Vorschlag für ein ungleiches Wahlrecht – Das Kumulations-Votum

662113_web_r_b_by_tim-reckmann_pixelio-deImmer wieder werde ich Zeuge von bisweilen hanebüchenen Begründungen für politische Wahlentscheidungen, die oft aus Gewohnheit, aus dem puren Bauch heraus und durch irgendwelche Zufälle bedingt getroffen werden. Und mindestens ebenso häufig begegne ich der Klage über die scheinbare Trägheit, die mangelnde Bildung, Manipulierbarkeit oder Irrationalität des Wahlvolkes.
Die zentrale Schwachstelle, aufgrund derer man sich mit dem Problem überhaupt befassen muss,  stellt dabei das gleiche Wahlrecht dar, weil es keinerlei qualitative Abstufung im Wahlvolk zulässt, und sich zugleich die demokratisch gewählte Macht allein auf die pure Masse der Wählerstimmen stützt. Dementsprechend wird Wahlkampf geführt, dementsprechend sieht dann Politik in der Praxis aus.
Aus diesen Beobachtungen und Überlegungen heraus kam ich auf die Idee, ein Verfahren für ein ungleiches Wahlrecht zu entwickeln. Ich habe es das “Kumulations-Votum” genannt, da jedem Bürger möglich sein soll, durch staatsbürgerliche Bildung und Engagement zusätzliche Wahlstimmen zu erhalten.
So ich das überblicken kann, ist das hier vorgestellte Wahl-Prinzip bislang einmalig. Ich sehe mich also als dessen Erfinder. Allerdings kann man das dahinter steckende Grundprinzip an vielen Orten des Umgangs in der menschlichen Gesellschaft wieder finden: Wer sich engagiert und Präsenz zeigt, erhält größeres Gewicht, eine gewichtigere Stimme.
Nicht verschwiegen wird, dass das “Kumulations-Votum”, wie jedes politische Verfahren, auch Risiken hinsichtlich eines politischen Missbrauchs bzw. der Begünstigung bestimmter politischer Strömungen beherbergt. Diese können diskutiert und hoffentlich minimiert werden. Die Vorstellung des “Kumulations-Votums” soll diese Diskussion initiieren, an deren Ende womöglich eine radikal erneuerte Demokratie stehen könnte.
Claus Wolfschlag
Mein Aufsatz, in dem ich das “Kumulations-Votum” erstmals der Öffentlichkeit vorstellte, erschien am 30.11.2013 in dem Hamburger Wochenblatt “Preußische Allgemeine Zeitung“. Hier ist er als Bild dokumentiert:

kumulationsvotum
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Hier als Fließtext:

Das „Kumulations-Votum“
Plädoyer für ein ungleiches Wahlrecht
von Claus-M. Wolfschlag

Ein schon in den 80er Jahren beliebter Slogan lautete: „Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie schon längst verboten.“ Diese Aussage war Ausdruck der Enttäuschung und Machtlosigkeit, angesichts vieler in den Hinterzimmern von Parteien und Finanzwelt getroffener Entscheidungen. Solche Art von „Politikverdrossenheit“ könnte durch den Ausgang der letzten Bundestagswahl verstärkt werden. Die Tatsache, dass etwa 16 Prozent der Wähler keine parlamentarische Vertretung erhalten haben, löste eine Diskussion zur Reform des Wahlrechts und zur Abschaffung der 5-Prozent-Hürde aus. Ein viel weitreichenderer Gedanke zur Wahlrechtsreform aber ist die Einführung eines ungleichen Wahlrechts, für das in diesem Beitrag plädiert wird: Das „Kumulations-Votum“.

Versuche mit dem ungleichen Wahlrecht existieren bislang nur sporadisch. Gelegentlich gibt es Begünstigungen nationaler Minderheiten, z. B. des von der Fünf-Prozent-Klausel befreiten Südschleswigschen Wählerverbandes. Auch existiert ein faktisch ungleiches Recht bei der Wahl zum Europa-Parlament, an dem sich niemand zu stören scheint. Die Wahlstimme eines Luxemburgers hat das zehnfache Gewicht zu der eines Deutschen.

Aus der deutschen Geschichte ist das Dreiklassen- oder Zensuswahlrecht bekannt, das vor allem im Königreich Preußen von 1849 und bis 1918 bestand. Die Wähler wurden dabei entsprechend ihrer geleisteten Einkommensteuer in drei Abteilungen (inkorrekt oft als „Klassen“ bezeichnet) eingeordnet und erhielten ein abgestuftes Stimmgewicht. Die dahinter stehende Idee war, dass diejenigen, die mit ihren Steuern die Staatsfinanzen tragen, auch mehr Mitsprache über die Ausgabe der Gelder erhalten sollten. Die Sozialdemokraten protestierten damals gegen dieses Wahlrecht, weil es konservative Parteien begünstigte, wenigen vermögenden Personen eine weit überproportionale Mitsprache ermöglichte, somit eine Politik für die Interessen Reicher begünstigen konnte.

In jüngster Zeit gab es Vorstöße zu einem ungleichen Familienwahlrecht. So forderte in diesem Jahr FDP-Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel ein von den Eltern treuhändlerisch übernommenes Wahlrecht für ihre Kinder, um die Familien zu stärken. Doch ist dies nicht unproblematisch, denn spätestens seit den Analysen Thilo Sarrazins ist bekannt, daß der bestehende Sozialstaat gerade für Hartz-IV-Empfänger finanzielle Anreize zum Kinderkriegen schafft. Ein Familienwahlrecht könnte also den politischen Einfluss von Sozialleistungsempfängern und die Aufblähung des Sozialstaats verstärken. Zudem ist das Wahlrecht verfassungsrechtlich schwer an Dritte übertragbar. Und: Wer wählt für das Kind – Vater oder Mutter? Oder beide zur Hälfte?

