Die deutsche Bartholomäusnacht

dscf5120aPünktlich zur Buchmesse ist die Reprint-Ausgabe “Otto Strasser: Die deutsche Bartholomäusnacht” im Verlag Haag + Herchen erschienen. Der Band stellt eine sehr gelungene und spannende frühe Innenanalyse des NS-Systems dar.
Das Nachwort habe ich beigesteuert.
Hier finden sich weitere Informationen und ein Auszug aus meinem Nachwort:
http://www.haagundherchen.de/titel/978-3-89846-721-6.html

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Nichts ist lächerlich

Junge Frau hat eine IdeeVor wenigen Tagen saß ich mit einem konservativ ausgerichteten Journalisten am Tisch eines Restaurants, als er sich über die scheinbare Lächerlichkeit unserer politischen Klasse äußerte: „Unsere Politiker machen sich doch völlig lächerlich mit ihrer Flüchtlingspolitik. Sie erweisen sich doch als unfähig, das Problem in den Griff zu bekommen.“
Daß sich unsere Eliten oder die politischen Gegner lächerlich machen würden, ist ein häufig zu hörendes Argument aus konservativem Mund. Man hört es beispielsweise, wenn mal wieder ein Gender-Lehrstuhl an einer Universität besetzt wird oder Linksradikale mit völlig an den Haaren herbeigezogen Parolen demonstrieren oder eine in konservativen Augen absurde politische Maßnahme stattfindet. Stets ist das angeblich lächerlich – bloß daß niemand lacht.
So ist denn die These von der Lächerlichkeit vor allem ein Produkt der konservativen Selbsttäuschung. Man wähnt sich noch vom Zeitgeist eines „gesunden Menschenverstandes“ umgeben, der dergleichen „lächerlich“ finden müßte. Man erhöht sich über den politischen Gegner, womöglich auch um die eigene Bedeutungslosigkeit vergessen zu können. Dabei ist es der politische Gegner, der notfalls die Vorgaben macht, über wen gelacht werden darf oder nicht. Denn bei Bedarf werden beispielsweise mal wieder mit Steuergeld lustige Broschüren oder Videoclips gedreht, die dazu dienen sollen, nicht dem lachenden Konsens entsprechende Meinungen ins Lächerliche zu ziehen.
„Lacht kaputt, was euch kaputt macht“
Das Lachen dient schließlich auch dazu, sich der gesellschaftlichen Mehrheitsverhältnisse zu vergewissern. Wird mitgelacht, dann weiß man, daß man nicht alleine, sondern auf der richtigen Seite steht. Prominente Komiker wissen deshalb auch genau, nach welchem Wind des Kulturbetriebs sie ihr Fähnchen zu hängen haben, um weiterhin Sendeminuten im Rundfunk zu ergattern. Im Ernstfall soll immer noch der Konservative lächerlich wirken. Das ist zudem ungefährlich, ist doch bislang von konservativer Seite nicht einmal ein Prozent der Gegenwehr zu erwarten, die man beispielsweise mit Mohammed-Karikaturen auf sich zöge.
Sicherlich böte die gegenwärtige Politik viel Raum für kritischen Witz und neues Kabarett, in denen auch Konservative sich bestätigt wiederfänden. Bislang aber sind auf der kabarettistischen Ebene dazu nur Ansätze spürbar. Etwa bei Dieter Nuhr, Volker Pispers oder bei Ludger K. Es braucht also noch Zeit, bis sich der gegenwärtige ideologische Überbau der Republik einem großen Lachen gegenübersieht, der natürlich dann auch ein Zeichen des Autoritätsverlusts ist. Bis dahin kann es aber noch länger dauern bis zur Lächerlichkeit. Dann allerdings kann alles auch ganz schnell gehen. Oder es ist ganz zu spät mit lustig.
