Glanz und Elend der Weimarer Republik

Glanz und ElendDer Kunst der Weimarer Republik widmet sich eine große Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn. Das Ergebnis ist so enttäuschend wie anregend. Stoff zum Nachdenken wird allemal geliefert.

Betritt der Besucher die Ausstellungshalle, trifft er im Treppenaufgang auf eine Wand, die mit Reproduktionen von Wahlplakaten der Weimarer Epoche dekoriert ist. Stellungnahmen sämtlicher politischer Strömungen werden unkommentiert nebeneinander gezeigt, von den Kommunisten bis zu den Nationalsozialisten, von den Sozialdemokraten bis zu den Deutsch-Nationalen. Die Plakate zeigen die Härte der damaligen politischen Auseinandersetzung, aber auch die Leidenschaft und künstlerische Gestaltung, mit denen damals die gegensätzlichen Geistesströmungen aufeinander stießen. Wer diese Pluralität, dieses Aufeinandertreffen der Gegensätze, aber auch in der Kunstausstellung erwartet, wird indes stark enttäuscht werden.

Hier trifft man weitgehend auf Vertrautes. Was dem Betrachter hier als Kunst der Weimarer Republik gezeigt wird, ist zu großen Teilen politisch von der linken Strömung dominiert. Gezeigt wird „Neue Sachlichkeit“, dominiert von deren Hauptvertretern Otto Dix und George Grosz, letzterer KPD-Mitglied. Aus den zweifellos bekannten Kunstwerken dieser Richtung resultierten zahlreiche Klischees, die bis heute bei vielen Menschen die bildliche Wahrnehmung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägen.

Georg Scholz malte fratzenartige „Industriebauern“, einen pickeligen, stiernackigen NS-Anhänger im Café oder dicke, dümmlich-tumbe Vertreter eines deutsch-nationalen „Kriegervereins“. Gerd Graetz zeigte Burschenschafter mit ordinär aufgerissenen Mäulern und Hakenkreuz-Mützen und einen blasierten Offizier mit Monokel. Otto Dix präsentierte übergewichtige grinsende Reiche mit Zigarre und Sektglas in einem Gasthaus, während vor der Tür Bedürftige demonstrieren. Teils gehen diese Darstellungen bis in den Bereich der antisemitischen Judenkarikatur. Diese Klischees von Rechten, Burschenschaftern, Militärs, Monarchen, Geistlichen oder Industriellen sind häufig antifaschistische Propagandakunst par excellence, der es aber gelang, wirkmächtig nachhallende Bilder im kollektiven Bewusstsein zu erzeugen.

Die einseitige Betrachtung jener Epoche findet sich heute bis in feinste Verästelungen wieder. So wird in der historischen Zeittafel des Ausstellungs-Katalogs teils auf marginale Ereignisse hingewiesen, z.B. dass Goebbels Gauleiter der NSDAP in Berlin-Brandenburg wurde oder sich der NSDAP-Versammlungsschutz in „Sturmabteilung“ umbenannt hatte. Es finden sich sogar Hinweise auf Entwicklungen im Ausland, auf die spanische Militärdiktatur unter General Miguel Primo de Rivera oder auf Mussolini. Doch mit keinem einzigen Wort werden dort Lenin oder Stalin erwähnt, von den Massenmorden in der Sowjetunion ganz zu schweigen. Doch wenn man dies ausklammert, wird auch der Bezugsrahmen der Epoche weggeblendet, ohne den ein Verständnis gar nicht möglich ist.

Einige der in der Schau angesprochenen gesellschaftlichen Themenfelder waren sicherlich bedeutsam, so die langsame Änderung der Rolle der Frauen, die 1919 das Wahlrecht erhielten, zunehmend in das Berufsleben strömten und mit Bubikopf-Frisuren und Hosen auch äußerlich bislang männliche Erkennungsmuster übernahmen. Auch die Weimarer Vergnügungsindustrie, wozu der Massensport gehörte, wird in der Ausstellung ausreichend gewürdigt. Dass randständigeren Themen, wie Drogenkonsum, Androgynität oder Transvestiten, die damals höchstwahrscheinlich nur sehr kleine Gruppen der Großstadtbewohner betrafen, derart großer Raum zugebilligt wird, dürfte aber eher am Interesse des heutigen Zeitgeistes liegen. Insofern ist auch eine solche Ausstellung keine Darstellung der Weimarer Wirklichkeit, sondern nur eine aus der heutigen Brille.

