DISS

Zu Kritik und Desinformation
– einige Antworten auf zwielichtige Internetmeldungen

Was ist denn das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS)?

In dem Beitrag „Heidentum, Musik und Terror“ von Alfred Schobert (in Druckversion erschienen im ehemaligen FDJ-Organ „Junge Welt“ am 18.4.1997) werde ich kurz erwähnt, was aber inhaltlich vernachlässigbar ist.
In Schoberts Artikel „`Junge Freiheit´: Zombie auf dem Zeitungsmarkt“ (in Druckversion erschienen in „Der rechte Rand“ Mai/Juni 1998) wird unter anderem meinem Buch „Hitlers rechte Gegner“ bescheinigt, daß es „wissenschaftlich dürftig“ sei; eine Argumentationslinie, wie sie Jahre später auch wieder bei Äußerungen wider meine Arbeit „Das `antifaschistische Milieu´“ auftreten sollte, unter anderem auch wieder in Artikeln der Zeitschrift „Der rechte Rand“. Natürlich ist eine derartige Einschätzung der persönlichen Meinung des jeweiligen Autors überlassen und aus diesem Grund völlig legitim. Dennoch lohnt ein Blick auf die Hintergründe der Artikel.
Der mittlerweile verstorbene linke Vielschreiber Alfred Schobert war Mitarbeiter des „Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung“ (DISS), ein Verein um den Hochschullehrer Siegfried Jäger.
Merkwürdigerweise erschienen Verlautbarungen von Mitarbeitern des DISS-Instituts in der Vergangenheit oft auf der Internet-Seite „uni-duisburg.de“, obwohl es sich um einen privaten Verein, keine Einrichtung der Universität handelt. Auf kritische Anfrage der FAZ antwortete die Universität Duisburg, daß es sich hierbei um „Serverprobleme“ handele.
Die hier behandelten Äußerungen von Schobert sind zwar im Umfang geringfügig und inhaltlich vernachlässigbar, man sollte dennoch das Umfeld, in dem sich Schobert bewegte, beachten, um die Zeilen besser einordnen zu können.

Was ist das DISS?

Nachfolgend ein Auszug aus meinem Buch „Das `antifaschistische Milieu´“, Sonderausgabe, S. 245ff.
(Fußnoten sind beim Verlag als E-Mail über stocker-verlag@stocker-verlag.com erhältlich):

Siegfried Jäger und das „Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung“ (DISS)

Siegfried Jäger (geb. 1937), Hochschullehrer für Sprachwissenschaft an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg GH, fungiert seit Ende der 1980er Jahre als Leiter des von ihm geschaffenen „Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung“ (DISS). Das DISS fungiert als Koordinierungszentrale für die „antifaschistische Grauzone“, von der aus Anprangerungskampagnen initiiert sowie ideologisch dominierte „Aufklärungsschriften“ verfaßt werden.
Entgegen der Selbstdarstellung des DISS als „unabhängiges wissenschaftliches Institut mit den Forschungsschwerpunkten Rassismus, Bioethik, Rechtsextremismus und Konservatismus“ kam der Journalist Wolf-Rüdiger Mühlmann 1999 nach ausgiebigen Recherchen über die Arbeit des DISS-Mitarbeiters Alfred Schobert zu der Einschätzung: „Das DISS ist vielmehr ein Zusammenschluß einiger intellektuell Gleichgesinnter, und beileibe keine staatliche Einrichtung mit Bildungscharakter oder gar ein Fachbereich einer Universität mit konkretem Lehrauftrag. Freilich, die Bezeichnung `Institut´ ist clever gewählt, denn sie rechtfertigt fragwürdige Aktivitäten und erleichtert es (…), sich in den Medien entsprechend wichtig zu machen und dort unreflektiert seine Gegner an den Pranger zu stellen – ohne daß es den verantwortlichen Redakteuren in den Sinn kommen könnte, die (…) Behauptungen zu hinterfragen.“

Als Auftraggeber für das DISS traten unter anderem das nordrhein-westfälische Kultusministerium und das Landesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Erscheinung. Auch die niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung subventionierte „DISS-Workshops und -Foren gegen Rechtsradikalismus“. Siegfried Jäger fungierte zudem als „Experte“ im Hauptausschuß des Landtags NRW.
Zu den Geldgebern des 1987 gegründeten gemeinnützigen Vereins gehören die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Hans-Böckler-Stiftung. Zudem gäbe es finanzielle Unterstützungen durch die Stadt Duisburg sowie die Landesregierungen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, außerdem durch einen großen privaten Energiekonzern.

