Emanzipation mit und ohne Tuch

IMG_6435Emanzipation mit und ohne Tuch

Ein Beitrag zur Frankfurter Debattenkultur

Dass an der Frankfurter Goethe-Universität einiges in Schieflage geraten ist, zeigen zahlreiche Vorkommnisse der jüngeren Vergangenheit. Die Begleitumstände der von Prof. Susanne Schröter initiierten Konferenz „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ am 8. Mai 2019 bestätigten den Eindruck, daß nicht nur die Freiheit von Forschung und Lehre an der Goethe-Universität in Gefahr sind. Auch Toleranz und Meinungsfreiheit sind dort offenbar stärker bedrängt denn je.

Um diesen Befund zu belegen seien lediglich einige Ereignisse der letzten anderthalb Jahre ins Gedächtnis gerufen. Im Oktober 2017 wurde ein bereits terminierter Vortrag zum Thema „Polizeialltag in der Einwanderungsgesellschaft“ des Bundesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, an der Universität abgesagt. Rund 60 Wissenschaftler hatten in einem offenen Brief Druck gegen die Einladung ausgeübt. Es war befürchtet worden, Wendt könne sich kritisch zum Thema Einwanderung äußern.

Proteste nach dem gleichen Strickmuster gab es ebenfalls im April 2018, als der Soziologe und Alt-68er Prof. Dr. Gerhard Amendt eine Konferenz zum Thema „Familienkonflikte gewaltfrei austragen“ an der Goethe-Uni organisierte. Ihm wurden von linken Kreisen „homophobe“ Thesen unterstellt.

Auf der offiziellen Webseite der Universität Frankfurt wird unter Nennung Amendts tendenziös für eine Gegenveranstaltung geworben, die im Mai 2018 stattfand: „Rechtskonservative Sexual- und Geschlechterpolitik tritt zurzeit offensiv mit Angriffen gegen Gleichstellung und eine Gesellschaft der Vielfalt an die Öffentlichkeit. Basiselemente dieses Feldzugs sind homophobe Einstellungen, Rechtskonservative Sexual- und Geschlechterpolitik tritt zurzeit offensiv mit Angriffen gegen Gleichstellung und eine Gesellschaft der Vielfalt an die Öffentlichkeit. Basiselemente dieses Feldzugs sind homophobe Einstellungen, antifeministische Ressentiments und die Denunziation der Gender Studies. Die umstrittene Tagung `Familienkonflikte´, die vom 13.-15.04.2018 an der Goethe-Universität stattfand, reiht sich in diese Auseinandersetzung ein. Sie fokussiert inhaltlich auf partnerschaftliche und familiale Gewalt, vor allem von Frauen gegenüber Männern. Als `Geschlechterkampf´ bezeichnet Veranstalter Gerhard Amendt den Konflikt und fordert die Abschaffung von Frauenhäusern und stattdessen die Einrichtung von `Familienhäusern´. Die gemeinsame Vortragsveranstaltung von Gleichstellungsbüro und Cornelia Goethe Centrum setzt sich kritisch mit diesen Positionen und aktuellen Debatten auseinander und fordert zur Diskussion auf.“ Dieser Eintrag ist auch noch ein Jahr nach der Veranstaltung abrufbar.

Im Januar 2019 wurde eine Psychologie-Vorlesung von einer Gruppe Vermummter Linksradikaler mit „Antifa“-Fahne gestürmt, um eine vermeintlich in der „Idenditären Bewegung“ aktive Studentin zu „outen“. Im Bockenheimer Hörsaal wurden Flugblätter verteilt und deren Inhalt vorgelesen. Weitere Flugblätter tauchten am Campus auf, in denen die junge Frau gemobbt und bedroht wurde. Woraufhin die Leitung der Universität nicht die Studentin in Schutz nahm, sondern dem Ansinnen der „Grünen Hochschulgruppe“ nachkam, eine „zentrale Meldestelle“ gegen rechtsgerichtete Studenten einzurichten.

Im April 2019 protestierten „studentische und antirassistische Initiativen“ (O-Ton Frankfurter Rundschau) gegen eine Podiumsdiskussion im Vorfeld der Europawahl an der Frankfurt University of Applied Sciences. Ein „Bündnis `Aufstehen gegen Rassismus – Frankfurt University of Applied Sciences´ rief zum Protest auf, worauf hin eine Gruppe von 16 Studenten den für die Veranstaltung vorgesehenen Saal besetzte und schließlich von Polizei vor die Tür gesetzt werden musste. Der Grund für die Aufregung? Zu einer Diskussion waren nicht nur Sven Simon (CDU), Katarina Barley (SPD), Terry Reinkte (Grüne), Dietmar Bartsch (Die Linke), und Nicola Beer (FDP) eingeladen worden. Auch Jörg Meuthen, Parteichef der AfD, gehörte zu den Diskutanten. Letzter sollte nach Auffassung der Protestierenden ausgeladen und seine Meinung den Zuhörern vorenthalten werden. Doch der Präsident der Frankfurt UAS, Prof. Dr. Frank E. P. Dievernich beugte sich dem Druck nicht und die Veranstaltung konnte nach Durchführung der notwendigen polizeilichen Maßnahmen wie geplant durchgeführt werden.
Am 8. Mai 2019 unterstützte der AStA der Frankfurt University of Applied Sciences eine Veranstaltung auf dem Römerberg unter dem Motto „Wer nicht feiert, hat verloren. 8. Mai – Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg“. Die mit studentischen Geldern finanzierte Institution überschritt damit einmal mehr den Rahmen ihrer Arbeit für studentische Belange. Nicht nur der DGB, die Linke, der Club Voltaire oder die Naturfreunde gaben ebenfalls ihr Logo für die Veranstaltungsplakate her. Auch die DKP war wie selbstverständlich mit von der Partie. Es versteht sich von selbst, daß bei so viel Freudentaumel von den nach dem 8. Mai vergewaltigten, ermordeten oder zu sibirischer Zwangsarbeit versklavten Deutschen keine Rede sein durfte. Und von der Unfreiheit im kommunistischen Ostblock bis 1990 schon gar nicht.

