Alt statt neu – dem Wahren Schönen Guten!

JF-TV hat einen Film zur neuen Frankfurter Altstadt gedreht, in dem auch ich befragt wurde:

 

Außerdem hat mich die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ zu dem Thema interviewt. Das Interview findet sich in der Printausgabe vom 18.5.2018 bzw. hier:

S. 16 JF 21-18 Kultur_Wolfschlag

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Heimat bauen. Für eine menschliche Architektur

DSCF9358kAus gegebenem Anlass veröffentliche ich an dieser Stelle meinen Aufsatz „Heimat bauen. Für eine menschliche Architektur“.

Dieser erschien bereits 1995 in dem Sammelband „Opposition für Deutschland“. Vom Hintergrund der meisten anderen Autoren dieses Sammelbandes wusste ich damals fast nichts. Ich hatte auch noch kein Internet, in dem man auf die Schnelle hätte „googeln“ können. Die Zusammenstellung der Beiträge lag nicht in meiner Verantwortung, sondern der des Herausgebers. Der hatte damals bei mir angefragt, und ich sagte zu. So konnte ich auch etwas veröffentlichen, was mir schon einige Zeit auf dem Herzen gelegen hatte. Das nur zur Vorgeschichte.

Unlängst zimmerte der modernistische Stuttgarter Architekturtheoretiker Stephan Trüby auch aus einigen herausgepickten Zitat-Fetzen dieses Aufsatzes einen Artikel in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Darin wird mir vorgeworfen, „rechtsradikale“ Thesen verbreitet zu haben. Gesinnungsfreunde aus dem Umfeld der Zeitschrift „Arch+“ gaben ihm später helfend die Hand. Vor allem aber dürfte es bei diesen Vorwürfen gegen mich um den Versuch der Diskreditierung von tiefergehender Kritik an der modernistischen Architektur gehen. Ich habe unlängst darauf geantwortet (hier und hier).

Jedenfalls, ich schrieb diesen Aufsatz vor fast 25 Jahren, noch als Student. Erst jetzt habe ich ihn wieder gelesen. Er gefällt mir gut. Ich bin erstaunt, wie gut ich bereits als junger Mann die Fehlerhaftigkeit und Unbehaglichkeit des modernistischen Städtebaus und seiner Architektur erkannt habe. Manches würde ich heute ein wenig anders formulieren. Manches würde ich vielleicht mehr abwägen. Aber die Jugend kennt eben oft auch mehr Radikalität in ihren Äußerungen. Der Bezug zu Deutschland hatte übrigens vor allem etwas mit dem Buchtitel zu tun, an dem ich mich damals orientierte. Das Problem ist aber ein globales. Es betrifft alle Länder der Erde und alle Menschen.

Meine Thesen schmecken heute Leuten wie Stephan Trüby nicht, und das ist gut so. Damit sich jeder selbst überzeugen kann, was modernistische Ideologen als gefährliche „rechtsradikale“ oder „rechtspopulistische“ Literatur ansehen, ist der Aufsatz nun unten als pdf-Datei lesbar.

Lange vor der Bildung von „Stadtbild“-Vereinen und der Realisierung der großen Rekonstruktionsprojekte der letzten Jahre formulierte also ein junger Student aus freien Stücken eine Art Manifest für eine neue, traditionelle Baukultur.

Heimat bauen

Trüby, Oswalt, Sauerbrei und Arch+ – eine weitere Antwort zur modernistischen Seilschaft

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Die neue Frankfurter Altstadt, das Dom-Römer-Areal, ist nun für Passanten geöffnet. Ich war am ersten Tag dort. Ich hatte dabei ein ganz komisches Gefühl, als ich so durch die Gassen lief. Ich kam mir wie in einem Traum vor. Ich meine das nicht sinnbildlich, sondern wortwörtlich. Es hätte auch noch ein Elefant mit Luftballons vorbeischweben können. Das hätte ich ähnlich wahrgenommen. Jahre lang hatte ich nur Internetbilder des Areals vor Augen, Animationen, Zeichnungen, einige Baustellenfotos. Und plötzlich war ich mitten drin. Wie mitten in einem Bild. Oder so, wie wenn ich im Bild der Mona Lisa gelandet wäre, als wenn die Mona Lisa plötzlich neben mir gestanden und gefragt hätte: „Möchten sie noch etwas Pfeffer über ihre Pasta?“ Alles war noch etwas unwirklich für mich und ich brauchte erst einmal Zeit, das innerlich zu verarbeiten. Das tat der Freude über dieses Projekt, das ich seinerzeit mit angestoßen habe, keinen Abbruch.

Getrübt wurde die Freude allenfalls durch die wiederholten Angriffe einer Seilschaft von Architekten und Hochschullehrern um die in der 68er-Zeit gegründete Zeitschrift „Arch+“. Den Anfang machte der Stuttgarter Hochschullehrer Stephan Trüby. Seinem Vorbild oder Ruf folgten der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt und der Journalist Carsten Sauerbrei. Dann initiierte die „Arch+“-Redaktion sogar noch einen Aufruf „Wider den modernefeindlichen Architekturpopulismus“, den – laut „Arch+“-Eigenangabe – „50 namhafte Persönlichkeiten“ unterzeichneten. Es sind dies zumeist Leute in sicheren, wohldotierten Pöstchen im Universitätsbetrieb oder sonstigen Institutionen. Die Namen der Erstunterzeichner seien hier mal aufgeführt, damit der Leser weiß, welche namhaften Leute Trübys Vorstoß unterstützen:

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Prof. Dr. Marc Angélil, ETH Zürich, Prof. Thomas Auer, TU München / Transsolar, Stuttgart; Dr. Armen Avanessian, Philosoph, Berlin; Prof. Dr. Tom Avermaete, TU Delft; Marius Babias, Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.), Berlin; Prof. Markus Bader, Universität der Künste Berlin / raumlaborberlin, Berlin; Frank Barkow, Princeton University / Barkow Leibinger, Berlin; Prof. Verena von Beckerath; Bauhaus-Universität Weimar / Heide & von Beckerath, Berlin; Prof. Valentin Bontjes van Beek, Hochschule München; Prof. Anne-Julchen Bernhardt, RWTH Aachen / BeL Sozietät für Architektur, Köln; Prof. Dr. Johan Bettum, Städelschule, Frankfurt; Prof. Dr. Friedrich von Borries, Hochschule für bildende Künste Hamburg; Prof. Arno Brandlhuber, ETH Zürich / Brandlhuber +, Berlin; Jens Casper, Casper Mueller Kneer Architects, Berlin; Hans-Jürgen Commerell, Direktor Aedes Architekturforum, Berlin; Prof. Dr. Burcu Dogramaci, LMU München; Prof. em. Dr. Werner Durth, TU Darmstadt; Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt am Main; Prof. Dr. Dietrich Erben, TU München; Dr. h.c. Kristin Feireiss, Direktorin Aedes Architekturforum, Berlin; Prof. Jesko Fezer, Hochschule für bildende Künste Hamburg; Laura Fogarasi-Ludloff, Ludloff Ludloff Architekten, Berlin; Prof. Marc Frohn, KIT Karlsruhe / FAR frohn&rojas, Berlin; Prof. Dr. Sokratis Georgiadis, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart; Prof. Matthias Görlich, Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle; Prof. Dr. Christoph Grafe, Bergische Universität Wuppertal; Prof. Dr. Nina Gribat, TU Darmstadt; Prof. Dr. Maren Harnack, Frankfurt University of Applied Sciences / urbanorbit, Stuttgart; Tim Heide, Heide & von Beckerath, Berlin; Prof. Dr. Jörg Heiser, Prodekan der Fakultät Bildende Kunst, Universität der Künste Berlin; Prof. Dr. Michael U. Hensel, TU Wien; Prof. Dr. Florian Hertweck, Universität Luxemburg; Prof. Fabienne Hoelzel, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart; Christian Holl, frei04 publizistik / Geschäftsführer BDA Hessen, Stuttgart; Prof. Bernd Kniess, HafenCity Universität Hamburg; Prof. Dr. Martin Knöll, TU Darmstadt; Prof. Dr. Stefan Kurath, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften;Prof. Jörg Leeser, Peter Behrens School of Arts Düsseldorf / BeL Sozietät für Architektur, Köln; Regine Leibinger, Princeton University / Barkow Leibinger, Berlin; Prof. Dr. Andres Lepik, TU München; Prof. Bart Lootsma, Universität Innsbruck; Prof. Jens Ludloff, Universität Stuttgart / Ludloff Ludloff Architekten, Berlin; Prof. Dr. Ferdinand Ludwig, TU München; Prof. Dr. Alexander Markschies, Dekan der Architekturfakultät der RWTH Aachen; Jürgen Mayer H., J. MAYER H., Berlin; Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier, Bauhaus-Universität Weimar; Prof. Achim Menges, Universität Stuttgart; Prof. PhD Markus Miessen, University of Gothenburg; Prof. Philipp Oswalt, Universität Kassel; Dr. Claudia Perren, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau; Prof. Uwe Reinhardt, Peter Behrens School of Arts, Düsseldorf; Andreas Ruby, Direktor des Schweizer Architektur Museums, Basel; Amandus Sattler, Allmann Sattler Wappner Architekten, München; Prof. Dr. Klaus Schönberger, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt; Prof. Axel Sowa, RWTH Aachen; Prof. Dr. Laurent Stalder, ETH Zürich; Prof. Jörg Stollmann, TU Berlin; Prof. Andreas Uebele, Peter Behrens School of Arts, Düsseldorf; Prof. Dr. Philip Ursprung, ETH Zürich; Prof. Dr. Georg Vrachliotis, Dekan der Architekturfakultät des Karlsruher Instituts für Technologie; Prof. Ulrich Wegenast, Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, Potsdam; Prof. PhD Eyal Weizman, Goldsmiths, University of London; Prof. Dr. Ines Weizman, Bauhaus-Universität Weimar; Prof. em. Frank Werner, Bergische Universität Wuppertal; Prof. em. Dr. Karin Wilhelm, TU Braunschweig; Prof. Tobias Wulf, Hochschule für Technik Stuttgart; Prof. i.R. Günter Zamp Kelp, Universität der Künste, Berlin; Prof. Dr. Martin Zimper, Zürcher Hochschule der Künste, Zürich

