Organisationsstruktur

Laien, Frust und Selbstformung

 

Einige grundsätzliche Überlegungen zum Thema Organisationsstruktur und Bürgerengagement in politischen Clubs. Der Begriff „Club“ soll dabei nicht verengt verstanden werden. Er umfasst eingetragene Vereine, Debattierzirkel, Arbeitskreise, neue Parteien sowie lockere Organisationsstrukturen jeglicher Couleur.

 

Ausgangslage der hier getätigten Überlegungen ist ein Phänomen, das ich und andere nun schon seit vielen Jahren beobachten konnten. Da an der Basis der deutschen Bürger teils erhebliche Unzufriedenheit mit der Politik der etablierten Parteien besteht, kommt es immer wieder zu Wellen politischen Engagements von unten. Das heißt, aus dem inneren Brodeln heraus fühlen Bürger das Bedürfnis, politisch aktiv zu werden, und zwar abseits des etablierten Mainstreams. Aktuell ist in diesem Bereich die AfD im Brennpunkt, die aber die damit verbundenen Probleme noch recht gut in den Griff bekommt. Doch das Thema soll keinesfalls darauf verengt werden, sondern eben auch die vielen kleinen Clubs und Bürgerinitiativen umfassen, in oft mit einem beträchtlichen Idealismus gegründet werden, um irgendwann wieder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

 

In der Regel handelt es sich bei den Ursachen um Unzufriedenheiten aus einer bürgerlich-konservativen Grundhaltung heraus. Man lehnt so schlicht die tendenziell „rot-grün“ dominierte Richtung in der Ausländer- und Zuwanderungspolitik ab, ebenso die offizielle Haltung zur Islamisierung, ebenso die Begünstigung einer zentralistisch agierenden Europäischen Union, die realisierte Sozial-, Wirtschafts- und Währungspolitik (Stichwort: Euro). Bisweilen kommen auch kulturelle Themen hinzu, in denen sich wertkonservativer Protest an städtebaulichen Vorhaben oder der Beeinträchtigung von Naturarealen meldet. Allgemein wird die Selbstorganisation als notwendig angesehen, da man das Vertrauen in die etablierten politischen Kräfte verloren hat und – schlimmer noch – sich durch „political correctness“, einseitige Medien und soziale Repression Andersdenkender mit zunehmend undemokratischen Tendenzen konfrontiert sieht.

 

So werden, durch einige Köpfe initialisiert, Kontakte gepflegt, die Werbetrommeln gerührt, und schließlich eine Initiative gegründet. Deren Entwicklung und die Ziele der Gründer weisen dann in der Regel den Weg in Richtung Partei, Verein oder Veranstaltungskreis.

 

Doch viele Parteien, Vereine und Veranstaltungskreise sind über die Jahrzehnte rasch gekommen und wieder verschwunden. Oft war ihnen wenig politischer Erfolg beschieden. Das hatte vor allem zwei Gründe:

 

  1. Für den Erfolg bedarf es auch des richtigen Zeitpunkts. Der beste Skispringer kann keinen Rekord springen, wenn die Winde ungünstig wehen. Dies heißt, dass es bislang noch nicht in der Geschichte der Bundesrepublik zu einer derart krisenhaften Zuspitzung der sozialen Verhältnisse kam, wegen der eine Destabilisierung der etablierten politischen Kräfte erfolgt wäre. Es gab also bislang noch keine gute Voraussetzung für spürbare Veränderungen der politischen Kultur. Die Betonung liegt auf „bislang“.

 

  1. Zudem bedarf es der Fähigkeit, durchzuhalten, auch gegen Widerstände und Frustrationen. Man muss als Alternative präsent bleiben, um im Falle einer krisenhaften Zuspitzung der politischen Lage auch als Alternative wahrgenommen zu werden. Zum Beispiel viele europäische Rechtsparteien sind durch Jahrzehnte lange Durststrecken gegangen, bis ihnen große Erfolge zuteil wurden, da sie schließlich als unverbrauchte Kraft entdeckt wurden. Allerdings gehört zur Fähigkeit des Durchhaltens auch jene der Flexibilität. Es gilt also nicht zum puren Traditionsclub zu verhärten, sondern geschmeidig auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren und gelegentliche Erneuerungen vorzunehmen.

 

Doch selbst beim Zusammentreffen beider günstigen Vorbedingungen ist das natürlich noch keinesfalls ein Garant, dass es letztlich wirklich „klappt“.