Das an dieser Stelle erstmals vorgestellte „Kumulations-Votum“ verfolgt einen weitreichenderen Ansatz. Regelmäßig wird in politischen Diskussionen die mangelnde politische Bildung des Wahlvolkes beklagt. Die Aufgaben der politischen Institutionen sind vielen gar nicht bekannt. Und spricht man mit Bürgern, werden oft ganz irrationale Begründungen für deren Wahlentscheidungen geliefert – Kleidung, Sprachduktus oder Fernsehauftritte von Politikern. Die Stimme eines politisch weitgehend Uninformierten zählt dabei exakt so viel wie die eines umfassend gebildeten Professors, was zu einer qualitativen Schieflage führt. Weder werden Kenntnisse zu Politik und Staatsaufbau ausreichend berücksichtigt, noch ein gesellschaftlich förderliches Verhalten. Die Einführung eines ungleichen Wahlrechts würde dem entgegen wirken.
Für die radikale Linke ist das bestehende Wahlrecht bereits „ungleich“, da an die Staatsbürgerschaft gekoppelt. Ausländer können nicht einfach die Zusammensetzung des Bundestages mitbestimmen. Aus strategischen und ideologischen Gründen wird deshalb von links an der steten Aushöhlung des Staatsbürgerbegriffs gearbeitet. Irgendwie soll jeder überall mitbestimmen können. Jedem die Staatsbürgerschaft oder das Wahlrecht wahllos ohne Gegenleistung zu schenken, fördert aber keine Integration oder gar Qualität. Es entwertet nur. Linke erachten diese Nation und diesen Staat somit als wertlos, indem sie Staatsbürgerschaft und Wahlrecht zum Dumping-Preis auf den Markt werfen. Wären beide hingegen nur unter persönlichen Anstrengungen erreichbar, so wäre es ehrenvoll die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen. Da momentan die deutsche Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht durch inflationäre Passvergabe und fehlende Initiation „entwertet“ werden, sollte dem durch eine Aufwertung auf der innerstaatlichen Ebene entgegen gewirkt werden.
Da keine politische Kraft Bürgern ihre Wahlstimme aberkennen möchte, gelingt die qualitative Steigerung wohl nur über die Erweiterung der Wahlstimmen. Das ungleiche „Kumulations-Votum“ sieht deshalb vor, jenen Bürgern mehr Mitsprache zu ermöglichen, die sich auch positiv für das nationale Gemeinwesen einsetzen. Wer sich bildet und gesellschaftlich engagiert, erhält dafür bis zu 100 Wahlpunkte, die jeweils für weitere Wahlstimmen stehen.

Eine festgelegte Zahl an Wahlpunkten könnte man zum Beispiel für ein abgeleistetes soziales Jahr im Krankenhaus oder für ehrenamtliches Engagement in gemeinnützigen Einrichtungen erhalten, etwa der freiwilligen Feuerwehr. Auch das Aufziehen von Kindern könnte mit einigen Wahlpunkten belohnt werden. Ebenso sollten viele Wahlpunkte über das Absolvieren eines staatsbürgerlichen Bildungstests vergeben werden. Dabei würde das Grundwissen über die staatlichen Institutionen und politischen Strukturen abgefragt. Straftätern könnten hingegen wieder Wahlpunkte abgezogen werden. Jeder startet als Neuwähler bei 1 und kann dann durch sein Verhalten den politischen Einfluß vermehren. Anstrengungen für die Nation werden also mit mehr Mitsprache am Staat belohnt.

Die Kosten des bürokratischen Mehraufwands dürften nachhaltig durch die sich daraus entwickelnde qualitative Verbesserung des politischen Diskurses und Personals gemildert werden. Politiker, die nur auf Showeffekte und inhaltslose Floskeln setzen, dürften gegenüber einem informierteren und engagierten Wahlvolk weniger Chancen haben. Durch Stimmenkumulation gestärkte kritische Wähler würden einer Politik gegen die Interessen des Landes deutlicher auf die Finger schauen.

Die Praxis könnte beispielsweise so aussehen: Wahlpunkte müssen behördlich beantragt werden gegen Vorlage von Bescheinigungen des erfolgreich absolvierten Bildungstests oder ehrenamtlicher Tätigkeiten. Die Wahlbehörde vergibt daraufhin die Wahlpunkte, die elektronisch gespeichert und auf der Wahlbenachrichtigung vermerkt werden. Im Wahlbüro werden die Daten abgeglichen und die Wahlpunkte auf dem Stimmzettel amtlich vermerkt.

Da jedes System auch eine Achillesferse hat, muß möglichem Mißbrauch vorgebeugt werden. Um eine Identifizierung von Wählern anhand der Wahlpunkte zu verhindern, werden Stimmzettel nicht mehr im Stimmbezirk, sondern gesammelt im Wahlamt ausgezählt und von Datenschützern überwacht. Wahlpunkte darf man zudem nur für unpolitisches Engagement bei zertifiziert gemeinnützigen Institutionen erhalten, nicht aber bei explizit politischen Organisationen, Vereinen und Stiftungen.

Durch das „Kumulations-Votum“ wird eine qualitative Steigerung der politischen Mitsprache ermöglicht. Aber es ist klar, daß das ungleiche Wahlrecht so lange nicht eingeführt wird, wie die derzeit herrschenden Parteien noch bequem mit dem gleichen Wahlrecht regieren können.

 

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Foto: Tim Reckmann, pixelio.de

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Zweimal Film: “Runner Runner” und “Das Zeichen des Mörders”