In einem solchen gesellschaftlichen Klima war es also geradezu vorprogrammiert, daß die von Prof. Susanne Schröter an selbigem Datum organisierte Vortragsveranstaltung zum islamischen Kopftuch ebenfalls von Protesten der geistigen Intoleranz begleitet wurde. Im Vorfeld gab es nicht nur Vorwürfe eines „antiislamischen Rassismus“ und Boykottaufrufe, sondern auch die Forderung nach einer Abberufung von Schröter wurde unter dem Hashtag „‘Schroeter_raus“ in den sozialen Netzwerken verbreitet. Die Veranstaltung musste unter massivem Polizeischutz und entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen seitens der Universität durchgeführt werden, wobei sich letztlich nur ein armseliges Häuflein Demonstrierender vor dem Eingang einfand.

Drinnen im Exzellenzclustergebäude „Normative Ordnungen“ wurde viel Erhellendes vorgetragen, allerdings musste man auch querhören können. 700 Anmeldungen hatte es gegeben, so dass die Veranstaltung per Livestream auch ins Präsidiumsgebäude übertragen.

In ihrem Grußwort kam Anne Janz (Bündnis 90/Die Grünen), Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, den Initiatoren der Kampagne gegen Schröter über Gebühr entgegen. Sie äußerte: „Nicht selten verbindet sich Frauenfeindlichkeit mit antimuslimischem Rassismus.“

Susanne Schröter erläuterte in ihrem Vortrag die Aktualität der kritischen Debatte zum Kopftuch. Zu der im Museum Angewandte Kunst (MAK) laufenden Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ stellte sie klar, daß das Phänomen der islamischen Modedort nicht in seiner gesamten Bandbreite behandelt würde und dies für sie der Impuls zu dieser Konferenz gewesen sei. Aus erster Hand legte sie dar, daß der Trend „Islamic Fashion“ seinen Ursprung in Indonesion hat und dort maßgeblich von den radikalen Islamisten in der Provinz Aceh parallel zur gewaltsamen Einführung der Scharia befördert wurde. Sie selbst war dort 2011 bei einem „Islamic Catwalk“ zu Gast, der von einer radikal-islamischen Partei veranstaltet wurde. Deren Kampf für den Zwang zum Kopftuch wurde flankiert von unzähligen Modemagazinen und Modeschauen, die diese Bekleidung in den schillerndsten Farben darstellten. Diese schönen Farben änderten jedoch nichts an deren Zwangscharakter, so Schröter.

Auch in Indonesien begann es mit der Forderung nach dem Recht, ein Kopftuch tragen zu dürfen und endete in der Pflicht, es tragen zu müssen, wusste Schröter zu berichten. So wurde die individuelle Ebene schnell in ein gesellschaftliches System transformiert. In Deutschland seien diese Tendenzen bereits durch eine Wertediktatur und Konformitätsdruck gegenüber Mädchen in Schulen bemerkbar. Als Vorwurf gebrauchte Begriffe wie „antiislamischer Rassismus“ oder „Islamophobie“ seien dabei Kampfbegriffe von radikal-islamischen Gruppierungen, die eine Veränderung der Gesellschaft bewirken wollen.

Die Feministin Alice Schwarzer forderte ein Ende von Sprechverboten. Millionen Frauen weltweit seien zwangsverschleiert und entrechtet. Das müsse man beim Namen nennen können. In Deutschland sei die Islamisierung in den letzten Jahren vorangeschritten. Noch in den 70er Jahren spielte die Religion bei türkischen Gastarbeitern keine große Rolle. Erst mit der islamischen Revolution im Iran 1979 begann der politische Islam ein Thema zu werden, und damit auch das Kopftuch als dessen Symbol. Ab den 1990er Jahren nahm der politische Islam in Deutschland Fahrt auf, unter anderem durch die Gründung des Zentralrats der Muslime. Dabei wurde von der deutschen Öffentlichkeit „im Namen einer falschen Toleranz oder verordneten Fremdenliebe“ meist weggeschaut. Schwarzer erinnerte an die Übergriffe gegen Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015/2016. Damals wollten die Täter signalisieren, daß Frauen nicht auf die Straße gehören. Das Kopftuch fungiere als Flagge des politischen Islam.

