Ein Techno-Museum für Frankfurt

Das MOMEM erinnert an städtische Kulturgeschichte
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Frankfurt bekommt ein Museum der Techno-Bewegung. Das Projekt könnte nicht nur aus Gründen der Steigerung der touristischen Attraktivität für Frankfurt von Bedeutung sein. Hinzu kommen Aspekte der Identität Frankfurts sowie der ästhetischen Gestaltung des öffentlichen Raums.

In der Stadtverordneten-Sitzung vom 21.9.2017 fragte der BFF-Stadtverordnete Mathias Mund nach den Gründen für die nur schleppende Realisierung des Projekts:

„Seit Längerem gibt es Bestrebungen des Vereins `Friends of Momem´, das Treppen-`Loch´ zur Hauptwachen-B-Ebene gestalterisch aufzuwerten. Nach dem Auszug des Kindermuseums soll dort ein `Museum of Modern Electronic Music´ entstehen. Dieses sollte 2018 eröffnen, doch die `Hessenschau´ berichtete Ende 2016, dass Planungsdezernent Mike Josef zunächst eine Machbarkeitsstudie über verschiedene Gestaltungsvarianten des Areals in Auftrag geben und einen städtebaulichen Wettbewerb initiieren wollte.

Ich frage den Magistrat: Wie ist der Stand besagter Machbarkeitsstudie sowie des städtebaulichen Wettbewerbs, und wann ist mit dem Einzug des `Museum of Modern Electronic Music´ inklusive Neugestaltung des Vorplatzes zu rechnen?“

Stadtrat Mike Josef antwortete damals, dass es erst zu Prüfungen hinsichtlich Statik, Belüftung und Brandschutz kommen müsse. Diese ständen im Zusammenhang mit längerfristigen Planungen zur Umgestaltung des U-Bahn-Lochs an der Hauptwache. Eventuell ist es zukünftig nämlich geplant, das Loch des U-Bahn-Abgangs zu schließen. Nun wurde bekannt, dass das Techno Museum MOMEM die Räume des ehemaligen Kindermuseums für fünf Jahre mieten kann. Auch die BFF-Fraktion begrüßt die nun endlich gefallene Entscheidung und hat dieser im Stadtparlament zugestimmt.

Um das Museum zu verstehen, muss man die Hintergründe kennen. Frankfurt gehörte nämlich Ende der 1980er Jahre zu den Ursprungsorten der Techno-Kultur. Und es ist richtig, dass auf diesen Teil der Stadtgeschichte angemessen hingewiesen wird. Neben Berlin wurde es damals gar als Techno-Hauptstadt angesehen. 1984 gründete der gebürtige Frankfurter Andreas Tomalla alias Talla 2XLC den berühmten „Technoclub“. Die Partyreihe gastierte erst in der Diskothek „No Name“, dann im „Roxanne“, schließlich in Sven Väths „Omen“ und im „Dorian Grey“ am Flughafen.

Im „Omen“ in der Junghofstraße führte der junge DJ Sven Väth erste Acid-House-Abende ein. Weitere wichtige Meilensteine der regionalen Geschichte der elektronischen Musik waren das „XS“ (später „Box“) im Keller der städtischen Bühnen, das 1997 gegründete „Space Place“ (heute „Tanzhaus West“) im Gutleutviertel und der „Cocoon-Club“ (heute „Moon“) in der Carl-Benz-Straße, bei dessen Innengestaltung sich Betreiber Sven Väth auch ästhetisch verwirklichte.

Neben Talla 2XLC und Sven Väth zählen auch der Mörfelder DJ Dag sowie der 2006 verstorbene Frankfurter Produzent Markus Löffel alias Mark Spoon zu den aus der Region stammenden Größen der Bewegung, die in den 90er Jahren Millionen zur „Love-Parade“ auf die Straßen brachte. Zu den bekannten Labels der Region gehört das Offenbacher Unternehmen „Elektrolux“ von Alex Azary, der nun als Direktor des MOMEM fungieren wird.

Dieser Exkurs war wichtig, um zu verdeutlichen, dass die Techno-Kultur einen ihrer Ursprünge in Frankfurt hat, was wiederum dem nun entstehenden Museum eine besondere städtische Bedeutung zukommen lässt. Da sich die Techno-Bewegung international verbreitet hat, dürfte das Museum auch ein zusätzlicher Anlaufpunkt für Touristen sein.

Hinzu kommt der stadtästhetische Wert. Der Abgang zur B-Ebene der Hauptwache präsentierte sich spätestens seit dem Auszug des Kindermuseums lieblos, wenn nicht verwahrlost. Zwischenzeitlich war dort ein „Wintercafé“ eingerichtet worden, in dem Obdachlose von 6 bis 10 Uhr frühstücken konnten. So sozial das Anliegen war, es hatte an dieser Stelle aber auch eine anziehende Wirkung auf die betroffene Bevölkerungsgruppe, was nicht immer einem einladenden Eindruck des kleinen Platzes zu Gute kam. Heute stehen dort noch lieblos platzierte Imbissbuden herum.