644107_web_r_k_b_by_rainer-sturm_pixelio-deFilmkritiken veröffentliche ich fast nur in Printmedien. Im Fall der hier genannten Streifen war das nicht der Fall. Deshalb nur mal zwischendurch einige kurze Anmerkungen zu zwei Filmen, die ich unlängst sah.
Ich war im Oktober in der recht kurzfristig angesetzten Pressevorführung des Films “Runner Runner” von Brad Furman gewesen. Da ich nicht rechtzeitig eine Besprechung verfassen konnte, kam es zu keiner Filmkritik aus meiner Feder. Es wäre – wie gesagt – ohnehin zu knapp geworden. Aber, da ich den Film nun einmal aus dem Grund sah, etwas zu ihm zu schreiben, verliere ich dennoch ein paar Zeilen dazu.
Der von Justin Timberlake gespielter amerikanische Student Richie Furst möchte in “Runner Runner” nichts lieber als ein Stipendium in seinem Hauptfach Mathematik. Da das amerikanische Bildungssystem in hohem Maß auf Geld basiert, sieht sich der mittellose Student gezwungen, 60.000 Dollar Schulgeld aufzutreiben. Natürlich fällt ihm dabei rasch die Beteiligung am Online-Poker ein. Und selbstverständlich hat er erst einmal Glück, um dann doch bei einem Kontostand von “Null” zu landen. Da er aber, wie viele Spieler, sicher war, dass er hätte gewinnen müssen, wittert er Betrug. Und so macht er sich auf die Reise, um mit dem Betreiber der Webseite einige Wort zu wechseln. Folglich landet er ohne Spanischkenntnisse in Costa Rica und begegnet dort dem im Luxus schwimmenden Spielbetreiber Ivan Block (Ben Affleck). Doch der scheint Potenzial in dem ihn zur Rede stellenden Richie Furst zu wittern und bietet ihm an, als Angestellter bei ihm einzusteigen. Der junge Student sagt zu, und plötzlich hat er nicht nur das Schulgeld zusammen, sondern ein sehr ordentliches Auskommen. Doch dann beginnt die Krise. Richie Furst wird damit konfrontiert, dass er vom Geheimdienst FBI überwacht wird, und dass das betrügerische Schneeball-System seines Chefs kurz vor dem Zusammenbruch steht.
“Runner Runner” ist sicherlich ein stellenweise recht spannender Kriminalfilm, der vor allem durch die exotische Kulisse Mittelamerikas optisch gewinnt. Und er thematisiert natürlich den amerikanischen Typus, dem es letztlich nur um Geld geht. Das Studium dient nicht der Liebe zum Fach, sondern dem “making money”, und wenn man das Geld auf andere Weise machen kann, ist das noch besser. Vorzugsweise am Spielautomat bzw. Computer. Da geht alles ganz schnell. Das große Geld lacht, das hedonistische Dasein ist gesichert. All das wird immerhin angedeutet, und auch an der schauspielerischen Leistung ist nicht zu meckern. Letztlich aber bleibt “Runner Runner” nur ein halbwegs solider Krimi, dem wahrer Tiefgang fehlt. Gerade die Zunahme an Sportwetten oder Online-Spielen hätte eine tiefgründigere Behandlung mit den dahinter verborgenen Sehnsüchten und Enttäuschungen verdient. Das kann aber ja noch mit neuen Filmen folgen.
Dann sah ich noch den Krimi “Das Zeichen des Mörders” (Originaltitel: “Den utvalde”) aus einer der Hochburgen der “political correctness”. Der 2005 von Eric Donell und Martin Söder inszenierte Schweden-Thriller löste in mir sogleich folgende Empfindung aus: Hier wird nur halbwegs versteckt sozialdemokratische Ideologie transportiert. Nicht untypisch für den skandinavischen Film, also. Man denke mal beispielsweise an die feministischen “Millennium”-Krimis um die weibliche Heldin Lisbeth Salander. In Schweden haben sich Protestantismus und Sozialdemokratie mittlerweile sehr stark im Überbau und vielen Köpfen festgesetzt. Dementsprechend entwickelt sich das Land auch zunehmend. Hauptfigur des hier erwähnten Krimis ist der Polizeischüler Johan, der auf Undercover-Einsätze spezialisiert ist. Also wird er als vermeintlicher Student an eine schwedische Universität geschleust, um einen Serienkiller zur Strecke zu bringen. Dieser hat nämlich an der Universität grausame Morde zu verantworten, die er aber als skurrile Unglücksfälle inszeniert hat. Wie es so ist, gehört auch etwas Liebe zu diesem durchaus spannend gedrehten Film. Der Polizist verliebt sich in eine junge Studentin. Und mindestens hier setzt die subtile Botschaft ein. Das hübsche blonde Mädchen positioniert sich natürlich deutlich gegen “Rassismus” und “elitäre Typen”. Der junge Polizist kommt darauf ins Grübeln, ob er sich vielleicht selbst zu “elitär” verhalte, was ihm von einem Kollegen bejaht wird. Schließlich aber ist der “elitärste” Typ überhaupt der Mörder. Dieser gibt für seine Taten vor, faktisch das minderwertige “lebensunwerte Leben” ausmerzen zu wollen, um neuen elitären Ansprüchen gerecht zu werden. Also eine gewisse Form von SS-Ideologie, allerdings auf die unterste und pathologische Ebene heruntergebrochen. Es ist klar, dass der irre Mörder am Ende selbst seine Minderwertigkeit im Lebenskampf offenbart. Er verliert den Kampf gegen Johan und stürzt  – dies ein altbekanntes Motiv – vom Hausdach in die Tiefe. Ein Hitler-Schicksal also. Glücklicherweise war die ideologische Botschaft in dem Film nicht so dick aufgetragen, dass man ihn nicht genießen konnte. Ein wenig erinnerte er dabei an Mathieu Kassovitz´ “Die purpurnen Flüsse” von 2000, wenngleich letzterer die “antielitäre” Botschaft weit penetranter und dadurch bedingt ungenießbarer transportiert.
Man sieht eben immer wieder, dass selten Unterhaltung nur Unterhaltung ist. Oft existiert eine zweite Ebene, hinter der sich ideologische Botschaften verstecken. Das ist oft gar nicht vermeidbar und nicht immer desaströs. Es schadet dennoch nicht, seinen Blick zu schärfen, und diese Botschaften zu erkennen.