 

Und hier sind wir bei den nächsten Problemen. Erfolgreiche Unternehmen haben klare Richtlinien, um auf dem hart umkämpften wirtschaftlichen Markt bestehen zu können. Ganz anders im politischen Bereich, wo das bürgerschaftliche Engagement, so sympathisch es sein mag, eher dem dilettieren als einer zielgerichteten Strategie gleicht. Während in der Wirtschaft schlechte Produkte, schlechter Service und schlechtes Marketing rasch mit roten Zahlen und einer Firmeninsolvenz bestraft werden, können politische Clubs oft Jahre lang vor sich hinwursteln und im eigenen Saft schmoren, ohne andere Konsequenzen als die eigene Belanglosigkeit spüren zu müssen. Schließlich droht gemeinhin weder Verlust des privaten Eigentums noch des Arbeitsplatzes, wenn man keinen politischen Erfolg hat. Somit fehlt der nötige Biss und Druck, Erfolg haben zu müssen. So geht aber auch der Blick völlig am politischen Markt vorbei und erschöpft sich in eigene Illusionen. Es bleibt eine gemeinschaftliche Freizeitbeschäftigung in Hinterzimmern von Gaststuben. Schlimmstenfalls fühlt sich jeder, auch ohne echte Befähigung, zum Firmenchef berufen, und der Laden fliegt im Streit der kämpfenden Gockel auseinander.

 

Aus diesem Grund heißt Erfolg haben auch im politischen Geschäft schlicht von der Wirtschaftswelt zu lernen.

 

Hierzu einige Thesen:

 

– Persönliche Fähigkeiten prüfen

Politische Clubs ziehen unterschiedliche Leute an, die der Wunsch nach Aktivität antreibt. Da es aber weder eine Bedarfsliste des Clubs, eine „Stellenausschreibung“ noch ein „Einstellungsgespräch“ gibt, findet sich in der Regel eine bunte Mischung von Leuten ein, über deren konkrete Befähigungen allerdings nichts bekannt ist. Oft sind diese Leute für den Aufbau einer politischen Struktur gänzlich unbefähigt und werden vermutlich nicht einmal benötigt.

Würde der Club wie ein erfolgreiches Unternehmen agieren, dann würde Stellen ausschreiben. Und zwar wären beispielsweise folgende Berufsgruppen interessant:

– IT-Experten (zum Programmieren und Pflegen von Internetauftritten)

– Graphiker (zum Gestalten von Internetseiten, Flugblättern, Plakaten, Aufklebern)

– Journalisten (zum Verfassen von Pressemitteilungen, Artikeln und Kommentaren, die politische Ereignisse aus der Sicht des Clubs zu schildern in der Lage sind)

– Fotografen (zur bildlichen Ergänzung von Artikeln, Webseiten, Flugblättern usw.)

– Kulturschaffende, also Musiker, Schauspieler, Maler (zur Gestaltung von Videoclips und Ergänzung von Veranstaltungen)

– Kampfsportler (zum Schutz von Veranstaltungen vor illegalen kriminellen Attacken des politischen Gegners)

– Wissenschaftler und Intellektuelle (zur Formulierung und fundierten Begründung der politischen Ziele und zum Verfassen analytischer Studien)

– Rhetorisch Begabte (als öffentliches Gesicht bei Veranstaltungen und Reden)

 

So sähe es auch, wenn ein politischer Club Stellenausschreibungen vornehmen würde, um eine Erfolgsaussicht wahrzunehmen. Das geht aber nicht, da es sich beim politischen Club nicht um ein Wirtschaftsunternehmen handelt. Er zahlt keine Gehälter für Mitarbeiter, sondern ist darauf angewiesen, dass die Mitstreiter von alleine zu ihm stoßen, um kostenlos, nur aus innerem Antrieb, aktiv zu werden. Allerdings ist dementsprechend die mangelnde Befähigung für eine erfolgreiche politische Arbeit fast vorprogrammiert. Statt Graphikern und IT-Experten sitzen Versicherungsvertreter im Ruhestand in der Runde, statt Wissenschaftlern und Kampfsportlern wutbürgerliche Hausfrauen. Dieses Problem dürfte sich wohl erst langsam lösen, wenn der politische Club bekannter wird und das gesellschaftliche Krisenszenario zunimmt, somit auch Leute zu der Vereinigung stoßen, die zuvor noch in der Deckung leben.

 

Das alles erschwert indes das Finden des Ziels eines Clubs. Schließen sich Graphiker zusammen, können sie wundervolle Broschüren und Bücher gestalten. Sie würden nicht auf die Idee kommen, ein Musikkonzert geben zu wollen. Eine Gruppe Architekten wird sich gegenseitig beim Bau einer Wohnsiedlung befruchten, sie wird aber keine geschichtswissenschaftlichen Forschungsseminare durchführen. Politische Clubs von Laien aber wollen faktisch alles, sie wollen das ganze Land gestalten, aber bringen personell kaum eine Voraussetzung dafür mit. Somit bleibt auch fast nichts von ihnen.