Schwerpunkt der DISS-Arbeit sind sogenannte „diskursanalytische Untersuchungen“, die sich vor allem mit „Rassismus“ und „Rechtsextremismus“ beschäftigen. Hierzu wurden zahlreiche Veröffentlichungen publiziert, darüber hinaus Seminare und Vorträge veranstaltet: „Ein Großteil der DISS-Publikationen behandelt den Mediensektor. Dabei kommt das Institut zu Ergebnissen, die eher Satire vermuten lassen, statt wissenschaftlichen Anspruch. So wird der Bild-Zeitung eine `völkisch-nationale Law-and-order-Gesinnung´ unterstellt; das Boulevardblatt sei eine `rassistische Hetzschrift´. Der Frankfurter Allgemeinen wird der Vorwurf gemacht, sie würde vor `rassistischen Karikaturen nur so sprudeln´. Am Focus werden angebliche `volksverhetzende Inhalte´ bemängelt. Dem Nachrichtenmagazin wird auch vorgehalten, den Philosophen Thomas Hobbes zu unkritisch und die RAF zu kritisch behandelt zu haben. (…) Beim Spiegel reicht allein der Gebrauch der Vokabel `Asylant´ aus, um ihm niedere rassistische Motive zu unterstellen. Bei der Süddeutschen Zeitung genügt das vermeintliche `Hohelied auf die Festung Europa´, um eine `Rechtslastigkeit´ zu konstruieren. Auf der anderen Seite werden Anarcho-Blätter wie das Antifa-Info-Blatt, die Antifaschistischen Nachrichten und der maoistische Rechte Rand von dem DISS ausdrücklich zur Lektüre empfohlen.“ In seiner Arbeit „Der Gross-Regulator“ bezeichnete Siegfried Jäger 1993 eine gegen „multikulturelle“ Anliegen gerichtete Berichterstattung als „Hetze“. Er beschrieb die „Bild-Zeitung“ als „reale Gefahr“ für die Demokratie, das Blatt „arbeitet an der Integration (zumindest von Teilen) rechtsextremen Ideologie in die Mitte der Gesellschaft“: „Wie zunehmend die CDU betreibt BILD im Kern eine rechtsextreme (`republikanische´) Politik (…)“
1998 behauptete Jäger, daß der „völkische Nationalismus“ nicht nur in der „Bild-Zeitung“, sondern auch in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und dem Magazin „Focus“ dominant sei. Auch die linksliberale Wochenzeitung „Die Zeit“ verfüge über „neokonservative“ Äußerungen. Und selbst der „Spiegel“ präsentiere sich nationalistisch gefärbt.
Siegfried Jäger bezichtigte während eines Referates vor der Katholischen Hochschulgemeinde in Duisburg sogar den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker des unterschwelligen Rassismus, anhand dessen Ausspruch: „Ausländer sind doch auch Menschen“.
Das Engagement der DISS-Mitarbeiter innerhalb linksgerichteter politischer Zusammenhänge ist immens. Das erste „antifaschistische“ Colloquium des DISS am 8./9.12.1989 wurde beispielsweise in Zusammenarbeit mit der VVN-BdA aus Nordrhein-Westfalen durchgeführt.
In einem Artikel der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ vom 27.9.1996 wurde darauf hingewiesen, daß Siegfried Jäger eng mit der örtlichen PDS zusammenarbeite und im „Neuen Deutschland“ publiziere. Seine Gattin Margret Jäger (geb. 1951), Diplom-Ökonomin und freie Autorin, fungiere zudem als Herausgeberin der maoistisch orientierten Zeitschrift „Revier“.
DISS-Mitarbeiter Helmut Kellershohn (geb. 1949), Studienrat für Geschichte und katholische Religion in Moers, trat als Autor der „Antifaschistischen Nachrichten“ in Erscheinung. Zum Herausgeberkreis dieser Zeitschrift gehört der DISS-Mitautor Martin Dietzsch (geb. 1958). Sie erscheint über die unter unter BWK- und PDS-Einfluß stehende „Gesellschaft für Nachrichtenerfassung und Nachrichtenverbreitung“ (GNN), die auch das RAF-verharmlosende „Angehörigen-Info“ herausgibt. Kellershohn trat als Referent bei „antifaschistischen“ Veranstaltungen auf, beispielsweise auf der Arbeitsgruppenliste der „18. Antifaschistischen Landeskonferenz“ am 2.3.1996 – neben VVN-BdA-Aktivisten, wie Ulrich Sander, PDS-Politikern, wie Albrecht Maurer vom Büro Ulla Jelpke, sowie Vertretern des Sympathisantenumfeldes, wie Hisham Hammad, Landtagsabgeordneter der „Grünen“, und Christof Teuber von dem „Jungdemokraten“.
Mitarbeiter des DISS fungieren auch als Stichwortgeber im Bereich des „aggressiven Antifaschismus“. So hielt beispielsweise DISS-Mitarbeiter Alfred Schobert, unter anderem Autor der „Antifaschistischen Nachrichten“ und der „Jungle World“, Vorträge vor „autonom“ ausgerichteten Kreisen. Dies geschah zum Beispiel 1997 im Mainzer „Kommunikationsverein Haus Mainusch“, einem Zentrum „aggressiver Antifaschisten“, in dem auch Prospekte und Bücher des DISS angeboten wurden.