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Nun handelt es sich bei diesen Leuten allesamt um solche, die es in der Karriereleiter ziemlich nach oben zu klettern geschafft haben. Sie sitzen mit ihren Anzügen und schwarzen Rollkragenpullovern in ihren Professorenzimmern, auf ihren schicken Instituts- und Museumssesseln, wähnen sich ausgesprochen modern, verfügen über für sie wichtige Kontakte, werden als namhaft präsentiert, eventuell von einigen Studenten angehimmelt. Und da haben sie nichts besseres zu tun, als vereint auf einen kleinen Publizist, der vermutlich nur über ein Viertel oder gar Fünftel ihres Einkommens verfügt, gemeinschaftlich einzuprügeln. Anscheinend also bin ich für solche namhaften Persönlichkeiten unfassbar wichtig. Das ist bemerkenswert und eigentlich eine schöne Auszeichnung. Nicht jeder schafft so etwas.

Der Vorstoß der Besserverdiener gegen mich ist natürlich der rücksichtslose Versuch einer sozialen Schädigung meiner Person. Es wird Dreck geschmissen in der Hoffnung, dass irgendwas schon hängen bleibt. Diese persönliche Schädigung dürfte den namhaften Erstunterzeichnern sehr zupass kommen. Allenfalls einige sehr Unbedarfte könnten sich keine Gedanken darüber gemacht haben und aus Konformitätsdruck einfach mit Trüby mitgelaufen sein. Aber auch diese seien nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Ihr Karma dürfte belastet bleiben.

Ich werde als „Rechtsradikaler“ vor allem für meine freie Mitarbeit bei der Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“ tituliert, und dies natürlich deswegen, weil das in den Köpfen unbedarfter, unkritischer Leser negative Bilder erzeugen soll. In deren Hinterköpfen abgespeicherte Vorurteile sollen aktiviert werden.

Wie hieß das bekannte Buch von Heinrich Mann noch? „Der Untertan“. Wie hieß der von Erich Fromm beschriebene Typus? „Autoritärer Charakter“. Dieser betreibt die Unterdrückung abweichenden Verhaltens. Er fordert geistigen Konformismus und lehnt eine pluralistische Welt (sicherlich auch im Bereich der Architektur) ab. Sein Denken ist von Konventionen und Ideologien geprägt. Gehorsam gegenüber Autoritäten geht einher mit Intoleranz und Aggression gegen Andersdenkende. Das Verhältnis des „autoritären Charakters“ gegenüber der Macht ist von Sadismus und Masochismus geprägt. Er buckelt nach oben, von wo er Pöstchen, Aufträge und Ehrungen erhält, er tritt nach unten, um Abweichler gefügig zu machen. Der „autoritäre Charakter“ wechselt seine Masken, aber er stirbt eben nicht aus.

Zurück zum Thema: Der Versuch meiner Rufschädigung erfolgt durch allerlei wirre Schlagworte. Laut „Arch+“-Aufruf bin ich „rechtsradikal, völkisch und geschichtsrevisionistisch“, ohne dass eine Erläuterung gegeben wird, was die Herrschaften eigentlich darunter verstehen. Das wird ihnen auch schwer fallen. Personen, die zumeist Architektur und Städtebau studiert haben, verfügen selten über das nötige geistige Rüstzeug, sauber mit geschichtswissenschaftlichen und politologischen Begriffen umgehen zu können sowie die nötige Quellenarbeit hierfür zu leisten. Ein Betriebswirtschaftler kennt vielleicht auch ein paar medizinische Begriffe, operieren kann er aber deshalb noch lange nicht.

Nun geht es Trüby und seinen Geistesverwandten natürlich nicht primär um meine Person. Trüby dürfte die Attacke gegen meine Person deshalb gewählt haben, um damit der Rekonstruktionsbewegung an sich ein Hindernis in den Weg zu stellen. Er suchte demnach wohl nach einer Schwachstelle und glaubte, diese bei meiner Person gefunden zu haben. Das Frankfurter Projekt der neuen Altstadt konnte er damit nicht mehr verhindern, aber es besteht ja die Hoffnung, es künftigen Rekonstruktionsvorhaben schwerer zu machen, sie gar zu verhindern, und modernen Neubaulösungen auf diese Weise zum Erfolg zu verhelfen.

Nun machen Rekonstruktionsvorhaben nur einen minimalen Prozentsatz des hiesigen Bauvolumens aus. Weit über 90 Prozent werden ohnehin modernistisch gebaut. Doch bereits diese kleine Abweichung bereitet den modernistischen Architekturtheoretikern große Sorge, ja Angst. Es ist die Angst vor dem Verlust der unumschränkten Dominanz. Denn die Freude, die Bürger beim Gang durch die neue Frankfurter Altstadt empfinden, findet sich selten beim Gang durch die meisten modernistischen Stadtquartiere, egal beispielsweise ob beim Europa-Viertel oder der Riedberg-Bebauung in Frankfurt. Welch narzisstische Kränkung der Modernisten-Seele.

Die größte Angst, die Trüby und die anderen „namhaften Persönlichkeiten“ auf ihren Professorensesseln umtreiben dürfte, ist aber, das die Rekonstruktionsbewegung nur der Auftakt zu einer viel weitergehenden Revolte sein könnte. Und zwar einer Revolte unter ihren eigenen Studenten.

Noch verhalten sich diese weitgehend brav, konform, angepasst. Es gibt auch Berichte, nach denen sozialer Druck an den Hochschulen gegenüber ästhetisch abweichenden Architekturstudenten ausgeübt wird. Als ich vor einiger Zeit einen journalistischen Termin bei Präsentation junger Architekturstudenten wahrnahm, erläuterten jene ihre Modelle. Jeder erzählte das Gleiche, bei Variation der Worte. Irgendetwas von Transparenz und Offenheit. Eine Kollegin der „Frankfurter Rundschau“ fragte irgendwann genervt: „Das habe ich jetzt alles schon gehört. Hat nicht noch jemand etwas anderes zu sagen?“

Noch sitzen die „namhaften“ modernistischen Professoren fest im Sattel. Aber es treibt sie die Angst um, sie könnten in Zukunft die geistige Kontrolle über ihre Studenten verlieren. Deshalb muss die „Nazi“-Keule als ultimatives Mittel ausgepackt werden. Sie dient der Disziplinierung des eigenen Nachwuchses, dem signalisiert wird, bei Abweichung eventuell dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, ein „Rechter“ oder „Geschichtsrevisionist“ zu sein. Denn Geschichte darf in der Vorstellung des Modernisten eben nur in eine Richtung verlaufen. „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“, wie bereits ein anderer großer Denker vor Stephan Trüby so schön formulierte. Auch jener hätte vielleicht bei „Arch+“ mit unterschrieben, wenn er noch leben würde.

Junge Studenten werden also Courage haben müssen, wenn sie sich gegen die alten Köpfe derer behaupten wollen, die heute noch in den Machtpositionen sitzen. Aber nur so werden sie die Tür zu neuen Möglichkeiten aufstoßen können.