 
Claus Wolfschlag
Foto: Rainer Sturm, pixelio.de

Kunstraub mal anders

458883_web_r_by_andrea-muller_pixelio-deIm Zusammenhang mit dem Kunstfund in der Schwabinger Wohnung Cornelius Gurlitts konnten die Sensationsmedien wieder zur Hochform auflaufen und allerlei abenteuerliche Thesen über den „Nazi-Schatz“ verbreiten. Zwischen irgendwelchen inszenierten „Skandal“-Meldungen über Miley Cyrus, den nächsten von der Musikindustrie installierten Pop-Hüpfer, verlieh die Kunstschatz-Story Portalen wie web.de den Anstrich geistigen Tiefgangs. Da „Nazi“ sowie „Sex and Crime“ bei Boulevardjournalisten immer noch gut läuft, habe ich die ganze Zeit nur noch auf Schlagzeilen à la „Wilde Sexpartys auf der Dix-Leinwand?“ gewartet. Michael Paulwitz hat dankenswerterweise in einem JF-Kommentar einiges zu der Angelegenheit richtiggestellt.
Mit einem befreundeten Juristen unterhielt ich mich dieser Tage darüber, ob es eigentlich rechtlich zulässig sei, daß Gurlitts privater Besitz einfach beschlagnahmt und im Internet veröffentlicht wird. Immerhin ist ja noch kein Verbrechen erwiesen, und kriminelle Diebe könnten durch die Veröffentlichung auf den Privatbesitz aufmerksam werden. Demnach könnte die Veröffentlichung in die Begünstigung einer künftigen Straftat münden. Der Jurist antwortete mir, daß das eine Streitfrage wäre, wo das Persönlichkeitsrecht endet und wo solche Maßnahmen zur Aufklärung einer eventuellen Straftat angebracht sind. Und dieser Verdacht sei angesichts eines in der Wohnung gelagerten Wertes von einer Milliarde Euro schon gegeben.
Sei’s drum. Die Gurlitt-Angelegenheit führte jedenfalls dazu, daß in den Leitmedien mal wieder die Leier der Vergangenheitsbewältigung abgespult werden konnte. Nicht nur die Wiener Zeitung konnte sich nun wieder über den von den Nationalsozialisten begangenen „größten Kunstraub der Geschichte“ auslassen.
Beute aus Prager Kunstraub noch immer in Schweden
Hierzu einige Fakten: Nach einer Verlautbarung von Jonathan Petropoulos, Presidential Advisory Commission on Holocaust Assets in the U.S., sollen um 600.000 Kunstwerke zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten in Europa gestohlen worden sein, davon 200.000 auf dem Territorium des Deutschen Reiches. Noch vager und letztlich kaum mehr bestimmbar sind die Zahlen bei geraubten Kulturgütern, also beispielsweise Möbeln, Büchern, Schmuck, Münzen. Laut Petropoulos’ Angaben wurde davon der größte Teil nach dem Krieg von den Westalliierten zurückgegeben, und zwar 2,5 Millionen Objekte, darunter rund 470.000 Gemälde.
Der Spiegel berichtete 2012 von 4.000 Kulturgütern, die Göring in seinen Privatbesitz genommen habe. Allerdings dürften diese nicht komplett illegal erworben worden sein, denn das Magazin schrieb, daß er auch Werke auf dem Kunstmarkt gekauft und bereits Ende der 1920er Jahre gesammelt hat, also vor der NS-Machtergreifung.
Nun soll nicht beschönigt werden, was Göring und Konsorten so einst getrieben haben. Aber einige Ergänzungen zu den einseitigen Berichten scheinen angebracht. Kunstraub bzw. Beutekunst hat es schon seit Jahrtausenden gegeben. Vor der Haager Landkriegsordnung galten Plünderungen als erlaubtes Mittel des Krieges. So ließ beispielsweise der in schwedischem Dienst stehende Feldmarschall Hans Christoph Graf von Königsmarck am Ende des Dreißigjährigen Krieges beim „Prager Kunstraub“ 1648 fast die gesamten Schätze des Prager Burgbergs, darunter 700 Gemälde, nach Schweden abtransportieren, wo man sie heute noch besichtigen kann. Auch Napoléon Bonaparte sammelte bei seinen Feldzügen eifrig wertvolle Kunstgegenstände ein. Und auch die Alliierten waren nach 1945 nicht gerade zimperlich, wenn es um den nun illegalen Raub von Kunst und Kulturgütern ging. Bis heute ungeklärt ist die Zahl der Kulturgüter, die aus Deutschland nach dem Krieg in die USA gebracht wurden. Oftmals tauchen Einzelstücke unvermutet auf, darunter NS-Kunsthandwerk oder als „Souvenir“ deklarierte Gemälde.
Größter Kunstraub bei Ausplünderung Ostdeutschlands
Laut Petropoulos’ Angaben raubte die Sowjetunion zwischen 1944 und 1947 1,8 Millionen Kulturobjekte. Davon wurden nach der Stalinära 1955 bis 1958 knapp 1,6 Millionen an die DDR oder andere osteuropäische Länder zurückgegeben. Bis heute aber befinden sich 200.000 geraubte Kunstobjekte deutscher Herkunft völkerrechtlich illegal in russischen Depots, teils unter schlechten Bedingungen. Die deutschen Politiker sprechen das Thema stets nur zaghaft an, die Medien berichten nur selten darüber. Zudem ist Polen immer noch im Besitz der „Berlinka“-Sammlung, 300.000 Bände mit teils wertvollen mittelalterlichen Handschriften aus der Preußischen Staatsbibliothek Berlin.
Gegen Rückgabeverfahren ist also nichts einzuwenden, diese sollten aber gleichwertig stattfinden. Zudem bleibt ein Punkt außer acht. Die heute als NS-Raubkunst an Erben der einstigen Eigentümer zurückgegebenen Werke kommen nur denjenigen zugute, deren Vorfahren schon vor der NS-Zeit ein gewisses Vermögen für eine Kunstsammlung anhäufen konnten und die heute über die nötigen Beziehungen und den Einfluß verfügen, diese Kunstgegenstände international zu erstreiten. Ganz anders sieht es bei den vielen Menschen aus unteren Schichten oder den Kleinbürgertum aus.
Ein Onkel berichtete mir einst, daß er nach dem Krieg US-Soldaten gesehen hätte, die an jedem Arm zahlreiche gestohlene Armbanduhren trugen. Offenbar ein Machtsymbol wie heute das „abgerippte“ Handy. Und das sind nur Kleinigkeiten gegen die Verluste der Privatpersonen in den später sowjetisch, polnisch und tschechisch kontrollierten ehemaligen Reichsgebieten, die nicht nur aus ihren Wohnungen und Häusern vertrieben wurden, sondern deren kompletter Besitz ab 1945 geraubt wurde. Darunter dürften auch viele Millionen Kulturgegenstände gewesen sein: alte Gemälde, Graphiken, Biedermeier-Möbel, über Generationen vererbte Schmuckstücke, Münzen. Niemand hat je den Umfang dieses wohl wahrlich „größten Kunstraubs der Geschichte“, zumindest an Kulturgütern, je detailliert erforscht. Es dürfte auch unmöglich sein. Von Rückgabeansprüchen oder dem Einstellen von Fundstücken ins Internet ganz zu schweigen. Die kleinen Leute, deren Besitz gestohlen und in alle Welt verschleppt wurde, haben nun mal keine Lobby, die auf Rückgabe des Familienbesitzes pocht. Daß es sich dabei um Deutsche handelt, kommt erschwerend hinzu.

 
Zuerst erschienen bei jungefreiheit.de am 25.11.2013
Foto: andrea müller, pixelio.de

Neue Burschenschaft?