Das soll sich nach der Eröffnung des MOMEM ändern. So ist geplant, den U-Bahn-Abgang als Vorplatz des Museums ästhetisch deutlich aufzuwerten und ihm endlich Aufenthaltsqualität zukommen zu lassen.

Nun hat der Stadtverordnete Bernhard E. Ochs von der Fraktion der „Frankfurter“ am 31.5.2018 eine Anfrage mit einigen kritischen Bemerkungen eingereicht. Ochs stört sich daran, dass das Museum „für lau“ betrieben werden kann. Er fragt, ob das MOMEM, das ja die Räume von der Stadt mietfrei überlassen bekommt, seine monatlichen Nebenkosten in Höhe von 3000 Euro selbst zahlt.
Davon aber sollte ausgegangen werden. Zudem ist das MOMEM laut Beschluss der Stadtverordnetenversammlung verpflichtet, alle notwendigen Renovierungs- und Sanierungsarbeiten selbst auszuführen. Von drei Millionen Euro war in der Presse die Rede. Dass der finanzielle Rücklauf für die Stadt nur indirekt geschieht, also durch Steuereinnahmen von Besuchern, die auch in Frankfurt anderweitig konsumieren, sollte nicht verschrecken. Man muss bei der Frage nach dem Profit für die Stadt bedenken, dass das MOMEM ein privates Museum ist, somit zumindest keine Kosten für die Stadt verursacht. 16 Museen werden hingegen in städtischer Regie geführt und fahren dabei teils erhebliche Defizite ein.

Hohe Millionenbeträge kosten also die städtischen Museen den Frankfurter Haushalt. Allein der Neubau des Historischen Museums hat die Stadt über 50 Millionen Euro gekostet. Ebenfalls 50 Millionen Euro hat die Stadt für den Umbau des Jüdischen Museums bereitgestellt. Die Stadt beteiligt sich auch an den Kosten von 16 Millionen Euro, die derzeit für das Romantik-Museum neben dem Goethe-Haus verbaut werden. Die Neugestaltung des Kindermuseums schlug mit eher bescheidenen 350.000 Euro zu Buche. Angesichts solcher Summen fällt die in der Frage implizierte Kritik an fehlenden Mieteinnahmen durch das MOMEM fast unter den Bereich der Lappalie. Zumal ein finanzieller Rücklauf, zumindest indirekt, durch den zu erwartenden Zuspruch internationaler Besuchergruppen erfolgen dürfte.

Eine gravierende Frage von Ochs verdient es, separat beantwortet zu werden. Er fragt: „Ist dem Magistrat bekannt, dass die von ihm in der M 87 angeführten Clubs auch Stätten des Drogenhandels waren und das Omen diesbezüglich zeitweilig von der Staatsanwaltschaft geschlossen wurde? (…) Wenn ja, warum wird dies dann als positives Beispiel angeführt?“

Nun dürfte dem Magistrat dieser Umstand sicherlich bekannt sein. Es ist richtig, dass in der Techno-Szene in nicht unbeträchtlichem Ausmaß synthetische Drogen konsumiert wurden und werden, von allem „Ecstasy“-Pillen. Dieser Konsum hat auch seine Opfer gefordert. So ist nicht auszuschließen, dass zum Beispiel Mark Spoons früher Tod seine Ursache auch im einstigen Konsum von Drogen und Alkohol haben könnte. Gleichwohl gilt die Drogenproblematik natürlich auch für andere Jugendkulturen und Musikszenen. In Gronau existiert ein „Rock´n´Popmusem“, immerhin gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Zur Geschichte der Rockmusik gehören jedoch auch die negativen Begleiterscheinungen Alkohol und Heroin. Man denke an Janis Joplin oder Jim Morrison. In Halle und Siegen existieren Museen für die „Beatles“. Ob dort auch thematisiert wird, dass John Lennon Kontakt zu LSD hatte, müsste überprüft werden.

Selbstverständlich ist der Konsum synthetischer Drogen die Schattenseite der Techno-Kultur. Es ist aber zu hoffen bzw. zu erwarten, dass das neue Museum, diesen Konsum nicht verherrlicht, sondern thematisiert und auch problematisiert, wenn es ein umfassendes Bild der Techno-Kultur vermitteln möchte. Hier gilt es der geistigen Reife der Betreiber das entsprechende Vertrauen entgegen zu bringen. Gleichwohl sollte man eine ästhetische und musikalische Kultur nicht auf ihre Schattenseiten reduzieren.

 

 

Zuerst veröffentlicht bei bff-frankfurt.de am 14.8.2018

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Weniger bei REWE kaufen

DSCF9656bSchon 2016 erzählte mir ein alter Kumpan, ein gläubiger Katholik, dass er sich über REWE aufgeregt hätte. REWE-Märkte würden nun nicht nur penetrant Regenbogen-Aufkleber präsentieren, sondern Durchsagen für Toleranz „unabhängig von der sexuellen Orientierung“ und „Respekt… gegenüber homosexuellen Kollegen“ durch die Verkaufsräume schallen lassen. „Die können von mir aus machen, was sie wollen. Ich habe aber keine Lust, mir das beim Einkaufen erzählen zu lassen.“

Unlängst las ich, dass REWE 2018 politisch nachgelegt hat. Anläßlich des „Internationalen Tages für Toleranz“ verkaufte der Kölner Konzern eine Sonderedition „ja! Erdnuß Chocs„, Erdnüsse mit bunter Schokoglassur.

