“ wurde. Er reiste nach Dänemark aus, dann nach Paris, wo er während des zweiten Weltkriegs von der Gestapo verhaftet wurde. Just am Tag seiner Verhaftung wurde in Russland Tschachotins erste Frau Emma, eine gebürtige Deutsche, vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet. Sie kam weniger glimpflich davon. Während Emma hingerichtet und ihr Sohn für 15 Jahre nach Sibirien deportiert wurde, wurde Tschachotin 1942 mit Hilfe deutscher Wissenschaftskollegen aus dem Polizeilager entlassen.
Nach dem Krieg begann eine schwere Zeit. Tschachotin engagierte sich gegen die Atombombe, verstieg sich in absurde Utopien wie die Forderung nach einer Weltförderation unter Führung der Wissenschaftler. Es war eine „Wahnidee meines Vaters“, äußert sein Sohn Wenja trocken. 1958 wanderte er nach Moskau aus, weil er glaubte nach dem Amtsantritt Chruschtschows wurde in der Sowjetunion nun „endlich das ersehnte Paradies aufgebaut“. Auch ein Beispiel für die Verblendung vieler Intellektueller gegenüber dem Kommunismus. Zwei Jahre riet er einem seiner Söhne desillusioniert ab, ihm nachzukommen.
Der als Regisseur fungierende Urenkel befragte vier der verstreut lebenden Söhne seines Urgroßvaters, die sich seit Jahrzehnten nicht über die Form der Urnenbeisetzung Tschachotins einigen konnten. Eugen verwaltet das Archiv und bewahrt die Urne seines Vaters im Wohnzimmer auf. Der Aussteiger Wenja geht am schärfsten mit seinem Vater um, nennt ihn einen „Psychopath“, der beispielsweise den Alltag seiner Kinder minutengenau terminiert hat. Er wolle über „diesen Menschen“ nichts erzählen, sträubt er sich erst, wolle ihn weder kränken noch glorifizieren. Der Lebemann Andrej bekennt, ein alter Freund Le Pens zu sein, den er als Patriot bewertet und gegen Angriffe in Schutz nimmt. Und da ist noch das Nesthäkchen Petja in Moskau. Tschachotin war nämlich nicht nur ein Sprachtalent, er hat auch ein sehr egozentrisches Liebesleben geführt und dadurch eine riesige, in alle Welt verstreute Nachkommenschaft hinterlassen – ein weiteres Neben-Talent des Mikrobiologen. Fünfmal war er verheiratet, fünfmal ließ er sich scheiden, verließ stets seine Frauen für jüngere Nachfolgerinnen und nahm seinen jeweils jüngsten Sohn mit in die nächste Ehe. Das brachte ihm nicht nur Freunde in der Verwandtschaft ein.
So zwiespältig die Figur des Sergej Tschachotin auch erscheint, Urenkel und Regisseur Boris Hars-Tschachotin hat in seinen Dokumentarfilm viel Liebe und Kunstfertigkeit gesteckt. Das Licht einer Operationslampe verwandelt sich in das Granatlicht der aufständischen Kronstädter Matrosen. Auf der alten Fotografie eines Hauses beginnen sich die Blätter zu bewegen, bis man in der Gegenwartsaufnahme des Gebäudes angekommen ist. Hier ist zweifellos ein Talent für Bildkomposition erkennbar.

 
Claus-M. Wolfschlag
Foto: Carsten Grunwald, pixelio.de

Städtebilder als politische Mythen – Babylon, Jerusalem, Athen, Rom

 

SONY DSCIn der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” erschien heute ein Artikel von mir, der sich mit der Symbolhaftigkeit von Städten beschäftigte. Es ging also um den virtuellen Dialog, der sich über real existierende Städte entspinnt bzw. entsponnen hat. Gezeigt wurde das exemplarisch anhand der Metropolen des Altertums Babylon, Jerusalem, Athen und Rom.
Daraufhin meldete sich dieser Tage ein Althistoriker bei mir und empfahl mir zur gelegentlichen Vertiefung das Buch “Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums“. Diese Buchempfehlung sei hiermit an althistorisch Interessierte weitergegeben.