Man lacht eben in der Regel nicht über die Hand, die einen füttert. Mögen noch so viele Journalisten, Politiker der zweiten und dritten Reihe, Beamte, Kulturschaffende möglichenfalls in hellen Momenten mit dem Kopf schütteln angesichts von Staatsverschuldung, Einwanderung, Europa- oder Familienpolitik. Sie werden sich hüten, an der falschen Stelle zu lachen, wenn das ihrer Karriere schaden könnte.
Wenn die Politik will, kann sie auch ganz anders
Hier sind wir beim zweiten falschen Vorwurf aus konservativem Mund, dem der angeblichen Unfähigkeit der Eliten. Selbstverständlich findet sich regelmäßig Unfähigkeit, vor allem in den Verwaltungsstrukturen. Hinzu kommt, vor allem auf der kommunalen Ebene, ein teils naives und kurzsichtiges politisches Personal. Anders sind beispielsweise die alljährlich im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler aufgelisteten Verfehlungen auch kaum zu erklären.
Gleichwohl sollte das nicht dazu führen, den hiesigen Politikern zum Beispiel in der aktuellen Flüchtlingspolitik nur Unfähigkeit zu attestieren. Das wäre nämlich verharmlosend, würde es doch suggerieren, daß man die Probleme nur aufgrund eigenen Unvermögens nicht in den Griff bekäme. Und es wäre das argumentative Gegenbild zum ebenfalls in konservativen Kreisen zu findenden Verschwörungstheoretiker, der den politischen Eliten die völlige Durchplanung jeder kleinen Alltagsbegebenheit unterstellt. Daß mächtige Personen einer neuen Weltordnung den Weg bereiten wollen, sei unbestritten, doch daß ein kleiner Zirkel an der New Yorker Wallstreet bereits die Verantwortung dafür trägt, daß mir an der Imbißbude die Pommes frites vom Plastikgäbelchen fallen, ist das gegenteilige Extrem zu den Reden von der Unfähigkeit der politischen Eliten.
Daß die politischen Entscheidungsträger nämlich sehr wohl handlungsfähig sind, zeigt sich für den Konservativen spätestens dann, wenn die nächste politische Kampagne mit Steuergeldern unterstützt wird, mit der auch der Konservative wieder einmal auf sein lächerliches Maß zurückgestutzt werden soll. Wenn man will, kann man also ganz anders in den politischen Schaltzentralen, ist keinesfalls unfähig, sondern fest entschlossen.
Langfristig entworfene Pläne werden umgesetzt
Und so ist auch die gegenwärtige Einwanderungspolitik natürlich bewußt so gewollt. Sie ist Produkt eines lange gewachsenen Denkens und die exakte Umsetzung von Plänen, die schon Anfang der neunziger Jahre von der Lobbyorganisation „Pro Asyl“ entworfen wurden. Damals wurde der Zug nur durch den Asylkompromiß 1993 zurückgefahren, eine Reaktion auf die damaligen Wahlerfolge der „Republikaner“.
Längst ist diese Bremse aber einem neuen Vorstoß gewichen. „Das Boot ist nie voll“, wie auch Winfried Kretschmann dieser Tage betonte. Insofern sollte man die politischen Entscheidungsträger also auch nicht so einfach aus der Verantwortung entlassen, indem man ihnen faktisch geistige Unzurechnungsfähigkeit attestiert. Nein, man agiert in den oberen Rängen durchaus klug und fähig. Nur ist das Handeln nicht von Weitsicht oder gar dem Gedeihen des deutschen Volkes (immerhin laut Grundgesetz noch Souverän des Landes) bestimmt, sondern in sicherlich hohem Maß von ganz persönlichen und materiellen Karriereinteressen.
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 13.10.2014
Foto: Benjamin Thorn / pixelio.de