Beim Kauf einer 500 Gramm-Packung für 1,95 Euro spendete der Käufer automatisch 40 Cent an die 2013 gegründete Einwandererorganisation „Über den Tellerrand“. Unterstützt von Unternehmen, Stiftungen und dem Bundesarbeitsministerium setzt sich diese Initiative für „Integration in die Gesellschaft und soziale Teilhabe von Menschen mit Fluchterfahrung“ ein. Das klingt für den Normalbürger erst einmal harmlos. Dass diese „Integration und soziale Teilhabe“ aber weitere Wanderungswillige motiviert, sich in Bewegung zu setzen und wiederum „Integration und soziale Teilhabe“ zu fordern, ist jenem indes oft nicht in seiner ganzen Tragweite bewusst. Zumindest so lange es noch nicht im eigenen Geldbeutel deutlicher spürbar ist.

Dem REWE-Konzern sind die Kosten egal. Er boomt nämlich. Fast 29 Milliarden Euro nahm er 2017 ein, zwölf Prozent mehr als im Jahr davor. Ob auch die Angestellten 12 Prozent mehr Lohn erhalten haben?

Zu der Unternehmensgruppe gehören jedenfalls nicht nur die REWE-Märkte, sondern auch Billa, Bipa, DER, Penny, Toom und nahkauf.

Nun stand ich dieser Tage an der REWE-Kasse. Und plötzlich ging wie in George Orwell-Manier der Lautsprecher an und ich wurde mit einer „multikulturellen“ Verlautbarung beschallt. „Fremdenfeindliche“ Vorkommnisse hätten den Konzern zu seiner Kampagne bewogen, hieß es. Waren damit zum Beispiel die zahlreichen sexuellen Übergriffe gegenüber fremden Frauen der letzten Zeit gemeint?, fragte ich mich. Und dann folgten die üblichen Slogans für „Vielfalt“ und „Buntheit“, für die der Konzern stehe, also die Umwandlung unserer Bevölkerungsstruktur durch forcierte Masseneinwanderung.

„Muss man sich jetzt auch hier noch mit dieser Politik beschallen lassen?“, fragte ich den Kassierer genervt. Er schaute mich ratlos an. Vermutlich hört er schon gar nicht mehr hin, was aus den Lautsprechern des Marktes dröhnt.

Es lässt sich manchmal nicht vermeiden, zu REWE zu gehen, zum Beispiel weil die Märkte verkehrsgünstig gelegen sind und teils sehr lange geöffnet haben. Aber, ich beschloss, künftig Einkäufe bei REWE stets dann zu vermeiden, wenn mir eine bequeme Alternative zur Verfügung steht. Bei Edeka, Aldi oder Lidl bin ich noch nie mit politischen Parolen belästigt worden. Und ich hoffe, dass es so bleibt.

Somit: Weniger bei REWE kaufen.

 

 

 

 

 

Schnappatmung wegen blauer Blume

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Der 9. November war 2018 der Tag der Schnappatmung. Bildungsferne Politiker und drittklassige Kolumnisten konnten sich mal wieder in aufgeregten Stellungnahmen überbieten. Der Grund: Eine kleine blaue Blume.

Zum Schweigemarsch zur Andacht der ermordeten Juden Berlins anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht erschien nämlich auch der AfD-Politiker Andreas Wild. In früheren Jahre war Wild Mitglied der CDU, der FDP und der Partei Bündnis 90/Die Grünen gewesen. Mittlerweile hat es in in die AfD verschlagen. Nach einigen unsensiblen verbalen Äußerungen wurde der Diplom-Sozialpädagoge 2017 allerdings von seiner Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus ausgeschlossen. Während seiner aktuellen Teilnahme an dem Schweigemarsch, trug er nun eine blaue Kornblume am Revers. „Und damit provozierte er viele Menschen“, wusste zum Beispiel Katja Colmenares in der „B.Z.“ zu berichten. Dies deshalb, weil in Österreich die Kornblume einst auch Parteiblume der großdeutschen Bewegung und von 1933 bis 1938 der illegalen Nationalsozialisten gewesen war. Diese sich heute provoziert fühlenden „vielen Menschen“ haben aber nicht zufällig häufig Parteibücher anderer Colour. Berlins Integrations-Senatorin Elke Breitenbach von der „Linken“ (Farbe Rot) erregte sich über „eine Verhöhnung der Opfer.“ Und die „Grünen“ (Farbe Grün) sprachen von einer „widerlichen Provokation“.