FAZ22.2.12b
Foto: Katharina Wieland Müller, pixelio.de

 

(Zuerst veröffentlicht 2012)

Die Entwulffung der Republik

141302_web_R_by_Andri Peter_pixelio.deDie Wahl von Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten hat gute wie schlechte Seiten. Das Gute: Gauck ist eine integre Person, zudem im Vergleich zu Christian Wulff auch ein Charakter mit originären Positionen, eventuell gar querdenkerischen Ansätzen. Er wird sicherlich ein enormer Qualitätssprung sein. Das Schlechte: Wulff war bereits so gründlich desavouiert, daß ihm keiner mehr wirklich zuhörte. Er hätte also noch ein paar Jahre seine Litanei von den zu uns gehörenden Menschen aus aller Welt und den bösen Rechten vortragen können, und fast jeder hätte das nur noch schulterzuckend ignoriert.
Bei Gauck dürfte das ganz anders sein. Was er sagt, hat Gewicht. Und so bleibt nur zu hoffen, daß er den mit Sicherheit vor der Tür lauernden Lobbygruppen, den Einflüsterungen des Zeitgeistes widerstehen kann und nicht in das politisch-korrekte Fahrwasser Wulffscher Provenienz abgleitet. Daß es so schnell mit der Kür des Nachfolgers ging, überraschte. Möglichenfalls wollten die Parteien den Anschein einer weiteren Staatskrise vermeiden. Beruhigung ist derzeit ganz wichtig, da angesichts der Euro-Krise bereits genug Verunsicherung die Bürger erreicht hat.
Menschliches Mitleid mit Wulff zu haben, was manche konservative Leserbriefschreiber derzeit demonstrieren, ist sicher ehrenvoll und christlich gedacht. Nur Sadisten und Sensationsgierige erfreuen sich an der üblichen Arbeit unserer (Boulevard-)Medien-Hetzmeute. Außerdem hat sich Wulff im internationalen Maßstab wirklich nur Peanuts erlaubt, die nun aber zu einem Elefanten aufgebauscht wurden. Andererseits sollte man ihm nicht zuviel Verständnis zukommen lassen, denn Wulff stand bekanntlich in erster Reihe, als es um die Frage der Entlassung Thilo Sarrazins bei der Deutschen Bundesbank ging, obwohl dieser nur legale und legitime Meinungen geäußert hatte. Ebenso hatte Wulff Duisburgs soeben abgewählten Oberbürgermeister Adolf Sauerland direkt nach dem „Love Parade“-Desaster effekthascherisch zum Rücktritt aufgefordert, obwohl er kaum beurteilen konnte, inwieweit Sauerland überhaupt persönliche Verantwortung an der Katastrophe hatte.
Platteste Sonntagsphrasen
Warum es nun gerade Wulff traf, darüber kann spekuliert werden. Verschwörungstheoretische Ansätze stilisieren Wulff schon mal zum heimlichen Abweichler in Sachen Währungsstabilität, weshalb ihm nun (faktisch von Goldman Sachs) der Mund gestopft worden wäre. Warum allerdings der ansonsten stromlinienförmige Wulff plötzlich glaubhaft den Euro-Rebellen mimen hätte sollen, bleibt ein Rätsel. Allenfalls, daß er von der Sorge angetrieben hätte sein können, daß bei einer kommenden Rezession, bei Inflation und einem eventuellen Staatsbankrott, kein ausreichendes Geld mehr für allerlei bunte Integrationsprojekte übrig bleiben könnte, wage ich ihm zu unterstellen. Das eigene Geld aber hat er ja bekanntlich bereits in Immobilienbesitz umgeschichtet.
Hätte Wulff seine penetrant – zuletzt in seiner Abschiedsrede – vorgetragene „multikulturelle“ Ideologie doch wenigstens zu einer großen Vision verdichtet. Er hätte die Idee einer Erneuerung der deutschen Nation durch Blutsauffrischung von Außen formulieren können. Oder die Wieder-Vergeistigung unserer materialistisch gewordenen Gesellschaft durch den Einfluss einer neuen vitalen Religion propagieren. Darüber hätte man zumindest diskutieren und streiten können. So aber blieben nur platteste Sonntagsphrasen à la: „Alle sollen sich zugehörig fühlen, die hier bei uns in Deutschland leben, eine Ausbildung machen, studieren und arbeiten – ganz gleich, welche Wurzeln sie haben. Wir gestalten unsere Zukunft gemeinsam.“