515399_web_r_k_by_klaus-bruheim_pixelio-deIm Oktober 2013 hatte der Chefredakteur der “Jungen Freiheit”, Dieter Stein, einen Aufsatz zum Zustand der deutschen Burschenschaften verfasst. Er lautete “Für eine neue Nation” und ist hier nachlesbar:
https://jungefreiheit.de/kultur/gesellschaft/2013/fuer-eine-neue-nation/
Eigentlich gehört der Bereich nicht zu meinen Themen. Ich fühlte mich aber dennoch zum Verfassen einer Antwort herausgefordert, in der ich Kritik an einem allzu unkritischen Hantieren mit dem Liberalismus-Begriff formulierte. Leider fand mein Debattenbeitrag kein Gefallen und somit keine Abnahme. Da ich mir aber nun einmal die Arbeit gemacht hatte, stelle ich ihn einfach an dieser Stelle ins Internet. Viel Freude oder Anregung beim Lesen.
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Zur Neuausrichtung der Deutschen Burschenschaft hat sich der Chefredakteur der “Jungen Freiheit”, Dieter Stein, vor vier Wochen geäußert. Steins Anliegen ist im Grundsatz begrüßenswert. Probleme liegen im Detail, im Risiko inhaltlicher Verwässerung.
Es sei vorweg gesagt, dass Dieter Stein und ich keine Burschenschafter sind, noch je waren. Insofern ist es stets nicht ganz unproblematisch, Gruppierungen bzw. Lebensmilieus als Außenstehender Ratschläge zu erteilen. Probleme können nur erwähnt und Lösungswege nur angestoßen werden. Echte Änderungen aber können nur aus dem Inneren dieser Gruppierungen vorgenommen werden, und auch nur dann, wenn dazu ein Wunsch besteht.
Es ging in Steins Stellungnahme gar nicht spezifisch um eine Kritik am burschenschaftlichen Milieu, sondern um eine am Zustand weiter Teile der politischen Rechten generell. Er wählte aber für seine Kritik den Umweg des “pars pro toto”. Das ist natürlich riskant, weil sich bestimmte Gruppen einseitig angegriffen fühlen können.
Dies zumal die Burschenschaften heute primär nicht mehr ein aktiv politisches Milieu darstellen, sondern nur eines, in dem auf tendenziell “unpolitische” Weise ein recht spezifischer konservativer Lebensstil gepflegt wird, zu dem man stehen kann, wie man will.
Letztlich sind sie dadurch aber für eine politische Kritik ein etwas unglücklicher Adressat.
Dieter Stein ist in zwei zentralen Punkten inhaltlich zuzustimmen. Zum einen muss sich heute niemand einen Zacken aus der Krone brechen, Stauffenberg ehrenvoll zu gedenken. Allerdings muss man sich auch im Klaren sein, dass ein geschichtspolitischer Streit um Stauffenberg oder Bonhoeffer für die heutige Öffentlichkeit nur noch marginalen Charakter hat. Das Bekenntnis sagt etwas über die Wahl der eigenen historischen Vorbilder aus, die persönliche Identität. Die politischen Probleme der Bevölkerung liegen aber längst an ganz anderer Stelle.
Zum anderen werden auch die offiziell politisch zugelassenen Ergebnisse der realen Einwanderung in Deutschland nach neuen Lösungen von konservativer Seite verlangen. Der Mensch ist durch seine Anpassungsgabe zur führenden Spezies der Erde geworden. Auch Konservative bzw. Rechte müssen sich der gegebenen Situation anpassen, wenn sie überleben und politisch mitspielen wollen. Das bedeutet aber keine Aufgabe der Grundsätze. Wenn eine Burschenschaft keine außereuropäischen Bewerber aufnehmen möchte, ist das eben ihre Regel und ihr Recht. Ebenso kann ein feministischer Verein einem Mann die Aufnahme verweigern. Wo man nicht erwünscht ist, möchte man im Normalfall ohnehin nicht verweilen.
Aber auch eine Öffnung gegenüber interessierten Neubürgern, für die ich stets plädiere, sollte nicht dazu führen, gegen eine “Überbetonung von Volk und Vaterland” zu Felde zu ziehen. Im Gegenteil: Migranten, die sich dem nationalen und konservativen Milieu zuwenden, machen dies, weil sie Deutschland positiv als ihr Vaterland betrachten und Teil eines großen Volkes mit großer Geschichte sein wollen. Dies ist also ein nützlicher Beitrag zur Integration.
Dieter Steins Text berührt eine generelle Frage alternativer Milieus: Wie weit muss ich mich abkapseln, um meine Identität zu bewahren? Und wie weit sollte ich mitspielen, um nicht nur ein gesellschaftlich einflussloses Parallelmilieu zu bilden? Wie weit muss ich die “reine Lehre” bewahren? Wie weit kann ich Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft vor mir selbst rechtfertigen? Auf der einen extremen Seite dieser Grundsatzfrage steht die völlige Abkehr vom gesellschaftlichen Mainstream. Man zieht sich ins Schöngeistige zurück oder bildet abgekapselte Parallelmilieus. Das muss nicht nur negativ sein, denn so kann sich kulturelles Erbe und Gedankengut ohne Anpassung in der Käseglocke für die Nachwelt erhalten. Viele Urvölker oder auch die Amish People sind Extrembeispiele dieser Haltung. In der aktiven Politik spielt man so allerdings vorerst nur noch eine marginale Rolle. Die Marginalisierung kann aber auch in die andere Richtung passieren. Indem man sich anpasst, bis man das eigene zunehmend zahnlose Gesicht verliert, und dennoch allenfalls am Tropf der etablierten Politik gehalten wird. Man sieht das beispielsweise bei den Vertriebenenverbänden.
Steins Text plädiert für eine Öffnung. Er regt an, aus dem “politischen Ghetto” auszubrechen, um am politischen Spiel mehr Teilhabe zu erlangen. Die sich daraus entwickelnde Identitätsfrage für Konservative ist stets, wieviel sie dafür von ihrer geistigen Substanz opfern müssen. Und ein Erfolg ist dabei keinesfalls sicher. Vor allem nicht, wenn dies mit Anpassungen an einen längst innerlich morschen Mainstream erkauft werden soll. In diesem Zusammenhang ist auch ein unkritisches Hantieren mit dem Liberalismus-Begriff fatal, verkennt dies doch, dass viele heutige Probleme mit der Individualisierung, der Auflösung traditioneller Bindungen, mit Globalisierung sowie mit der sozialen Ausbeutung von Unter- und Mittelschicht eine gewichtige Ursache in den Theorien des Liberalismus haben. Gerade angesichts der anziehenden globalen Wirtschaftskrise sollte hier eine gesunde Skepsis angebracht sein.
Das von Stein angesprochene Stockholm-Syndrom kann nämlich auch auf diejenigen angewandt werden, die einer Ausgrenzung durch Anpassung zu entfliehen versuchen, denn sie machen sich die Sache des sie Ausgrenzenden zu eigen. Das Beispiel des Verfalls der evangelischen Kirche sollte zeigen, dass eine Liberalisierung und Anpassung an den “Zeitgeist” keinesfalls zur Lösung von Nachwuchsproblemen führt. Im Gegenteil: Wer beispielsweise in eine Studentenverbindung eintritt, sucht gerade ein klares Profil und ist offen für eine zeitgeistkritische “Parallelstruktur”.
Auch ich habe Burschenschaftern gelegentlich zu einer Modernisierung ihres Erscheinungsbildes geraten. Webseiten, Verbindungshäuser, Werbestrategien, Feiern müssten modernen Ansprüchen angepasst werden. Das war allerdings nicht auf eine Veränderung des inhaltlichen Bereichs bezogen, der nur von den Studenten selbst vorgenommen werden kann.
Ein weiterer Problempunkt ist die Inkonsequenz der Argumentation. Häufig liest man in der “Jungen Freiheit”, dass sich die Kirchen nicht dem Zeitgeist anpassen dürften. Die Wahrung der Grundsätze hinsichtlich Homo-Ehe, Familie, Abtreibung oder Zölibat sei hier gefragt. Somit ist es aber widersprüchlich, von den nationalen Milieus, hier besonders den Burschenschaften, eine Aufweichung ihrer Grundsätze und eine Liberalisierung zu verlangen, gleichzeitig diese Liberalisierung für das christliche Spektrum abzulehnen. Natürlich kann man die theologische Doktrin als spirituell höherwertig gegenüber der nationalen bewerten. Doch im Gegenzug könnte man die Wertung auch umgekehrt vornehmen, denn der emotionale Bezug zur eigenen Nation ist in der Bevölkerung mittlerweile und immer noch stärker ausgeprägt, als jener zu den christlichen Amtskirchen, was der massive Schwund an Mitgliedern und Gottesdienstbesuchern augenfällig macht. Wenn man dem Nationalen also einen politisch minderen Rang zumisst, dem Christlichen aber höheren, dann ist das eine Aussage. Dass heißt aber nicht, dass sie von politischem Erfolg gekrönt sein wird und man ihr deshalb folgen müsste.
Steins Anregung, dass die Burschenschafter wieder stärker zu einer freiheitlich-patriotischen Avantgarde werden, die sie im 19. Jahrhundert waren, ist begrüßenswert, wenn auch unsicher. Das Konzept kann allerdings nur durch die einzelnen jungen Köpfe gelingen, die es als soziale Basis tragen. Und diese wird man eben nur gewinnen, wenn man sich auch erkennbar vom liberalen Mainstream unterscheidet.
Foto: Klaus Brüheim, pixelio.de

