Falsche Fährte Bauhaus

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Jörg Dittus hat auf dem Blog „Jungeuropa“ eine Würdigung der „Bauhaus“-Architektur verfaßt. Darüber wird zu reden sein.

Das Verschwinden historisch gewachsener Vielfalt durch eine beschleunigte Moderne zeigt sich nicht nur in der Bevölkerungspolitik. Die Auswirkungen der Globalisierung sind auch in zahlreichen kulturellen Verästelungen spürbar: in der Angleichung der Kleidermoden, der Popkultur, der Ausbreitung internationaler Konzern-Ketten und nicht zuletzt in der uns täglich umgebenden Architektur.

Nun führen einzelne Architekten und Bürgerinitiativen seit Jahren einen fast aussichtslosen Kleinkrieg gegen den aktuellen Architekturtrend. Die meisten Initiativen basieren, auch wenn sie sich gegenüber dem politischen Tagesgeschäft als neutral verstehen, auf einem wertkonservativen Grundsatzfundament. Sie wollen Naturräume oder historische Ensembles erhalten, sorgen sich um die soziale Stabilität ihres Ortes, setzen sich für etwas ein, das sie als „Heimat“ verstehen.

Von linksradikaler Seite und aus der modernistischen Architektenschaft werden sie dafür angefeindet. Verwunderlich, wenn nun auch Querschüsse von Seiten der Neuen Rechten stattfinden!

Kommen wir zum Text von Dittus, den man hier lesen kann.

Er hat insofern recht, als in der kunsthistorischen Betrachtung eine Differenzierung der unterschiedlichen Akteure jener Designschule von Nutzen ist. Zudem wirken keinesfalls alle Erzeugnisse der klassischen Moderne aus heutiger Betrachtung unästhetisch oder abschreckend. Gleichwohl aber sind die Folgen der klassischen Moderne, darunter des „Bauhauses“, für viele heutige Probleme in städtebaulicher und architektonischer Hinsicht mitverantwortlich.

Statt eine kritische Auseinandersetzung zu suchen, gibt Dittus nur Argumentationsmuster wieder, die zum Kanon der modernistischen Apologetik gehören. Demnach habe das „Bauhaus“ angeblich mit den heutigen Flachdach-Wohnsiedlungen nur wenig zu tun. Das Bauhaus stände nämlich – im Gegensatz zu aktueller Renditearchitektur – für einen gesamtkünstlerischen Anspruch und für Handwerkskunst. Zudem habe (laut Dittus) ein steiles Dach in unserer Region seine symbolische Bedeutung verloren. Ob Flachdach oder steiles Dach würde angesichts der Dämmung gesichtsloser Fassaden „keinerlei Unterschied“ mehr machen. Dittus schreibt:

Der Bruch in der Formensprache, der durch das Aufkommen der Moderne zweifelsohne stattfand, ist nicht allein der Intention ihrer Repräsentanten geschuldet. Vielmehr war die ohnehin in Gang kommende Industrialisierung, der gesamtgesellschaftliche Umbruch, aber auch der neue Baustoff Beton ursächlich, Dinge zu versuchen, die vorher – mit Holz und Ziegel – nicht realisierbar, aber längst in den Köpfen der Ingenieure und Baumeister virulent waren.

Ihm fällt der Widerspruch in der Argumentation offenbar nicht auf. Denn waren nun die Absichten der einzelnen Architekten nur noch zweitrangig, da die neuen Baustoffe bestimmte Formen scheinbar erzwangen ? Oder waren die neuen Formen in „Köpfen der Ingenieure und Baumeister virulent“, somit die Intention der „Bauhaus“-Repräsentanten doch entscheidend?

Zuletzt gibt Dittus die altbekannte Polemik gegen die Gründerzeit-Architektur wieder, die bis heute als Rechtfertigung des Modernismus Verbreitung findet. Auf die Differenzierung, die er für das „Bauhaus“ fordert, verzichtet er bei der Beschreibung des äußerst vielseitigen Historismus hingegen völlig. Dittus:

Man wollte eine neue Zeit einläuten und den Menschen in den planerischen Fokus rücken. Diesen Ansatz kann man schlecht als etwas Negatives bezeichnen und, vor dem Hintergrund der Tristesse der Neo-Ismen der Jahrhundertwende in planerischer Hinsicht wie auch der Fassadengestaltung, nur begrüßen. Tristesse deshalb, da für die sich uns als besonders pittoresk darstellenden Häuser der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein und derselbe Grundriss immer und immer wieder kopiert wurde. Der Bauherr konnte sich dann den Stil in Form von Verputz und Ornament auf die Fassade klatschen lassen – eine gestalterische Ehrlichkeit, bei der sich die Konstruktion in der Fassadengestaltung et vice versa abbildet und erschließen lässt, gab es nicht. Dies war in der klassischen Antike anders und dies sollte in der Moderne wieder Anspruch sein.

Seltsam nur, daß bis heute innerstädtische Gründerzeitstraßenzüge als beliebte Wohnquartiere fungieren. Obwohl sie solche „Tristesse“ ausdünsten? Und mit der Ehrlichkeit ist das so eine Sache. Wie „ehrlich“ sind eigentlich Glasfassaden, die vorgeben zu schweben und ihre Verankerung im Fundament kaschieren? Oder angeklebte Natursteinplatten? Oder warum ist ein Flachdach „ehrlicher“ als ein spitzes Dach? Weil es leugnet, daß es in unseren Gegenden regnet?

Dittus möchte nun ausgerechnet das „Bauhaus“ als Vorbild für die „Neue Rechte“ empfehlen. Demnach dürfte Deutschland im Moment zumindest optisch jeden Tag „rechter“ werden. Ein Blick auf die linke Gegenseite müßte Dittus eigentlich rasch ernüchtern.

„Arch+“, das linke Leitorgan der Baumodernisten, veröffentlichte 2016 die Verlautbarung eines „projects bauhaus“. Zu dessen Koordinationsgruppe gehörten Anh-Linh Ngo und Philipp Oswalt, neben Stephan Trüby zwei Hauptwortführer der universalistisch und anti-national argumentierenden Gegner von Architektur-Rekonstruktionen. In dieser Verlautbarung hieß es treffend zum Bauhaus:

Das Bauhaus wie auch die Klassische Moderne insgesamt engagierten sich für universale Gestaltungsprinzipien. Ganz im Geiste der Aufklärung sollte Gestaltung auf vernünftige, sachliche und allgemeingültige Grundlagen gestellt werden, den Wissenschaften vergleichbar. Damit suchten die modernen Gestalter/innen Anschluss an die erfolgreiche wissenschaftlich-technische Entwicklung, die auf universalistischen Ideen basierte. Zudem wollten sie die mit dem Ersten Weltkrieg offenkundig gescheiterten Nationalismen durch das Konzept des Internationalismus ersetzen. Der Universalismus diente hierbei auch gezielt dem Bruch mit den spezifischen historischen Traditionen. Universell verstandene Gestaltungsprinzipien lösten die einst gestaltprägenden lokal verwurzelten kulturellen Bedingtheiten ab; Geometrie und Physiologie lieferten die neuen naturwissenschaftlich herleitbaren, vermeintlich wertfreien und allgemeingültigen Methoden und Prinzipien.

Aufbauend auf der Annahme von anthropologischen Grundbedürfnissen ermöglicht der Funktionalismus, alle Bauwerke unabhängig von Klasse, Nation und Religion nach einheitlichen und allgemeinen Prinzipien und Methoden zu entwerfen. Damit erhalten alle Bauaufgaben die gleiche gestalterische Aufmerksamkeit und werden nicht etwa nach sozialen Wertskalen oder repräsentativen Erfordernissen hierarchisiert (etwa Fabrikantenvilla versus Arbeiterwohnung). Zugleich verändern sich auch die verwendeten Gestaltungsmittel. An die Stelle hierarchiebildender Formen wie Monumentalität und Symmetrie treten Serialität und Raster.