Neu ist die aktuelle Erregung um die blaue Blume auch nicht. Bereits im September ereiferten sich eifrige „Nazi“-Spürnasen bei Facebook darüber, dass ein Mitarbeiter der Ruhr-Universität Bochum und AfD-Mitglied eine blaue Kornblume am Revers getragen hatte. Dies wäre „die Tradition der Schönerer-Bewegung, sowie der Nationalsozialisten in Österreich“. Der Mitarbeiter hätte gezeigt, „wessen Geistes Kind er ist“. Sofort wurde eine Kampagne initiiert, und 1000 Reaktionen zwangen die Universität zur Überprüfung. Der Betroffene, Matthias Helferich, rechtfertigte sich etwas ungelenk, dass die blaue Blume „nun mal die Parteifarbe“ sei, er aber wohl besser eine Tulpe gewählt hätte.

Auch Andreas Wild gab schließlich eine seltsam unbekümmerte Rechtfertigung für seine Blume ab. Sie sei „ein Erkennungszeichen, das wir blau orientierte Leute seit einigen Wochen tragen. Als Ausdruck zu unserer Verbundenheit zum Vaterland.“

Natürlich hätte Wild der ganzen Veranstaltung fern bleiben können, was wohl besser gewesen wäre. Für AfD-Politiker ist es nämlich letztlich beinahe egal, ob sie sich an solchen hochsensiblen Veranstaltungen beteiligen oder zu hause bleiben. Machen sie mit, können sich Leah Rosh und Konsorten über die „Provokation“ echauffieren, bleiben sie fern, liefern sie den Kolumnisten der Qualitätspresse das gesuchte Fressen nach dem Motto: „Jetzt haben sie ihr wahres Gesicht gezeigt.“ Jacke wie Hose also.

Angesichts des Blumen-„Skandals“ durfte nun in der Presse wieder losgegeifert werden, bevor auch nur eine Minute nachgedacht worden war. Dass selbst zu solchen Kleinigkeiten wüste Nazi-Vergleiche gezogen werden, hat natürlich zwei Gründe. Zum Einen ist das Establishment in Politik, Presse und Kulturbetrieb nervös angesichts der weltweiten Verschiebungen bzw. Korrekturen der Machtverhältnisse. Der „Nazi“-Vorwurf ist die derzeit letzte und härteste Waffe, um die Kräfte der Wachablösung von den Fleischtöpfen fern zu halten. Die abgespeicherten Bilder der Geschichte können so wieder einmal für die Gegenwart nutzbar gemacht werden. Hierfür wird ständig akribisch nach möglichen Vergleichen zur NS-Zeit gesucht. Zudem ist es relativ einfach, für alles vom Mainstream Abweichende „Nazi“-Vergleiche zu ziehen, weil der Nationalsozialismus viele Elemente der deutschen Kulturgeschichte für eigene Zwecke genutzt und somit „beschmutzt“ hat. Zum Anderen ist kulturgeschichtliche Allgemeinbildung bei vielen Journalisten und Politikern heutzutage nur noch begrenzt vorhanden. Dazu kommt das Desinteresse, denn eigentlich könnte man sich durch eigenständige Internetrecherche rasch schlauer machen. Doch geht es ja gar nicht darum, richtige Schlüsse zu ziehen, wenn man sich in den Dienst der Propaganda gestellt hat. Wer AfD-Bashing betreiben und „Nazi“-Analogien herstellen will, wird den Teufel tun, sich differenziert mit der Materie zu beschäftigen.

Nun mag man die blaue Blume nur aufgrund ihrer Farbe als Parteisymbol betrachten. Es gibt aber noch einen tieferen Hintergrund. Die blaue Blume ist nämlich kein geheimes „Nazi“-Erkennungszeichen, sondern das historische Symbol der Romantik. Das Motiv taucht erstmals in einem Romanfragment des Dichters Novalis auf. Es ist ein Zeichen für Liebe, das Streben nach Selbsterkenntnis in der Natur und die Sehnsucht nach Unendlichkeit. In unseren Breiten wurde oft die Kornblume als reales Vorbild für dieses metaphysische Motiv herangezogen. Die blaue Blume tauchte in der romantischen Dichtung und Malerei auf, wurde auch in der Wandervogel-Bewegung verwendet. Die protestierenden Studenten der 68er-Zeit kannten sie zumindest noch, als sie skandierten: „Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot!“ In Frankfurt am Main wird gerade ein Romantik-Museum unter der Regie von Christoph Mäckler gebaut. Es erhält bewusst einen blauen Erker als Fassadenelement. Im Museumsshop werden blau blühende Blumensamen verkauft.

Indes, es ist verlorene Liebesmüh, solche Zusammenhänge jenen ungebildeten und ferngesteuerten Zeitgenossen erklären zu wollen, denen es nur noch darum geht, „Nazis“ hinter jedem Blütenblatt aufspüren und das dann gegen die AfD verwenden zu können.