 

– Ziele prüfen

Unter „Ziele prüfen“ ist zum einen natürlich die generelle politische Zielsetzung zu verstehen, also die Benennung der Problempunkte, die man anders als die Etablierten im politischen Rahmen angehen würde. Hierüber müsste zumindest im Wesentlichen ein gewisser Konsens innerhalb eines funktionierenden politischen Clubs bestehen. Davon ist zumeist aber ohnehin auszugehen. Zum anderen aber – und das ist der wichtigere Punkt – ist zu klären, welches Ziel eigentlich der Club als Institution haben soll.

Bei einem Wirtschaftsunternehmen ist das eindeutig festgelegt. Es will entweder einen Rohstoff abbauen, eine Ware fertigen oder diese bewerben oder mit dieser handeln bzw. sie zum Verbraucher transportieren. Bei einem politischen Club ist diese Festlegung auf das Ziel, also den Sinn und Zweck des Clubs eigentlich noch viel wichtiger. Schließlich muss man die Mitstreiter bei der Stange halten, ihnen den Sinn vermitteln, den sie in der etablierten Politik zunehmend vermissen. Somit müssen Erfolgserlebnisse her, will man sich nicht in Vereinsmeierei und in der gegenseitige Mitteilung des eigenen Unmuts erschöpfen. Bei Parteien ist das noch recht einfach. Man verbindet sich, um gemeinsam Wahlkampf zu bestreiten. Das Ziel ist Erfolg bei einer Wahl und die darauf folgende Erringung von Macht und Posten. Bei einem Club, der nicht Partei wird, ist es hingegen wichtig, seine Aufgabe festzulegen. Er kann eine Vereinigung zur Kampagnen-Organisation, ein Kulturverein, ein Lese- und Diskussionszirkel, eine Gruppe von Straßenaktivisten sein. Er muss dies aber weitgehend festlegen, um den Mitstreitern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen, die sie motivieren und bei der Stange halten. Dies könnten diverse gelungene Gemeinschaftserlebnisse sein:

– Erfolgreich durchgeführte Bildungs- und Kulturveranstaltungen

– Regelmäßige Straßenpräsenz durch Demonstrationen

– Das Verkleben von Plakaten / Verteilen von Flugblättern

– Erfolgreich durchgeführte Kampagnen (Online-Petitionen, Leserbriefe…)

– Aufmerksamkeit der Presse erreichende Happenings usw.

– Förderung bestimmter kultureller Erzeugnisse

 

Allerdings muss man sich im Klaren sein, dass diese Gemeinschaftserlebnisse zwar Außenwirkung erzeugen können, aber noch nicht direkt zu politischen Veränderungen führen. Politische Clubs, sofern es nicht bestehende Eliten-Netzwerke sind, haben keine Macht dazu, etwa den Euro abzuschaffen oder die doppelte Staatsbürgerschaft zu verhindern. Dennoch ist es wichtig, ihren Mitgliedern konkrete positive Erlebnisse zu vermitteln, den Eindruck, doch etwas zu bewegen und zu verändern. Um also Frustrationen bei den meist kleinbürgerlichen Aktivisten vorzubeugen, muss dann deutlich gemacht werden, dass das Gemeinschaftserlebnis, die Pflege der eigenen politischen Kultur, einen Wert an sich darstellt, der auch befriedigend sein kann, ohne unmittelbar spürbare große Wirkungen im Außenbereich der großen Politik zu haben. Was nicht heißt, dass diese nicht langfristig möglich wären. Man nimmt sich also kleine Etappenziele vor, backt bewusst kleine Brötchen im Kreise Gleichgesinnter.

 