Demnach bestand der Anspruch des Bauhauses und anderer modernistischer Versuche gerade darin, durch serielles Bauen unter Abkehr von aller Tradition Wohnraum für die moderne Industriegesellschaft zu schaffen. Mit alter Handwerkskunst hatte das nicht viel zu tun.

Peter Cachola Schmal ist seit 13 Jahren Leiter des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main. Nur widerwillig konnte sich der gut vernetzte Strippenzieher mit der Rekonstruktion eines kleinen Teils der Frankfurter Altstadt abfinden. In der Presse wurde unlängst seine Aufforderung an Politik und Architektur zitiert: „Neu bauen, höher bauen, dichter bauen. Äcker bebauen, Siedlungen der fünfziger und sechziger Jahre verdichten.“ Und das alles bewußt ohne Rücksicht auf Anwohner und Bürgerinitiativen, die sich für den Erhalt von Grünflächen einsetzen und über chaotische Verkehrsverhältnisse durch neue Großsiedlungen vor ihren Fenstern sorgen.

Der durch die Politik verursachte Bevölkerungsdruck zieht technokratische „Lösungen“ der Probleme nach sich. Und diese schrecken vor Natur, wertvollen Landwirtschaftsflächen und gewachsenen Ortsstrukturen immer weniger zurück. Derzeit überziehen Flachdachblocks mit Styropor-Dämmfassaden das Land. Möglichst klimafreundlich, mit etwas Rasen auf dem Dach. Längst wird offen darüber diskutiert, dem modularen und seriellen Bauen in Zukunft größere Bedeutung zukommen zu lassen. Die Wiederkehr der „Platte“ hätte sich beim Bau von Flüchtlingsunterkünften bewährt und sei „eine gute Maßnahme gegen den Wohnungsmangel“.

Wir stehen vor einem Bau-Furor, der sich anschickt, viel Naturraum und bislang gemütliche vorstädtische Areale zu zerstören und radikal umzuformen. Deutschland wird sich dabei der restlichen Welt ein Stück mehr angleichen.

Daß hierauf Antworten gefunden werden sollten, liegt auf der Hand. Die aktuelle Rekonstruktionsbewegung kann nur einzelne Bauwerke und Ensemble als Symbole des kulturellen Erbes wiederherstellen. Schon das ist mühsam genug und mit bisweilen enormen Widerständen verbunden.

Für den Wohnungs- und Bürobau abseits kleiner Altstadtbereiche muß aber eine neue Baukultur entstehen, die ein Gegenmodell zur universalistischen Moderne bildet. Dazu gehört eine stärkere Berücksichtigung traditioneller Formen und regionaler Spezifika. Das könnte Bauherren die Chance auf eine Alternative ermöglichen. Die Empfehlung aber, dafür Anknüpfungspunkte beim 100 Jahre alten „Bauhaus“ zu suchen, dürfte indes auf die falsche Fährte führen.

 

Zuerst erschienen bei sezession.de am 25. Juni 2019

Emanzipation mit und ohne Tuch

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Ein Beitrag zur Frankfurter Debattenkultur

Dass an der Frankfurter Goethe-Universität einiges in Schieflage geraten ist, zeigen zahlreiche Vorkommnisse der jüngeren Vergangenheit. Die Begleitumstände der von Prof. Susanne Schröter initiierten Konferenz „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ am 8. Mai 2019 bestätigten den Eindruck, daß nicht nur die Freiheit von Forschung und Lehre an der Goethe-Universität in Gefahr sind. Auch Toleranz und Meinungsfreiheit sind dort offenbar stärker bedrängt denn je.

Um diesen Befund zu belegen seien lediglich einige Ereignisse der letzten anderthalb Jahre ins Gedächtnis gerufen. Im Oktober 2017 wurde ein bereits terminierter Vortrag zum Thema „Polizeialltag in der Einwanderungsgesellschaft“ des Bundesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, an der Universität abgesagt. Rund 60 Wissenschaftler hatten in einem offenen Brief Druck gegen die Einladung ausgeübt. Es war befürchtet worden, Wendt könne sich kritisch zum Thema Einwanderung äußern.

Proteste nach dem gleichen Strickmuster gab es ebenfalls im April 2018, als der Soziologe und Alt-68er Prof. Dr. Gerhard Amendt eine Konferenz zum Thema „Familienkonflikte gewaltfrei austragen“ an der Goethe-Uni organisierte. Ihm wurden von linken Kreisen „homophobe“ Thesen unterstellt.

Auf der offiziellen Webseite der Universität Frankfurt wird unter Nennung Amendts tendenziös für eine Gegenveranstaltung geworben, die im Mai 2018 stattfand: „Rechtskonservative Sexual- und Geschlechterpolitik tritt zurzeit offensiv mit Angriffen gegen Gleichstellung und eine Gesellschaft der Vielfalt an die Öffentlichkeit. Basiselemente dieses Feldzugs sind homophobe Einstellungen, Rechtskonservative Sexual- und Geschlechterpolitik tritt zurzeit offensiv mit Angriffen gegen Gleichstellung und eine Gesellschaft der Vielfalt an die Öffentlichkeit. Basiselemente dieses Feldzugs sind homophobe Einstellungen, antifeministische Ressentiments und die Denunziation der Gender Studies. Die umstrittene Tagung `Familienkonflikte´, die vom 13.-15.04.2018 an der Goethe-Universität stattfand, reiht sich in diese Auseinandersetzung ein. Sie fokussiert inhaltlich auf partnerschaftliche und familiale Gewalt, vor allem von Frauen gegenüber Männern. Als `Geschlechterkampf´ bezeichnet Veranstalter Gerhard Amendt den Konflikt und fordert die Abschaffung von Frauenhäusern und stattdessen die Einrichtung von `Familienhäusern´. Die gemeinsame Vortragsveranstaltung von Gleichstellungsbüro und Cornelia Goethe Centrum setzt sich kritisch mit diesen Positionen und aktuellen Debatten auseinander und fordert zur Diskussion auf.“ Dieser Eintrag ist auch noch ein Jahr nach der Veranstaltung abrufbar.

Im Januar 2019 wurde eine Psychologie-Vorlesung von einer Gruppe Vermummter Linksradikaler mit „Antifa“-Fahne gestürmt, um eine vermeintlich in der „Idenditären Bewegung“ aktive Studentin zu „outen“. Im Bockenheimer Hörsaal wurden Flugblätter verteilt und deren Inhalt vorgelesen. Weitere Flugblätter tauchten am Campus auf, in denen die junge Frau gemobbt und bedroht wurde. Woraufhin die Leitung der Universität nicht die Studentin in Schutz nahm, sondern dem Ansinnen der „Grünen Hochschulgruppe“ nachkam, eine „zentrale Meldestelle“ gegen rechtsgerichtete Studenten einzurichten.

Im April 2019 protestierten „studentische und antirassistische Initiativen“ (O-Ton Frankfurter Rundschau) gegen eine Podiumsdiskussion im Vorfeld der Europawahl an der Frankfurt University of Applied Sciences. Ein „Bündnis `Aufstehen gegen Rassismus – Frankfurt University of Applied Sciences´ rief zum Protest auf, worauf hin eine Gruppe von 16 Studenten den für die Veranstaltung vorgesehenen Saal besetzte und schließlich von Polizei vor die Tür gesetzt werden musste. Der Grund für die Aufregung? Zu einer Diskussion waren nicht nur Sven Simon (CDU), Katarina Barley (SPD), Terry Reinkte (Grüne), Dietmar Bartsch (Die Linke), und Nicola Beer (FDP) eingeladen worden. Auch Jörg Meuthen, Parteichef der AfD, gehörte zu den Diskutanten. Letzter sollte nach Auffassung der Protestierenden ausgeladen und seine Meinung den Zuhörern vorenthalten werden. Doch der Präsident der Frankfurt UAS, Prof. Dr. Frank E. P. Dievernich beugte sich dem Druck nicht und die Veranstaltung konnte nach Durchführung der notwendigen polizeilichen Maßnahmen wie geplant durchgeführt werden.
Am 8. Mai 2019 unterstützte der AStA der Frankfurt University of Applied Sciences eine Veranstaltung auf dem Römerberg unter dem Motto „Wer nicht feiert, hat verloren. 8. Mai – Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg“. Die mit studentischen Geldern finanzierte Institution überschritt damit einmal mehr den Rahmen ihrer Arbeit für studentische Belange. Nicht nur der DGB, die Linke, der Club Voltaire oder die Naturfreunde gaben ebenfalls ihr Logo für die Veranstaltungsplakate her. Auch die DKP war wie selbstverständlich mit von der Partie. Es versteht sich von selbst, daß bei so viel Freudentaumel von den nach dem 8. Mai vergewaltigten, ermordeten oder zu sibirischer Zwangsarbeit versklavten Deutschen keine Rede sein durfte. Und von der Unfreiheit im kommunistischen Ostblock bis 1990 schon gar nicht.