Vor allem Siegfried Jäger zeichnet sich durch eine umtriebige „antifaschistische“ Vortragstätigkeit und Pressearbeit aus. 1994 berichtete er in einem Interview mit Mitarbeitern einer DGB-Broschüre: „Ich habe in den letzten zwei Jahren sicherlich 200 Vorträge gehalten und gehe in jedes Medium hinein und reiß die Klappe auf.“

Die „antirassistischen“ Anstrengungen des DISS, sich bei Journalisten Einfluß zu verschaffen, fanden vor allem Multiplikatoren in „antifaschistischen“ Szenemedien, aber auch weit darüber hinaus. Nicht nur, daß Margret Jäger, die Ehefrau und enge Mitarbeiterin von Siegfried Jäger, Autorin des „Rechten Randes“ war, Siegfried und Margret Jäger wurden von Journalisten als „Rechtsradikalismus“-Experten für Fernsehdokumentation zu Rate gezogen, das Duisburger DISS zugleich öffentlichkeitswirksam dargestellt. So zog beispielsweise Gert Monheim (geb. 1944), Redakteur, Autor und Regisseur beim Westdeutschen Rundfunk Köln, das Ehepaar Jäger als logistische Ratgeber für seine im Januar 1993 in der ARD ausgestrahlte Fernseh-Dokumentation „Wer Gewalt sät -Von Brandstiftern und Biedermännern“ heran.
Siegfried Jäger gab 1994 seine Zusammenarbeit mit dem bekannten Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff und dessen Duisburger Stiftung „Zusammenleben“ zu. Jäger trat als Vortragsredner beispielsweise (neben anderen Publizisten der „antifaschistischen Grauzone“, wie Arno Klönne, Konrad Schacht oder Christiane Rajewsky) beim Deutschen Gewerkschaftsbund Nordrhein-Westfalen oder bei der Angestelltenkammer Bremen auf. Zudem veröffentlichte das Organ des Deutschen Journalistenverbandes, der „Journalist“, sehr umfangreiche Vorschläge des DISS zum „antirassistischen“ Sprachgebrauch für Journalisten.
Anzeigen und lobende Rezensionen für DISS-Schriften fanden sich in zahlreichen „antifaschistischen“ Publikationen. Zugleich wurden DISS-Schriften in offiziellen Buchempfehlungen hoher staatlicher Stellen aufgeführt, beispielsweise 1992 in der Schrift „Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus“ der Ministerien für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Sport des Landes Schleswig-Holstein.

Jäger bekennt sich offen positiv zum traditionellen „Antifaschismus“ aus kommunistischer Tradition: „Über Jahrzehnte hinweg ist antifaschistische Arbeit das Werk kleinster Zirkel gewesen. Besondere Verdienste kommen hier den alten Widerstandskämpfern zu, besonders aber den vielen kleinen Gruppen, die im Rahmen der VVN gearbeitet haben und dort weiter arbeiten. In diesen Gruppen liegt auch heute noch ein Erfahrungsschatz, der ziemlich unvergleichlich ist.“
Allerdings ist Jägers geschichtliches Selbstverständnis weniger durch den Dualismus zwischen Nationalsozialismus und „antifaschistischem“ Widerstand geprägt, als vielmehr von den (scheinbar „multikulturellen“) Utopien der 68er-Bewegung und der angeblich antidemokratischen, „völkisch-nationalistischen“ Reaktion auf diese.
1993 meinte Siegfried Jäger in einem Referat, „daß das Erstarken des Rechtsextremismus eine direkte Folge des Scheiterns der 68er Bewegung ist, oder, etwas allgemeiner ausgedrückt: Der mit der 68er Bewegung verbundene Versuch, in Deutschland `mehr Demokratie zu wagen´, dem sich zeitweise zumindest Teile der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften angeschlossen hatten, ist radikal gestoppt worden. Statt dessen wurde ein Gesellschaftsmodell propagiert und teilweise bereits umgesetzt, das man – sicher etwas grob konturiert – als völkisch-nationalistisch bezeichnen kann. (…) Am deutlichsten zeigte sich dies in einem radikalen Schwenk in der Einwanderungspolitik, und zwar vor allem in der Diskussion um ein neues Ausländerrecht und um die faktische Abschaffung des Asylartikels.“
Entschieden wendet sich Jäger gegen den „Anti-Totalitarismus“, da in dessen Praxis die Aktivitäten der politischen Linken dramatisiert und verfolgt würden, die politische Rechte dagegen beschönigt und relativiert.