Frankfurts Neue Altstadt – Das Herz am rechten Fleck. Eine Antwort.

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Es hätte so schön sein können. Im Herbst soll das Dom-Römer-Areal, Frankfurts „Neue Altstadt“, offiziell eingeweiht werden. Und selbstverständlich haben die großen Politiker der Stadt vor, sich zu diesem Anlass gehörig selbst zu inszenieren. Auch wenn sie eigentlich wenig mit dem Projekt zu gehabt haben. Oberbürgermeister Feldmann machte es im zurückliegenden Wahlkampf jedenfalls mit vielen Pressefotos vor.

Ich hatte nicht vor, Ihnen den Spaß zu verderben. Das hat nun ein anderer versucht. Stephan Trüby wurde von der Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ eine 2/3-Seite für einen großen Artikel eingeräumt. (8.4.2018) Trüby leitet das IGMA – Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen an der Universität Stuttgart. Seine Publikationen lassen darauf schließen, dass man es hier nicht nur mit einem Anhänger modernistischer Architektur und einem radikalen Gegner von Rekonstruktionen zu tun hat. Trüby wendet für seine Attacken gegen Rekonstruktionsvorhaben auch gerne die alte „antifaschistische“ Horrorshow an. Denn er weiß, dass das letzte Mittel, um irgendeine nicht genehme Entwicklung in der Bundesrepublik zu verhindern, immer noch der alte „Nazi“-Ruf ist. Eine Art Bannwort, die den braven Spießbürger in der Vergangenheit stets erstarren ließ.

2015 unterzeichnete er einen Aufruf „Gegen die Salonfähigkeit Neuer Rechter“. Dieser richtete sich gegen den wissenschaftlichen Mitarbeiter für Philosophie und Ästhetik an der HfG Karlsruhe, Marc Jongen, nachdem bekannt wurde, dass dieser in die AfD eingetreten war. In einem offenen Brief zu dem Aufruf wurde verlautbart, „Jongen mache politische Werbung für eine Splitterpartei mit Verbindungen in die Neonazi-Szene, und sei damit ein `akademisches Feigenblatt´ für Rechtsradikale“. 2016 verfasste Trüby in der „Zeit“ einen Artikel über „Rechte Räume“, in dem es vor allem gegen Siedlungsprojekte auf dem Land, Ritterburg-Freunde und diverse Symboliken ging, selbstverständlich wild zusammengemischt. 2017 moderierte er in München eine Diskussions-Veranstaltung über „Rechte Räume“, in der auch Anetta Kahane von der berüchtigten „Amadeu Antonio Stiftung“ als Gast eingeladen war. In der Einladung hieß es, dass sich „die Veranstaltung mit der Frage (beschäftigt), wie der Aufschwung rechtspopulistischer Politik auch die Architektur ins Visier der Rechtsnationen rückt. Besonders die Zunahme von `No-Go-Areas´ für Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch Aussagen von AfD-Politikern über städtische Räume in Deutschland werden diskutiert.“

Nun hat sich Trüby an mir auf die alte Masche abzuarbeiten versucht. Der Grund: Das zum Teil nach originalem Vorbild rekonstruierte Dom-Römer-Areal ist ihm ein Groll.

Zuerst versucht er in seinem Artikel das Projekt mit der sozialpopulistischen Masche madig zu machen. So würden dadurch nicht „die drängendsten Probleme der Stadt“, die „Frage nach bezahlbarem Wohnraum“ und einer „Stadt für alle“ (was immer das sein soll), gelöst. Bezahlbaren Wohnraum schaffen zwar auch nicht die geplanten modernen Wohntürme für Besserverdienende in der Innenstadt, und die steigenden Mieten haben mit politischen Entscheidungen (u.a. der Währungspolitik) zu tun. Aber, geschenkt. Es ist ohnehin nur ein vorgeschobenes „Argument“ Trübys. Trüby wettert dann gegen ein „aalglattes Stadtviertel“ und „Heile-Welt-Gebaue“. Und auch die abfällige Rede von „Massen an futter- und einkaufsfreudigen Touristen“, die bald durch das „Altstadtidyll“ geschleust würden, zeugt nicht gerade von Offenheit gegenüber Menschen aus anderen Ländern, die uns gerne besuchen.

Dann aber nimmt Trüby Fahrt auf und bedient endlich den ganzen altlinken verbalen Sermon, der uns nun bereits seit 50 Jahren bestens bekannt ist. Die Rekonstruktionsbewegung ist ein „Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten“. Und da ich als Urheber der neuen Frankfurter Altstadt ausgemacht werde, musste ganz tief gegraben werden, um meine Person in einem möglichst schlechten Licht erscheinen zu lassen. Da werden für seine Zwecke passende Zitatpassagen aus bald 25 Jahre alten Aufsätzen herausgepickt. Da werden teils längst nicht mehr existente Zeitschriften erwähnt, für die ich mal als junger Student wenige Artikel geschrieben habe (an denen nichts zu beanstanden ist). Da werden Mitautoren an einem 1995 erschienenen Sammelband herangezogen, die überhaupt keinen Einfluss auf die von mir geschriebenen Aufsätze hatten. Auch deren Beteiligung entschied nicht ich als Autor, sondern der damalige Herausgeber, der die von Trüby erwähnte parteipolitische Karriere samt späteren Ausstieg zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen hatte.

Nachdem sich Trüby die Zitate herausgepickt hat, die ihm passen, um mich als dämonischen Demiurg an die Wand zu projizieren, kommt er wieder auf das Altstadt-Thema zu sprechen. Ich hätte dafür „Kreide geschluckt“, behauptet er.

Nein, kann ihm geantwortet werden. Niemand hat Kreide geschluckt. Menschen entwickeln sich nur über die Jahrzehnte. Sie eignen sich einen erweiterten Horizont an. Sie sehen Dinge differenzierter, aber auch schärfer. Sie vermögen, das besser auszudrücken, worum es ihnen geht. Womöglich ist eine solche geistige Entwicklung Trüby unbekannt. Das weiß ich nicht.

Am Inhalt meiner von ihm erwähnten Artikel und Aufsätze zu Architektur und deren politischen Hintergründen habe ich überhaupt nichts auszusetzen. Manches rührt mich sogar bei heutiger Lektüre. Kein Wort nehme ich zurück. Und der positive Zuspruch vieler Bürger bestärkt mich darin. Heute indes gilt es, den Fokus auf die globale Entwicklung zu richten. Viele Besuche im Ausland, beispielsweise von Griechenland über Marokko, Albanien bis Spanien, haben mir die jeweiligen länderspezifischen Bemühungen gezeigt, die eigene Identität auch in den Bereichen Architektur und Stadtplanung zu erhalten. Und sie haben mir noch stärker vor Augen geführt, dass es ein globales Problem mit der modernistischen Architektur und der von ihr geschaffenen Stadträume gibt. Es geht, um es einfach auszudrücken, um eine menschlich gestaltete Welt angesichts einer fortschreitenden, den ganzen Erdball umfassenden Globalisierung. Und weil das im Kern auch schon das Anliegen meines von Trüby zitierten Aufsatzes von 1995 war, lautete dessen Untertitel „Für eine menschliche Architektur“ (was Trüby wiederum verschweigt).

Trüby wirft mir vor, Ideologe zu sein, doch er selbst ist er ein Ideologe par excellence. Um seine Theorie gegen Rekonstruktionen darzulegen, geht er sogar bis in die frühen 1950er Jahre zurück und positioniert sich noch einmal gegen die Rekonstruktion des nun schon Jahrzehnte im Großen Hirschgraben stehenden Goethe-Hauses. Der Theoretiker und damalige Goethehaus-Gegner Walter Dirks hätte seinerzeit nämlich die modernistische Marschrichtung vorgegeben. Trüby: „Hinter Dirks Haltung stand – aus heutiger Sicht völlig zu Recht – die Sorge, dass man mit einer Rekonstruktion die Spuren des Nationalsozialismus und auch der eigenen Schuld löschen wollte.“ Doch in den 1980er Jahren sei bereits der Weg der Tugend verlassen worden: „Wenig später ging Frankfurt erst so richtig in die geschichtsrevisionistischen Vollen, und zwar mit der Rekonstruktion des Römerbergs, die von 1980 bis 1983 erfolgte“.

Aus diesen Zeilen kann man erkennen, dass Trüby ein unverbesserlicher Modernist ist. Er ist einer, der die neue Bebauung des Frankfurter Dom-Römer-Areals als harte Niederlage empfindet. Immer noch trauert er dem längst vergilbten Bauklotz-Entwurf von KSP Engel nach, der dort für kurze Zeit ursprünglich errichtet werden sollte. Trüby verhält sich wie ein fanatischer Militär, der eine Niederlage nicht verkraftet und deshalb, obwohl bereits alles gelaufen ist, als letzter der Getreuen noch ein Schuss abfeuern muss. Der Schuss soll natürlich auch andere, zukünftige Rekonstruktionsprojekte in anderen Städten treffen.