In einem solchen gesellschaftlichen Klima war es also geradezu vorprogrammiert, daß die von Prof. Susanne Schröter an selbigem Datum organisierte Vortragsveranstaltung zum islamischen Kopftuch ebenfalls von Protesten der geistigen Intoleranz begleitet wurde. Im Vorfeld gab es nicht nur Vorwürfe eines „antiislamischen Rassismus“ und Boykottaufrufe, sondern auch die Forderung nach einer Abberufung von Schröter wurde unter dem Hashtag „‘Schroeter_raus“ in den sozialen Netzwerken verbreitet. Die Veranstaltung musste unter massivem Polizeischutz und entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen seitens der Universität durchgeführt werden, wobei sich letztlich nur ein armseliges Häuflein Demonstrierender vor dem Eingang einfand.

Drinnen im Exzellenzclustergebäude „Normative Ordnungen“ wurde viel Erhellendes vorgetragen, allerdings musste man auch querhören können. 700 Anmeldungen hatte es gegeben, so dass die Veranstaltung per Livestream auch ins Präsidiumsgebäude übertragen.

In ihrem Grußwort kam Anne Janz (Bündnis 90/Die Grünen), Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, den Initiatoren der Kampagne gegen Schröter über Gebühr entgegen. Sie äußerte: „Nicht selten verbindet sich Frauenfeindlichkeit mit antimuslimischem Rassismus.“

Susanne Schröter erläuterte in ihrem Vortrag die Aktualität der kritischen Debatte zum Kopftuch. Zu der im Museum Angewandte Kunst (MAK) laufenden Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ stellte sie klar, daß das Phänomen der islamischen Modedort nicht in seiner gesamten Bandbreite behandelt würde und dies für sie der Impuls zu dieser Konferenz gewesen sei. Aus erster Hand legte sie dar, daß der Trend „Islamic Fashion“ seinen Ursprung in Indonesion hat und dort maßgeblich von den radikalen Islamisten in der Provinz Aceh parallel zur gewaltsamen Einführung der Scharia befördert wurde. Sie selbst war dort 2011 bei einem „Islamic Catwalk“ zu Gast, der von einer radikal-islamischen Partei veranstaltet wurde. Deren Kampf für den Zwang zum Kopftuch wurde flankiert von unzähligen Modemagazinen und Modeschauen, die diese Bekleidung in den schillerndsten Farben darstellten. Diese schönen Farben änderten jedoch nichts an deren Zwangscharakter, so Schröter.

Auch in Indonesien begann es mit der Forderung nach dem Recht, ein Kopftuch tragen zu dürfen und endete in der Pflicht, es tragen zu müssen, wusste Schröter zu berichten. So wurde die individuelle Ebene schnell in ein gesellschaftliches System transformiert. In Deutschland seien diese Tendenzen bereits durch eine Wertediktatur und Konformitätsdruck gegenüber Mädchen in Schulen bemerkbar. Als Vorwurf gebrauchte Begriffe wie „antiislamischer Rassismus“ oder „Islamophobie“ seien dabei Kampfbegriffe von radikal-islamischen Gruppierungen, die eine Veränderung der Gesellschaft bewirken wollen.

Die Feministin Alice Schwarzer forderte ein Ende von Sprechverboten. Millionen Frauen weltweit seien zwangsverschleiert und entrechtet. Das müsse man beim Namen nennen können. In Deutschland sei die Islamisierung in den letzten Jahren vorangeschritten. Noch in den 70er Jahren spielte die Religion bei türkischen Gastarbeitern keine große Rolle. Erst mit der islamischen Revolution im Iran 1979 begann der politische Islam ein Thema zu werden, und damit auch das Kopftuch als dessen Symbol. Ab den 1990er Jahren nahm der politische Islam in Deutschland Fahrt auf, unter anderem durch die Gründung des Zentralrats der Muslime. Dabei wurde von der deutschen Öffentlichkeit „im Namen einer falschen Toleranz oder verordneten Fremdenliebe“ meist weggeschaut. Schwarzer erinnerte an die Übergriffe gegen Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015/2016. Damals wollten die Täter signalisieren, daß Frauen nicht auf die Straße gehören. Das Kopftuch fungiere als Flagge des politischen Islam.

Dr. Dina El-Omari vom Zentrum für islamische Theologie an der Universität Münster näherte sich dem Thema durch genaue Quellendarstellung der Suren im Koran. Dabei ging sie der Fragestellung nach, inwieweit für praktizierende Muslimminen das Kopftuch vorgeschrieben sei, wobei sie zu dem Schluss kam, daß es sich dabei um kein Gebot, sondern um eine situationsbezogene Empfehlung handeln würde.

Dr. Abel-Hakim Ourghi von der Pädagogischen Hochschule Freiburg erläuterte, daß die alltägliche Präsenz des Kopftuchs in westlichen Ländern zumeist als Mittel der Provokation diene, indem durch diese Äußerlichkeit die eigene religiöse Überzeugung offen kommuniziert und zur Schau getragen werde. Obwohl er selbst im Kopftuch eine Indoktrination der Koranschulen und ein geschlechtlich hierarchisiertes Weltbild sieht, mit den Folgen der Überwachung, Isolation sowie Denunziation der betroffenen Frauen, spricht er sich gegen ein Kopftuchverbot an Grundschulen aus. Ein Verbot könne Gegenreaktionen auslösen, so seine Begründung.

Nach der Kaffeepause folgten drei Referentinnen, die jeweils sehr unterschiedliche Positionen vertraten. Die Publizistin Khola Maryam Hübsch ist bei der Ahmadiyya Muslim Jamaat aktiv, ist Mitglied der deutschen Islamkonferenz und vertrat als einzige der Referenten eine Position pro Kopftuch. Hübsch bemängelte die fehlende Ausgewogenheit der Referentenliste, erwähnte islamfeindliche Straftaten und erklärte, die Zielrichtung der Veranstaltung werde der „Vielfalt der islamischen Community“ nicht gerecht. Liberale und Nicht-Muslime würden sich in der Kopftuchfrage zu Rettern der muslimischen Frau stilisieren. Ihnen rief Hübsch entgegen: „Vielen Dank, wir verzichten gern.“ Auch paternalistischer Feminismus sei übergriffig, Religion werde mit einem faschistischen System gleichgestellt. Dabei fand Hübsch auch Kritik am politischen Islam. So werde die Religion in manchen islamischen Staaten missbraucht, in dem Staat und Religion nicht ausreichend getrennt würden. Das Kopftuch jedoch sei ein religiöses Symbol, kein politisches. Es würde nur von den Gegnern des Islam politisiert, um Muslime besser bekämpfen zu können. Das Kopftuch sei dabei schon in vorislamischer Zeit nachweisbar. Es zu tragen, sei eine individuelle Entscheidung. Im Koran sei schließlich keine Strafe für Apostasie, also der Abkehr vom Islam, oder das Ablegen des Kopftuchs bekannt. Somit seien sowohl Verschleierungszwang als auch Verschleierungsverbot abzulehnen.