Kein Jammern bei Sibylle Berg

619067_original_R_K_B_by_Rüdiger Fresemann_klein_pixelio.deÜber den Kulturpessimismus als Produkt einer überalterten Gesellschaft hat sich nun die Schriftstellerin Sibylle Berg ausgelassen. Wie so oft bei plakativen Stellungnahmen hat auch sie damit recht und unrecht zugleich.
Berg wendet sich gegen die kulturpessimistische Klage von einer „generellen Verblödung“ der Jugend, von allgemeiner „Gentrifizierung“ und dem „Untergang des Abendlandes“. All diese beklagten Entwicklungen mögen eventuell zutreffen, aber es sei sinnlos sich darüber aufzuregen, so Berg: „Kulturpessimismus ist keine Antwort auf die Veränderung der Welt, sondern das Jammern Sterbender.“
Mit dieser Aussage hat Berg so unrecht nicht. Man sieht, was man ist. Und man ist, was man sieht. Der älter werdende Mensch spürt bewußt und unbewußt, daß seine Lebenszeit schwindet. Der von ihm wahrgenommene oder auch nur gefürchtete „Verfall“ überträgt sich auf seinen Blick auf die Welt.
Die Welt dreht sich auch nach dem eigenen Ableben weiter
Wo ihm in der Kindheit alles als aufregendes Neuland erschien, in der Jugend alles Verheißung, im mittleren Lebensalter als Bewährungskampf, da sieht er im Alter Verfall allerorten. Die Jugend schätzt nun die alten eigenen Werte scheinbar nicht mehr, die Qualität der einst vertrauten Gebrauchsgüter scheint zu schwinden, überhaupt verwandelt sich die ganze Welt in ein Jammertal, das dem Untergang entgegen taumelt. Diese Sichtweise ist gerade in großen Teilen der deutschen Bevölkerung latent.
Und sie wird noch verstärkt, wenn diese alternde und dadurch immer ängstlichere und verbittertere Gesellschaft auf vitale, jugendliche Kräfte trifft, die das eigene Sterben noch offenkundiger machen – in diesem Fall die kinderreichen Zuwanderer aus Nahost und Afrika. Dabei wird gerne übersehen, daß sich die Welt auch nach dem eigenen Ableben weiterdrehen wird, Neues heranwächst, blüht, sich entfaltet, wieder verfällt.
Berg hat in ihrem durchaus feinsinnigen Blick auf die vielerorts anzutreffende Stimmung also auch recht. Man könnte natürlich anmerken, daß sie Unrecht hat in der objektiven Bewertung der Lage. Denn es gibt ja durchaus einen realen Befund, es gibt Pisa-Studien, alltägliches Erleben bestimmter Verhaltensweisen spezifischer Jugend- und Bevölkerungsgruppen, reale Stadtbildschäden oder Schlaglochpisten, wirtschaftliche und demographische Daten, an denen gar nicht zu rütteln ist. „Verfall“ ist also auch partiell objektiv nachweisbar. Doch an den Fakten rüttelt Berg nicht einmal, sondern setzt einfach trotzig die rosa Brille auf.
„Vielleicht kommt etwas Neues, vielleicht auch nicht“
So schreibt sie: „Wir befinden uns im Weltumbruch Nummer zwei nach dem Maschinenzeitalter. Toll, erleben wir das. Ich glaube daran, daß die Menschen klüger werden dadurch und daß die Vorteile überwiegen. (…) Heulen wir, weil es Höhlenmalereien nicht mehr gibt? Vielleicht kommt etwas Neues, vielleicht auch nicht. Möglicherweise ist diese Mischung aus Mensch und Computer total liebenswürdig und von den schlechten menschlichen Eigenschaften befreit.
Vielleicht wird es einige Kriege geben, arme Länder gegen reiche Länder, vermutlich wären die Städte für eine wie mich ein wenig öde in ihrer Poliertheit. Aber wer bin ich, das Fehlen von Dreckecken zu beanstanden? (…) Und wenn keiner mehr ins Theater gehen will, weil das zu Tode verwaltete Stätten geworden sind, die Künstler schlecht bezahlen und in denen Verwaltungsangestellte regieren, dann ist das so. Dann sehen wir uns eben freie Gruppen an oder Filme, was soll sein.“
Berg schreibt: „Was gerade passiert, ist Evolution, sage ich dem älteren Paar an meinem Tisch, das immer noch über die Verblödung der Jugend redet, man kann sie nicht aufhalten, ohne sich lächerlich und unglücklich zu machen. (…) Es gibt kein Besser-oder-schlechter, es gibt eine Entwicklung.“
Die objektiven Daten liegen auf der Hand
Letztlich führt aber Bergs unkritische Zustimmung zu einer angeblichen „Evolution“ zum Gleichen, wie die Klage der „Kulturpessimisten“. Sie führt zur Passivität und zum fatalistischen Hinnehmen falscher sozialer Entwicklungen und politischer Ist-Zustände. Es gibt einige häufiger anzutreffende stereotype Reaktionen auch in Leserreaktionen dieser Zeitung. (Ich bitte das nicht als Angriff mißzuverstehen, sondern als nur Impuls zur Veränderung von Blickwinkeln und Reaktionen.) So liest man manchmal Sätze wie: „Wo soll das alles noch enden?“ oder „So kann es doch nicht weitergehen.“ oder „Man hat den Eindruck, daß es bald noch soweit kommt…“
Dabei ist es längst soweit und alles wohl bekannt. Solche Leserreaktionen sind von Angst geprägt, und sie versuchen diese im Zaum zu halten, in dem sie sich immer noch Illusionen hingeben, die Entwicklung würde schon nicht so schlimm werden, wenn nur unsere Politiker bald etwas mehr Einsicht zeigten oder Umkehr einleiteten.
Doch die objektiven Daten liegen auf der Hand, Trends werden seit Jahren vor allem von konservativen Publizisten scharf benannt. Jeder kann sich informieren und muß nicht wie der Hase vor dem Kaninchen zittern. Wo Berg sich rosarot durch eine ominöse und scheinbar ungelenkte „Entwicklung“ einlullt, neigen (ältere) Leser also bisweilen dazu, nur die Hände zum Gebet zu falten.
Reaktionen der Machtlosigkeit
Beides sind Reaktionen der Machtlosigkeit. Nun ist diese keine Schande, wohl aber ist es fatal, sich zu früh völlig in diese zu ergeben. Denn das hieße ja, Kritik an gesellschaftlichen Fehlentwicklungen fortan zu unterlassen und es den Profiteuren allzu leicht zu machen. Die Entwicklung aber ist keinesfalls nur eine „Evolution“, sondern auch das Ergebnis konkreter Machtkämpfe und Interessenpolitik. Man kann zum Beispiel durchaus kritisieren und dagegen kämpfen, daß irgendwelche Immobilien-Investoren alte Fachwerkhäuser abreißen, um dort kantige Apartment-Blöcke hinzustellen.
Damit muß man sich nicht abfinden und sagen, daß sei nun eben „die Evolution“. Man kann auch einem Jugendlichen sagen, daß er nicht im Bus auf den Boden spucken oder die Musik laut drehen solle, statt zu denken, daß dies eben die zwangsläufige Zukunftsentwicklung darstelle. Evolution kann auch in Sackgassen führen, und zu ihrem guten Gelingen gehört eben stets auch ein wenig „Kampf“.
Sowohl die Ängstlichen wie auch die rosaroten Befürworter verhalten sich latent unkritisch und passiv. Sie verkennen, daß viele gesellschaftliche Entwicklungen nicht Folge einer unbeeinflussbaren, naturwüchsigen „Evolution“ sind, sondern durchaus von Menschen geplant und betrieben werden. Sie nennen nicht die Urheber globaler Machtstrategien, die vielfältige Beeinflussung durch Werbe- und Medienkampagnen.
Von der vermeintlichen „Evolution“ – man könnte auch von „Alternativlosigkeit“ sprechen – profitieren nämlich vor allem jene, die sie anstoßen, steuern und ihre Profite einstreichen. Literaten wie Berg, die ihre zweite Lebenshälfte scheinbar möglichst unbelastet genießen möchten, kommen diesen dabei natürlich gerade recht.