Ein Wandtext der Schau erkärt, dass die „Neue Sachlichkeit“ vom „Wunsch nach einer realistischen Darstellung der unmittelbaren Gegenwart“ erfüllt gewesen wäre. Doch das muss angesichts der teils überzeichneten Karikaturen bezweifelt werden. Als „kühl, unbeteiligt, abgeklärt“ beschreibt der Wandtext die Darstellung der modernen Welt in dieser Kunstrichtung. Das ist zu harmlos ausgedrückt. Eine ins Auge springende Verhässlichung der menschlichen Darstellung findet sich nämlich in zahlreichen, der oft in Grautönen gemalten Bilder. Etwa in Otto Dix´ Bildern beinamputierter Kriegskrüppel, Albert Birkles ausgemergelten Gestalten auf dem Kurfürstendamm, Karl Hubbuchs fleischigen Tanzpaaren, Erich Wegners Proletengesichtern. Auch die Darstellung aufgequollener, unförmiger Huren, denen gierige Männerblicke folgen, diente späteren Jahrzehnten zur Entwicklung von Klischee-Bildern. All das wird oft als Reaktion auf die Nachkriegsnot jener Jahre interpretiert. Das mag teils stimmen, greift aber zu kurz. Zwar haben die Schrecken von Krieg und Elend oft auch ihren Weg in die Kunst gefunden, beispielsweise bei Francisco de Goya. Aber eine derart radikale Darstellung von Hässlichkeit ist nicht zwangsläufig für Nachkriegszeiten. Ganz im Gegensatz zu der in der Ausstellung gezeigten Schonungslosigkeit steht zum Beispiel die Kunst nach dem zweiten Weltkrieg, bei der Kriegsmüdigkeit und der Wunsch nach dem Vergessen sowie einem Neuanfang weit stärker im Fokus standen.

Der Krieg und ein Hinweis auf pure Malmoden, also gegenseitige Einflüsse in der Künstlerszene, erklären den ganzen Weltekel, der aus einer großen Zahl der hier gezeigten Personendarstellungen spricht, nur bedingt. Eine viel tiefgehendere Erklärung könnte in der Linkslastigkeit einiger gezeigter Künstler liegen, im damals starken Einfluss des Marxismus. Eine Geistesströmung nämlich, die die bestehende Gegenwart radikal ablehnt, tendiert dazu, in dieser nur Hässlichkeit zu erkennen. George Grosz äußerte folgerichtig 1922: „Den Unterdrückten die wahren Gesichter ihrer Herren zu zeigen, gilt meine Arbeit. Der Mensch ist nicht gut, sondern ein Vieh.“ Das eröffnet Parallelen zu mancher Personendarstellung der christlichen Epoche. Auch bei Hieronymus Bosch finden sich die geschundenen Kreaturen und zahnlosen Fratzen. Findet die Seele im Christentum erst im Jenseits die wahre Erlösung, so liegt diese beim Marxismus erst in der kommunistischen Gesellschaft. Und so wundert es nicht, dass die Kunst des Sozialistischen Realismus der Sowjetunion dann in so deutlichem Gegensatz zu den Grosz-Fratzen der Weimarer Republik geriet.

Für den kritischen Betrachter stellt sich die Frage, ob die Kunstszene der Weimarer Republik wirklich so einseitig ausgerichtet war oder ob die Zusammenstellung der Objekte nur zu sehr heutigen Zeitgeist-Denkmustern verhaftet ist? Einige gefälligere Art déco-Zeichnungen von Dodo, laszive Aquarelle von Jeanne Mammen, ein Bild Werner Peiners, ein Porträt von Ernst Jünger können den dominanten Eindruck der gezeigten Kunsttendenz nur geringfügig korrigieren.
Auffallend ist schon, dass es zu den stilprägenden, und oft gegen die politische Rechte gerichteten, Fratzen und Karikaturen der linken Künstler offenbar kein adäquates Gegenstück von rechts gab. Es finden sich keine abstoßenden Fressen und Figuren kommunistischer oder sozialdemokratischer Funktionäre in der Ausstellung. Einige Darstellungen grobschlächtiger Arbeiter-Agitatoren waren wohl eher als heroische Klassenkämpfer-Bildnisse positiv intendiert.
Das wirft Fragen auf: Waren rechte Künstler weniger aggressiv und hasserfüllt, so dass sie sich für solche „Feinddarstellungen“ zu fein waren? Mochte sich rechte Kunst generell nur der Schönheit widmen, aber nicht der hässlichen Kreatur? Gab es damals möglichenfalls gar keine rechte Kunst von nennenswerter Qualität? Diese Fragen ließen sich mühelos auf unsere Gegenwart übertragen.

Nach 1933 war die „Neue Sachlichkeit“ Weimars passé. Und dies wahrscheinlich weniger durch die staatliche Repression des NS-Systems, als vielmehr, weil sie sich überlebt hatte. Die große Frankfurter Ausstellung hinterlässt viele Fragen zu dieser Epoche, wenn man sich ihr mit kritischer Distanz nähert. Das ist zweifellos ein Verdienst.

Claus-M. Wolfschlag

 

Die Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ ist noch bis 25. Februar in der Frankfurter Schirn Kunsthalle, Römerberg 6, zu sehen. Geöffnet ist Dienstag, Freitag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 22 Uhr.

Advertisements