Rekonstruktionen sind in diesem Selbstverständnis „rechtsradikal“, also solle man gefälligst modernistisch bauen, heißt sein Ruf. Und wenn das nicht klappt, dann soll – laut Trüby – „zivilgesellschaftliche Gegenwehr“ her. Das ist kryptisch ausgedrückt, denn welche Zivilgesellschaft soll denn gegen ein kleines Rekonstruktionsprojekt „Gegenwehr“ leisten? Für den KSP Engel-Entwurf? Bekanntlich hat es bislang noch kaum Bürgerinitiativen für modernistische Bauprojekte gegeben, die ohnehin 99,9 % der hiesigen Bauvorhaben ausmachen. Aus gutem Grund. Viele wissen aber, dass mit solchen unklaren Formulierungen in heutigen Zeiten nicht „Greenpeace“ oder das Diakonische Werk gemeint sind, sondern in der Regel eine lautstarke und gewaltaffine „Antifa“. Zumal es ja gegen Bestrebungen eines angeblichen „Rechtsradikalen“ gehen soll. So stellen es sich eben viele Herren in Nadelstreifenanzügen vor, nicht nur auf den gut dotierten Professorenstühlen. Die Ideologie geben sie vor, sich selbst wollen sie aber nicht die Hände schmutzig machen, weil das andere auf der Straße erledigen sollen. Doch Trüby hätte es frei gestanden, selbst „zivilgesellschaftliche Gegenwehr“ zu leisten, statt nach anderen zu rufen. Er hätte sich nackt an das Technische Rathaus ketten können, als die Abrissbagger anrückten. Das wäre immerhin eine couragierte Aktion gewesen. Die FAZ hätte garantiert berichtet.

Wenn Trüby gegen Ende seines Aufsatzes bekundet, „Missverständnissen vorzubeugen“ und nicht „Rekonstruktionen als solche zu skandalisieren“, ist das nur ein Täuschungsversuch oder eine Selbsttäuschung. Die von ihm angeführten Beispiele sind entweder reine Wiederaufbau-Maßnahmen der Nachkriegszeit (Paulskirche Frankfurt, Alte Pinakothek München) oder nur eine so genannte „kritische Rekonstruktion“ (Neues Museum Berlin von Chipperfield), die möglichst viele Brüche, Schrammen und Zerstörungen zu konservieren versucht. Mit der aktuellen Rekonstruktionsbewegung hat das nichts zu tun.

Nein, das stumpfe „Nazi“-Rufen funktioniert einfach immer weniger. Zudem will sich eine junge Generation immer weniger von verquasten geschichtlichen Belehrungen dirigieren lassen, welche Architektur sie sich für ihre Orte und ihr Lebensumfeld wünschen darf und welche nicht. Und das ist auch gut so. Von mir aus kann ein Trüby mich „rechtsradikal“ nennen. Im Teeny-Alter überlegte ich einmal, in eine Partei einzutreten. Sogar Jusos und „Grüne“ waren in der Auswahl. Ich las mir als 16-Jähriger sämtliche Parteiprogramme durch und entschied mich bis heute, parteilos zu bleiben. Damals dämmerte mir, dass ich kein Linker bin. Ob ich stattdessen ein Rechter, ein Konservativer, bin? Womöglich schon, wenn auch in ganz anderem Sinne, als es sich manche Linke oder auch Rechte vorstellen. Und gegen Radikalität des Geistes ist auch nichts einzuwenden. „Radikal“ kommt von dem lateinischen Wort „Radix“ (Wurzel). Probleme können getrost von ihrer Wurzel her analysiert werden, sofern das daraus entspringende Handeln den menschlichen Maßstab nicht aus den Augen lässt. Insofern soll mich ein Modernist eben „Rechtsradikaler“ nennen, wenn ihm das Freude bereitet.

Die Freude über die neue Frankfurter Altstadt, die erst noch in der Bevölkerung stark anwachsen wird, wird das nicht trüben. Ja, ich bin der geistige Urheber des Altstadt-Projekts. Ich habe dem damaligen Stadtverordneten Wolfgang Hübner von den BFF seinerzeit die Idee mitgeteilt und mit ihm gemeinsam den initiierenden Antrag für die Stadtverordnetenversammlung formuliert. Und, ich habe das nie an die große Glocke gehängt. Ich brauche keinen Ruhm, kein Schulterklopfen, keine Medaille, keinen finanziellen Nutzen. Ich freue mich, wenn sich eine große Zahl an Menschen freut. Wenn ich ihnen etwas geben konnte. Ganz im Stillen. Ich hätte mich sogar gefreut, wenn sich die Politiker der Stadt bei der Einweihung als die Altstadtgründer gefeiert hätten. Nur wenigen Leuten gegenüber, die meisten aus dem Freundeskreis, offenbarte ich mich als Urheber des Projekts. Meine einzige öffentliche Äußerung dazu tätigte ich bei einer Ansprache zum 10-jährigen Bestehen des Vereins „Pro Altstadt“, zu der ich gebeten worden war.

Das hätte so bleiben können. Doch Stephan Trüby wollte das nicht und zog es vor, mich zu „outen“. Nun, jetzt bin ich eben „geoutet“ und werde fortan ganz offen mit dieser schönen Sache umgehen.

Claus Wolfschlag

 

Glanz und Elend der Weimarer Republik

Glanz und ElendDer Kunst der Weimarer Republik widmet sich eine große Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn. Das Ergebnis ist so enttäuschend wie anregend. Stoff zum Nachdenken wird allemal geliefert.

Betritt der Besucher die Ausstellungshalle, trifft er im Treppenaufgang auf eine Wand, die mit Reproduktionen von Wahlplakaten der Weimarer Epoche dekoriert ist. Stellungnahmen sämtlicher politischer Strömungen werden unkommentiert nebeneinander gezeigt, von den Kommunisten bis zu den Nationalsozialisten, von den Sozialdemokraten bis zu den Deutsch-Nationalen. Die Plakate zeigen die Härte der damaligen politischen Auseinandersetzung, aber auch die Leidenschaft und künstlerische Gestaltung, mit denen damals die gegensätzlichen Geistesströmungen aufeinander stießen. Wer diese Pluralität, dieses Aufeinandertreffen der Gegensätze, aber auch in der Kunstausstellung erwartet, wird indes stark enttäuscht werden.

Hier trifft man weitgehend auf Vertrautes. Was dem Betrachter hier als Kunst der Weimarer Republik gezeigt wird, ist zu großen Teilen politisch von der linken Strömung dominiert. Gezeigt wird „Neue Sachlichkeit“, dominiert von deren Hauptvertretern Otto Dix und George Grosz, letzterer KPD-Mitglied. Aus den zweifellos bekannten Kunstwerken dieser Richtung resultierten zahlreiche Klischees, die bis heute bei vielen Menschen die bildliche Wahrnehmung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägen.

Georg Scholz malte fratzenartige „Industriebauern“, einen pickeligen, stiernackigen NS-Anhänger im Café oder dicke, dümmlich-tumbe Vertreter eines deutsch-nationalen „Kriegervereins“. Gerd Graetz zeigte Burschenschafter mit ordinär aufgerissenen Mäulern und Hakenkreuz-Mützen und einen blasierten Offizier mit Monokel. Otto Dix präsentierte übergewichtige grinsende Reiche mit Zigarre und Sektglas in einem Gasthaus, während vor der Tür Bedürftige demonstrieren. Teils gehen diese Darstellungen bis in den Bereich der antisemitischen Judenkarikatur. Diese Klischees von Rechten, Burschenschaftern, Militärs, Monarchen, Geistlichen oder Industriellen sind häufig antifaschistische Propagandakunst par excellence, der es aber gelang, wirkmächtig nachhallende Bilder im kollektiven Bewusstsein zu erzeugen.

Die einseitige Betrachtung jener Epoche findet sich heute bis in feinste Verästelungen wieder. So wird in der historischen Zeittafel des Ausstellungs-Katalogs teils auf marginale Ereignisse hingewiesen, z.B. dass Goebbels Gauleiter der NSDAP in Berlin-Brandenburg wurde oder sich der NSDAP-Versammlungsschutz in „Sturmabteilung“ umbenannt hatte. Es finden sich sogar Hinweise auf Entwicklungen im Ausland, auf die spanische Militärdiktatur unter General Miguel Primo de Rivera oder auf Mussolini. Doch mit keinem einzigen Wort werden dort Lenin oder Stalin erwähnt, von den Massenmorden in der Sowjetunion ganz zu schweigen. Doch wenn man dies ausklammert, wird auch der Bezugsrahmen der Epoche weggeblendet, ohne den ein Verständnis gar nicht möglich ist.