Allgemein war festzustellen, daß Hübsch sehr geschickt die Klaviatur der westlichen linken und linksliberalen Narrative zu spielen verstand. Nicht nur die Rede von der „Vielfalt“, die äußere Liberalität, auch die Erwähnung des Faschismus und der kesse Spruch gegen „alte, weiße Männer“ (damit gegen ihren eigenen Vater) bedient auffallend die Worthülsen des hiesigen linken Mainstreams, um diese dann umzudeuten. So stilisierte Hübsch schließlich das islamische Kopftuch sogar um in einen Akt feministischer Emanzipation und fand damit sicherlich Anschlussstellen beim potenziell prüden und männerfeindlichen Alt-Feminismus. Denn Hübsch erklärte, daß in der kapitalistischen Moderne die Freizügigkeit der Frau einen Zwang zur sexuellen Optimierung beinhalte. Als Beispiel nannte die Fernsehsendung „Germany´s Next Topmodel“ und daraus resultierende Magersucht-Probleme. Gerade Kopftuchträgerinnen würden sich von solcher Sexualisierung „emanzipieren“ und sich der Spiritualität zuwenden. Im Westen würde die Anziehung männlicher Blicke und die Entkleidung als Freiheit verstanden. Aber sei es nicht auch Freiheit, sich vor den männlichen Blicken zu verhüllen?

Die Publizistin Dr. Necla Kelek vertrat hingegen eine klassisch liberale Position westlicher Prägung. Sie berichtete, daß in den 1970er Jahren in der laizistischen Türkei das Kopftuch noch kein Thema war. Auch in der arabischen Welt hätte sich damals eine Frauenemanzipation vollzogen. Erst mit der iranischen Revolution von 1979 änderte sich das langsam. Bei Kindern bis 18 Jahren handele es sich bei dem Zwang, ein Kopftuch zu tragen, um eine Menschenrechtsverletzung. Schließlich seien sie noch von Erwachsenen abhängig. Somit müssten weniger die Opfer dieses Zwangs geschützt werden, als die Täter bestraft gehören. Denn der Hintergrund des Kopftuchs sei, daß den Frauen eine teuflische Aura angedichtet werden, angesichts derer sich Männer nicht kontrollieren könnten. Deshalb müsse die Frau vor der Öffentlichkeit verborgen werden, müssten die Welten der Männer und Frauen strikt getrennt werden. Während Kreuz und Kippa die Demut gegenüber Gott symbolisieren würden, würde das Kopftuch die Demut gegenüber dem Mann symbolisieren. Das sei der Unterschied. Erst die Emanzipation der Frau führe zu einem neuen, säkularen Islam.

Den Abschluss der Veranstaltung machte die ehemalige Rektorin der Griesheimer Berthold-Otto-Schule, Ingrid König. König gab einen tiefen Einblick in den heutigen Alltag einer Frankfurter Grundschule. Nur noch wenige Bio-Deutsche gäbe es dort, so König. Migrationshintergünde dominieren komplett, davon 70% Muslime. Früher sei Religion kein Problem gewesen, bis etwas 2000 habe sie keine groben Respektlosigkeiten feststellen können. Nur gelegentlich hätte es Probleme mit Jungs gegeben, die als kleine Prinzen erzogen wurden. Dann fingen die Probleme mit dem Schwimmunterricht an. Ein afghanischer Vater wollte nicht, daß seine Tochter daran teilnahm. Eventuell auch, weil er sich nichts darunter vorstellen konnte, so König. Mittlerweile würden Hindu-Kinder wegen „Vielgötterei“ gemobbt. Ebenso muslimische Kinder, die den christlichen Religionsunterricht besuchen. Eltern schütteln Lehrkräften nicht die Hände. Weibliche Lehrkräfte werden angegangen, weil sie nicht dezent genug gekleidet wären. Heute gäbe es viel „Rassismus“ in der Schule. „Nicht von Deutschen, denn die gibt es nicht mehr“, konstatierte König.

Zuerst veröffentlicht bei bff-frankfurt.de am 31.5.2019

Die „Vielen“ wollen vor allem eins: „Kohle“

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Die „Vielen“ wollen vor allem eins: „Kohle“
Frankfurter Kulturinstitutionen dienen sich der etablierten Politik an
Auch die Frankfurter „Kulturszene“ hat es sich nicht nehmen lassen, in den Chor der derzeit immer gleichen Parolen einzustimmen. Sie nennen sich „Die Vielen“.

In der Presse war zur Einstimmung in die Thematik zu lesen: „Das Klima in der Kulturszene ist spürbar rauer geworden. Jetzt wehren sich Kulturschaffende auch in Frankfurt gegen eine stärker werdende Einflussnahme von Rechtspopulisten auf ihre Arbeit.“

Diese Behauptung hinterlässt bereits mehrere Fragezeichen. Wenn das Klima „in der Kulturszene“ wirklich rauer geworden ist, tragen dafür auch die Vertreter der „Kulturszene“ die Verantwortung. Dann wird suggeriert, man müsse sich gegen “ Einflussnahme von Rechtspopulisten“ auf ihre Arbeit „wehren“, also ein Bedrohungsszenario. Doch welche „Rechtspopulisten“ sind denn in irgendwelchen Machtpositionen im Staatsapparat und der Verwaltung, um dort in irgendeiner Weise Einfluss auf die „Kulturszene“ zu nehmen? Nicht mal ein einziger Minister, Intendant, Dezernent in Deutschland dürfte derzeit als „Rechtspopulist“ bekannt sein.

56 Frankfurter Kulturinstitutionen haben nach dem Vorbild anderer deutscher Städte die „Frankfurter Erklärung der Vielen“ unterzeichnet. Darunter das Schauspiel, Oper, Theater, Kulturvereine, Verlage, Ateliers, Galerien. Als Sprecherin gegenüber der Presse fungierte die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität (Bereich Theaterwissenschaft) Sophie Osburg. Sie allen wollen sich damit gegen eine „rechtspopulistische Vereinnahmung von Kultur und für eine pluralistische Gesellschaft“ stark machen.

Das nächste Fragezeichen. Zum Pluralismus gehört auch ein solcher der Meinungen. Also auch Toleranz gegenüber „rechtspopulistischen“ Meinungen. Sonst ist „Pluralismus“ nur ein schales Etikett dafür, dass alle die gleiche Linie vertreten sollen. Und wird Kultur nicht bereits seit Jahren politische vereinnahmt? Und zwar keinesfalls von „Rechtspopulisten“. Finden etwa keine einseitig politischen Theaterstücke und Ausstellungen statt? So lange diese aber „linkspopulistisch“ sind, scheint es die „Kulturschaffenden“ nicht zum Protest animiert zu haben.

Zwei typische Stereotypen in den Verlautbarungen fallen auf:

Einmal ist da die ständige Erwähnung einer Bedrohungslage. Es wird also so dargestellt, als sei „die Kultur“ durch neue politische Entwicklungen „in Gefahr“ und „bedroht“. Gemeint mit „die Kultur“ ist eigentlich der Einfluss derzeitig tonangebender Kulturfunktionäre und die Alimentierung vieler Kulturinstitutionen mit Steuermitteln.

Zwar gibt es keinerlei Verlautbarungen von so genannten „Populisten“, dass „die Kultur“ oder die „demokratische und künstlerische Freiheit“ abgeschafft werden sollen, aber die angeblich „Vielen“ haben exakt hier ihre Feindprojektion gefunden. Zwar erwähnen sie auch „fundamentalistische“ und „autoritäre Weltbilder“, doch sie lassen die Definition auffallend schwammig. Fakt ist, dass gerade aus dem Bereich des islamischen Fundamentalismus wirklich Taten gegen Kulturgut und die künstlerische Freiheit bekannt geworden sind. Man muss nicht so weit gehen, an die Zerstörungen des „Islamischen Staates“ an antiken Stätten in Syrien oder die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamyian durch afghanische Taliban-Milizen zu erinnern.