Dezember 1989 gab der als „Neo-Nazi-Experte“ angekündigte Siegfried Jäger der „aggressiv-antifaschistischen“ Zeitschrift „Der Rechte Rand“ ein ausführliches Interview, in dem er seine ideologische Position erläuterte. Er sprach sich darin für den „Faschismus“-Begriff zur Charakterisierung rechtsgerichteter Bestrebungen aus, verwandte aber gleichzeitig auch den „Rechtsextremismus“-Begriff. „Rechtsextremer Ideologie“ unterstellte Jäger eine „reaktionäre Substanz“, – was auf sein lineares Geschichtsbild hindeutet, das von den Entwicklungskonstanten eines festgelegten Fortschritts (oder, im negativen Fall, eines „Rückschritts“) ausgeht.
Das materialistische Weltbild Jägers zeigte sich in seiner Hoffnung auf soziale Absicherung aller Menschen durch den Staat. Ethnische und kulturelle Konflikte wurden dabei als eine lügnerische Suggestionen durch antisoziale, kapitalistische Politiker dargestellt. So äußerte Jäger in dem Interview: „Auch ihre (ehemaligen) Wähler sind von den zuvor erwähnten Politikfolgen der Union nicht unberührt; auch sie bekommen den Sozialabbau zu spüren und auch sie sind nicht gefeit gegenüber den Lügen der Politiker, die die Ausländer dafür verantwortlich machen. Das ist das eine. Die andere Seite darf aber auch nicht verschwiegen werde: Auch die Sozialdemokratie hat ihren Anteil an der herrschenden Ausländerfeindlichkeit.“
Mit dieser Argumentation offenbarte sich Jäger als Anhänger der traditionellen „orthodox-antifaschistischen“ Theorie von Nationalismus und Rassismus als Taktik der Herrschenden zur Verschleierung sozialer Mißstände. Allerdings bemüht er sich, die Ansätze des „orthodoxen Antifaschismus“ zu erneuern und in eine „antirassistische“ Strategie zu transformieren.

Jäger denkt also in den für „Antifaschisten“ nicht seltenen Kategorien antagonistischer sozialer Schichten. Eine Denkweise, die Scheidungslinien anhand ethnischer oder kultureller Faktoren als störend zu verdrängen versucht.
Siegfried Jägers fundamentalistischer „Antirassismus“ wendet sich gegen jede Unterscheidung verschieden aussehender Menschen nach Menschenrassen und gegen jede Bewertung von Menschen aufgrund deren „Anderssein“. 1995 definierte Jäger:
„Rassistische Haltungen liegen dann vor,
– wenn im Diskurs Menschen anderen Aussehens und/oder anderer Lebensgewohnheiten als menschliche Rassen konstruiert werden
– und wenn dieses `Anderssein´ negativ (oder positiv) bewertet wird.“
„Rassistische“ Haltungen würden demnach eine „Naturalisierung des Sozialen“ beinhalten.