Einige der in der Schau angesprochenen gesellschaftlichen Themenfelder waren sicherlich bedeutsam, so die langsame Änderung der Rolle der Frauen, die 1919 das Wahlrecht erhielten, zunehmend in das Berufsleben strömten und mit Bubikopf-Frisuren und Hosen auch äußerlich bislang männliche Erkennungsmuster übernahmen. Auch die Weimarer Vergnügungsindustrie, wozu der Massensport gehörte, wird in der Ausstellung ausreichend gewürdigt. Dass randständigeren Themen, wie Drogenkonsum, Androgynität oder Transvestiten, die damals höchstwahrscheinlich nur sehr kleine Gruppen der Großstadtbewohner betrafen, derart großer Raum zugebilligt wird, dürfte aber eher am Interesse des heutigen Zeitgeistes liegen. Insofern ist auch eine solche Ausstellung keine Darstellung der Weimarer Wirklichkeit, sondern nur eine aus der heutigen Brille.

Ein Wandtext der Schau erkärt, dass die „Neue Sachlichkeit“ vom „Wunsch nach einer realistischen Darstellung der unmittelbaren Gegenwart“ erfüllt gewesen wäre. Doch das muss angesichts der teils überzeichneten Karikaturen bezweifelt werden. Als „kühl, unbeteiligt, abgeklärt“ beschreibt der Wandtext die Darstellung der modernen Welt in dieser Kunstrichtung. Das ist zu harmlos ausgedrückt. Eine ins Auge springende Verhässlichung der menschlichen Darstellung findet sich nämlich in zahlreichen, der oft in Grautönen gemalten Bilder. Etwa in Otto Dix´ Bildern beinamputierter Kriegskrüppel, Albert Birkles ausgemergelten Gestalten auf dem Kurfürstendamm, Karl Hubbuchs fleischigen Tanzpaaren, Erich Wegners Proletengesichtern. Auch die Darstellung aufgequollener, unförmiger Huren, denen gierige Männerblicke folgen, diente späteren Jahrzehnten zur Entwicklung von Klischee-Bildern. All das wird oft als Reaktion auf die Nachkriegsnot jener Jahre interpretiert. Das mag teils stimmen, greift aber zu kurz. Zwar haben die Schrecken von Krieg und Elend oft auch ihren Weg in die Kunst gefunden, beispielsweise bei Francisco de Goya. Aber eine derart radikale Darstellung von Hässlichkeit ist nicht zwangsläufig für Nachkriegszeiten. Ganz im Gegensatz zu der in der Ausstellung gezeigten Schonungslosigkeit steht zum Beispiel die Kunst nach dem zweiten Weltkrieg, bei der Kriegsmüdigkeit und der Wunsch nach dem Vergessen sowie einem Neuanfang weit stärker im Fokus standen.

Der Krieg und ein Hinweis auf pure Malmoden, also gegenseitige Einflüsse in der Künstlerszene, erklären den ganzen Weltekel, der aus einer großen Zahl der hier gezeigten Personendarstellungen spricht, nur bedingt. Eine viel tiefgehendere Erklärung könnte in der Linkslastigkeit einiger gezeigter Künstler liegen, im damals starken Einfluss des Marxismus. Eine Geistesströmung nämlich, die die bestehende Gegenwart radikal ablehnt, tendiert dazu, in dieser nur Hässlichkeit zu erkennen. George Grosz äußerte folgerichtig 1922: „Den Unterdrückten die wahren Gesichter ihrer Herren zu zeigen, gilt meine Arbeit. Der Mensch ist nicht gut, sondern ein Vieh.“ Das eröffnet Parallelen zu mancher Personendarstellung der christlichen Epoche. Auch bei Hieronymus Bosch finden sich die geschundenen Kreaturen und zahnlosen Fratzen. Findet die Seele im Christentum erst im Jenseits die wahre Erlösung, so liegt diese beim Marxismus erst in der kommunistischen Gesellschaft. Und so wundert es nicht, dass die Kunst des Sozialistischen Realismus der Sowjetunion dann in so deutlichem Gegensatz zu den Grosz-Fratzen der Weimarer Republik geriet.

Für den kritischen Betrachter stellt sich die Frage, ob die Kunstszene der Weimarer Republik wirklich so einseitig ausgerichtet war oder ob die Zusammenstellung der Objekte nur zu sehr heutigen Zeitgeist-Denkmustern verhaftet ist? Einige gefälligere Art déco-Zeichnungen von Dodo, laszive Aquarelle von Jeanne Mammen, ein Bild Werner Peiners, ein Porträt von Ernst Jünger können den dominanten Eindruck der gezeigten Kunsttendenz nur geringfügig korrigieren.
Auffallend ist schon, dass es zu den stilprägenden, und oft gegen die politische Rechte gerichteten, Fratzen und Karikaturen der linken Künstler offenbar kein adäquates Gegenstück von rechts gab. Es finden sich keine abstoßenden Fressen und Figuren kommunistischer oder sozialdemokratischer Funktionäre in der Ausstellung. Einige Darstellungen grobschlächtiger Arbeiter-Agitatoren waren wohl eher als heroische Klassenkämpfer-Bildnisse positiv intendiert.
Das wirft Fragen auf: Waren rechte Künstler weniger aggressiv und hasserfüllt, so dass sie sich für solche „Feinddarstellungen“ zu fein waren? Mochte sich rechte Kunst generell nur der Schönheit widmen, aber nicht der hässlichen Kreatur? Gab es damals möglichenfalls gar keine rechte Kunst von nennenswerter Qualität? Diese Fragen ließen sich mühelos auf unsere Gegenwart übertragen.

Nach 1933 war die „Neue Sachlichkeit“ Weimars passé. Und dies wahrscheinlich weniger durch die staatliche Repression des NS-Systems, als vielmehr, weil sie sich überlebt hatte. Die große Frankfurter Ausstellung hinterlässt viele Fragen zu dieser Epoche, wenn man sich ihr mit kritischer Distanz nähert. Das ist zweifellos ein Verdienst.

Claus-M. Wolfschlag

 

Die Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ ist noch bis 25. Februar in der Frankfurter Schirn Kunsthalle, Römerberg 6, zu sehen. Geöffnet ist Dienstag, Freitag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 22 Uhr.

Die Eintracht weiter im Kampf gegen die dunkle Macht

Der oberste Vorsitzende wurde wieder gewählt

Fischer

Der oberste Vorsitzende Kim Jong-Fischer wurde mit einem herausragenden Ergebnis in seinem Amt bestätigt. Nach geheimen Quellen gelobten 99,2 Prozent der Eintracht-Mitglieder, ihn „bis zum Tod“ zu verteidigen. Die abtrünnigen 0,8 Prozent werden höchstwahrscheinlich als Saboteure demnächst dazu verurteilt, in speziellen Umerziehungslagern ihr verräterisches Dasein mit langjährigem Rasenmähen und Torpfostenstreichen verbringen zu müssen.

Zur Erklärung für diejenigen, die mit Fußball gar nichts am Hut haben: Nachdem er sich bereits vor einem Jahr gegen die AfD positioniert hatte, hat nun der Präsident des Frankfurter Fußballvereins „Eintracht“, Peter Fischer, in mehreren Interviews erklärt, dass nicht nur AfD-Mitglieder, sondern sogar Wähler der AfD, in seinen Augen kein Mitglied in seinem Club sein dürften. So sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Es kann niemand bei uns Mitglied sein, der diese Partei wählt, in der es rassistische und menschenverachtende Tendenzen gibt.“

Ähnliche Positionen gegen AfD und „Nazis“ kamen unlängst von Borussia Dortmund. Beim Hamburger SV hingegen ging man auf Distanz zu derartigen Bestrebungen seines Seniorenratschef Peter Gottschalk. Auch die TSG 1899 Hoffenheim hält offenbar nichts von solchen politischen Diskriminierungen. Zwar wird es für die Vereinsführung der Eintracht nicht einfach, AfD-Anhänger und –Wähler in ihren Reihen ausfindig zu machen und dann zu sanktionieren, aber möglichenfalls können Kontakte zu ehemaligen Mitarbeitern der Staatssicherheit der DDR geknüpft werden, die nützliche Tipps zu geben in der Lage wären. Auch moderne Errungenschaften wie der Bundestrojaner, Mobiltelefon-Ortung oder Rückgriff auf gespeicherte Daten zum Surfverhalten im Internet könnten dem obersten Vorsitzenden Fischer sehr hilfreich sein.