Auch in Europa kam es zu bewussten Zerstörungsakten in Kirchen, die zu einem nicht unerheblichen Teil auf islamistische Kreise zurückzuführen sein dürften. Zudem sind die Terrorakte und Ausschreitungen gegen Magazine, die zum Beispiel Mohammed-Karrikaturen veröffentlicht haben, in bester Erinnerung. Hier wäre wirklich in Zukunft künstlerische Freiheit bedroht, und zwar auch in Folge einer forcierten Masseneinwanderung. Aber gerade davon möchten die „Vielen“ besser doch nicht reden. Die Stoßrichtung ist klar: Das erwünschte Feindbild wird allein im „Rechtspopulisten“ konstruiert.

Dabei ist müßig immer wieder darauf hinzuweisen, wie viel Projektionen in den Verlautbarungen solch selbstverliebter Kämpfer „gegen rechts“ zu finden sind. Diese erklären, sie würden gegen „Intoleranz“ einstehen, doch die geistig Intolerantesten sind sie selbst. Sie behaupten für Pluralismus zu sein, wollen diesen aber nicht wirklich. Er soll jedenfalls nicht über das enge Meinungsspektrum hinausgehen, das unter „Kulturschaffenden“ politisch-korrekter „Konsens“ ist. Sie wenden sich gegen „Vereinnahmung von Kultur“ und Instrumentalisieren diese selbst ständig politisch.

Es dürfte indes so sein, dass der Verblendungszusammenhang und Gruppendruck in diesen geistig stark inzestuösen Kulturmilieus mittlerweile so stark ist, dass die eigenen Schizophrenien gar nicht mehr erkannt werden. Auch mangelndes intellektuelles Vermögen zur kritischen Selbstreflexion dürfte dabei eine gewichtige Rolle spielen.

Andererseits präsentieren sich die Kulturfunktionäre als „Verteidiger“ gegen diese angebliche Bedrohung. Sie greifen dabei auf einen alten Trick zurück, den die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann in den 1970er Jahren als die „Schweigespirale“ bezeichnet hatte. Eine Gruppe kann klein und eine Minderheit sein, erscheint aber durch Dominanz in Auftreten und in den Medien als groß und schrittweise als eine Mehrheit. Dadurch löst sie Isolationsangst bei den sich als schwächer wähnenden Andersdenkenden aus, die zunehmend verstummen, weil sie sich selbst als Minderheit wähnen.

Dem Ingangsetzen einer solchen „Schweigespirale“ dienen linke Demonstrationen unter dem Motto „Wir sind mehr“ wie auch die jetzige „Kulturszene“-Verlautbarung unter der etwas bescheideneren Selbstbezeichnung der „Vielen“. Es soll zum einen den Anhänger im eigenen politischen Lager suggerieren, dass sie Teil einer starken, großen Bewegung seien. Sie sehen „Viele“ oder gar „mehr“. Dementsprechend soll das Selbstbewusstsein und dominante Auftreten ihrer Vertreter gefördert werden. Zum anderen soll dem politischen Gegner suggeriert werden, er wäre in der Minderheit und von starken Mehrheiten oder mindestens feindlich gesonnenen „Vielen“ umzingelt. Wodurch er eingeschüchtert und so letztlich zum Schweigen gebracht werden soll.

Die Frankfurter „Vielen“ kommen immerhin selbst ganz schnell zu dem Punkt, um den es ihnen hauptsächlich zu tun ist: Es geht um Geld. Und so wird im diesbezüglichen Pressebericht bange darauf hingewiesen, dass die AfD in Dresden auf die Verschwendung von Steuergeldern im Kultursektor mit Flugblättern hingewiesen habe. Und auch der Frankfurter Ortsverband dieser Partei hätte eine Reduzierung der Zuschüsse für die städtischen Bühnen um 15 Prozent gefordert.

In Zeiten, in denen vielen Bürgern durch immer höhere Abgaben abverlangt wird, den Gürtel enger zu schnallen, wollen dies die Kulturinstitutionen auf keinen Fall. Die „Vielen“ sind also vor allem eine Lobbygruppe, die den weiteren ungebremsten Geldfluss sicherstellen soll. Die politischen Rollen sind dabei klar verteilt. Die „Rechtspopulisten“ sind der Buhmann. Jene sollen sich auf Theaterbühnen und in Ausstellungen beschimpfen lassen, aber möglichst für noch mehr Geld an ihre Verleumder stimmen. Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) kann sich hingegen solidarisieren, schließlich wird ihre Partei von den „Kulturschaffenden“ ja auch stets mit Schmusekurs geschmeichelt.

Die enge Verbindung aus etablierter Politik und Kulturszene überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass zahlreiche Kulturschaffende und -einrichtungen von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft finanziell abhängig sind. Großunternehmen tragen mit ihren Entscheidungen dazu bei, ob ausreichend Steuermittel fließen, die die Politiker dann ausgeben dürfen. Hinzu kommen die Steuereinnahmen von jedem Bürger, seien es die Lohn- und Einkommensteuer oder die bereits als selbstverständlich angenommene Mehrwertsteuer. Die Politik macht wiederum die Steuergelder locker, an deren Tropf auch eine große Zahl mehr oder minder begabter Kulturschaffender und zahlreiche Einrichtungen hängen.

Obwohl die Stadt Frankfurt auch 2019 Rekordeinnahmen bei der Gewerbesteuer erwartet, rechnet sie mit einem satten Minus im Haushalt. Stadtkämmerer Uwe Becker (CDU) erwartet nämlich auch für die nächsten Jahre Defizite in zweistelliger Millionenhöhe. Einen maßgeblichen Ausgabeposten bildet der Sozialetat. Aber auch der Kulturetat der Stadt ist nicht zu vernachlässigen. Rund 189 Millionen Euro an städtischen Steuermitteln fließen in die Kulturinstitutionen der Stadt. Becker nannte dies „den höchsten kommunalen Kulturhaushalt pro Kopf in Deutschland.“

Zum Vergleich: Die Ausgaben für den gesamten öffentlichen Nahverkehr stehen mit 200 Millionen Euro nur geringfügig über dem Kulturetat. Für Ordnung und Sicherheit werden in Frankfurt nur 76 Millionen Euro ausgegeben, also nicht einmal die Hälfte. Und für Sport sind es gar nur 41 Millionen Euro.

Zu den kommunalen Geldern gesellen sich weitere Förderungen von Seiten der Länder und des Bundes. So erhält das Historische Museum Frankfurt seit 2018 auch Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes. Mit diesem Geld solle dem Museum geholfen werden, das Personal, das Publikum und das Programm zu „diversifizieren“. Diesbezüglich Workshops und Veranstaltungen werden von Puneh Henning und Ismahan Wayah organisiert. Letztere promoviert am Fachbereich English and Postcolonial Studies an der Universität Münster zu zeitgenössischen muslimisch-diasporischen Romanen (Diasporic Muslim Narratives: Unity, Difference, and Dissidence). Zudem hätte sie schon seit Jahren als Referentin, Trainerin und Beraterin „zu den Themen Anti-muslimischer Rassismus, Schwarze Wissens- und Kulturproduktionen, Intersektionalität und postkoloniale Studien“ gearbeitet.

Nicht zufällig hat der Leiter des Historischen Museums, Jan Gerchow, auch bei den „Vielen“ eine Rolle als politischer Rädelsführer übernommen. Die Gruppe posierte mit Gerchow an vorderster Stelle vor dem Eingang des Historischen Museums. Die Förderung dieses Hauses sei nur als Beispiel dafür genannt, dass von der Politik finanziell unterstützt wird, was inhaltlich erwünscht ist. Und so erklärt sich teilweise auch, dass die Kulturszene geistig weitgehend gleichschliffen ist.