Jäger bewertet den Mensch als ein sehr weitgehend durch sozialisationsbedingte Lernprozesse geprägtes Wesen. Ansätze, die auf eine dominante Rolle der Genetik verweisen, wurden von ihm bereits 1990 als „rassistisch“ verworfen: „Des weiteren liegt Rassismus dann vor, wenn gelerntes Verhalten, z.B. Intelligenz, naturalisiert, d.h. als angeboren unterstellt wird. Diese Arten des Rassismus bezeichnet man auch als genetischer Rassismus.“
Auch die Ablehnung einer ethnischen Vermischung verschiedener Menschengruppen wurde von ihm als „Rassismus“ bezeichnet: „Der Rassismus des sogenannten `Ethnopluralismus´ liegt nun darin, daß er eine Vermischung von Menschen, die unterschiedlichen Kulturen angehören, nicht zulassen will.“

„Rassismus“ ist demnach eine von Jäger extrem weitreichend benutzte Anprangerungsvokabel, die er gegen zahlreiche, seinem egalitaristischen Weltbild widersprechende, Auffassungen anwendet. 1992 bekannte Jäger selber, daß er und seine Mitarbeiter „zu einem relativ `weiten´ Rassismusbegriff“ gelangt seien.

Allerdings gilt Jägers „Rassismus“-Vorwurf nur in eine Richtung. „Rassismus“ der fremdstämmigen Einwanderer gegenüber der deutschen Bevölkerung ist demnach nicht möglich, da in der Auffassung des DISS „Rassismus“ immer „mit Macht verknüpft“ sein muß. 1992 erklärte Jäger dazu: „Nur wenn die Gruppe, die eine andere als minderwertige `Rasse´ konstruiert, auch die Macht hat, diese Konstruktion durchzusetzen, kann von Rassismus gesprochen werden. Das heißt, wenn eine untergeordnete Gruppe eine übergeordnete Gruppe als Rasse konstruiert, dann ist das zwar schädlich für die Handlungsfähigkeit dieser untergeordneten Gruppe sowie für die Perspektive einer selbstbestimmten Gesellschaft, kann aber nicht als rassistisch bezeichnet werden, solange sie nicht die Macht hat, ihre Definition und die damit einhergehenden Ausgrenzungspraxen gegen die übergeordnete Gruppe durchzusetzen.“
Nach dieser Logik handelt ein Deutscher, der einem Türken gegenüber seine ethnische Abneigung kundtut und diesen beispielsweise niedersticht „rassistisch“, ein Türke, der selbiges mit einem Deutschen macht, aber nicht. Der Deutsche hört erst dann auf, für seine Handlungen als „Täter“ und als „rassistisch“ bewertet zu werden, wenn er seine gesellschaftlich bestimmende Rolle an andere ethnische Gruppen abgetreten hat.

Siegfried Jägers Ziel ist die Umwandlung der bundesdeutschen Gesellschaft von links, da er in zahlreichen Aufsätzen immer wieder bereits der Mitte und Mehrheit der Gesellschaft einen selbst in Gang gesetzten „Rechtsruck“, eine „tendenziell völkisch-nationalistische Entwicklung“, unterstellt. 1993 meinte er in einem Referat: „Der Rechtsruck, den wir zur Zeit beobachten, ist also kein Ruck, der von rechts ausgeht und die Mitte unter Druck setzen würde; er ist ein Ruck, eine drastische Veränderung in der Mitte der Gesellschaft selbst. In der Mitte wird rechtsextreme Ideologie propagiert.“
1998 behauptete Jäger, der „Rassismus“ sei kein Problem des „Rechtsextremismus“, sondern eines der Mitte der Gesellschaft. Die ganze Gesellschaft der Bundesrepublik verwandle sich schleichend in eine „ultrakonservative und reaktionäre“.
In der logischen Konsequenz aus Jägers Erkenntnis müsse dann diese „Mitte“, also die Haltung der gesellschaftlichen Mehrheit, verändert werden.

Die angeblich „rassistischen“ Mißstände der Gesellschaft können für Jäger nur jenseits des herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems und in Rückgriff auf marxistische Positionen grundsätzlich gelöst werden: „Obwohl sich die SPD als überzeugte antifaschistische Kraft darstellt, kann sie diese Position oft wenig glaubhaft vertreten, wenn sie den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus/Rechtsextremismus nicht wahrhaben will, oft nicht wahrhaben kann, da sie sich im Hauptstrang ihrer Wirtschaftspolitik spätestens seit Godesberg selbst mit beiden Beinen fest auf die Segnungen des kapitalistischen Marktes gestellt hat.“ Statt des bundesdeutschen Gesellschaftssystems müsse vielmehr ein „Demokratisierungsprozeß in allen Lebensbereichen“ dazu führen, daß eine „wirkliche Demokratie“ entstünde.
Besondere Bedeutung im Kampf gegen, durch führende Wirtschaftskreise initiierte, Rationalisierungs- und Modernisierungsschübe, sieht er bei den Gewerkschaften liegen.