Streit um Vertreibungen

Ein kleiner Nachtrag. Am 27.8.2014 erschien ein Literaturbericht zum Thema Vertreibung aus meiner Feder in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”. Es handelt sich um die kritische Besprechung eines Berichts von Maren Röger aus der “Zeitschrift für Geschichtswissenschaft”.
Mein Artikel kann hier online erworben werden:
http://www.genios.de/presse-archiv/artikel/FAZ/20140827/streit-um-vertreibungen-politische-/FNUWD1201408274357207.html

Schule mit Courage

421332_web_r_by_m-nousch_pixelio-deAuch eine örtliche Schule erhielt unlängst den Titel „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ verliehen. Hurra. Lächelnde Schüler präsentierten das schwarz-weiße Werbeschild der Aktion, das ab sofort den Haupteingang der Lehranstalt zieren soll.
Nun dienen Lehranstalten nicht nur dazu, jungen Menschen das Rüstzeug für das Leben mitzugeben, sondern auch der politischen Erziehung. Und folglich hat eine solche Aktion eine klare erzieherische Funktion. Sie soll dabei mitnichten nur dazu dienen, daß Menschen liebevoller miteinander umgehen. Dann würde ja auf dem Schild „Schule ohne Aggression, Schule mit guter Laune“ stehen.
Vielmehr geht es um eine ganz eindeutige politische Zielsetzung. Jede Ablehnung von Menschen anderer Herkunft, und zwar völlig unabhängig von Anzahl und Prozentanteil, soll kriminalisiert und in den Köpfen der jungen Menschen frühzeitig als „unmoralisch“ verankert werden. Diese Kriminalisierung schließt jede Kritik an Zuwanderung und jedes Beharren auf einem der eigenen Kultur zustehenden Territorium ein.
„Antirassismus“ stößt bei selbstbewusste Migranten an seine Grenzen
Die Köpfe der jungen Schüler sollen offen gehalten werden für eine „multikulturelle“ Einwanderungsgesellschaft, die ja nur in einer kurzen Übergangszeit optisch zu mehr „Vielfalt“ führt, mittel- und langfristig aber zur globalen Angleichung der Kulturen bzw. zum Verschwinden der abendländischen Lebensform.
Dabei ist der schulische „Antirassismus“ selbst „rassistisch“ fundiert. Er richtet sich nämlich, allen Bekundungen zum Trotz, real vor allem gegen die einheimischen Deutschen. Zwar gibt es Bekenntnisse gegen Homophobie und Antisemitismus bei Migrantenkindern, doch das sind allenfalls Nebenspielwiesen. Spätestens dann nämlich stößt der „Antirassismus“ an seine Grenzen, wenn er nicht auf weiche Deutsche, sondern selbstbewusste Migranten trifft, die ihre Konflikte nach Deutschland importieren.
Ein Vater berichtete mir dieser Tage eine Episode aus der Schulklasse seines Sohnes. Die Lehrerin fragte rhetorisch im Rahmen des „antirassistischen“ Unterrichts eine Schülerin indoarischer Herkunft: „Wie würdest du Dich zum Beispiel fühlen, wenn wir uns hier negativ über Inder äußern würden?“ Und das Mädchen antwortete unbekümmert: „Das würde mich nicht stören. Ich bin Pakistani, und wir hassen Inder.“
Einwanderungsfreundliche Erziehungsarbeit
Wie bei anderen „antirassistischen“ Projekten hält man sich auch bei „Schule ohne Rassismus“ hinsichtlich des eigenen Ursprungs bedeckt. „Wir sind ein Projekt von und für SchülerInnen“, heißt es auf der Projekt-Webseite. In Wirklichkeit aber wurde das Projekt 1995 nicht von Schülern ins Leben gerufen, sondern von dem Verein „Aktion Courage“.
„Aktion Courage“ wurde wiederum 1992 von „von Bürgerinitiativen, Menschenrechtsgruppen, Vereinen und Einzelpersonen“ gegründet, wie die Projektwebseite erklärt. Welche Vereine und Einzelpersonen diese Gründer waren, wird nicht nennenswert publiziert. „Aktion Courage” betrieb auch andere Projekte der einwanderungsfreundlichen Erziehungsarbeit, z.B. „Vielfalt gestalten – Integration im Kindergarten“ und „Betriebe für Integration – gegen Diskriminierung“.
Als eigene Tätigkeiten werden Pressearbeit, Lobbyarbeit gegenüber Parlamenten und Regierungen und die „Kooperation mit Menschenrechtsorganisationen und Anti-Rassismus-Gruppen“ angegeben. Eine systematische Auflistung dieser Gruppen findet man wiederum nicht. Als Vorsitzende fungiert die 1955 in Ankara geborene ehemalige GEW-Funktionärin Sanem Kleff. Unter den anderen Vorstandsmitgliedern befinden sich außer Heiner Geißler mehrere SPD-Funktionäre.
Permanente Mobilisierung
Das Kuratorium umfaßt so illustre Namen wie Monika Wulf-Mathies, Volker Beck, Norbert Blüm, Barbara John, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Maybrit Illner. Daß deshalb hochrangige Politiker, Minister, Sportler, Kulturschaffende und Popmusiker als „PatInnen“ für „Schule ohne Rassismus“ gewonnen werden, überrascht deshalb kaum. Als Geschäftsführer von „Schule ohne Rassismus“ fungiert wiederum der ehemalige taz-Redakteur Eberhard Seidel, der vor allem durch seine Bücher gegen „Rechtsextremismus“ auf sich aufmerksam gemacht hatte. Angesichts einer solchen Veranstaltung der derzeit staatstragenden Eliten erscheint es also kaum glaubwürdig, von einem Projekt von Schülern zu sprechen. Präziser könnte man allenfalls von der Einspannung von Schülern reden.