Auf der Blogseite der „Bürger Für Frankfurt“ wurde vor kurzem gegen Fischer getitelt: „Ein Antidemokrat kann nicht Eintracht-Präsident sein„. Doch die BFF haben sich wohl getäuscht. Offenbar kann er es doch. Die AfD reagierte auf Fischer jedenfalls mit einer Strafanzeige. Doch die Gegenwehr von AfD-Mitgliedern oder –Anhängern bei Eintracht Frankfurt war bislang allenfalls lau. Nicht mal zu einer Rede mit offener Kritik konnten sich einer bei der Mitgliederversammlung im Januar aufraffen. Nur um eine Audienz beim obersten Vorsitzenden baten einige AfD-Mitglieder, die natürlich umgehend abgelehnt wurde. Der Druck von 99,2 Prozent fordert für Dissidenten eben starke Nerven, die offenbar nur die wenigsten haben. Nicht jeder große Fußballfan ist eben zu einem Solschenizyn oder Pfarrer Brüsewitz geboren.

Um die Vorgänge bei Eintracht Frankfurt besser zu verstehen, muss man sich im bewusst sein, dass in unserer Gesellschaft die Ebenen der Politik, der Wirtschaft, der sozial engagierten Verbände, der Kulturschaffenden und der Unterhaltungsindustrie durch vielfältige Bande miteinander verbunden sind. Die Politik schafft die gesetzlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Wirtschaft gedeihen kann. Die Wirtschaft liefert der Politik die Staatseinnahmen in Form von diversen Steuern, u.a. Gewerbesteuer oder Einkommensteuer. Die Politik wiederum finanziert im Rahmen von Projekten und Fördermaßnahmen einen großen Teil des „kulturellen Überbaus“. Hier versorgt man so genannte Bildungseinrichtungen und soziale Betreuungsangebote mit Steuergeldern. Dort fließen die nötigen Gelder an öffentlich-rechtliche Medien.

Und auch für die Künstler, Schauspieler, Intendanten, Regisseure bleiben noch einige Häppchen übrig, die ausreichen, davon Existenzen zu bestreiten. Hier ein gefördertes Kultur- oder Forschungsprojekt, dort eine öffentlich finanzierte Broschüre, die der graphischen Gestaltung harrt, und dann auch noch ein Auftritt im Rahmen einer Kulturveranstaltung. Die Gaben von Oben gehen einher mit der Ergebenheit von unten. Und eben auch der Sport hat seine Rolle in diesem Spiel als Kompensations- und Unterhaltungsrahmen für die Massen. Dass sich auch hier politische Vernetzungen ergeben, die dazu führen, dass Sport zunehmend für politische Interessen eingespannt wird, ergibt sich fast von selbst.

Da also Politik, Wirtschaft, Kulturbetrieb, Unterhaltungsindustrie und Sport längst ein wirtschaftlich verflochtenes und ideologisch verbundenes Konglomerat bilden, ist es naheliegend, dass sie sich gegen mögliche Störfaktoren ihres eingespielten Systems verbünden. Der aktuelle Störfaktor heißt dabei AfD. Durch Äußerungen gegen die AfD oder andere „Rechtspopulisten“ schützt man also einerseits seine eigenen ökonomischen und machtpolitischen Interessen. Andererseits signalisiert man auch seine Zugehörigkeit zum inneren Zirkel des Systems. Provokationen gegen „rechts“ dienen den einen als Sprungbrett für eine mögliche Karriere innerhalb des inneren Zirkels oder der Selbstprofilierung.

Das große Theater ist dabei das zentrale Kennzeichen der herrschenden Eliten. So wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit die NS-Zeit in einer Art großem Historienstück nachgespielt. Dabei inszenieren sich diejenigen, die das Spiel eröffnen, stets als große Widerstandskämpfer, die posthum die Demokratie und diverse schutzbefohlene Minderheiten vor den bösen „Nazis“ zu retten haben. Dass das diesmal kein persönliches Risiko beinhaltet und das Ergebnis stets bereits am Anfang feststeht, gehört zur großen Aufführung. Ebenso gehört dazu, dass irgendeiner möglichst schwachen und weitgehend wehrlosen Kleingruppe oder Einzelperson die Rolle des bösen „Nazis“ zugewiesen wird. Schließlich braucht jedes „Antifa“-Kasperle als Gegenstück das möglichst zahnlose Krokodil, das er unter dem Gejohle einiger zuschauender Freunde mit dem Kochlöffel von der Bühne treiben kann.

Die Aufführung dieses an sich langweiligen Spiels läuft nun bereits seit Jahrzehnten, und zwar, weil es gut eingeübt ist und weil angesichts der dank wirtschaftlicher Kraft immer noch sprudelnden Geldquellen bislang keine Veranlassung bestand, ein anderes Stück einüben zu müssen. Durch den alljährlich erneuerten Alarmismus, durch das stete Warnen vor den Gefahren, denen die Werte unserer Gesellschaft angeblich durch Attacken von „rechts“ ausgesetzt seien, versucht man das Publikum bei der Stange zu halten. Zwar ist das Gros der Bürger längst gelangweilt davon, und das Theatergebäude wird langsam immer mehr zum Sanierungsfall, aber bislang gab es kaum jemanden, der effektiv Sand in das Getriebe dieses in Endlosschleife aufgeführten Stücks geworfen hätte.

Aus diesem Grund können sich Leute wie der oberste Vorsitzende Kim Jong alias Peter Fischer immer noch als große posthume Judenretter und Humanisten präsentieren, die wieder einmal den Kampf gegen die dunkle Macht und „braune Brut“ (Originalzitat) aufgenommen hätten. Nach Recherchen von JF-TV befindet sich Fischer dabei möglichenfalls in Übereinstimmung mit seinem Sohn, der bei der „Antifa“ aktiv zu sein scheint bzw. martialische Posen ins Internet gestellt haben soll. Ob Kim Jong- Fischers Sohn einmal die Herrschaftsnachfolge bei der Eintracht antreten wird, wird die Weltöffentlichkeit vielleicht in 20 Jahren sehen. Vorher könnten aber vielleicht noch diverse unzuverlässige Onkels und Halbbrüder auf mysteriöse Weisen beseitigt werden. Zumindest wenn diese Kontakt zur verbotenen AfD aufnehmen sollten.

 

Zuerst erschienen bei bff-frankfurt.de am 18.2.2018

 


 

Zwei nachträgliche Überlegungen zu diesem Text:

I. Den Fall Fischer kann man nämlich in eine lange Kette ähnlicher Fälle einordnen, in denen stets Selbstdarstellung und –profilierung im Rahmen des großen Theaterstücks eine ganz wichtige Rolle spielen. Erst ist jüngster Zeit schafften es zwei weitere dieser Exemplare in die Zeitungsschlagzeilen.

Im November ging es durch die Presse, dass der thüringische AfD-Fraktionschef Björn Höcke durch eine Attacke in seinem unmittelbaren Lebensumfeld belästigt und genötigt werden sollte. Wie üblich werden solche Aktionen als „Kunst“ deklariert, um sich leichter auf das Recht der Kunstfreiheit berufen zu können. Ein „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS) hatte in Höckes unmittelbarer Nachbarschaft ein Haus mit Grundstück angemietet, von dort aus nach eigenen Angaben unter anderem in Höckes Müll spioniert, persönliche Gewohnheiten ausgespitzelt, schließlich eine wie aus Pappmaschee wirkende Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmal gebaut und Höcke aufgefordert, dort niederzuknien und um Verzeihung für kritische Äußerungen zu dem Berliner Mahnmal zu bitten. Dann würde man auf Veröffentlichung von Details aus Höckes Privatleben verzichten. Initiator des ZPS ist kein Künstler, sondern der in Berlin lebende Philipp Ruch, ein Absolvent der politischen Philosophie. Seine scheinbar egomanischen Züge lebt dieser offenbar in Form von politisch korrekten Aktionen aus, die auf die Bloßstellung von Personen abzielen, die sich rechts des Mainstream-Konsens bewegen. Dementsprechend Schenkelklopfer erhält er bei denjenigen Mainstream-Anhängern, die sich über den totalitären Geist, der Leuten wie Ruch ins Ohr flüstert, keinerlei Gedanken machen.