Es wird inhaltlich geliefert, was Wirtschaftskreise und etablierte Politik hören wollen. Wobei die Kultur traditionell die Spielwiese der linken etablierten Politik ist, da die alten bürgerlichen Parteien schon lange über kein eigenes kulturpolitisches Profil mehr verfügen und nur noch brav der ideologisch rot-grün dominierten Linie nachtraben. Institutionen und Kulturschaffende, die inhaltlich gegen die erwünschten Vorgaben dieser rot-grünen Kulturpolitik verstoßen würden, müssten riskieren, sich innerhalb ihrer Szene zu isolieren und bei jenen in Ungnade zu fallen, die die Fördermittel locker machen. So finden eine Ausrichtung zur Macht und eine Negativauslese statt. Der Kulturbetrieb wird in seinen Äußerungen stets vorhersehbarer.

Laut Sophie Osburg träfen sich die Hauptinitiatoren der Frankfurter „Vielen“ fortan einmal im Monat zur Lagebesprechung. Im Mai sei ein „Aktionstag“ geplant. Der kulturellen Entwicklung der Stadt Frankfurt wird das höchstwahrscheinlich wenig nutzen. Denn was dort inhaltlich stattfinden wird, ist bereits heute bekannt: Die große Langeweile.
Zuerst veröffentlicht bei bff-frankfurt.de am 10.4.2019

Ein Techno-Museum für Frankfurt

Das MOMEM erinnert an städtische Kulturgeschichte
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Frankfurt bekommt ein Museum der Techno-Bewegung. Das Projekt könnte nicht nur aus Gründen der Steigerung der touristischen Attraktivität für Frankfurt von Bedeutung sein. Hinzu kommen Aspekte der Identität Frankfurts sowie der ästhetischen Gestaltung des öffentlichen Raums.

In der Stadtverordneten-Sitzung vom 21.9.2017 fragte der BFF-Stadtverordnete Mathias Mund nach den Gründen für die nur schleppende Realisierung des Projekts:

„Seit Längerem gibt es Bestrebungen des Vereins `Friends of Momem´, das Treppen-`Loch´ zur Hauptwachen-B-Ebene gestalterisch aufzuwerten. Nach dem Auszug des Kindermuseums soll dort ein `Museum of Modern Electronic Music´ entstehen. Dieses sollte 2018 eröffnen, doch die `Hessenschau´ berichtete Ende 2016, dass Planungsdezernent Mike Josef zunächst eine Machbarkeitsstudie über verschiedene Gestaltungsvarianten des Areals in Auftrag geben und einen städtebaulichen Wettbewerb initiieren wollte.

Ich frage den Magistrat: Wie ist der Stand besagter Machbarkeitsstudie sowie des städtebaulichen Wettbewerbs, und wann ist mit dem Einzug des `Museum of Modern Electronic Music´ inklusive Neugestaltung des Vorplatzes zu rechnen?“

Stadtrat Mike Josef antwortete damals, dass es erst zu Prüfungen hinsichtlich Statik, Belüftung und Brandschutz kommen müsse. Diese ständen im Zusammenhang mit längerfristigen Planungen zur Umgestaltung des U-Bahn-Lochs an der Hauptwache. Eventuell ist es zukünftig nämlich geplant, das Loch des U-Bahn-Abgangs zu schließen. Nun wurde bekannt, dass das Techno Museum MOMEM die Räume des ehemaligen Kindermuseums für fünf Jahre mieten kann. Auch die BFF-Fraktion begrüßt die nun endlich gefallene Entscheidung und hat dieser im Stadtparlament zugestimmt.

Um das Museum zu verstehen, muss man die Hintergründe kennen. Frankfurt gehörte nämlich Ende der 1980er Jahre zu den Ursprungsorten der Techno-Kultur. Und es ist richtig, dass auf diesen Teil der Stadtgeschichte angemessen hingewiesen wird. Neben Berlin wurde es damals gar als Techno-Hauptstadt angesehen. 1984 gründete der gebürtige Frankfurter Andreas Tomalla alias Talla 2XLC den berühmten „Technoclub“. Die Partyreihe gastierte erst in der Diskothek „No Name“, dann im „Roxanne“, schließlich in Sven Väths „Omen“ und im „Dorian Grey“ am Flughafen.

Im „Omen“ in der Junghofstraße führte der junge DJ Sven Väth erste Acid-House-Abende ein. Weitere wichtige Meilensteine der regionalen Geschichte der elektronischen Musik waren das „XS“ (später „Box“) im Keller der städtischen Bühnen, das 1997 gegründete „Space Place“ (heute „Tanzhaus West“) im Gutleutviertel und der „Cocoon-Club“ (heute „Moon“) in der Carl-Benz-Straße, bei dessen Innengestaltung sich Betreiber Sven Väth auch ästhetisch verwirklichte.

Neben Talla 2XLC und Sven Väth zählen auch der Mörfelder DJ Dag sowie der 2006 verstorbene Frankfurter Produzent Markus Löffel alias Mark Spoon zu den aus der Region stammenden Größen der Bewegung, die in den 90er Jahren Millionen zur „Love-Parade“ auf die Straßen brachte. Zu den bekannten Labels der Region gehört das Offenbacher Unternehmen „Elektrolux“ von Alex Azary, der nun als Direktor des MOMEM fungieren wird.

Dieser Exkurs war wichtig, um zu verdeutlichen, dass die Techno-Kultur einen ihrer Ursprünge in Frankfurt hat, was wiederum dem nun entstehenden Museum eine besondere städtische Bedeutung zukommen lässt. Da sich die Techno-Bewegung international verbreitet hat, dürfte das Museum auch ein zusätzlicher Anlaufpunkt für Touristen sein.

Hinzu kommt der stadtästhetische Wert. Der Abgang zur B-Ebene der Hauptwache präsentierte sich spätestens seit dem Auszug des Kindermuseums lieblos, wenn nicht verwahrlost. Zwischenzeitlich war dort ein „Wintercafé“ eingerichtet worden, in dem Obdachlose von 6 bis 10 Uhr frühstücken konnten. So sozial das Anliegen war, es hatte an dieser Stelle aber auch eine anziehende Wirkung auf die betroffene Bevölkerungsgruppe, was nicht immer einem einladenden Eindruck des kleinen Platzes zu Gute kam. Heute stehen dort noch lieblos platzierte Imbissbuden herum.

Das soll sich nach der Eröffnung des MOMEM ändern. So ist geplant, den U-Bahn-Abgang als Vorplatz des Museums ästhetisch deutlich aufzuwerten und ihm endlich Aufenthaltsqualität zukommen zu lassen.

Nun hat der Stadtverordnete Bernhard E. Ochs von der Fraktion der „Frankfurter“ am 31.5.2018 eine Anfrage mit einigen kritischen Bemerkungen eingereicht. Ochs stört sich daran, dass das Museum „für lau“ betrieben werden kann. Er fragt, ob das MOMEM, das ja die Räume von der Stadt mietfrei überlassen bekommt, seine monatlichen Nebenkosten in Höhe von 3000 Euro selbst zahlt.
Davon aber sollte ausgegangen werden. Zudem ist das MOMEM laut Beschluss der Stadtverordnetenversammlung verpflichtet, alle notwendigen Renovierungs- und Sanierungsarbeiten selbst auszuführen. Von drei Millionen Euro war in der Presse die Rede. Dass der finanzielle Rücklauf für die Stadt nur indirekt geschieht, also durch Steuereinnahmen von Besuchern, die auch in Frankfurt anderweitig konsumieren, sollte nicht verschrecken. Man muss bei der Frage nach dem Profit für die Stadt bedenken, dass das MOMEM ein privates Museum ist, somit zumindest keine Kosten für die Stadt verursacht. 16 Museen werden hingegen in städtischer Regie geführt und fahren dabei teils erhebliche Defizite ein.

Hohe Millionenbeträge kosten also die städtischen Museen den Frankfurter Haushalt. Allein der Neubau des Historischen Museums hat die Stadt über 50 Millionen Euro gekostet. Ebenfalls 50 Millionen Euro hat die Stadt für den Umbau des Jüdischen Museums bereitgestellt. Die Stadt beteiligt sich auch an den Kosten von 16 Millionen Euro, die derzeit für das Romantik-Museum neben dem Goethe-Haus verbaut werden. Die Neugestaltung des Kindermuseums schlug mit eher bescheidenen 350.000 Euro zu Buche. Angesichts solcher Summen fällt die in der Frage implizierte Kritik an fehlenden Mieteinnahmen durch das MOMEM fast unter den Bereich der Lappalie. Zumal ein finanzieller Rücklauf, zumindest indirekt, durch den zu erwartenden Zuspruch internationaler Besuchergruppen erfolgen dürfte.