„Schule ohne Rassismus“ funktioniert über ein Belohnungssystem. Erst müssen Unterschriften gesammelt werden, die Schülerschaft also für das Thema mobilisiert werden. Dann erhält man bei Erreichen der Zielmarke von 70 Prozent ein Werbebanner als Geschenk, das man fortan stolz als Zeichen der eigenen Leistung an die Schule hängen kann. Zudem erhält man Besuch eines prominenten „Paten“ und feiert in der Regel ein Fest.
Alain de Benoist hat einmal den modernen Totalitarismus von klassischen Diktaturen früherer Zeiten abgegrenzt. Kennzeichen des Totalitarismus sei demnach die permanente Mobilisierung. Die Bürger müssen also ständig ihre Verbundenheit zur herrschenden Ideologie bekennen. Sie müssen stets Mobilität zeigen, müssen sich an Aktivitäten beteiligen, sollen nicht die demokratisch begründete Teilhabe verweigern. Das darf man sich nicht nur als klassischen kommunistischen Aufmarsch vorstellen. Beispielsweise auch bei der „Schule gegen Rassismus“ ist das totalitäre Element angelegt, denn…
1. Der Anspruch der Ideologie ist absolut
Es gäbe keine Möglichkeit, beispielsweise im Gegenzug seine Lehranstalt zu einer „Schule ohne Antirassismus“ oder „Schule zur Bewahrung des Deutschtums“ zu erklären, ohne daß es zu massiven Anprangerungen und Sanktionen seitens der Eliten und ihrer Hilfskräfte kommen dürfte, bei denen etliche Köpfe rollen. Natürlich nur karrieretechnisch.
2. Die Teilnahme ist Pflicht
Offiziell beruht der Titel „Schule ohne Rassismus“ auf Freiwilligkeit. 70 Prozent der Schüler und des Kollegiums müssen diesen Titel befürworten. Der Druck auf diejenigen, die eine Unterschrift verweigern, dürfte aber enorm sein, wenn die Unterschriften noch dringend benötigt werden. Vor Jahren erzählte mir ein älterer Herr des konservativ ausgerichteten „Jungdeutschen Ordens“, daß er sich familiär bedingt, nach der NS-Machtergreifung nicht dazu durchringen konnte, der Hitler-Jugend beizutreten.
Er und ein jüdischer Mitschüler waren dadurch die einzigen, die in ihrer Schulklasse keine HJ-Mitgliedschaft vorwiesen, trotzdem der Lehrer ihn wiederholt bloßstellte und massiv bedrängte, sich doch einzureihen. Die Folge war, dass er auf dem Schulweg von besonders eifrigen Schülern verprügelt wurde. Mitschüler seines älteren Bruders kamen ihm zu Hilfe und verhinderten Schlimmeres. Im Fernsehen sah ich vor einiger Zeit eine Reportage, in der eine aus der damaligen DDR stammende Familie davon erzählte, wie kurz vor der erlaubten Ausreise der Sohn von Vertretern der „Jungen Pioniere“ psychologisch in die Mangel genommen wurde.
Ob er ein „Verräter des Sozialismus“ sein wolle, wurde er gefragt. Und vor einigen Jahren ereilte mich eine E-Mail, in der der Fall eines Jungen geschildert wurde, der sich als einziger in seiner Klasse oder seiner Jahrgangsstufe (exakt weiß ich das nicht mehr) der Unterzeichnung des Antrags seiner Schule für die Bezeichnung „Schule ohne Rassismus“ verweigert hätte. Der Schüler wurde daraufhin massiv unter Druck gesetzt und zu mobben versucht. Es bedarf eben sehr viel Courage, nicht mitzumachen.
3. Ständige Bewegung ist nötig
Über 1.600 Schulen sind nun schon Teilnehmer an dem Programm. Und es ist angesichts der fortdauernden Dominanz der „Diversity“-Ideologie bei den Eliten zumindest denkbar, daß in einigen Jahren alle Schulen auch „Schulen gegen Rassismus“ sein könnten. Wer wollte schon auffällig fehlen? Die „Auszeichnung“ wäre dann aber keine mehr, die Schilder würden eben vor jedem Gebäudeeingang herumhängen und langsam vergammeln. Deshalb soll die „antirassistische“ Aktivität mit dem Titel ja erst anfangen.
Die Ideologie muß also permanent reproduziert werden. „Der Titel ist kein Preis und keine Auszeichnung für bereits geleistete Arbeit, sondern ist eine Selbstverpflichtung für die Gegenwart und die Zukunft“, heißt es auf der Projektwebseite. Auch die hiesige Schule, um auf das Anfangsbeispiel zurückzukommen, hat sich nämlich verpflichtet, jedes Jahr mindestens eine „Veranstaltung gegen Fremdenhaß und Diskriminierung“ zu veranstalten. Und die eingenommenen Gelder für das Sommerfest zur Titelverleihung werden nicht etwa in eine bessere Ausstattung der Schule gesteckt, sondern an die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ in Afrika überwiesen.