So könnte nur auf dem gleichen Niveau gekontert werden. Die rote Nelke ist ein bekanntlich bei den Sozialdemokraten gerne verwendetes Motiv. Es stammt aus der Zeit der Sozialistengesetze und wurde 1890 als Erkennungszeichen der Arbeiterbewegung entwickelt, weil bei Kundgebungen das Mitführen von Fahnen verboten worden war. Wenig thematisiert wird, dass die russischen Kommunisten regelmäßig tausende dieser roten Nelken zum Todestag von Diktator und Massenmörder Stalin auf dessen Moskauer Grab legen. Für die SPD offenbar bislang noch kein Grund, von diesem skandalösen Symbol Abstand zu nehmen.

Sachverständiger im Landtag NRW

IMG_3108Im Januar war ich vom Hauptausschuss des Landtages Nordrhein-Westfalen als Sachverständiger eingeladen worden. Neben anderen Sachverständigen gab ich eine Stellungnahme zu Plänen der SPD-Fraktion für ein „Demokratiefördergesetz“ ab und wurde während der öffentlichen Anhörung zu meiner Einschätzung befragt.

Letztlich geht es bei diesem Vorhaben darum, dass die Sozialdemokraten ihrem Machtverlust durch Stärkung der pädagogischen Arbeit „gegen rechts“ entgegenwirken wollen. Hierzu sollen diverse, ihrem Anliegen nahe stehende Initiativen und Vereine nun dauerhaft mit staatlichen Geldern versorgt werden. Eine Art staatliche Festanstellung „gegen rechts“ also. Nur im Selbstverständnis der betreffenden Initiativen und der SPD dürfte das in dieser Form etwas mit der Förderung von Demokratie zu tun haben.

Interessant an der Debatte in Düsseldorf waren zwei Dinge. Zum Einen wurden meine kritischen Einwände durchaus zur Kenntnis genommen und wurden in der Diskussion aufgegriffen. Und dies keinesfalls ausschließlich abwehrend. Zum anderen war es interessant, die Reaktionen zu beobachten, als ein Sachverständiger bekannte, jetzt mal „Ol ins Feuer gießen“ zu wollen und sich als „Antifaschist“ bezeichnete. Der eigentlich nicht völlig unkritische Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung ergänzte dann in seiner Stellungnahme, dass auch er sich ja als „Antifaschist“ verstünde. Das ist bemerkenswert für einen Vertreter einer CDU-nahen Stiftung. Denn schließlich ist das ein Begriff, der stalinistische Wurzeln hat. Abgesehen von italienischen Kommunisten und Anarchisten der frühen 1920er Jahre war das Konzept „Antifaschismus“ eines, das seinen Ursprung in den strategischen Planungen der Kommunistischen Internationale (Komintern) hatte. Dass dieser Begriff heute selbst von Christdemokraten als Eigenbezeichnung verwendet wird, hätte sich Stalin nie träumen lassen.

Ein anderes Konzept, dass sich nicht nur einseitig „gegen rechts“ wendet, wäre übrigens der „Antitotalitarismus“ oder der „Anti-Extremismus“.

Hier jedenfalls ein Link zu meiner Stellungnahme zum „Demokratiefördergesetz“:

https://www.landtag.nrw.de/Dokumentenservice/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMST17-282.pdf

 

 

Heimat bauen. Für eine menschliche Architektur

DSCF9358kAus gegebenem Anlass veröffentliche ich an dieser Stelle meinen Aufsatz „Heimat bauen. Für eine menschliche Architektur“.

Dieser erschien bereits 1995 in dem Sammelband „Opposition für Deutschland“. Vom Hintergrund der meisten anderen Autoren dieses Sammelbandes wusste ich damals fast nichts. Ich hatte auch noch kein Internet, in dem man auf die Schnelle hätte „googeln“ können. Die Zusammenstellung der Beiträge lag nicht in meiner Verantwortung, sondern der des Herausgebers. Der hatte damals bei mir angefragt, und ich sagte zu. So konnte ich auch etwas veröffentlichen, was mir schon einige Zeit auf dem Herzen gelegen hatte. Das nur zur Vorgeschichte.

Unlängst zimmerte der modernistische Stuttgarter Architekturtheoretiker Stephan Trüby auch aus einigen herausgepickten Zitat-Fetzen dieses Aufsatzes einen Artikel in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Darin wird mir vorgeworfen, „rechtsradikale“ Thesen verbreitet zu haben. Gesinnungsfreunde aus dem Umfeld der Zeitschrift „Arch+“ gaben ihm später helfend die Hand. Vor allem aber dürfte es bei diesen Vorwürfen gegen mich um den Versuch der Diskreditierung von tiefergehender Kritik an der modernistischen Architektur gehen. Ich habe unlängst darauf geantwortet (hier und hier).

Jedenfalls, ich schrieb diesen Aufsatz vor fast 25 Jahren, noch als Student. Erst jetzt habe ich ihn wieder gelesen. Er gefällt mir gut. Ich bin erstaunt, wie gut ich bereits als junger Mann die Fehlerhaftigkeit und Unbehaglichkeit des modernistischen Städtebaus und seiner Architektur erkannt habe. Manches würde ich heute ein wenig anders formulieren. Manches würde ich vielleicht mehr abwägen. Aber die Jugend kennt eben oft auch mehr Radikalität in ihren Äußerungen. Der Bezug zu Deutschland hatte übrigens vor allem etwas mit dem Buchtitel zu tun, an dem ich mich damals orientierte. Das Problem ist aber ein globales. Es betrifft alle Länder der Erde und alle Menschen.