Und diese lassen allenfalls die Fragen offen, ob beispielsweise auch die sich zugehörig fühlen sollen, die hierher kommen und Hartz IV beziehen? Oder diejenigen, die sich zunehmend fremd in ihrem Stadtteil fühlen, weil kaum einer noch ihre Sprache spricht? Oder diejenigen, deren Meinung hier unerwünscht ist, weil sie eine abweichende Position zum Staatsbürgerrecht vertreten?
Perfekter Klon des BRD-Establishments
Es könnte schon sein, daß Wulff deshalb so zum Haßobjekt werden konnte, weil er so perfekt den angepaßten BRD-Bürger repräsentierte. Insofern stimme ich dem gestrigen Autor dieses Blogs, Fabian Schmidt-Ahmad, zu, wenngleich ich seine Wortwahl korrigieren möchte. Wulff war kein „würdiger Repräsentant der Deutschen“, und es war nicht „deutscher Selbsthaß“ hier am Werk. Das würde Wulff dann doch zuviel Ehre zukommen lassen. Wulff war der perfekte Klon des hochrangigen BRD-Establishments, und möglichenfalls war es deshalb Selbsthaß der medialen und politischen Klasse, der hier am Werke war.
Vielleicht verlangt eine zunehmend krisenhafte Zeit zunehmend nach irrational ausgesuchten Bauernopfern, die oftmals Sauerland und manchmal eben auch Wulff heißen. Auch perfekte Verinnerlichung von Political Correctness und „Vielfalt-Ideologie“ schützt da scheinbar nicht mehr zwangsläufig. Das System beginnt seine Kinder zu fressen. Das indes sollte einen wenig jucken. Wenn sich oben alle gegenseitig wegmobben, dann bleibt ihnen wenigstens nicht mehr ganz so viel Energie, Druck nach unten abzugeben, also kritische Bürger, die sich um die Zukunft Deutschlands wirklich sorgen, an den gesellschaftlichen Rand zu drängen oder zu kriminalisieren.
Um den Irrsinn komplett zu machen, hätte natürlich die Opposition noch einmal Gesine Schwan aus dem Zylinder zaubern können. Oder Horst Köhler hätte sich zu einer dritten Amtszeit bereit erklären können. Ich hatte nach Köhlers Abtritt im Freundeskreis mal Michelle Hunziker vorgeschlagen. Blond und sexy hätte sie im Ausland das Bild des sympathischen, frischen Deutschland optisch präsentieren können. Viel mehr Unsinn als Wulff und andere Politiker hätte sie auch nicht von sich geben können. Deutschland wäre mit einem gewinnenden jungen Lächeln assoziiert worden, Hitlers Schatten endgültig verflogen.
Die Chance zur Monarchie verpaßt
Doch Hunziker ist Schweizerin, was staatsrechtliche Probleme bedeutet hätte. Dies ausgeblendet, hätte sich nun Whitney Houston angeboten, da sie mehrere Vorteile aufwies: Erstmals eine Frau im höchsten Staatsamt. Dann schwarzer Hautfarbe, also ein Sinnbild der „bunten Republik“. Und einbalsamiert in Schloß Bellevue aufgestellt, hätte sie auch keine zweifelhaften Geldgeschenke mehr annehmen können. Doch nun wird es Gauck. Sicherlich war das in der momentanen Lage auch die beste Wahl.
Ein letzter Randaspekt dazu: Traurig war mal wieder, daß die deutschen Monarchisten die Präsidentenkrise nicht zur eigenen Profilierung nutzen konnten. Man hätte thematisieren können, daß ein dem parteipolitischen Geschacher enthobenes Staatsoberhaupt auch eine Anknüpfung an tausend Jahre deutscher Geschichte darstellen könnte, zudem eine Heilung nach den Wunden der letzten 100 Jahre. Vielleicht wäre unter bestimmten Umständen auch eine Versöhnung mit der politischen Linken im Sinne eines sozialen, dem Volk dienenden Königtums möglich, wie etwa in Kambodscha.
Und es wäre eine Anlehnung an die germanischsprachigen Länder in Europa, die weitgehend monarchisch repräsentiert werden, von Großbritannien bis Schweden. Die deutschen Monarchisten aber sind noch so verzwergt in ihrer Rolle von Traditionspflegeclubs, daß sie derartige Chancen bislang nicht effektiv zu nutzen in der Lage sind. Immerhin gab die „Deutsche Monarchistische Gesellschaft“ eine Presseerklärung zur Wulff-Affäre an die Öffentlichkeit.