Eine gravierende Frage von Ochs verdient es, separat beantwortet zu werden. Er fragt: „Ist dem Magistrat bekannt, dass die von ihm in der M 87 angeführten Clubs auch Stätten des Drogenhandels waren und das Omen diesbezüglich zeitweilig von der Staatsanwaltschaft geschlossen wurde? (…) Wenn ja, warum wird dies dann als positives Beispiel angeführt?“

Nun dürfte dem Magistrat dieser Umstand sicherlich bekannt sein. Es ist richtig, dass in der Techno-Szene in nicht unbeträchtlichem Ausmaß synthetische Drogen konsumiert wurden und werden, von allem „Ecstasy“-Pillen. Dieser Konsum hat auch seine Opfer gefordert. So ist nicht auszuschließen, dass zum Beispiel Mark Spoons früher Tod seine Ursache auch im einstigen Konsum von Drogen und Alkohol haben könnte. Gleichwohl gilt die Drogenproblematik natürlich auch für andere Jugendkulturen und Musikszenen. In Gronau existiert ein „Rock´n´Popmusem“, immerhin gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Zur Geschichte der Rockmusik gehören jedoch auch die negativen Begleiterscheinungen Alkohol und Heroin. Man denke an Janis Joplin oder Jim Morrison. In Halle und Siegen existieren Museen für die „Beatles“. Ob dort auch thematisiert wird, dass John Lennon Kontakt zu LSD hatte, müsste überprüft werden.

Selbstverständlich ist der Konsum synthetischer Drogen die Schattenseite der Techno-Kultur. Es ist aber zu hoffen bzw. zu erwarten, dass das neue Museum, diesen Konsum nicht verherrlicht, sondern thematisiert und auch problematisiert, wenn es ein umfassendes Bild der Techno-Kultur vermitteln möchte. Hier gilt es der geistigen Reife der Betreiber das entsprechende Vertrauen entgegen zu bringen. Gleichwohl sollte man eine ästhetische und musikalische Kultur nicht auf ihre Schattenseiten reduzieren.

 

 

Zuerst veröffentlicht bei bff-frankfurt.de am 14.8.2018

Weniger bei REWE kaufen

DSCF9656bSchon 2016 erzählte mir ein alter Kumpan, ein gläubiger Katholik, dass er sich über REWE aufgeregt hätte. REWE-Märkte würden nun nicht nur penetrant Regenbogen-Aufkleber präsentieren, sondern Durchsagen für Toleranz „unabhängig von der sexuellen Orientierung“ und „Respekt… gegenüber homosexuellen Kollegen“ durch die Verkaufsräume schallen lassen. „Die können von mir aus machen, was sie wollen. Ich habe aber keine Lust, mir das beim Einkaufen erzählen zu lassen.“

Unlängst las ich, dass REWE 2018 politisch nachgelegt hat. Anläßlich des „Internationalen Tages für Toleranz“ verkaufte der Kölner Konzern eine Sonderedition „ja! Erdnuß Chocs„, Erdnüsse mit bunter Schokoglassur.

Beim Kauf einer 500 Gramm-Packung für 1,95 Euro spendete der Käufer automatisch 40 Cent an die 2013 gegründete Einwandererorganisation „Über den Tellerrand“. Unterstützt von Unternehmen, Stiftungen und dem Bundesarbeitsministerium setzt sich diese Initiative für „Integration in die Gesellschaft und soziale Teilhabe von Menschen mit Fluchterfahrung“ ein. Das klingt für den Normalbürger erst einmal harmlos. Dass diese „Integration und soziale Teilhabe“ aber weitere Wanderungswillige motiviert, sich in Bewegung zu setzen und wiederum „Integration und soziale Teilhabe“ zu fordern, ist jenem indes oft nicht in seiner ganzen Tragweite bewusst. Zumindest so lange es noch nicht im eigenen Geldbeutel deutlicher spürbar ist.

Dem REWE-Konzern sind die Kosten egal. Er boomt nämlich. Fast 29 Milliarden Euro nahm er 2017 ein, zwölf Prozent mehr als im Jahr davor. Ob auch die Angestellten 12 Prozent mehr Lohn erhalten haben?

Zu der Unternehmensgruppe gehören jedenfalls nicht nur die REWE-Märkte, sondern auch Billa, Bipa, DER, Penny, Toom und nahkauf.

Nun stand ich dieser Tage an der REWE-Kasse. Und plötzlich ging wie in George Orwell-Manier der Lautsprecher an und ich wurde mit einer „multikulturellen“ Verlautbarung beschallt. „Fremdenfeindliche“ Vorkommnisse hätten den Konzern zu seiner Kampagne bewogen, hieß es. Waren damit zum Beispiel die zahlreichen sexuellen Übergriffe gegenüber fremden Frauen der letzten Zeit gemeint?, fragte ich mich. Und dann folgten die üblichen Slogans für „Vielfalt“ und „Buntheit“, für die der Konzern stehe, also die Umwandlung unserer Bevölkerungsstruktur durch forcierte Masseneinwanderung.

„Muss man sich jetzt auch hier noch mit dieser Politik beschallen lassen?“, fragte ich den Kassierer genervt. Er schaute mich ratlos an. Vermutlich hört er schon gar nicht mehr hin, was aus den Lautsprechern des Marktes dröhnt.

Es lässt sich manchmal nicht vermeiden, zu REWE zu gehen, zum Beispiel weil die Märkte verkehrsgünstig gelegen sind und teils sehr lange geöffnet haben. Aber, ich beschloss, künftig Einkäufe bei REWE stets dann zu vermeiden, wenn mir eine bequeme Alternative zur Verfügung steht. Bei Edeka, Aldi oder Lidl bin ich noch nie mit politischen Parolen belästigt worden. Und ich hoffe, dass es so bleibt.

Somit: Weniger bei REWE kaufen.

 

 

 

 

 

Schnappatmung wegen blauer Blume

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Der 9. November war 2018 der Tag der Schnappatmung. Bildungsferne Politiker und drittklassige Kolumnisten konnten sich mal wieder in aufgeregten Stellungnahmen überbieten. Der Grund: Eine kleine blaue Blume.

Zum Schweigemarsch zur Andacht der ermordeten Juden Berlins anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht erschien nämlich auch der AfD-Politiker Andreas Wild. In früheren Jahre war Wild Mitglied der CDU, der FDP und der Partei Bündnis 90/Die Grünen gewesen. Mittlerweile hat es in in die AfD verschlagen. Nach einigen unsensiblen verbalen Äußerungen wurde der Diplom-Sozialpädagoge 2017 allerdings von seiner Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus ausgeschlossen. Während seiner aktuellen Teilnahme an dem Schweigemarsch, trug er nun eine blaue Kornblume am Revers. „Und damit provozierte er viele Menschen“, wusste zum Beispiel Katja Colmenares in der „B.Z.“ zu berichten. Dies deshalb, weil in Österreich die Kornblume einst auch Parteiblume der großdeutschen Bewegung und von 1933 bis 1938 der illegalen Nationalsozialisten gewesen war. Diese sich heute provoziert fühlenden „vielen Menschen“ haben aber nicht zufällig häufig Parteibücher anderer Colour. Berlins Integrations-Senatorin Elke Breitenbach von der „Linken“ (Farbe Rot) erregte sich über „eine Verhöhnung der Opfer.“ Und die „Grünen“ (Farbe Grün) sprachen von einer „widerlichen Provokation“.