 
Zuerst erschienen bei jungefreiheit.de am 11.11.2013
Foto: Rüdiger Fresemann, pixelio.de

Design Blond

663254_klein_R_B_by_Tim Reckmann_pixelio.deSeit Jahren wird in Fachwelt und Presse davon geschrieben, daß blonde Menschen langsam aussterben. Die Rede ist von echten Blonden, nicht mit Wasserstoff blondierten, die in manchen Regionen Zuwachsraten zu verzeichnen haben. Vorzugsweise unter den Angestellten von Friseursalons.
Schon vor zwölf Jahren schrieb die Welt: „In den vergangenen 50 Jahren soll der Anteil an blonden Menschen an der Gesamtbevölkerung von 40 auf 14 Prozent gesunken sein. In Deutschland kommen gar nur acht Prozent aller Frauen und nur sechs Prozent der Männer blond zur Welt.“ Der schlichte Grund ist, daß blond genetisch rezessiv ist, dunkel hingegen dominant. Durch die aktuelle Einwanderungsentwicklung dürfte diese Tendenz an Dynamik gewinnen, denn kaum noch bieten sich Rückzugsgebiete für Blonde, in denen sie mit „dunklen Genen“ nicht in Berührung kommen können.
Eine Welt ohne Blonde? Für manche Anhänger multiethnischer Gesellschaften mag das ein lang gehegter Traum sein. Der sich aus verschiedensten kulturellen und rassischen Bestandteilen zusammensetzende „Cross-Culture“-Mensch wurde im Milieu urbaner Werbestrategen schon Ende der 1980er Jahre als neues globales Menschheitsideal der Zukunft propagiert. Mittlerweile deckt es sich mit dem geistigen Überbau des „Diversity“-Konzepts. Daß nur Vereinheitlichung und keine „bunte Welt“ herauskommt, wenn man die Bestandteile des Baukastens immer und immer wieder durchmischen will, steht auf einem anderen Blatt. Aber letztlich dürfte die Normierung und Beseitigung von Unterschieden auch das Endziel heutiger Bestrebungen nach „Vielfalt“ sein.
Durch Biotechnologie zur Menschenzucht?
Zuerst einmal dürften indes die Blonden beseitigt werden. Und zwar keinesfalls durch Gewalt, sondern durch die Kraft der genetischen Gesetze. Doch Halt: Menschlicher Erfindergeist scheint dieser Entwicklung möglichenfalls eine Barriere vorzuschieben. Es wäre nicht das erste Mal, daß eine technische Entdeckung das menschliche Leben stärker verändert als alle Ideologien und Theorien.
Das US-amerikanische Biotechnologie-Unternehmen „23andMe“ hat nun ein Patent auf die Auswahl von Designer-Babys erhalten. Dadurch eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten. Kinder könnten demnach in Zukunft durch den Willen ihrer Eltern blaue Augen oder Stupsnasen erhalten. Züchtung ist ein seit Jahrtausenden in der Haus- und Nutztierhaltung gebräuchliches Verfahren. In der Menschheit stand dem stets der Anspruch auf Menschenwürde und Selbstbestimmung der Partnerwahl entgegen. Zuchtanstalten, wie der NS-Lebensborn, sind auch deshalb in Verruf, weil sie der idealen Vorstellung des Kindes als aus der Liebe geborener Leibesfrucht widersprechen.
Durch „23andMe“ aber könnte nun die menschliche Zucht durch die Hintertür Fuß fassen. Zudem könnten genetisch bedingte Erbkrankheiten zukünftig verhindert werden, was nicht nur viel Leid, sondern auch enorme gesellschaftliche Kosten ersparen würde.
Eine Gruppe wird es freuen: die Blonden
Religiöse Gruppen werden selbstverständlich Sturm dagegen laufen, weil sich einmal mehr der Mensch anmaßt, „Gott zu spielen“. Ebenfalls werden diejenigen gesetzliche Riegel vorzuschieben versuchen, die ihr Ziel einer Vereinheitlichung der Menschheit auf natürlichem Weg in Gefahr sehen. Bis sie womöglich erkennen, daß diese Vereinheitlichung vielleicht auch über den Weg der Genmanipulation, und zwar durch massenhafte Suggestion von Schönheitsidealen, erreichbar sein könnte.
Es ist klar, daß Designer-Babys erst einmal verboten werden. Dennoch ist es nun einmal mit technischen Entwicklungen so, daß sie sich stets ihren Weg bahnen. Gibt es für Eltern in Westeuropa diesbezüglich keine Möglichkeiten, dann findet sich sicher in Zukunft manche medizinische Praxis in Südamerika, in der gegen gewisses Entgelt das Kind nach Wunsch gezeugt werden kann. Schon heute fahren Paare in die USA, um sich dort künstlich befruchten zu lassen, wenn das in Deutschland nicht möglich ist.
Die Entwicklung wird also nicht nachhaltig aufgehalten werden können, weil sie nämlich dem ewigen Wunsch des Menschen nach einem gesunden, schönen und klugen Kind entspringt. Man mag dazu stehen, wie man will. Eine Gruppe aber wird es garantiert freuen: Die Blonden werden mit Sicherheit nicht aussterben.