Die Auswahl der Zielperson, in diesem Fall der durch mehrere Äußerungen umstrittene Björn Höcke, erfolgt bei solchen Attacken in der Regel sowohl aus rationalen wie irrationalen Gründen. Einerseits sucht man sich für eine Kampagne eine Person heraus, die durch ihr Charisma, ihre Funktion, ihre Intelligenz für die Political Correctness gefährlicher als andere aus der „Feindgruppe“ ist. Mit der Ausschaltung solcher Köpfe hofft man die „Feindgruppe“ zu schwächen. Zugleich existiert ein irrationales Element, da die Aggression, gerade in der Unübersichtlichkeit der politischen Verhältnisse der Gegenwart, Gesichter zur eigenen Abfuhr benötigt. Die konkrete Person, die zuvor im Rahmen von Medienkampagnen „markiert“ wurde, dient dann als Zielscheibe, an der ein Exempel statuiert wird und mit der stellvertretend eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung aufzuhalten versucht wird. Solche „Zielscheiben“ zu erniedrigen und möglichst auszumerzen (mindestens aus dem politischen Diskurs) wirkt auf die Aggressoren sinnstiftend und gemeinschaftsbildend. Innere Anspannungen können auf diese Weise abgebaut werden. Das ist natürlich eine entmenschlichende, bei aller humanitären Ummantelung komplett egoistische Vorgehensweise. Für die seelischen Verletzungen, die dem ausgewählten und entmenschlichten Opfer dabei zugefügt werden, besteht keinerlei Interesse.

Der Ausschluss von „Häretikern“, „Ketzern“ oder „Heiden“ (die nach heutigem Sprachgebrauch „Rassisten“, „Nationalisten“, „Rechtspopulisten“, „Sexisten“, „Homo“- oder „Islamophobe“ genannt werden) erfolgt als Reinigungsritual. Kein Fleck soll die Gemeinschaft der reinen Herzen trüben, denn dieser Fleck ist wie ein Stachel im Fleisch, der den Zweifel nähren könnte. Abweichende Meinungen müssen also möglichst ferngehalten oder gar ausgemerzt werden. Dies dient auch der eigenen Selbstvergewisserung, auf der richtigen Seite zu stehen.

Natürlich muss das Stehen auf der richtigen Seite möglichst gefahrlos für die eigene Person sein. Sonst ginge der seelische Mehrwert, den man aus der Erniedrigung des „Ketzers“ zieht, verloren. Man agiert also von gesicherter Position im Apparat von Politik, Hochschulen, Gewerkschaften und Nicht-Regierungs-Organisationen. Man bewegt sich innerhalb eines Mehrheitsmilieus weitgehend gleichgesinnter Akademiker, Künstler, Musiker, Beamter. Und man ist sich im Ernstfall der Schützenhilfe einer Mehrheit der Medienvertreter sicher.

Bemerkenswert an der ZPS-Höcke-Attacke waren zwei Äußerungen:

Philipp Ruch begründete seine Aktion mit den Worten: „Gegen Nazis wenden wir nur Nazimethoden an.“ Das ist sehr bezeichnend für den geistigen Zustand dieser Kreise. Jahrzehnte der NS-Vergangenheitsbewältigung haben nämlich keine besseren, sensibleren, humaneren, liebevolleren Menschen erschaffen, sondern offenbar gar nichts bewirkt. Es gibt heute also sogar wieder Leute, die sich ganz öffentlich brüsten, „Nazimethoden“ anzuwenden, und die dafür noch vielerorts auf die Schulter geklopft bekommen. Nur die Begründung ist eine andere, und die Opfer, die unter diesen Methoden zu leiden haben, wurden ausgewechselt. Wie der Tierquäler, der, statt Fliegen die Flügel auszureißen nun eben lieber Pferde auf der Weide heimlich mit Rasierklingen traktiert. Begründungen und Opfer wechseln also im Lauf der Zeiten, die Täter bleiben aber immer gleich.

Zum anderen ist die Äußerung von Lea Rosh, einst Initiatorin des Holocaust-Mahnmals, entlarvend. Sie hatte geäußert, dass sie die Attacke Ruchs gutheiße. „Das sei eine wunderbare Idee“ und zugleich eine „herrliche Bestrafung“ für Höcke.
Nun war bislang mehrheitlich davon ausgegangen worden, das Berliner Holocaust-Mahnmal diene dem würdigen Gedenken an die Opfer der NS-Judenverfolgung. Doch schon die Lage nahe des Berliner Regierungsviertels und des Brandenburger Tores, die enorme Größe und die monotone Gestaltung dieses dunklen Stelefeldes warfen bereits in der Entstehungsphase des Denkmals Zweifel daran auf. Leider gab die Erfahrung manchen Kritikern im Laufe der Jahre Recht. In dem Stelenfeld wurde für Selfies posiert, auf den Steinen wurde balanciert, gesessen und an sie uriniert. Eigentlich hätte sich Lea Rosh, wäre es ihr um eine würdige Erinnerung gegangen, scharf gegen die Aktion Ruchs und seines „Zentrums“ wenden müssen. Immerhin verunglimpft er das Holocaust-Mahnmal, verballhornt es mit einer plumpen Miniatur, macht es zu einer Farce der Eitelkeit. Das aber stört Rosh nicht. Und sie äußert, es ginge dabei um „Bestrafung“. Diese Äußerung kann somit durchaus aber auch auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin übertragen werden. Denn wenn die Farce bereits eine Bestrafung für denjenigen sein soll, der sie sieht, dann ist es das weit größere Original doch wohl erst recht, oder? Geht es Rosh also gar nicht darum, der Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft zu gedenken, sondern nur diejenigen Passanten zu bestrafen, die das Denkmal heute zu sehen bekommen? Ist nicht Trauer, sondern Autoaggression ihr eigentliches Motiv?

Das sind immerhin doch interessante Fragen. Und Höcke scheint es also indirekt gelungen zu sein, sowohl Ruch als auch Rosh durch deren Äußerungen zu entlarven. Beide dürften das in ihrem Überschwang nicht einmal bemerkt haben.

Einem anderen Selbstdarsteller gelang die Medieninszenierung allerdings weit besser. Noah Becker hat bislang in seinem Leben noch nicht sehr viel erreicht. Außer der Sohn des ehemaligen Tennisstars Boris Becker zu sein. Das ist kein Vorwurf, denn er ist 23 und steht somit auch erst am Anfang seines Lebens. In den Medien wird er als „Künstler, Musiker und DJ“ präsentiert. Gegenüber der „Bunten“ bekannte er vor kurzem, „total privilegiert“ aufgewachsen zu sein, in späteren Jahren aber auch unter Geldproblemen gelitten zu haben. Ob letztere etwas damit zu tun haben, dass Becker ein Ping-Pong-Spiel der Medien in Gang setzte, kann nur spekuliert werden. Becker erklärte in einem Interview, er sei schon wegen seiner dunklen Hautfarbe attackiert worden. Wenn das stimmen sollte, wäre es selbstverständlich bedauerlich und zu kritisieren. Aber dann äußerte er, dass Berlin im Vergleich zu Paris und London eine (zu) „weiße Stadt“ sei und bekundete seine Rassensolidarität, indem er sich erkärte, heute „viel solidarischer“ mit seinen „Brüdern“ zu sein. Natürlich waren Beckers Äußerungen grenzwertig. Man stelle sich vor, was in den deutschen Medien los gewesen wäre, wenn sich ein Promi darüber beschwert hätte, dass Kapstadt oder Kinshasa im Vergleich zu Berlin „schwarze Städte“ seien und er dann seine Solidarität mit seinen weißen Rassenbrüdern bekundet hätte. Dennoch ist all dies zu äußern natürlich legitim. So man hätte zu Beckers Äußerungen auch einfach schweigen können, um sie dem verdienten Vergessen zu überlassen. Allerdings, der AfD-Abgeordnete Jens Meier konnte es nicht lassen, über das hingehaltene Stöckchen zu springen und Becker öffentlich als „kleinen Halbneger“ zu titulieren. Nun war das Futter für das große Mediendrama ausgelegt. Noah Becker konnte sich als Opfer inszenieren und Anzeige erstatten, der Schauspieler Til Schweiger konnte sich einmal mehr als niveauvoller Zeitgenosse präsentieren und Meier in seinem ganz eigenen Stil als „widerlichen Drecksack“ beschimpfen. Und die Boulevard-Journalisten hatten wundervollen Stoff, um die Spalten der Qualitätspresse und Online-Meldungen zu füllen. Das Drama auf der großen Theaterbühne konnte durchgespielt werden.

II. Denjenigen, die meinen, dass gerade die Bühne des Fußballs besonders dazu geeignet wäre, sich „antifaschistisch“ zu präsentieren, sei mitgeteilt, dass sie sich eigentlich auf ganz dünnem Eis bewegen. Fußball ist eine Art virtuelle Simulation von Krieg. Und wenn das kriegerische Element auch ein wesentlicher Punkt der historischen NS-Bewegung war, dann finden sich hier durchaus geistige Parallelen, wenn man sie denn ziehen möchte.