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 20.2.2012
Foto: Andri Peter, pixelio.de

 

Nachtrag von 2016: Die „Deutsche Monarchistische Gesellschaft“ hat auch zum Verzicht von Wulffs Nachfolger Joachim Gauck auf eine zweite Amtszeit als Bundespräsident eine Mitteilung veröffentlicht. Man findet sie hier.

Meinung und Hirn

418073_web_R_B_by_Dieter Schütz_pixelio.de Woher stammen unsere politischen Anschauungen? Ein Kommentar in der Jungen Freiheit (JF 5/12) unter dem Titel „Niedliche Kaninchen, eklige Spinnen“ widmete sich kritisch dieser Frage: In einer US-amerikanischen Untersuchung der Lincoln-Universität Nebraska wurde die Weltsicht von Probanden, die sich als liberal oder konservativ eingeschätzt hatten, untersucht.
Mittels Elektroden und „Eyetackern“ maßen die US-Wissenschaftler Augenbewegungen und emotionale Reaktionen auf gezeigte Fotos. Dabei stellte sich angeblich heraus, daß Liberale eher auf schöne Bilder (Kaninchen, glückliche Kinder) schauten, Konservative eher auf unschöne Bilder reagierten (Spinnen, offene Wunden). Daraus schlossen die Wissenschaftler, daß Konservative über ein größeres Angstzentrum im Hirn verfügen müßten.
Der JF-Autor äußerte sich negativ zu der Untersuchung als „bisher einmaligen Tiefstand von polit-psychologischer Wissenschaft“. Und er stellte dem eine These der Milieudominanz entgegen: „Normalerweise weiß schon jedes Kind, daß politische Meinungen eine Sache des sozialen Zufalls, von konkreten Lebensumständen, Alter, Milieu, gesellschaftlicher Position und so weiter abhängen.“
Die Tücken der Milieutheorie
Ich schrieb ihm folgende Zeilen als Kritik: „Das ist allerdings schon eine ausgesprochen linke, wenn nicht marxistische Position. Das Sein formt demnach das Bewußtsein. Daran ist durchaus viel Wahres, andererseits erklärt diese Theorie nicht alles. Beispielsweise, warum es innerhalb von Familien konträr zueinander liegende Meinungen gibt. Warum ein Bruder Sozialdemokrat wird und der andere Nationalsozialist, obwohl sie aus dem gleichen Milieu mit den gleichen Lebensumständen stammen.
Die Beschränkung auf die Milieutheorie steht ja zum einen in Kontrast zur in konservativen Kreisen beliebten Genetik. Denn wenn nach Eysenck der überwiegende Teil der Intelligenz vererbbar ist, warum sollten es dann bestimmte Meinungsbilder und Weltsichten nicht auch sein? Zum anderen übersieht die Milieutheorie den Eigencharakter von Seelen. Menschen erkennen in anderen Seelenverwandte, teilen ihre Weltsicht, obwohl sie teils aus ganz anderen Regionen, Familien oder sozialen Milieus stammen.“
Man muß meine Äußerung insofern einschränken, daß ich nur von Personen spreche, die über eine eigenständige politische Anschauung verfügen. Dies ist bei geschätzten 95 Prozent der Leute hierzulande nicht der Fall. Bei jenen dienen politische Äußerungen oder Haltungen allenfalls als Maske, um sich ohne Gefahren durch den sozialen Kontext der Gesellschaft bewegen zu können. Solche Form von Opportunismus wechselt auch rasch, wenn von den Betroffenen erkannt wird, daß sich die Machtverhältnisse im gesellschaftlichen Überbau verschoben haben.
Politisch motivierte Untersuchungen
Bei allen Einwänden verstand ich allerdings auch die Reaktion des JF-Autors. Denn viele derartige Untersuchungen sind letztlich politisch motiviert. Sie werden finanziert um vorhersehbare Ergebnisse zu liefern, die der Bestätigung der bestehenden Machtverhältnisse dienen sollen. Solche Untersuchungen nach „Schema F“ führen meist zu jenem Abziehbild, das Günter Maschke mir gegenüber einmal so formulierte: „Der Rechte ist dumm, häßlich und völlig lächerlich – aber zugleich unglaublich gefährlich.“
