Falsche Fährte Bauhaus

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Jörg Dittus hat auf dem Blog „Jungeuropa“ eine Würdigung der „Bauhaus“-Architektur verfaßt. Darüber wird zu reden sein.

Das Verschwinden historisch gewachsener Vielfalt durch eine beschleunigte Moderne zeigt sich nicht nur in der Bevölkerungspolitik. Die Auswirkungen der Globalisierung sind auch in zahlreichen kulturellen Verästelungen spürbar: in der Angleichung der Kleidermoden, der Popkultur, der Ausbreitung internationaler Konzern-Ketten und nicht zuletzt in der uns täglich umgebenden Architektur.

Nun führen einzelne Architekten und Bürgerinitiativen seit Jahren einen fast aussichtslosen Kleinkrieg gegen den aktuellen Architekturtrend. Die meisten Initiativen basieren, auch wenn sie sich gegenüber dem politischen Tagesgeschäft als neutral verstehen, auf einem wertkonservativen Grundsatzfundament. Sie wollen Naturräume oder historische Ensembles erhalten, sorgen sich um die soziale Stabilität ihres Ortes, setzen sich für etwas ein, das sie als „Heimat“ verstehen.

Von linksradikaler Seite und aus der modernistischen Architektenschaft werden sie dafür angefeindet. Verwunderlich, wenn nun auch Querschüsse von Seiten der Neuen Rechten stattfinden!

Kommen wir zum Text von Dittus, den man hier lesen kann.

Er hat insofern recht, als in der kunsthistorischen Betrachtung eine Differenzierung der unterschiedlichen Akteure jener Designschule von Nutzen ist. Zudem wirken keinesfalls alle Erzeugnisse der klassischen Moderne aus heutiger Betrachtung unästhetisch oder abschreckend. Gleichwohl aber sind die Folgen der klassischen Moderne, darunter des „Bauhauses“, für viele heutige Probleme in städtebaulicher und architektonischer Hinsicht mitverantwortlich.

Statt eine kritische Auseinandersetzung zu suchen, gibt Dittus nur Argumentationsmuster wieder, die zum Kanon der modernistischen Apologetik gehören. Demnach habe das „Bauhaus“ angeblich mit den heutigen Flachdach-Wohnsiedlungen nur wenig zu tun. Das Bauhaus stände nämlich – im Gegensatz zu aktueller Renditearchitektur – für einen gesamtkünstlerischen Anspruch und für Handwerkskunst. Zudem habe (laut Dittus) ein steiles Dach in unserer Region seine symbolische Bedeutung verloren. Ob Flachdach oder steiles Dach würde angesichts der Dämmung gesichtsloser Fassaden „keinerlei Unterschied“ mehr machen. Dittus schreibt:

Der Bruch in der Formensprache, der durch das Aufkommen der Moderne zweifelsohne stattfand, ist nicht allein der Intention ihrer Repräsentanten geschuldet. Vielmehr war die ohnehin in Gang kommende Industrialisierung, der gesamtgesellschaftliche Umbruch, aber auch der neue Baustoff Beton ursächlich, Dinge zu versuchen, die vorher – mit Holz und Ziegel – nicht realisierbar, aber längst in den Köpfen der Ingenieure und Baumeister virulent waren.

Ihm fällt der Widerspruch in der Argumentation offenbar nicht auf. Denn waren nun die Absichten der einzelnen Architekten nur noch zweitrangig, da die neuen Baustoffe bestimmte Formen scheinbar erzwangen ? Oder waren die neuen Formen in „Köpfen der Ingenieure und Baumeister virulent“, somit die Intention der „Bauhaus“-Repräsentanten doch entscheidend?

Zuletzt gibt Dittus die altbekannte Polemik gegen die Gründerzeit-Architektur wieder, die bis heute als Rechtfertigung des Modernismus Verbreitung findet. Auf die Differenzierung, die er für das „Bauhaus“ fordert, verzichtet er bei der Beschreibung des äußerst vielseitigen Historismus hingegen völlig. Dittus:

Man wollte eine neue Zeit einläuten und den Menschen in den planerischen Fokus rücken. Diesen Ansatz kann man schlecht als etwas Negatives bezeichnen und, vor dem Hintergrund der Tristesse der Neo-Ismen der Jahrhundertwende in planerischer Hinsicht wie auch der Fassadengestaltung, nur begrüßen. Tristesse deshalb, da für die sich uns als besonders pittoresk darstellenden Häuser der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein und derselbe Grundriss immer und immer wieder kopiert wurde. Der Bauherr konnte sich dann den Stil in Form von Verputz und Ornament auf die Fassade klatschen lassen – eine gestalterische Ehrlichkeit, bei der sich die Konstruktion in der Fassadengestaltung et vice versa abbildet und erschließen lässt, gab es nicht. Dies war in der klassischen Antike anders und dies sollte in der Moderne wieder Anspruch sein.

Seltsam nur, daß bis heute innerstädtische Gründerzeitstraßenzüge als beliebte Wohnquartiere fungieren. Obwohl sie solche „Tristesse“ ausdünsten? Und mit der Ehrlichkeit ist das so eine Sache. Wie „ehrlich“ sind eigentlich Glasfassaden, die vorgeben zu schweben und ihre Verankerung im Fundament kaschieren? Oder angeklebte Natursteinplatten? Oder warum ist ein Flachdach „ehrlicher“ als ein spitzes Dach? Weil es leugnet, daß es in unseren Gegenden regnet?