Nimmt man eine etwas distanzierte Perspektive auf die Szene der Fußballfans ein, – zum Beispiel als Alien, der zufällig auf der Erde strandet und in der Nähe eines Bundesliga-Spiels mit seiner Raumkapsel landet – dann sieht man im Stadion und den Wegen davor Gruppen in teils Uniform-ähnlicher Kluft aufmarschieren. Sie schwenken öffentlich Fahnen und Banner, im Frankfurter Fall gar mit einem martialischen Adler, dazu noch in den Farben schwarz-weiß-rot. Das erinnert eigentlich an ganz andere, mindestens vorrepublikanische Zeiten. Sie zünden Fackeln an. Sie gröhlen und schreien und drohen, stimmen Kriegsgesänge an. Hier jubeln sie über ihren Sieg und laben sich am Unglück der Mönchengladbacher, dort betrauern sie ihre geschlagenen Helden im Kampf gegen Augsburg. Es müsste nicht wundern, wenn unser Alien sich einige Fragen stellte: Wirkt ein solches Erscheinungsbild nicht ziemlich „Nazi“? Und ist ein Wahlergebnis von 99,2 Prozent für den großen Bruder und obersten Vorsitzenden dabei vielleicht nicht nur noch das Tüpfelchen auf dem „I“?

Debatte um Heimatministerium

Globalisierer sorgen sich um einen Begriff

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Begriffe lösen Assoziationen aus. Sie sind heute nicht selten Teil von Marketing-Strategien. Oft wollen diejenigen, die einen Begriff verwenden, positive Effekte erzeugen. Doch bei anderen werden negative Empfindungen geweckt. Das kann derzeit mal wieder bei der Diskussion um den Begriff „Heimat“ festgestellt werden.

Offenbar hat die in der Entstehung befindliche „Große Koalition“, vor allem aber die vor der Landtagswahl stehende CSU, ein Bedürfnis in der Bevölkerung erkannt. Das möglicherweise künftig von Horst Seehofer geleitete Innenministerium soll im Namen durch den Begriff „Heimat“ erweitert werden.

Es gibt dafür mehrere aktuelle Vorbilder. In Bayern existiert seit 2014 unter Markus Söder das „Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat“, und in Nordrhein-Westfalen wurde 2017 das „Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung“ eingeführt. Der Inhalt ist ziemlich harmlos. In Bayern geht es laut offizieller Verlautbarung zum Beispiel darum, „gleichwertige Lebensverhältnisse im ganzen Freistaat“ zu schaffen, also den öffentlichen Raum zu fördern.

Für die einen Marketing, für die anderen ein Unwort

Daß die Institution aber nicht „Ministerium für Gleichwertigkeit“ heißt, sondern den „Heimat“-Begriff verwendet, richtet sich auch als Zeichen an die verunsicherten Bürger im Land. Es soll signalisieren, daß die politische Klasse sich des Wunsches der Bürger nach geordneten Verhältnissen, nach Geborgenheit, nach Verwurzelung in ihrer Region und ihrem Land angenommen hat. Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen hat es vorgemacht, und die Verwendung des „Heimat“-Begriffes dürfte ihm 2016 entscheidende Pluspunkte bei seiner Wahl zugeführt haben.

Was für die einen positives Marketing ist, ist für die anderen die Verwendung eines Begriffs, der in die falsche Richtung weist. Der Landesgeschäftsführer der Berliner Linkspartei Sebastian Koch befürchtet, daß durch den Begriff die gesellschaftliche Entwicklung zu mehr Globalisierung und Internationalität gefährdet werden könnte. Man müsse sich zwischen „Deutschtümelei und Weltoffenheit“ entscheiden.

Der Begriff „Heimat“ ist Koch also bereits zu deutsch, zu national besetzt. Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, fühlt sich bedroht. Die Übertragung des „Heimat“-Begriffs in einen politischen Kontext, „halten wir nicht nur aufgrund der deutschen Vergangenheit für problematisch. Wir befürchten, daß er nicht Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit, sondern Ausgrenzung und Spaltung fördert“, verlautbarte er.

Drei Varianten von Globalismus

Und auch der Schriftsteller Daniel Schreiber wettert nun in der Zeit, daß mit diesem Begriff „Deutschland so werden soll, wie es nie war“. In Schreibers inhaltlich sehr dünnen Zeilen offenbaren sich exemplarisch die weitgehend unreflektierten, durchaus antideutsch zu titulierenden, Ressentiments, die vielen Zeitgenossen in ihre Hirne transplantiert wurden.

Schreibers historisches Zeitverständnis ist in starkem Maße determiniert, also von der Vorstellung eines „Fortschritts“ und eines „Rückschritts“ strukturiert. „Fortschritt“ ist im Kontext solchen Denkens ein Mehr an Globalisierung, an Internationalität, an Grenzöffnung, an Migration, an Multikulturalismus, an Auflösung traditioneller Lebensformen, an weltweiter Vernetzung, an digitaler Geschwindigkeit, an Normierung bei gleichzeitiger Vielfalt der Produktauswahl.

An der politischen Selbstverortung des jeweiligen Publizisten oder Politikers liegt es dann, ob er sich mit diesem globalistischen Konzept zufrieden gibt (neoliberal) oder ob er noch eine Prise mehr an „sozialer Gerechtigkeit“ darüber zuckern möchte (gemäßigt links) oder ob er sich von Einwanderung zukünftig einen globalen Umsturz hin zu einer kommunistischen Welt-Gesellschaft erhofft (radikal links).

Sand im Getriebe der globalen Vereinheitlicher

So detailliert äußert sich Schreiber nicht, aber für ihn steht fest, daß es eine Entscheidung zwischen zwei Richtungen gibt, in die sich das Land und die Welt entwickeln können. Der Begriff „Heimat“ weist für ihn in die „rückschrittliche“ Richtung, also eine Welt der Trumpschen Mauern, des polnischen Katholizismus, des österreichischen und ungarischen „Nationalismus“, der türkischen Erdogan-„Diktatur“, der russischen „Hetze“ gegen „Schwule, Lesben und Transgender“ und der Brexit-Briten.

Unterschiedlichste Zeitphänomene werden also in einem Aufwasch als Feinde markiert, und zwar weil sie allesamt Sand im Getriebe einer auf Globalisierung und Vereinheitlichung ausgerichteten Welt-Utopie sind. Daß die „Rechtsextremen“ im Bundestag, gemeint ist die AfD, in einen Kontext mit Erdogan, Putin, der polnischen PiS-Partei und Trump gestellt werden, zeigt, daß die Komplexität der modernen Welt gerade bei Globalisierungsanhängern in ein schlichtes schwarz-weißes Blockdenken zurückverdichtet wird.

Nun kritisiert Daniel Schreiber, daß sich mit dem Begriff „Heimat“ das Bestreben nach einem „irrealen Sehnsuchtsort“ verbinde. Es verberge sich der dahinter der Wunsch nach einer vormodernen Idylle, die „Projektion von kollektiven Sehnsüchten, Ängsten und Nostalgien“.

Irrationale Ängste der Globalisten

Diese Einschätzung mag sogar stimmen. Indes, was ist das anderes, als Globalisierungsfreunde wie Schreiber ebenfalls vertreten? Sie vertreten mit ihrem Projekt einer internationalisierten „Moderne“ ebenfalls einen „irrealen Sehnsuchtsort“. In ihrem Bestreben nach einer Welt des ewigen Friedens in Konsum und Unterhaltungsindustrie, einer Welt der globalen Reise- und Niederlassungsfreiheit sowie der post-ethnischen Vermischung der Völker, offenbaren sich ebenfalls „kollektive Sehnsüchte“.

Und ihre eigenen Ängste zeigen sich ja angesichts der scharfen Attacken gegen sämtliche Störelemente auf dem Weg in die „multikulturelle“ Idylle ganz deutlich. Gerade im Begriff des „rechten Randes“, den Schreiber warnend verwendet, in den Angriffen gegen „Fremdenfeinde“ und „Populisten“ kann man diese durchaus irrationalen Ängste der Globalisten sehr gut erkennen.

In diesem Kampf zwischen Licht und Dunkelheit wirkt Schreibers Vorschlag, den Begriff „Heimat“ doch lieber durch „Zuhause“ zu ersetzen, indes nur lau. Während die Heimat den Umgestaltungsphantasien der Globalisten überlassen werden soll, wird dem Volk nur noch ein „Zuhause“, ein scheinbarer Rückzugsort in den eigenen vier Wänden, zugestanden. Dahinter verbirgt sich allerdings nur der Versuch einer Ent-Politisierung der kritischen Bürger.

 

Zuerst erschienen bei jungefreiheit.de am 12.2.2018