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 29.9.2014
Foto: m.nousch, pixelio.de

Lüders als Sprachrohr

316315_web_r_by_rike_pixelio-deDaß Romani Rose sich gegen eine Verschärfung des Asylrechts wendet, überrascht keinen. Noch weniger überraschend sind seine regelmäßig wiederholten Klagen über eine Diskriminierung von Zigeunern. Romani Rose ist schließlich als Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma ein Lobbyvertreter. Und Lobbyvertreter propagieren allein die Interessen der von ihnen protegierten Bevölkerungsgruppen, gleich ob es sich dabei beispielsweise um Muslime, Schwule, Juden oder eben Zigeuner handelt.
Im Ernstfall können sich diese Interessen auch gegen jene der Nation als Ganzes oder der Mehrheitsbevölkerung wenden. Die Lobbyvertreter klagen somit regelmäßig Bedrohungen und Benachteiligungen ihrer Gruppen an, appellieren an die Schuldgefühle der deutschen Mehrheitsbevölkerung und fordern von jener mehr Unterstützung und Solidarität. Im konkreten Fall erhofft sich Romani Rose sicherlich einen weiteren möglichst freien Zuzug der eigenen Interessengruppe, die dann durch ihr quantitatives Wachstum wiederum der Lobbyvertretung mehr Gewicht und politische Macht bescheren soll.
Doch nicht solche Lobbyvertreter sind das Problem, sondern eher die scheinbare Selbstverständlichkeit, mit der ihre Verlautbarungen in der deutschen Presse Widerhall finden. Wohl aus Scheu vor möglichen Protesten druckt man brav und regelmäßig jede noch so stupide Äußerung aus dem Mund der politischen Lobbyisten.
Abwehrreaktionen gegen eine postnationale „Diversity“-Gesellschaft kriminalisieren
Gänzlich problematisch aber wird die Situation, wenn die Mehrheitsbevölkerung mit ihren Steuergeldern staatliche Instanzen finanziert, die besagten Lobbyisten Schützenhilfe bieten. So kritisierte nun Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, daß laut einer Umfrage jeder dritte Deutsche keine Zigeuner als Nachbarn wünsche. Forscher vom „Zentrum für Antisemitismusforschung“ sowie des „Instituts für Vorurteils- und Konfliktforschung“ haben nämlich eine Forsa-Umfrage mit 2001 Befragten ausgewertet und sind zu jenen Ergebnissen gelangt, die wiederum der Antidiskriminierungsstelle die Möglichkeit für eine weitere Pressekonferenz ermöglichten.
Nach Ursachen im konkreten Verhalten der scheinbaren Opfer wurde nicht gefragt. Statt dessen beklagte Lüders, daß gegenüber Zigeunern „Gleichgültigkeit, Unwissenheit und Ablehnung“ herrschten, jene also ein „Feindbild“ darstellten. Jeder zweite Deutsche befürworte gar Einreisebeschränkungen. Es verstand sich von selbst, daß auch die „Grünen“-Abgeordneten Volker Beck und Tom Koenigs mal wieder die Gelegenheit nutzten, um an die NS-Zeit zu erinnern und von einer „Schande“ zu sprechen. Und auch Romani Rose empfand das „Feindbild Zigeuner“ als „hochvirulent“. Die Debatte über Armutszuwanderung sei „an den Haaren herbeigezogen“ und von der NPD angestoßen.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, als deren Leiterin Christine Lüders fungiert, wird mit jährlich über drei Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt finanziert. Ginge es nach SPD und „Grünen“, würde dieser Posten auf 5,6 Millionen Euro erhöht werden. Funktion der Institution ist es, so genannte Ungleichbehandlungen von Menschen aus „rassistischen“ Gründen, wegen ethnischer Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung anzuprangern. Das ist natürlich mehr als verlogen, denn die Antidiskriminierungsstelle ist diesbezüglich keinesfalls ausgewogen. Es handelt sich vielmehr um eine jener weltanschaulichen Institutionen, die primär dazu dienen sollen, mögliche Abwehrreaktionen gegen eine Umwandlung der Bundesrepublik in eine postnationale „Diversity“-Gesellschaft zu kriminalisieren.
Kein Wort zu Massendiebstahl von Zigeunern
Die Verlogenheit wird bereits an der Zigeunerproblematik sichtbar. Von Lobbyvertretern wie Romani Rose erwartet man nicht, daß sie auch die negativen Seiten der von ihnen repräsentierten Bevölkerungsgruppen thematisieren, gar Schuld eingestehen und um Vergebung bitten. Aber Christine Lüders müßte sich eigentlich, wenn sie sich als objektive Instanz verstünde, auch zu jenen Diskriminierungen äußern, die von Zigeunern begangen wurden. Denn was wiegt eigentlich schwerer – jemanden (womöglich aus gutem Grund) als Nachbarn abzulehnen oder jemandem die Habe zu stehlen?