Dittus möchte nun ausgerechnet das „Bauhaus“ als Vorbild für die „Neue Rechte“ empfehlen. Demnach dürfte Deutschland im Moment zumindest optisch jeden Tag „rechter“ werden. Ein Blick auf die linke Gegenseite müßte Dittus eigentlich rasch ernüchtern.

„Arch+“, das linke Leitorgan der Baumodernisten, veröffentlichte 2016 die Verlautbarung eines „projects bauhaus“. Zu dessen Koordinationsgruppe gehörten Anh-Linh Ngo und Philipp Oswalt, neben Stephan Trüby zwei Hauptwortführer der universalistisch und anti-national argumentierenden Gegner von Architektur-Rekonstruktionen. In dieser Verlautbarung hieß es treffend zum Bauhaus:

Das Bauhaus wie auch die Klassische Moderne insgesamt engagierten sich für universale Gestaltungsprinzipien. Ganz im Geiste der Aufklärung sollte Gestaltung auf vernünftige, sachliche und allgemeingültige Grundlagen gestellt werden, den Wissenschaften vergleichbar. Damit suchten die modernen Gestalter/innen Anschluss an die erfolgreiche wissenschaftlich-technische Entwicklung, die auf universalistischen Ideen basierte. Zudem wollten sie die mit dem Ersten Weltkrieg offenkundig gescheiterten Nationalismen durch das Konzept des Internationalismus ersetzen. Der Universalismus diente hierbei auch gezielt dem Bruch mit den spezifischen historischen Traditionen. Universell verstandene Gestaltungsprinzipien lösten die einst gestaltprägenden lokal verwurzelten kulturellen Bedingtheiten ab; Geometrie und Physiologie lieferten die neuen naturwissenschaftlich herleitbaren, vermeintlich wertfreien und allgemeingültigen Methoden und Prinzipien.

Aufbauend auf der Annahme von anthropologischen Grundbedürfnissen ermöglicht der Funktionalismus, alle Bauwerke unabhängig von Klasse, Nation und Religion nach einheitlichen und allgemeinen Prinzipien und Methoden zu entwerfen. Damit erhalten alle Bauaufgaben die gleiche gestalterische Aufmerksamkeit und werden nicht etwa nach sozialen Wertskalen oder repräsentativen Erfordernissen hierarchisiert (etwa Fabrikantenvilla versus Arbeiterwohnung). Zugleich verändern sich auch die verwendeten Gestaltungsmittel. An die Stelle hierarchiebildender Formen wie Monumentalität und Symmetrie treten Serialität und Raster.

Demnach bestand der Anspruch des Bauhauses und anderer modernistischer Versuche gerade darin, durch serielles Bauen unter Abkehr von aller Tradition Wohnraum für die moderne Industriegesellschaft zu schaffen. Mit alter Handwerkskunst hatte das nicht viel zu tun.

Peter Cachola Schmal ist seit 13 Jahren Leiter des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main. Nur widerwillig konnte sich der gut vernetzte Strippenzieher mit der Rekonstruktion eines kleinen Teils der Frankfurter Altstadt abfinden. In der Presse wurde unlängst seine Aufforderung an Politik und Architektur zitiert: „Neu bauen, höher bauen, dichter bauen. Äcker bebauen, Siedlungen der fünfziger und sechziger Jahre verdichten.“ Und das alles bewußt ohne Rücksicht auf Anwohner und Bürgerinitiativen, die sich für den Erhalt von Grünflächen einsetzen und über chaotische Verkehrsverhältnisse durch neue Großsiedlungen vor ihren Fenstern sorgen.

Der durch die Politik verursachte Bevölkerungsdruck zieht technokratische „Lösungen“ der Probleme nach sich. Und diese schrecken vor Natur, wertvollen Landwirtschaftsflächen und gewachsenen Ortsstrukturen immer weniger zurück. Derzeit überziehen Flachdachblocks mit Styropor-Dämmfassaden das Land. Möglichst klimafreundlich, mit etwas Rasen auf dem Dach. Längst wird offen darüber diskutiert, dem modularen und seriellen Bauen in Zukunft größere Bedeutung zukommen zu lassen. Die Wiederkehr der „Platte“ hätte sich beim Bau von Flüchtlingsunterkünften bewährt und sei „eine gute Maßnahme gegen den Wohnungsmangel“.

Wir stehen vor einem Bau-Furor, der sich anschickt, viel Naturraum und bislang gemütliche vorstädtische Areale zu zerstören und radikal umzuformen. Deutschland wird sich dabei der restlichen Welt ein Stück mehr angleichen.

Daß hierauf Antworten gefunden werden sollten, liegt auf der Hand. Die aktuelle Rekonstruktionsbewegung kann nur einzelne Bauwerke und Ensemble als Symbole des kulturellen Erbes wiederherstellen. Schon das ist mühsam genug und mit bisweilen enormen Widerständen verbunden.

Für den Wohnungs- und Bürobau abseits kleiner Altstadtbereiche muß aber eine neue Baukultur entstehen, die ein Gegenmodell zur universalistischen Moderne bildet. Dazu gehört eine stärkere Berücksichtigung traditioneller Formen und regionaler Spezifika. Das könnte Bauherren die Chance auf eine Alternative ermöglichen. Die Empfehlung aber, dafür Anknüpfungspunkte beim 100 Jahre alten „Bauhaus“ zu suchen, dürfte indes auf die falsche Fährte führen.

 

Zuerst erschienen bei sezession.de am 25. Juni 2019