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 15.10.2013
Foto: Tim Reckmann, pixelio.de

Virtuelle Realitäten

315567_web_r_k_b_by_rainersturm_pixelio-deMedien bestimmen heute unsere Sicht auf die Welt. Die selbst erfahrene Alltagsrealität wird dabei oft von im TV-Programm gesehenen Bildern ergänzt, wenn nicht überlagert. Das öffnet natürlich Manipulationen Tür und Tor.
Einige Beispiele: Unter einigen weiblichen Bekannten gehört es in fortgeschrittener Stunde zur Konversation, über „diese Russinnen“ herzuziehen. „Die Russinnen“ würden die deutschen Männer erst wie die antiken Sirenen anlocken, um sich dann nur noch jeden Tag die Fingernägel zu lackieren und jene Männer finanziell auszunehmen. So ereifern sich jedenfalls besagte Bekannte. An dieser Sichtweise ändert kaum, wenn ich etwa anmerke, daß eine Sankt Petersburger Freundin vermutlich besser ausgebildet ist und weit mehr verdient als ich.
In „der Russin“ als negativem Klischee verdichten sich eigene Ängste und Selbstwertkomplexe. Als Quelle wird dabei allerdings nicht auf eigene Erfahrungen verwiesen, sondern – abgesehen von einem entfernten Bekannten, der wirklich mal vor Jahren aus irgendwelchen Gründen verlassen wurde – nur auf Medienberichte. Alte TV-Sendungen von heiratswilligen deutschen Facharbeitern, die sich in Sibirien herumtrieben, dienen so zur Errichtung gegenwärtiger Denkschablonen. Ich mache mir mittlerweile den Spaß, die Klischees durch deftige erotische Erzählungen noch zu bestärken.
„Das wurde doch alles im Fernsehen gezeigt“
Ein anderes Beispiel: Als eine Ex-Freundin vor zwei Jahren erstmals Urlaub an der Ostseeküste gemacht hatte, berichtete sie mir, daß ihr Mecklenburg gut gefallen habe. Vor allem von einem Aspekt zeigte sie sich überrascht: „Und die Leute waren sogar richtig freundlich. Ich dachte ja eigentlich schon, daß da überall nur irgendwelche Neonazis herumsitzen.“ Der „Wessi“ ist hier also völlig der „antifaschistischen“ Propaganda einschlägiger Fernsehsendungen auf den Leim gegangen, dachte ich mir.
Eine Tante wiederum erzählt im Familienkreis gelegentlich mit empörtem Tonfall über die angeblichen sexuellen Ausschweifungen heutiger Teenager. Die Mädchen würden es heute schon als 13-Jährige „mit jedem machen“, meint sie. Gangbang-Partys und perverse Ausschweifungen seien bei ihnen die Regel. Darauf angesprochen, ob sie überhaupt irgendwelche 13-Jährigen persönlich kenne, kommt als Antwort, daß das doch alles im Fernsehen gezeigt worden oder in einem Boulevard-Blatt zu lesen gewesen wäre – und somit ja wohl bewiesen sei. In diesen Szenarien zwischen Entrüstung und Sensationsgier ist sie so manchem Konservativen ähnlich, der zwar bei bestimmten Themen medienkritische Positionen einnimmt, bei anderen aber nur zu gerne blindlings glaubt, was ihm die Boulevardmedien so auftischen.
Ein letztes Beispiel: Gerade erst bin ich aus dem bezaubernden Budapest zurückgekehrt, und eine in Deutschland lebende ungarische Schulfreundin fragte mich nach meiner Einschätzung der politischen Lage unter der Regierung Viktor Orbáns. Es wäre ja die Rede davon, daß da ein neuer Faschismus entstünde, sagte sie. Ich antwortete ihr, kein Experte für ungarische Politik zu sein. Dennoch erschienen mir viele Maßnahmen dieser Regierung gerechtfertigt, zudem sei die westliche Kritik an Ungarn überzogen und eindeutig von linken und EU-zentralistischen Machtstrategien motiviert. Fast erleichtert antwortete sie mir: „Ja, so sagen das die Ungarn zu Hause, mit denen ich geredet habe, auch. Aber man ist selbst so verunsichert, weil in unseren Medien ganz anders darüber berichtet wird.“
Eigenen Alltagsblick schärfen
Die Täuschungen in den Medien können noch am leichtesten bei den Sendungen vieler TV-Privatsender erkannt werden, die auf der „Scripted Reality“ basieren. Beispielsweise sieht man in einer Szene eines RTL-Formats Fernsehmoderatorin Vera Int-Veen auf der Suche nach einem Marktleiter durch ein Einkaufszentrum hasten. In der nächsten Einstellung befindet man sich plötzlich im Büro dieses Marktleiters, bei dem es an die Tür klopft. Vera steckt kurz darauf ihren Kopf durch den Türspalt und fragt, ob er der Marktleiter sei, was er bejaht. Jeder die Medienbilder nur ein wenig hinterfragende Zuschauer könnte hier auf die Idee einer gespielten Szene kommen. Denn Veras Kamerateam muß schließlich schon vor Veras Anklopfen im Büro des Marktleiters postiert gewesen sein. Seine und Veras Überraschung und persönliche Vorstellung waren also nicht echt. In den zahlreichen „Scripted Reality“-Formaten der Privatsender, von Gerichtsshows bis „Frauentausch“, handelt es sich demnach um geschauspielerte Vortäuschungen von Realität.
Doch diese Doku-Soaps, die bereits von vielen Zuschauern für „wahr“ gehalten werden, sind nur die Spitze jenes Eisberges, der auch viele politische Sendungen umschließt.
Natürlich ist es schwer, sich zu politischen Ereignissen, die sich fernab der eigenen Wohnstätte ereignen, eine eigenständige Meinung zu bilden. Hier kann vor allem das Internet eine Hilfe sein, da man recht schnell unterschiedliche Standpunkte zu den jeweiligen Ereignissen recherchieren und vergleichen kann.
Um der täglichen Manipulation in den etablierten Medien zu entgehen, womit primär das Fernsehen gemeint sein soll, genügt eigentlich aber bereits die Schärfung des eigenen Alltagsblicks und die Entwicklung eines kritischen Medienbewußtseins. Bilder aus der Flimmerkiste sollten grundsätzlich mit den eigenständigen Beobachtungen abgeglichen werden und auffällige Unstimmigkeiten dann auch zumindest durch Leserbriefe, Onlinekommentare oder Gespräche im Bekanntenkreis publik gemacht werden.

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 30.9.2013
Foto: Rainer Sturm, pixelio.de