Neu ist die aktuelle Erregung um die blaue Blume auch nicht. Bereits im September ereiferten sich eifrige „Nazi“-Spürnasen bei Facebook darüber, dass ein Mitarbeiter der Ruhr-Universität Bochum und AfD-Mitglied eine blaue Kornblume am Revers getragen hatte. Dies wäre „die Tradition der Schönerer-Bewegung, sowie der Nationalsozialisten in Österreich“. Der Mitarbeiter hätte gezeigt, „wessen Geistes Kind er ist“. Sofort wurde eine Kampagne initiiert, und 1000 Reaktionen zwangen die Universität zur Überprüfung. Der Betroffene, Matthias Helferich, rechtfertigte sich etwas ungelenk, dass die blaue Blume „nun mal die Parteifarbe“ sei, er aber wohl besser eine Tulpe gewählt hätte.

Auch Andreas Wild gab schließlich eine seltsam unbekümmerte Rechtfertigung für seine Blume ab. Sie sei „ein Erkennungszeichen, das wir blau orientierte Leute seit einigen Wochen tragen. Als Ausdruck zu unserer Verbundenheit zum Vaterland.“

Natürlich hätte Wild der ganzen Veranstaltung fern bleiben können, was wohl besser gewesen wäre. Für AfD-Politiker ist es nämlich letztlich beinahe egal, ob sie sich an solchen hochsensiblen Veranstaltungen beteiligen oder zu hause bleiben. Machen sie mit, können sich Leah Rosh und Konsorten über die „Provokation“ echauffieren, bleiben sie fern, liefern sie den Kolumnisten der Qualitätspresse das gesuchte Fressen nach dem Motto: „Jetzt haben sie ihr wahres Gesicht gezeigt.“ Jacke wie Hose also.

Angesichts des Blumen-„Skandals“ durfte nun in der Presse wieder losgegeifert werden, bevor auch nur eine Minute nachgedacht worden war. Dass selbst zu solchen Kleinigkeiten wüste Nazi-Vergleiche gezogen werden, hat natürlich zwei Gründe. Zum Einen ist das Establishment in Politik, Presse und Kulturbetrieb nervös angesichts der weltweiten Verschiebungen bzw. Korrekturen der Machtverhältnisse. Der „Nazi“-Vorwurf ist die derzeit letzte und härteste Waffe, um die Kräfte der Wachablösung von den Fleischtöpfen fern zu halten. Die abgespeicherten Bilder der Geschichte können so wieder einmal für die Gegenwart nutzbar gemacht werden. Hierfür wird ständig akribisch nach möglichen Vergleichen zur NS-Zeit gesucht. Zudem ist es relativ einfach, für alles vom Mainstream Abweichende „Nazi“-Vergleiche zu ziehen, weil der Nationalsozialismus viele Elemente der deutschen Kulturgeschichte für eigene Zwecke genutzt und somit „beschmutzt“ hat. Zum Anderen ist kulturgeschichtliche Allgemeinbildung bei vielen Journalisten und Politikern heutzutage nur noch begrenzt vorhanden. Dazu kommt das Desinteresse, denn eigentlich könnte man sich durch eigenständige Internetrecherche rasch schlauer machen. Doch geht es ja gar nicht darum, richtige Schlüsse zu ziehen, wenn man sich in den Dienst der Propaganda gestellt hat. Wer AfD-Bashing betreiben und „Nazi“-Analogien herstellen will, wird den Teufel tun, sich differenziert mit der Materie zu beschäftigen.

Nun mag man die blaue Blume nur aufgrund ihrer Farbe als Parteisymbol betrachten. Es gibt aber noch einen tieferen Hintergrund. Die blaue Blume ist nämlich kein geheimes „Nazi“-Erkennungszeichen, sondern das historische Symbol der Romantik. Das Motiv taucht erstmals in einem Romanfragment des Dichters Novalis auf. Es ist ein Zeichen für Liebe, das Streben nach Selbsterkenntnis in der Natur und die Sehnsucht nach Unendlichkeit. In unseren Breiten wurde oft die Kornblume als reales Vorbild für dieses metaphysische Motiv herangezogen. Die blaue Blume tauchte in der romantischen Dichtung und Malerei auf, wurde auch in der Wandervogel-Bewegung verwendet. Die protestierenden Studenten der 68er-Zeit kannten sie zumindest noch, als sie skandierten: „Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot!“ In Frankfurt am Main wird gerade ein Romantik-Museum unter der Regie von Christoph Mäckler gebaut. Es erhält bewusst einen blauen Erker als Fassadenelement. Im Museumsshop werden blau blühende Blumensamen verkauft.

Indes, es ist verlorene Liebesmüh, solche Zusammenhänge jenen ungebildeten und ferngesteuerten Zeitgenossen erklären zu wollen, denen es nur noch darum geht, „Nazis“ hinter jedem Blütenblatt aufspüren und das dann gegen die AfD verwenden zu können.

So könnte nur auf dem gleichen Niveau gekontert werden. Die rote Nelke ist ein bekanntlich bei den Sozialdemokraten gerne verwendetes Motiv. Es stammt aus der Zeit der Sozialistengesetze und wurde 1890 als Erkennungszeichen der Arbeiterbewegung entwickelt, weil bei Kundgebungen das Mitführen von Fahnen verboten worden war. Wenig thematisiert wird, dass die russischen Kommunisten regelmäßig tausende dieser roten Nelken zum Todestag von Diktator und Massenmörder Stalin auf dessen Moskauer Grab legen. Für die SPD offenbar bislang noch kein Grund, von diesem skandalösen Symbol Abstand zu nehmen.

Sachverständiger im Landtag NRW

IMG_3108Im Januar war ich vom Hauptausschuss des Landtages Nordrhein-Westfalen als Sachverständiger eingeladen worden. Neben anderen Sachverständigen gab ich eine Stellungnahme zu Plänen der SPD-Fraktion für ein „Demokratiefördergesetz“ ab und wurde während der öffentlichen Anhörung zu meiner Einschätzung befragt.

Letztlich geht es bei diesem Vorhaben darum, dass die Sozialdemokraten ihrem Machtverlust durch Stärkung der pädagogischen Arbeit „gegen rechts“ entgegenwirken wollen. Hierzu sollen diverse, ihrem Anliegen nahe stehende Initiativen und Vereine nun dauerhaft mit staatlichen Geldern versorgt werden. Eine Art staatliche Festanstellung „gegen rechts“ also. Nur im Selbstverständnis der betreffenden Initiativen und der SPD dürfte das in dieser Form etwas mit der Förderung von Demokratie zu tun haben.

Interessant an der Debatte in Düsseldorf waren zwei Dinge. Zum Einen wurden meine kritischen Einwände durchaus zur Kenntnis genommen und wurden in der Diskussion aufgegriffen. Und dies keinesfalls ausschließlich abwehrend. Zum anderen war es interessant, die Reaktionen zu beobachten, als ein Sachverständiger bekannte, jetzt mal „Ol ins Feuer gießen“ zu wollen und sich als „Antifaschist“ bezeichnete. Der eigentlich nicht völlig unkritische Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung ergänzte dann in seiner Stellungnahme, dass auch er sich ja als „Antifaschist“ verstünde. Das ist bemerkenswert für einen Vertreter einer CDU-nahen Stiftung. Denn schließlich ist das ein Begriff, der stalinistische Wurzeln hat. Abgesehen von italienischen Kommunisten und Anarchisten der frühen 1920er Jahre war das Konzept „Antifaschismus“ eines, das seinen Ursprung in den strategischen Planungen der Kommunistischen Internationale (Komintern) hatte. Dass dieser Begriff heute selbst von Christdemokraten als Eigenbezeichnung verwendet wird, hätte sich Stalin nie träumen lassen.

Ein anderes Konzept, dass sich nicht nur einseitig „gegen rechts“ wendet, wäre übrigens der „Antitotalitarismus“ oder der „Anti-Extremismus“.

Hier jedenfalls ein Link zu meiner Stellungnahme zum „Demokratiefördergesetz“:

https://www.landtag.nrw.de/Dokumentenservice/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMST17-282.pdf