„Fast ausschließlich haben wir mit reisenden Tätern zu tun, die in ganz Europa unterwegs sind“, äußerte vor einigen Tagen Kriminalhauptkommissar Patrick Schwarz vom Berliner Landeskriminalamt. „Taschendiebstahl ist ein gelerntes Handwerk (…) Da gibt es richtige Ausbildungen, die wir auf Straßen beobachten. Das kommt aus den ärmeren Regionen, überwiegend Osteuropa, aber auch Nordafrika.“ Fast jeder ahnt, welche Bevölkerungsteile damit vorrangig gemeint sind.
Christine Lüders könnte sich auch zu jenen Tätern äußern, die alte Menschen diskriminieren, um sie mittels „Enkeltrick“ um die kompletten Ersparnisse ihres Lebens zu erleichtern. Selbst der politisch nicht übermäßig unkorrekte Spiegel mußte zugeben, daß es mit diesem Geld „die Roma-Clans auch gerne mal krachen lassen“. Doch kein Wort dazu von Romani Rose und Christine Lüders. Und auch Volker Beck hüllt sich in feines Schweigen.
Wo sind Lüders Anklagen gegen deutschfeindliche Diskriminierungen?
Die so viel geschmähten „Vorurteile“ aber sind stets auch ein Resultat der seit Generationen gesammelten realen Erfahrungswerte. Wenn man eine bestimmte Gruppe nichts als Nachbarn wünscht, dann kann dies nämlich zwei Ursachen haben: Verhetzung von oben, also durch Medienberichte, oder reale Erfahrungswerte von unten. Da man unseren Medien in Zeiten allseits öffentlich propagierter „Vielfalt“ kaum Hetze gegen ethnische Minderheiten vorwerfen kann, dürfte in diesem Fall nur der zweite Grund in Frage kommen. Vor Jahren erzählte mir beispielsweise ein Mitreisender im Zugabteil: „Ich muß wegziehen, denn mir gegenüber wohnen Zigeuner. Ständig ist Gebrülle. Und wenn einer seinen Kumpel um Mitternacht besucht, dann steigt er nicht aus und klingelt. Er bleibt statt dessen im Auto sitzen und hupt so lange, bis sein Kumpel oben aus dem Fenster schaut.“ Erst dieser Tage erzählte mir wieder eine Ärztin, wie Zigeunersippen ins Krankenhaus einfallen, dort campieren und ärztliche Utensilien zu stehlen versuchen.
Die Verlogenheit der Antidiskriminierungsstelle zeigt sich indes auch an vielen anderen Stellen. Wo sind die Anklagen von Christine Lüders gegen deutschfeindliche Diskriminierungen, zum Beispiel bewußt gesuchte Gewalt von ausländischen Jugendlichen gegen Deutsche? Oder zur Diskriminierung von Christen durch Muslime in Deutschland? Oder ist es nicht eine Diskriminierung von gut qualifizierten Männern, wenn Lüders gegen deren Einstellung in ein Arbeitsverhältnis plädiert? Wenn sie statt dessen eine Quote zugunsten von möglichenfalls schlechter qualifizierten Frauen fordert? Oder wo äußerte sich Lüders eigentlich schon einmal zur Diskriminierung rechtsgerichteter politischer Positionen in Deutschland? Zum Beispiel bei der Benachteiligung und Ausgrenzung, wenn es um Räume für friedliche Veranstaltungen geht? Offiziell wendet man sich doch gegen Diskriminierungen von Weltanschauungen. In der Praxis werden aber nur bestimmte Weltanschauungen bemuttert.
Nun würden diesbezügliche Forderungen an Lüders zu einer Überbewertung ihrer Person führen. Derartige Beauftragte sind, ähnlich den Nachrichtenmoderatoren im Fernsehen, keine Strippenzieher, sondern nur Sprechpuppen. Sie würden umgehend ihrer Posten enthoben, wenn sie nicht exakt die Feindbilder bedienen (zum Beispiel die „rassistische“ deutsche Mehrheitsgesellschaft) und die Thesen verbreiten würden, die von ihnen verlangt werden.
Agitation braucht Mediengesichter
Die ständige Agitation gegen die stets noch immer zu „rassistische“ deutsche Mehrheitsgesellschaft, die, obwohl sie bereits Unsummen in die Sozialbetreuung von Migranten steckt, immer noch mehr Schuld empfinden und Ablaß zahlen soll, braucht eben Mediengesichter. Diese sollen regelmäßig in Pressemitteilungen und -konferenzen als Sprachrohr für jene Inhalte fungieren, die nur über Personen beziehungsweise Erkennungsfaktoren in die Medien lanciert werden können. Vorzugsweise nimmt man für diese Funktion Frauen, die authentischer an die mütterlichen, altruistischen Impulse appellieren sollen. Man denke etwa auch an Maria Böhmer oder Barbara John. Und man nimmt gerne Figuren, die von ihrem Job in der PR-Arbeit abhängig sind, da sie kaum etwas anderes gemacht haben.
Lüders beispielsweise ist studierte Pädagogin, 61, und arbeitete zuvor als Vorstandsreferentin und Abteilungsleiterin bei Lufthansa, leitete dann das Referat Presse, Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation im Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration in Nordrhein-Westfalen. Zuletzt war sie Referatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Beauftragte für Stiftungen im Kultusministerium in Hessen. Sie ist also eine fast beliebig einsetzbare PR-Frau, die im Ministerialbetrieb ihr Auskommen gefunden hat. Was könnte sie anderes tun?