– Zielgruppe

Die Zielgruppe ist der direkte Ansprechpartner. Jedes Wirtschaftsunternehmen, sofern es nicht um Produkte des Grundbedarfs geht (z.B. Toilettenpapier), analysiert sehr genau seine Zielgruppe. Weinbrand wird nicht im Kinderprogramm beworben, Sportwagen werden selten an 80-Jährige verkauft. Hierauf aufbauend wird das Produkt zugeschnitten und werden Marketingstrategien entwickelt. Auch dies unterlassen rebellische politische Clubs oft sträflich. Sie wissen oft gar nicht, wen sie eigentlich ansprechen wollen. Und wenn sie davon immerhin eine vage Vorstellung haben, dann haben sie dennoch selten die Bewusstseins- und Bedürfnislage der angesprochenen Zielgruppe analysiert und erfasst. Will man Rentner ansprechen, muss man schlicht eine andere Sprache sprechen, als wenn man Jugendliche als Zielgruppe sieht. Vertreter bürgerlich-konservativer Clubs äußern gelegentlich, dass sie den konservativen Mittelschichtsangehörigen ansprechen wollen. Dann müssen sie sich aber aufgrund der Mentalitätslage dieser Schicht auch im Klaren sein, dass Demonstrationen, spektakuläre Aktionen oder künstlerische Ausdrucksformen in diesem Fall nur schwer möglich sind. Der Zwei-Familienhaus-Besitzer kurz vor oder nach Eintritt des Rentenalters ist primär von Ängsten vor Veränderung seines Wohnumfelds und dem sozialen Abstieg erfüllt. Insofern müsste man einen Club mit dieser Zielgruppe als Vertreter eines Konzepts von Sicherheit und Ordnung positionieren, also als Lösungsangebot gegen diese Ängste in einer sich verändernden Welt. Hierauf muss man Öffentlichkeitsdarstellung und Angebot abstimmen. Und zugleich muss man analysieren, ob diese Zielgruppe erweiterbar ist oder sich rasch erschöpft, ob sie Zukunft hat, ob mit ihr „Wachstum“ möglich ist. Will man Provokationen und Rebellentum, so muss man Jugendliche ansprechen. Dies können aber wiederum nur Jugendliche selbst tun, die auch die Sprache der jungen Leute sprechen, ihre Bedürfnisse und Wünsche kennen. Nichts ist mehr zum peinlichen Scheitern verurteilt, als kleinbürgerliche Vorruheständler, die sich überlegen, auch mal eine Veranstaltung „für die Jugend“ organisieren zu wollen.

 

– Politik der 1. Person

Um Frustrationen vorzubeugen, die zur Erosion und letztlich zum Zerfall der Gruppe führen, muss also vor allzu schnellen Hoffnungen in die Veränderbarkeit der Verhältnisse gewarnt werden. Dies zumal das wild durcheinander gewürfelte Personal solcher Clubs oft gar nicht die Voraussetzungen zu einer gezielten Attacke auf die etablierten politischen Strukturen besitzt. Der allzu großen Hoffnung in eine Politik der 3. Person, also die Lenkung des Staatsvolkes, muss Einhalt geboten werden, stattdessen muss der Fokus auf das Erlebnis in der Gemeinschaft und das Etappenziel gelenkt werden. Es wird somit Politik der 1. Person betrieben, die das Ich-Erlebnis stärkt. In der sich gegenseitig befruchtenden Gruppe erwirbt man Fertigkeiten, hier lernt man, hier schleift man an seiner Persönlichkeit, hier wird man langsam zu dem politischen Akteur und Vorbild, der vielleicht die Vorraussetzungen zu einer neuen Elite schafft oder weitervermittelt. Hier nimmt man Kontakt zu anderen Gleichgesinnten und prominenten Vorbildern auf, die wiederum Fähigkeiten vermitteln, gemeinsame Veranstaltungen mitgestalten. Der Sinn des Clubs liegt somit zumeist im Gewinn von Kontakten, in der Wissensvermittlung, der Bewusstseins- und Charakterbildung, der Bildung neuer Eliten, der Kulturpflege, und er hilft mit, die Vorraussetzungen für effektive politische Arbeit zu erschaffen.

Es ist also wichtig, Erfolgserlebnisse jenseits des unmittelbaren politischen Erfolgs, der erst einmal nicht eintritt, zu schaffen. Diese Erfolgserlebnisse liegen in der Formung des Selbst, in der persönlichen Bewusst- und Menschwerdung.

 

Diese Erfolgserlebnisse führen zu konkreten, nachhaltigen Resultaten. Hier ist es eine Broschüre oder ein Buch, das veröffentlicht werden konnte, dort ist es eine Gedenktafel oder ein gepflanzter Baum. Oder es ist vielleicht auch die Erinnerung an ein paar wirklich gelungene Abende, festgehalten in youtube-Videos. Oder es sind Kontakte, die zu neuem führen. Diese sinnlich erlebbaren Resultate der Arbeit der Organisation, Ergebnisse ihrer kleinen Etappenarbeit, bleiben bestehen, auch wenn sich der Club längst wieder aufgelöst haben sollte. Die in den Club eingebrachte Energie verflüchtigt sich somit also nicht in Nichts, wenn der Prozess der Enttäuschung über die Unerreichbarkeit von Fernzielen eingesetzt haben sollte. Es bleibt ein Nährboden zurück, auf dem andere aufbauen können.

 

Claus Wolfschlag