Meine Thesen schmecken heute Leuten wie Stephan Trüby nicht, und das ist gut so. Damit sich jeder selbst überzeugen kann, was modernistische Ideologen als gefährliche „rechtsradikale“ oder „rechtspopulistische“ Literatur ansehen, ist der Aufsatz nun unten als pdf-Datei lesbar.

Lange vor der Bildung von „Stadtbild“-Vereinen und der Realisierung der großen Rekonstruktionsprojekte der letzten Jahre formulierte also ein junger Student aus freien Stücken eine Art Manifest für eine neue, traditionelle Baukultur.

Heimat bauen

Trüby, Oswalt, Sauerbrei und Arch+ – eine weitere Antwort zur modernistischen Seilschaft

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Die neue Frankfurter Altstadt, das Dom-Römer-Areal, ist nun für Passanten geöffnet. Ich war am ersten Tag dort. Ich hatte dabei ein ganz komisches Gefühl, als ich so durch die Gassen lief. Ich kam mir wie in einem Traum vor. Ich meine das nicht sinnbildlich, sondern wortwörtlich. Es hätte auch noch ein Elefant mit Luftballons vorbeischweben können. Das hätte ich ähnlich wahrgenommen. Jahre lang hatte ich nur Internetbilder des Areals vor Augen, Animationen, Zeichnungen, einige Baustellenfotos. Und plötzlich war ich mitten drin. Wie mitten in einem Bild. Oder so, wie wenn ich im Bild der Mona Lisa gelandet wäre, als wenn die Mona Lisa plötzlich neben mir gestanden und gefragt hätte: „Möchten sie noch etwas Pfeffer über ihre Pasta?“ Alles war noch etwas unwirklich für mich und ich brauchte erst einmal Zeit, das innerlich zu verarbeiten. Das tat der Freude über dieses Projekt, das ich seinerzeit mit angestoßen habe, keinen Abbruch.

Getrübt wurde die Freude allenfalls durch die wiederholten Angriffe einer Seilschaft von Architekten und Hochschullehrern um die in der 68er-Zeit gegründete Zeitschrift „Arch+“. Den Anfang machte der Stuttgarter Hochschullehrer Stephan Trüby. Seinem Vorbild oder Ruf folgten der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt und der Journalist Carsten Sauerbrei. Dann initiierte die „Arch+“-Redaktion sogar noch einen Aufruf „Wider den modernefeindlichen Architekturpopulismus“, den – laut „Arch+“-Eigenangabe – „50 namhafte Persönlichkeiten“ unterzeichneten. Es sind dies zumeist Leute in sicheren, wohldotierten Pöstchen im Universitätsbetrieb oder sonstigen Institutionen. Die Namen der Erstunterzeichner seien hier mal aufgeführt, damit der Leser weiß, welche namhaften Leute Trübys Vorstoß unterstützen:

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Prof. Dr. Marc Angélil, ETH Zürich, Prof. Thomas Auer, TU München / Transsolar, Stuttgart; Dr. Armen Avanessian, Philosoph, Berlin; Prof. Dr. Tom Avermaete, TU Delft; Marius Babias, Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.), Berlin; Prof. Markus Bader, Universität der Künste Berlin / raumlaborberlin, Berlin; Frank Barkow, Princeton University / Barkow Leibinger, Berlin; Prof. Verena von Beckerath; Bauhaus-Universität Weimar / Heide & von Beckerath, Berlin; Prof. Valentin Bontjes van Beek, Hochschule München; Prof. Anne-Julchen Bernhardt, RWTH Aachen / BeL Sozietät für Architektur, Köln; Prof. Dr. Johan Bettum, Städelschule, Frankfurt; Prof. Dr. Friedrich von Borries, Hochschule für bildende Künste Hamburg; Prof. Arno Brandlhuber, ETH Zürich / Brandlhuber +, Berlin; Jens Casper, Casper Mueller Kneer Architects, Berlin; Hans-Jürgen Commerell, Direktor Aedes Architekturforum, Berlin; Prof. Dr. Burcu Dogramaci, LMU München; Prof. em. Dr. Werner Durth, TU Darmstadt; Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt am Main; Prof. Dr. Dietrich Erben, TU München; Dr. h.c. Kristin Feireiss, Direktorin Aedes Architekturforum, Berlin; Prof. Jesko Fezer, Hochschule für bildende Künste Hamburg; Laura Fogarasi-Ludloff, Ludloff Ludloff Architekten, Berlin; Prof. Marc Frohn, KIT Karlsruhe / FAR frohn&rojas, Berlin; Prof. Dr. Sokratis Georgiadis, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart; Prof. Matthias Görlich, Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle; Prof. Dr. Christoph Grafe, Bergische Universität Wuppertal; Prof. Dr. Nina Gribat, TU Darmstadt; Prof. Dr. Maren Harnack, Frankfurt University of Applied Sciences / urbanorbit, Stuttgart; Tim Heide, Heide & von Beckerath, Berlin; Prof. Dr. Jörg Heiser, Prodekan der Fakultät Bildende Kunst, Universität der Künste Berlin; Prof. Dr. Michael U. Hensel, TU Wien; Prof. Dr. Florian Hertweck, Universität Luxemburg; Prof. Fabienne Hoelzel, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart; Christian Holl, frei04 publizistik / Geschäftsführer BDA Hessen, Stuttgart; Prof. Bernd Kniess, HafenCity Universität Hamburg; Prof. Dr. Martin Knöll, TU Darmstadt; Prof. Dr. Stefan Kurath, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften;Prof. Jörg Leeser, Peter Behrens School of Arts Düsseldorf / BeL Sozietät für Architektur, Köln; Regine Leibinger, Princeton University / Barkow Leibinger, Berlin; Prof. Dr. Andres Lepik, TU München; Prof. Bart Lootsma, Universität Innsbruck; Prof. Jens Ludloff, Universität Stuttgart / Ludloff Ludloff Architekten, Berlin; Prof. Dr. Ferdinand Ludwig, TU München; Prof. Dr. Alexander Markschies, Dekan der Architekturfakultät der RWTH Aachen; Jürgen Mayer H., J. MAYER H., Berlin; Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier, Bauhaus-Universität Weimar; Prof. Achim Menges, Universität Stuttgart; Prof. PhD Markus Miessen, University of Gothenburg; Prof. Philipp Oswalt, Universität Kassel; Dr. Claudia Perren, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau; Prof. Uwe Reinhardt, Peter Behrens School of Arts, Düsseldorf; Andreas Ruby, Direktor des Schweizer Architektur Museums, Basel; Amandus Sattler, Allmann Sattler Wappner Architekten, München; Prof. Dr. Klaus Schönberger, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt; Prof. Axel Sowa, RWTH Aachen; Prof. Dr. Laurent Stalder, ETH Zürich; Prof. Jörg Stollmann, TU Berlin; Prof. Andreas Uebele, Peter Behrens School of Arts, Düsseldorf; Prof. Dr. Philip Ursprung, ETH Zürich; Prof. Dr. Georg Vrachliotis, Dekan der Architekturfakultät des Karlsruher Instituts für Technologie; Prof. Ulrich Wegenast, Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, Potsdam; Prof. PhD Eyal Weizman, Goldsmiths, University of London; Prof. Dr. Ines Weizman, Bauhaus-Universität Weimar; Prof. em. Frank Werner, Bergische Universität Wuppertal; Prof. em. Dr. Karin Wilhelm, TU Braunschweig; Prof. Tobias Wulf, Hochschule für Technik Stuttgart; Prof. i.R. Günter Zamp Kelp, Universität der Künste, Berlin; Prof. Dr. Martin Zimper, Zürcher Hochschule der Künste, Zürich

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Nun handelt es sich bei diesen Leuten allesamt um solche, die es in der Karriereleiter ziemlich nach oben zu klettern geschafft haben. Sie sitzen mit ihren Anzügen und schwarzen Rollkragenpullovern in ihren Professorenzimmern, auf ihren schicken Instituts- und Museumssesseln, wähnen sich ausgesprochen modern, verfügen über für sie wichtige Kontakte, werden als namhaft präsentiert, eventuell von einigen Studenten angehimmelt. Und da haben sie nichts besseres zu tun, als vereint auf einen kleinen Publizist, der vermutlich nur über ein Viertel oder gar Fünftel ihres Einkommens verfügt, gemeinschaftlich einzuprügeln. Anscheinend also bin ich für solche namhaften Persönlichkeiten unfassbar wichtig. Das ist bemerkenswert und eigentlich eine schöne Auszeichnung. Nicht jeder schafft so etwas.

Der Vorstoß der Besserverdiener gegen mich ist natürlich der rücksichtslose Versuch einer sozialen Schädigung meiner Person. Es wird Dreck geschmissen in der Hoffnung, dass irgendwas schon hängen bleibt. Diese persönliche Schädigung dürfte den namhaften Erstunterzeichnern sehr zupass kommen. Allenfalls einige sehr Unbedarfte könnten sich keine Gedanken darüber gemacht haben und aus Konformitätsdruck einfach mit Trüby mitgelaufen sein. Aber auch diese seien nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Ihr Karma dürfte belastet bleiben.

Ich werde als „Rechtsradikaler“ vor allem für meine freie Mitarbeit bei der Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“ tituliert, und dies natürlich deswegen, weil das in den Köpfen unbedarfter, unkritischer Leser negative Bilder erzeugen soll. In deren Hinterköpfen abgespeicherte Vorurteile sollen aktiviert werden.