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 15.9.2014
Foto: Rike, pixelio.de

Aufmerksamkeit statt Zerstörung

657081_web_r_k_b_by_stefan-thaens_pixelio-deEine „Spray-Attacke“ hier, ein angezündeter Mülleimer dort. Zerstörungswut scheint ein alltägliches Phänomen in unseren Städten und Dörfern geworden zu sein. Die Kosten erreichen bundesweit jährlich hohe Millionenbeträge. Erst kürzlich las ich wieder in der örtlichen Tageszeitung, daß eine öffentliche selbstreinigende Toilette geschlossen werden mußte, weil immer wieder die Türen aufgebrochen wurden. Unweit entfernt kam es aus ähnlichen Gründen immer wieder zu einer wochenlang stillgelegten Bahnhofsrolltreppe, was für Ältere und Gehbehinderte zum Problem wurde. In den Bahnhöfen der S-Bahn-Linien wurde auch unlängst von „Spray-Attacken ohne Ende“ berichtet. Fahrstühle sind zudem massiv verdreckt, die Glasfenster zerkratzt.
Auch andernorts wird immer wieder von ähnlichen Vorgängen berichtet, von aufgeschlitzten Bussitzen, von nachts in Schwimmbecken geworfenen Mülleimern, von mit Farbe beschmierten und unbrauchbar gemachten Spielplätzen, abgetretenen Spülbecken oder umhergeschmissenen Schirmen und Stühlen auf Café-Terrassen. Eine schon oft zuvor nicht freundliche Umgebung verkommt so zur Müllkippe.
Ganz schlimm werden die Folgen, wenn sich die Zerstörungswut gegen Kulturdenkmale richtet. Wenn sie in leerstehende Villen und Schlösser eindringen und dort teils erhebliche Schäden anrichten, werden Sanierungen noch teurer für die Eigentümer. Aus anderen Gründen kommen noch die professionellen Metalldiebe aus Südosteuropa hinzu, die auch nicht davor zurückschrecken, Kirchenglocken, Regenrinnen oder öffentliche Kunstwerke zu entwenden.
Langeweile und Mangel an Lebenssinn
Ist da noch schlichter Diebstahl am Werk, so ist die Erklärung für die scheinbar grundlose Zerstörungswut Jugendlicher schwieriger. Zum einen kann die mangelnde Aufklärungsquote und womöglich zu milde Bestrafung für Schmierereien und Zündeleien angeführt werden. Doch das sagt nichts zu den Ursachen. Nur eine kleine Minderheit in Deutschland begeht derzeit Taten aus politischen oder religiösen Gründen. Hierzu kann man Attacken gegen Kirchen und Synagogen ebenso zählen wie linksradikal motivierte Anschläge, zum Beispiel gegen einige Kriegerdenkmäler. Die überwiegende Mehrheit entsteht weder aus dem Wunsch der Bereicherung, noch aus ideologischen Motiven. Auch persönliche Motive, etwa Nachbarschaftsstreit, dürften nur einen kleinen Bruchteil der Schäden verursachen.
Meist ist Langeweile die Ursache bei den meist jugendlichen Tätern. Ein Sinndefizit, das sie in unserer individualistisch ausgerichteten Gesellschaft wahrnehmen und nicht immer durch Alkohol- und Drogenkonsum oder ständiges Surfen mit dem Smartphone zu dämpfen vermögen. Dieses Sinndefizit, dem weder Eltern noch Gesellschaft ausreichend gegenarbeiten, mündet in Imponiergehabe vor der eigenen Gruppe oder dem Abreagieren angesichts von Wut und unverdauten Gefühlen. Zum Glück erfolgt dieses Abreagieren noch meist an unbelebten Objekten, gelegentlich findet es leider auch gegenüber Menschen statt, wie beispielsweise letztes Jahr in Kirchweyhe. Die Nichtverarbeitung von Gefühlen, der Mangel an Sinnvermittlung und fehlende soziale Kontrolle verbinden sich zu destruktiven Reaktionen bei denjenigen, denen nie der Weg zu konstruktiver Tätigkeit und der wahren Liebe zur Mitwelt vermittelt wurde.
Die Mittel der Gesellschaft gegen die Zerstörungslust wirken hilflos. Hier sollen ein paar Streetworker mit Jugendlichen reden, dort sollen es eingesetzte Arbeitslose richten. Ein paar Kameras werden installiert, die das Problem nur an andere Ecken drängen, während gleichzeitig Polizeistellen gekürzt werden. Wartehäuschen bleiben unverglast, Sitze werden aus Metall gefertigt statt aus Plastik.
Erziehung zur Liebe
An der Grundproblematik ändert das aber wenig. Sie hat etwas mit der Anonymität und der Entfremdung zu tun. Materieller Mangel ist den Jugendlichen unserer Überflußgesellschaft fremd, weshalb sie keinen Respekt und kein Bewußtsein für die Werte haben, die sie zerstören. Eine persönliche Beziehung zu den meist industriell gefertigten Produkten, die über fremde Institutionen in den öffentlichen Raum gepflanzt wurden, haben sie nicht. Hinzu kommen Elternhäuser, die bei der Vermittlung von Werten und dem Gefühl für Liebe beziehungsweise Achtung, auch Dingen gegenüber, versagt haben.
Könnte es andere Lösungen als die gängigen geben? Ja, aber nur längerfristig. Der Staat müßte weit mehr die Werteerziehung und Aufmerksamkeit gegenüber der Umwelt zum Stoff des Schulunterrichts machen, nicht nur bei Anti-Rassismus-Trainings. Soziale Kontrolle könnte durch eine andere Stadtplanung verstärkt werden, die anonyme Großstrukturen vermeidet und Nachbarschaft fördert. Die übermäßige und häßliche Straßenmöblierung mit Stangen, Verkehrsschildern, Plastik und Waschbetonschrott könnte problemlos verringert werden. Die häßliche, lieblos gestaltete Umwelt fördert nämlich häßliche, lieblose Verhaltensweisen.
Öffentliche Räume könnten im Gegenzug sorgfältiger, liebevoller gestaltet werden, so daß sie mehr Anerkennung und Respekt auslösen. U-Bahn-Abgänge könnten so statt mit Betonwänden oder billigen Lamellen durch Mosaikkünstler individuell gestaltet werden. Schäden müßten rasch beseitigt werden, um Nachahmungstäter nicht zu animieren.
Es gäbe viel zu tun. Das kann aber nur mit viel Einsatz und langfristigem Denken geschehen.

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 1.9.2014
Foto: Stefan Thaens, pixelio.de

