Intervention

Zu Kritik und Desinformation
– einige Antworten auf zwielichtige Internetmeldungen

Was ist denn „Querfront“ ? (2)
Nun manisch aufgeladen…

Bei der „Querfront“-Angst innerhalb der radikalen linken Szene durfte das Mainzer „Antifa“-Blatt „Intervention TM“ natürlich nicht nachstehen und veröffentlichte bei „nadir.org“ unter „Infoladen Daneben“ eine längere Abhandlung zur „Querfrontstrategie“, der sie auch meine Anthologie „Bye-bye `68“ zuordneten. Da stand dann unter anderem, daß ich „Agitation gegen die Wehrmachtsausstellung“ betrieben hätte und ich mich „publizistisch (…) ohnehin nicht besonders zurück“ hielte (was jenen anonymen Autoren aus der linken Szene wahrscheinlich viel lieber gewesen wäre).

Der Aufsatz spielt stark mit der Technik der Assoziationsketten, die ich in der Arbeit „Das `antifaschistische Milieu´“ sehr ausführlich beschrieben habe.
Einfach ausgedrückt funktioniert dieses Prinzip derart: Person A hat in einer Publikation geschrieben, in der auch Person B einmal geschrieben hat. Person B war einmal auf einer Veranstaltung, bei der auch Person C anwesend war und einen Vortrag hielt. Person C kannte vor Jahren einmal Person D. Person D ist ein Schläger und Straftäter. Fazit: Person A unterstützt Schläger und Straftäter. Er ist Teil eines riesigen Netzwerkes, das die Personen A-D und womöglich noch tausende andere Verschwörer umfasst.
Ziemlich billig diese Agitation, aber effektiv nach dem Motto: Lange genug wiederholt, wird schon irgendetwas bei ängstlichen und unbedarften Bürgern hängenbleiben.
Ansonsten war die Abhandlung eher langweilig zu lesen. Nichts neues an Wissenswertem, das vorgegebene Ergebnis schon nach den ersten Sätzen bekannt, die Angst vor „Querfront“-Strategen manisch aufgeladen.
Was man nicht eindeutig zuordnen kann schafft eben Unsicherheiten.

„Querfront“ – was bedeutet das?
„Querfront“ ist eigentlich nur die Umschreibung für den Versuch mancher rechtsgerichteter Personen, Bündnisparnter im Lager der Linken zu finden. Für den Versuch, auch überhaupt einmal über die alten Links-Rechts-Lagergrenzen hinweg zu reden, ins Gespräch zu kommen. Dagegen sollten sich nach Meinung der „Querfront“-Gegner Anhänger der politischen Linken abschotten, um diesem Ansinnen nicht „auf den Leim“ zu gehen.
Bei „Intervention TM“ bzw. „Infoladen Daneben“ heißt es zu den politischen Folgen, die man durch das eigene Engagement gegen „Querfronten“ erhofft: „Nebenbei bemerkt, ist zu hoffen, daß dies der Linken endlich unwiderruflich klar macht, daß eine emanzipatorische Perspektive nur eine (anti- bzw.) internationalistische und eine antiautoritäre sein kann (Wir bleiben vaterlandslose GesellInnen !)“
Es geht den „Querfront“-Gegnern von „Intervention TM“ also vor allem um das Einschwören auf einen gemeinsamen Block „der Linken“, die nun „unwiderruflich“ auf die „antinationale“ Richtung gebracht werden soll. Auf das Wort „antiautoritär“ sollte man in diesem Zusammenhang aber leider nicht zuviel geben, denn fast immer wurden Anhänger „unwiderruflicher“ Positionen sehr rasch recht autoritär, sobald sie ein Stückchen Macht erlangen konnten und sich gegen „Widerrufe“ durchzusetzen versuchten.

Zu der „Unterwanderungsangst“ der radikalen politischen Linken, die ja eine Angst vor Verlust der eigenen Identität beinhaltet, schrieb ich in dem Buch „Das `antifaschistische Milieu´“, Sonderausgabe, S. 96ff.
(Fußnoten sind beim Verlag als E-Mail über stocker-verlag@stocker-verlag.com erhältlich):