Beispielsweise wollen etwa Forscher der Brock-Universität in der kanadischen Provinz Ontario unlängst herausgefunden haben, daß aus dummen Kindern in der Regel später „Rassisten“ oder „Homophobe“ würden. Im Umkehrschluß sind also Menschen, die beispielsweise für Einwanderung eintreten oder Homosexuelle ausgesprochen mögen, mehrheitlich intelligent. Eine solche Studie führt natürlich auch zu gewünschten Ergebnissen, denn wer möchte schon zu den Dummen gehören? Daher kann man demnächst in der Kneipe begeistert von der „Vielfalt als Chance“ schwadronieren und darf sich dabei ausgesprochen intelligent fühlen.
Nun stehen stumpfe Ressentiments oder irrationaler Haß wirklich nicht für einen reflexiven Geist. Solche Untersuchungen könnten bei anderer Fragestellung rasch das gegenteilige Ergebnis erbringen. Man bräuchte nur statt des linken Fragekanons („Leidet das Familienleben, wenn die Frau in Vollzeit arbeitet? Sollten Schüler lernen, Autoritäten zu gehorchen? Stört es Sie, mit Menschen anderer Hautfarbe zusammen zu arbeiten?“) Fragen nach der Art stellen: Würden sie Wut empfinden, wenn ihr Nachbar in einer rechtspopulistischen Partei aktiv ist? Stören sie sich an Menschen in Luxusautos? Haben sie Verständnis für Frauen, die sich nur der Hausarbeit und Kinderaufzucht widmen möchten, ohne berufliche Karriereabsichten zu hegen?“ Rasch könnte man aus den richtigen Antworten schlußfolgern, daß „Probanden mit verfestigten antifaschistischen Gedankenstrukturen“, „Menschen mit Sozialneid-Empfindungen“, „Personen mit feministischen Rollenmustern“ nun wahrlich eine ganz besonders dumme, von Ressentiments und Irrationalität gesteuerte Spezies sind.
Das menschliche Hirn hat keine statische Struktur
Zurück zur Ausgangsuntersuchung der Lincoln-Universität in Nebraska. Hier sehe ich die Denunziationsabsicht nicht so eindeutig wie der JF-Autor. Und so schrieb ich ihm: „Ganz so falsch finde ich somit auch die dargelegte und von Dir kritisierte Untersuchung nicht. Es könnte durchaus möglich sein, daß Konservative über ein meßbar größeres Angstzentrum im Hirn verfügen. Jedenfalls neigen Konservative traditionell zur Vorsicht, zur Vorsorge, zur Sicherheit und sie äußern häufig kulturpessimistische, gar apokalyptische Zukunftsprognosen (Bürgerkrieg und so weiter). Das unterscheidet sie eklatant von Liberalen oder Linken, die in der Zukunft meist ein positiv erreichbares fortschrittliches Ziel wittern. Warum sollte so etwas nichts mit dem Hirn zu tun haben beziehungsweise sich auf die Struktur des Hirns auswirken?“
Unser Gehirn ist schließlich kein statisches Instrument, es baut sich ständig um. Diesen Umbau können wir auch bewußt steuern und verfestigen. Schlaganfallpatienten können beispielsweise durch ihren Willen einen großen Teil ihrer ehemaligen Hirnfunktionen wieder erlernen. Man kann auch durch kontinuierliche Übungen seine Psyche aktiv beeinflussen. Unser Leben und unser Denken hat unmittelbaren Einfluß auf das Gehirn. Und unser Geist wiederum bestimmt auch, was wir sehen. Gehe ich beispielsweise mit einem Freund durch eine vertraute Straße, bemerke ich sofort die Fassadensanierung eines Hauses, er hingegen das neue Feinkostgeschäft in dessen Erdgeschoß. Warum also sollten nicht auch Konservative und Liberale die Welt wirklich mit anderen Augen sehen?
Mit anderen Worten: Gerade Konservative werfen Linken und Liberalen oft die „rosarote Brille“ angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse vor. Insofern muß auch der Hinweis der amerikanischen Forscher auf das größere Angstzentrum nicht gleich als Denunziation verstanden werden. Angst kann positiv und produktiv sein, so sie zur Vorsorge, zur Umsicht und zu einer realistischen Gefahrenanalyse führt.
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 7.2.2012

Foto: Dieter Schütz, pixelio.de