Deutsche Einheits-Würfel

565035_web_r_by_jorg-sabel_pixelio-deBis heute wird der Phase der friedlichen Revolution in der DDR und der Wiedervereinigung 1989-1990 nur unzureichend im öffentlichen Raum gedacht. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung sollten nun zumindest je ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig errichtet werden. In Berlin hat man sich nach einer langen Diskussion und vielen untauglichen Vorschlägen für die sogenannte „Wippe“ mit der Aufschrift „Wir sind das Volk“ vor dem neu errichteten Stadtschloss entschieden.
Doch die Umsetzung steht vor Problemen. Geschützte Fledermäuse nisten im Fundament, Mosaiken des einstigen Kaiser-Wilhelm-Denkmals wurden entdeckt und sollen erhalten bleiben, zudem scheint der barrierefreie Zugang zu dem interaktiven Denkmal unausgereift. Auch dürfte die Unterhaltung der sich beim Betreten bewegenden Schüssel Kosten verursachen. Andreas Kilb forderte deshalb bereits in der FAZ, „sich von der Einheitswippe zu verabschieden“. Das wäre aber ein zweiter Fauxpas, denn bereits das parallel laufende Projekt eines solchen Denkmals in Leipzig ist nun gescheitert. Zum Glück, möchte man ausrufen. Dort sollten 70.000 bunte Würfel zum Wegtragen aufgestellt werden. Zeitzeugen fühlten sich auf den Arm genommen, so daß das Leipziger Projekt nun vorerst gekippt wurde.
Die geistige Verfassung eines Staates erkennt man auch an seiner offiziellen Gedenkkultur. Es ist nicht allein so, daß zahlreiche sowjetische Ehrenmale und Gedenkstätten des DDR-„Antifaschismus“ immer noch unhinterfragt im öffentlichen Raum zu finden sind, während das Erinnern an die Opfer des Kommunismus in Form von Denkmalen nur schleppend vorankommt. Man betrachte bloß die große Anzahl an Gedenkstätten für die NS-Opfer, die bereits 1995 ein Buch der Bundeszentrale für politische Bildung mit einem Umfang von über 800 Seiten allein für Westdeutschland füllen konnten.
Schieflage der eigenen nationalen Identität
Das war also zu einer Zeit, als sich noch nicht die Stolperstein-Welle über das Land ergoß, die die Klein-Gedenkstätte zum finanzierbaren Hobby für allerlei zivilgesellschaftliche Initiativen werden ließ beziehungsweise zur Ersatzhandlung für die Aktivisten linker „Geschichtswerkstätten“, die im Gefolge des DDR-Zusammenbruchs orientierungslos geworden waren. Diesen Zahlen, die ein enormes Engagement beweisen, stelle man einmal die vergleichsweise überschaubare Anzahl an Gedenkstätten für deutsche Opfer des Bombenkrieges, der Vertreibung oder von Vergewaltigungsopfern der Nachkriegszeit entgegen. Der quantitative Vergleich dürfte alles über die Schwerpunktsetzungen der bundesdeutschen Politik aussagen.
Die Schieflage in der Denkmalskultur ist Produkt der Schieflage in der eigenen nationalen Identität und Selbsterinnerung. Es bestünde also auch bei den Gedenkstätten enormer Nachhol- beziehungsweise Korrekturbedarf, der allerdings leider erst nach einem grundlegenderen Politik- und Geisteswechsel gelöst werden dürfte.
Auch das öffentliche Gedenken an die vor 25 Jahren erfolgte friedliche Revolution in der DDR und die Wiedervereinigung gehört in den Zusammenhang dieser Schieflage. Die diesbezügliche Denkmalskultur steckt noch im Kleinkindstadium. Man könnte fast sagen, daß der deutsche Patient die letzten 25 Jahre in einer Art Wachkoma gelegen hat. Und so liegt es nahe, daß dem Twen mit dem Bewußtsein eines Kleinkindes nun erst einmal mit Wippen und bunten Würfeln der Weg in die bundesdeutsche Spaßgesellschaft gewiesen wird, statt mit einer umfassenderen Gedenkstättenplanung, die mehr an Würde und Reife auszudrücken in der Lage wäre.
Ein Denkmal hier, eines da, und das war es schon
Da der gedenkpolitische Komapatient also 25 Jahre kaum beziehungsweise nur eindimensional handelnd tätig war, ist die Zahl der Gedenkstätten zur deutschen Einheit immer noch sehr überschaubar.
An der ehemaligen Zonengrenze, zwischen Mellrichstadt und Meiningen, gibt es den rührigen „Skulpturenpark Deutsche Einheit“. Aus dieser Initiative stammt auch die Idee, für knapp 70.000 Euro vor dem Reichstagsgebäude eine Stele mit der Aufschrift „Wir sind das Volk“ aufzustellen. Der Souverän würde sich auf diese Weise auch symbolisch mahnend an die im Bundestag tagenden Parlamentarier richten.
Ebenfalls in der kaum bevölkerten freien Landschaft steht das Einheitsdenkmal „Wölbung der Hände“ am ehemaligen Grenzkontrollpunkt Helmstedt-Marienborn. Auch andere Denkmale finden sich vor allem in der Provinz. Es gibt ein Denkmal in Calbe an der Saale, eines in Menden, und ein kleines in Calvörde. Ein Denkmal existiert auf dem entsprechenden Platz im abseits gelegenen Münchner Stadtteil Denning. Hinzu kommen noch die kleinen Gedenkstätten in Erlangen, Herford, in Plauen und Zwickau. Das war es faktisch schon.
Deutsche Großstädte drücken sich um ein zentrales Denkmal
Die deutschen Großstädte drücken sich also auch noch nach einem Vierteljahrhundert um jedes diesbezügliche Gedenken. Somit ist die Berliner Wippe eigentlich schon deshalb zu begrüßen, weil nun überhaupt einmal an zentraler Stelle einer deutschen Großstadt auf wahrnehmbare Weise der Wiedervereinigung gedacht wird.
Auch für Leipzig ist ein baldiger – vielleicht bescheidenerer – Neuversuch wünschenswert. Ansonsten aber sind wohl verstärkt lokale Initiativen gefragt, die Erinnerung an die Jahre 1989-1990 für unsere Nachkommen mit Hilfe neuer Gedenkstätten auch im öffentlichen Raum wachzuhalten.

 
Zuerst veröffentlicht bei: jungefreiheit.de am 18.8.2014
Foto: Jörg Sabel, pixelio.de