Da eine angeblich vorhandene „faschistische Gefahr“ von den „Autonomen“ als persönliche Bedrohung empfunden wird, sehen sie als primäre Lösung zur Beseitigung ihres Angstgefühls die „Aktion“ an. Der „Feind“, der „Fascho“, wird dabei direkt gesucht, um ihn zu bekämpfen. Damit will man diesen von der Straße bringen, die Gefahr für das eigene Leben eingrenzen und die bedrohlich erscheinende Ausbreitung „faschistischer Propaganda“ im öffentlichen Raum verhindern. (…)
Die durch den Ausmerzungswillen des frühen „orthodoxen Antifaschismus“ entstandene Strategie eines Kontaktverbotes gegenüber rechtsstehenden Personen, denen man kein Podium mehr bieten wollte, und die Angstvorstellungen der Gruppen vor einer angeblich feindlichen „Außenwelt“ führten bei den „aggressiven Antifaschisten“ zu Nebenfolgen. Als Rückkopplungseffekt verstärkte sich in diesem Lager die Abschottung gegenüber den „äußeren“ Einflüssen. Jene, sich immer mehr „faschisierende“ Gesellschaft sollte keine negative Wirkkraft in den „antifaschistischen“ Gruppen entfalten können. Die Sozialpsychologin Wanda von Baeyer-Katte erklärte hierzu 1990: „Allen irgendwie, vom Aspekt der Antifaschisten aus betrachtet, faschismusverdächtigen Gruppen die Öffentlichkeit zu verweigern, ist ja undurchführbar. Hier beginnt jetzt diese selbstzerstörerische Gruppendynamik innerhalb der Antifa. Sie muß alle Gedanken, die sie auch nur entfernt an den Faschismus erinnern, aus ihrem Orientierungsraum fernhalten (…) Sie isoliert sich (…) Die `Antis´ sind ihrer eigenen Informationssperre zum Opfer gefallen. Sie hören nicht mehr, was in den ihnen verdächtig klingenden Begriffen eigentlich gemeint ist.“Wer gegen das Kontaktverbot zur „Außenwelt“ verstößt, beispielsweise mit der Polizei Absprachen tätigt, läuft Gefahr als „Verräter“ von den eigenen Reihen ausgeschlossen zu werden. Von seiten der radikalen Linken wurde allerdings bisweilen das „autonome“ Abgrenzungsverhalten als politisch kontraproduktiv verurteilt: „Gesellschaftliche Relevanz, also die Ausbreitung emanzipatorischer Ideen in der Gesellschaft war damit jedoch nur dann möglich, wenn die Subkultur von Außenstehenden als interessant betrachtet wurde und viele sich ihr anschlossen (…) Die autonome Bewegung vertiefte damit aus eigenem Antrieb ihre Isolation. Man bildete sich ein, `radikal außerhalb der verhaßten Gesellschaft zu stehen´ und erklärte `den Rest´ zu feindlichem Terrain (…) Annäherung fand man nur zu den kulturell scheinbar nahestehenden Gruppen. Momentan ist es z.B. echt `trendy´, an die angeblich vorhandene `linke Kulturszene´ Anschluß zu finden, die Springerstiefel mit umgedrehten Baseball-Kappen zu kombinieren und Hiphop zu hören.“ Aus diesem Kreislauf könnte sich der „aggressive Antifaschismus“ wohl nur lösen, wenn es ihm gelänge, sämtliche faschismusverdächtigen Gruppen (auch innerhalb des linksgerichteten Lagers) vollständig gesellschaftlich zu isolieren, also eine „antifaschistisch“-repressive Herrschaft aufzubauen.

Durch die fehlenden „Intergruppenkontakte“ von „aggressiven Antifaschisten“, durch die Abschottung in ihrer eigenen Wahrnehmung der „Außenwelt“ werden also Gewaltausbrüche begünstigt: „Sobald das Gespräch verstummt, beginnt die gegenseitige Gewaltbereitschaft zu wachsen.“

Wesentlicher Bestandteil „autonomen“ Engagements ist somit auch die Tätigkeit in Konspiration. Ständig fühlt man sich dabei von Feinden beobachtet oder glaubt Feinde beobachten zu müssen.

Ebenso schrieb ich in „Das `antifaschistische Milieu´“, Sonderausgabe, S. 115
(Fußnoten sind beim Verlag als E-Mail über stocker-verlag@stocker-verlag.com erhältlich):

Vor allem „Autonome“ fühlen sich einer großangelegten Verschwörung aus Staatsträgern, Polizei, Justiz, Presse und „Faschisten“ ausgesetzt. Überall lauerten „Netzwerke“, übermächtige „Strukturen“ von Verschwörern, die an unterdrückerischen Zielen arbeiteten, düstere „Unterwanderungen“, Infiltrationen, „rechtsextreme Kulturkämpfer“ mit verschiedensten „Strategien“ zur Machterlangung.

Der Sinn des Buches „Bye-bye `68“ als kritische historische Aufarbeitung der APO-Studentenrevolte wurde bei den angesprochenen Internet-Erwähnungen überhaupt nicht verstanden. Statt dessen wurde das Buch auf falsche Weise nur im politischen Tagesgeschäft verortet. Und das ohne sich einmal die Frage zu stellen, wie denn eine solche „Querfront“-Unterwanderung der – scheinbar unberührbaren – heutigen Linken überhaupt stattfinden soll mit einem Häuflein in die Jahre gekommener APO-Aktivisten, die ebenso wenig Interesse haben wie der Herausgeber, sich in irgendwelchen besetzten „Autonomen“-Häusern rumtreiben zu müssen, um dort Leute zu agitieren, mit denen man gar nichts zu tun haben will. Die Autoren des Buches „Bye-bye `68“, zumeist Alt-68er, machten ja in ihren Beiträgen gerade die Gründe für ihre heutige Distanz zu jener Szene deutlich, die nach Vorstellung von „Intervention TM“ nun angeblich „unterwandert“ werden soll – und in der sich die Autoren von „Intervention TM“ bzw. „Infoladen: Daneben“ wohl noch immer gerne tummeln.
Sollen sie doch – unbehelligt.
Und warum sich in Zukunft dort nicht zur Abwechslung anderen „Fronten“ widmen, statt der „Querfront“? Der Kehr-Front, damit das Bad wieder glänzt? Der Queer-Front, um neue Freunde kennenzulernen? Der Tier-Front, zum Gefallen unserer gefiederten und pelzigen Gefährten?… Aber, jedem seien schließlich seine Freizeitbeschäftigung und die eigenen Ängste überlassen.

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