Um „rassistischen“ Strömungen vorzubeugen, sollten Einwanderer „in viel größerem Grade“ politische Mitbestimmungsrechte erhalten, damit sie eine „demokratische Gegenbewegung“ gegen Heimatansprüche der deutschen Urbevölkerung bilden zu können. So soll es möglichst keine Abschiebungen von Ausländern geben, da diese „staatliche Willkür“ darstellten, so soll das Grundrecht auf politisches Asyl uneingeschränkt von gesetzlichen Reglementierungen bestehen bleiben, so sollen keine Ausländerkriminalitätsstatistiken mehr erstellt werden dürfen und das „völkische“ Staatsbürgerschaftsrecht solle zugunsten der politischen Rechte von Ausländern abgeschafft werden.

Trotz allem versteckten marxistischen Traditionalismus in den Zielen, plädiert Jäger für eine Modernisierung „antifaschistischer“ Strategie, die sich vom Aktionismus auf der Straße abwendet und subtileren Methoden öffnet: „Dabei wurde und wird vielfach übersehen, daß auch diese Herrschaftsform (der Faschismus, Anm. des Verf.) historischem Wandel unterworfen ist, daß also die antifaschistischen Strategien, die möglicherweise für die Auseinandersetzung mit dem Nazi-Faschismus geeignet waren (Aktionismus), heute erheblich modifiziert werden müssen. Der heutige Rechtsextremismus stellt, wie gesagt, eine modernisierte und intellektualisierte Variante des Faschismus dar, der auch mit entsprechenden erneuerten Strategien angesichts der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen begegnet werden muß.“ Neben traditioneller Bündnispolitik müsse so der Kampf gegen die Ursachen von „Faschismus“, also eine tendenziell marxistische Gesellschaftsumgestaltung, aufgenommen werden. Zudem zeigte sich Jäger angetan von der Strategie, rechtsgerichtete Bestrebungen mit suggestiven Bildern in den Köpfen der Menschen zu belasten, die Schweigespiralen in Gang setzen: „Interessant finde ich Einschätzungen, die aus der rechtsextremen Ecke selbst kommen: (…) Während es in Bayern oder Baden-Württemberg keine Schande sei, sich offen zu den Republikanern zu bekennen, sei es im Norden gelungen, die Republikaner mit einem starken Negativbild zu belasten. Wenn das so wäre, dann fände ich das für die Antifa-Arbeit, bei allen Schwächen, sehr ermutigend.“

1997 sprach sich Jäger gegen eine gleichberechtigte Darstellung rechtsgerichteter, der Vorstellung einer „multikulturellen Gesellschaft“ widersprechender, Auffassungen in den Medien aus: „Der journalistische Grundsatz, Für und Wider zu Wort kommen zu lassen, führt u.E. nämlich dann zur Verletzung demokratischer Verantwortlichkeit, wenn er volksverhetzenden Meinungen Raum gibt, die in einer demokratischen Gesellschaft nirgendwo etwas zu suchen haben. Hier geht es nicht um Meinungs- und Pressefreiheit, sondern darum, ob Feinde der Demokratie in Zeitungen, die der demokratischen Willensbildung grundgesetzlich verpflichtet sind, Werte, die zum Kern demokratischer Gesellschaft zählen, in den Schmutz ziehen können oder nicht.“

Auch staatliche Repression durch Organisations- und Parteiverbote könne für die Erzeugung von Negativbildern gegenüber rechtsgerichteten Haltungen förderlich sein. 1992 plädierte Jäger folgerichtig in einem Leserbrief dafür aus, „alle rechtsextremen Parteien, einschließlich der Republikaner, zu verbieten und ihre Gliederungen und Nachfolgeorganisationen aufzulösen“. Er forderte zur gleichzeitigen Unterfütterung der staatlichen Repression eine „antifaschistisch“ motivierte „Aufklärungskampagne“: „Damit wäre der Rechtsextremismus zwar nicht beseitigt, seine offenen Wirkungsmöglichkeiten im Hinblick auf das in der Bevölkerung immer noch vorhandene Reaktionspotential wären jedoch erheblich eingeschränkt. Durch die Verbote könnte in der Bevölkerung zudem deutlich gemacht werden, daß diese Organisationen und Parteien außerhalb des demokratischen Spektrums stehen, denn Verbotsforderungen und tatsächlich erfolgende Verbote sind nur dann wirklich sinnvoll, wenn sie von einer breiten Aufklärungskampagne begleitet werden.“