Wie hieß das bekannte Buch von Heinrich Mann noch? „Der Untertan“. Wie hieß der von Erich Fromm beschriebene Typus? „Autoritärer Charakter“. Dieser betreibt die Unterdrückung abweichenden Verhaltens. Er fordert geistigen Konformismus und lehnt eine pluralistische Welt (sicherlich auch im Bereich der Architektur) ab. Sein Denken ist von Konventionen und Ideologien geprägt. Gehorsam gegenüber Autoritäten geht einher mit Intoleranz und Aggression gegen Andersdenkende. Das Verhältnis des „autoritären Charakters“ gegenüber der Macht ist von Sadismus und Masochismus geprägt. Er buckelt nach oben, von wo er Pöstchen, Aufträge und Ehrungen erhält, er tritt nach unten, um Abweichler gefügig zu machen. Der „autoritäre Charakter“ wechselt seine Masken, aber er stirbt eben nicht aus.

Zurück zum Thema: Der Versuch meiner Rufschädigung erfolgt durch allerlei wirre Schlagworte. Laut „Arch+“-Aufruf bin ich „rechtsradikal, völkisch und geschichtsrevisionistisch“, ohne dass eine Erläuterung gegeben wird, was die Herrschaften eigentlich darunter verstehen. Das wird ihnen auch schwer fallen. Personen, die zumeist Architektur und Städtebau studiert haben, verfügen selten über das nötige geistige Rüstzeug, sauber mit geschichtswissenschaftlichen und politologischen Begriffen umgehen zu können sowie die nötige Quellenarbeit hierfür zu leisten. Ein Betriebswirtschaftler kennt vielleicht auch ein paar medizinische Begriffe, operieren kann er aber deshalb noch lange nicht.

Nun geht es Trüby und seinen Geistesverwandten natürlich nicht primär um meine Person. Trüby dürfte die Attacke gegen meine Person deshalb gewählt haben, um damit der Rekonstruktionsbewegung an sich ein Hindernis in den Weg zu stellen. Er suchte demnach wohl nach einer Schwachstelle und glaubte, diese bei meiner Person gefunden zu haben. Das Frankfurter Projekt der neuen Altstadt konnte er damit nicht mehr verhindern, aber es besteht ja die Hoffnung, es künftigen Rekonstruktionsvorhaben schwerer zu machen, sie gar zu verhindern, und modernen Neubaulösungen auf diese Weise zum Erfolg zu verhelfen.

Nun machen Rekonstruktionsvorhaben nur einen minimalen Prozentsatz des hiesigen Bauvolumens aus. Weit über 90 Prozent werden ohnehin modernistisch gebaut. Doch bereits diese kleine Abweichung bereitet den modernistischen Architekturtheoretikern große Sorge, ja Angst. Es ist die Angst vor dem Verlust der unumschränkten Dominanz. Denn die Freude, die Bürger beim Gang durch die neue Frankfurter Altstadt empfinden, findet sich selten beim Gang durch die meisten modernistischen Stadtquartiere, egal beispielsweise ob beim Europa-Viertel oder der Riedberg-Bebauung in Frankfurt. Welch narzisstische Kränkung der Modernisten-Seele.

Die größte Angst, die Trüby und die anderen „namhaften Persönlichkeiten“ auf ihren Professorensesseln umtreiben dürfte, ist aber, das die Rekonstruktionsbewegung nur der Auftakt zu einer viel weitergehenden Revolte sein könnte. Und zwar einer Revolte unter ihren eigenen Studenten.

Noch verhalten sich diese weitgehend brav, konform, angepasst. Es gibt auch Berichte, nach denen sozialer Druck an den Hochschulen gegenüber ästhetisch abweichenden Architekturstudenten ausgeübt wird. Als ich vor einiger Zeit einen journalistischen Termin bei Präsentation junger Architekturstudenten wahrnahm, erläuterten jene ihre Modelle. Jeder erzählte das Gleiche, bei Variation der Worte. Irgendetwas von Transparenz und Offenheit. Eine Kollegin der „Frankfurter Rundschau“ fragte irgendwann genervt: „Das habe ich jetzt alles schon gehört. Hat nicht noch jemand etwas anderes zu sagen?“

Noch sitzen die „namhaften“ modernistischen Professoren fest im Sattel. Aber es treibt sie die Angst um, sie könnten in Zukunft die geistige Kontrolle über ihre Studenten verlieren. Deshalb muss die „Nazi“-Keule als ultimatives Mittel ausgepackt werden. Sie dient der Disziplinierung des eigenen Nachwuchses, dem signalisiert wird, bei Abweichung eventuell dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, ein „Rechter“ oder „Geschichtsrevisionist“ zu sein. Denn Geschichte darf in der Vorstellung des Modernisten eben nur in eine Richtung verlaufen. „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“, wie bereits ein anderer großer Denker vor Stephan Trüby so schön formulierte. Auch jener hätte vielleicht bei „Arch+“ mit unterschrieben, wenn er noch leben würde.

Junge Studenten werden also Courage haben müssen, wenn sie sich gegen die alten Köpfe derer behaupten wollen, die heute noch in den Machtpositionen sitzen. Aber nur so werden sie die Tür zu neuen Möglichkeiten aufstoßen können.