Dr. Dina El-Omari vom Zentrum für islamische Theologie an der Universität Münster näherte sich dem Thema durch genaue Quellendarstellung der Suren im Koran. Dabei ging sie der Fragestellung nach, inwieweit für praktizierende Muslimminen das Kopftuch vorgeschrieben sei, wobei sie zu dem Schluss kam, daß es sich dabei um kein Gebot, sondern um eine situationsbezogene Empfehlung handeln würde.

Dr. Abel-Hakim Ourghi von der Pädagogischen Hochschule Freiburg erläuterte, daß die alltägliche Präsenz des Kopftuchs in westlichen Ländern zumeist als Mittel der Provokation diene, indem durch diese Äußerlichkeit die eigene religiöse Überzeugung offen kommuniziert und zur Schau getragen werde. Obwohl er selbst im Kopftuch eine Indoktrination der Koranschulen und ein geschlechtlich hierarchisiertes Weltbild sieht, mit den Folgen der Überwachung, Isolation sowie Denunziation der betroffenen Frauen, spricht er sich gegen ein Kopftuchverbot an Grundschulen aus. Ein Verbot könne Gegenreaktionen auslösen, so seine Begründung.

Nach der Kaffeepause folgten drei Referentinnen, die jeweils sehr unterschiedliche Positionen vertraten. Die Publizistin Khola Maryam Hübsch ist bei der Ahmadiyya Muslim Jamaat aktiv, ist Mitglied der deutschen Islamkonferenz und vertrat als einzige der Referenten eine Position pro Kopftuch. Hübsch bemängelte die fehlende Ausgewogenheit der Referentenliste, erwähnte islamfeindliche Straftaten und erklärte, die Zielrichtung der Veranstaltung werde der „Vielfalt der islamischen Community“ nicht gerecht. Liberale und Nicht-Muslime würden sich in der Kopftuchfrage zu Rettern der muslimischen Frau stilisieren. Ihnen rief Hübsch entgegen: „Vielen Dank, wir verzichten gern.“ Auch paternalistischer Feminismus sei übergriffig, Religion werde mit einem faschistischen System gleichgestellt. Dabei fand Hübsch auch Kritik am politischen Islam. So werde die Religion in manchen islamischen Staaten missbraucht, in dem Staat und Religion nicht ausreichend getrennt würden. Das Kopftuch jedoch sei ein religiöses Symbol, kein politisches. Es würde nur von den Gegnern des Islam politisiert, um Muslime besser bekämpfen zu können. Das Kopftuch sei dabei schon in vorislamischer Zeit nachweisbar. Es zu tragen, sei eine individuelle Entscheidung. Im Koran sei schließlich keine Strafe für Apostasie, also der Abkehr vom Islam, oder das Ablegen des Kopftuchs bekannt. Somit seien sowohl Verschleierungszwang als auch Verschleierungsverbot abzulehnen.

Allgemein war festzustellen, daß Hübsch sehr geschickt die Klaviatur der westlichen linken und linksliberalen Narrative zu spielen verstand. Nicht nur die Rede von der „Vielfalt“, die äußere Liberalität, auch die Erwähnung des Faschismus und der kesse Spruch gegen „alte, weiße Männer“ (damit gegen ihren eigenen Vater) bedient auffallend die Worthülsen des hiesigen linken Mainstreams, um diese dann umzudeuten. So stilisierte Hübsch schließlich das islamische Kopftuch sogar um in einen Akt feministischer Emanzipation und fand damit sicherlich Anschlussstellen beim potenziell prüden und männerfeindlichen Alt-Feminismus. Denn Hübsch erklärte, daß in der kapitalistischen Moderne die Freizügigkeit der Frau einen Zwang zur sexuellen Optimierung beinhalte. Als Beispiel nannte die Fernsehsendung „Germany´s Next Topmodel“ und daraus resultierende Magersucht-Probleme. Gerade Kopftuchträgerinnen würden sich von solcher Sexualisierung „emanzipieren“ und sich der Spiritualität zuwenden. Im Westen würde die Anziehung männlicher Blicke und die Entkleidung als Freiheit verstanden. Aber sei es nicht auch Freiheit, sich vor den männlichen Blicken zu verhüllen?

Die Publizistin Dr. Necla Kelek vertrat hingegen eine klassisch liberale Position westlicher Prägung. Sie berichtete, daß in den 1970er Jahren in der laizistischen Türkei das Kopftuch noch kein Thema war. Auch in der arabischen Welt hätte sich damals eine Frauenemanzipation vollzogen. Erst mit der iranischen Revolution von 1979 änderte sich das langsam. Bei Kindern bis 18 Jahren handele es sich bei dem Zwang, ein Kopftuch zu tragen, um eine Menschenrechtsverletzung. Schließlich seien sie noch von Erwachsenen abhängig. Somit müssten weniger die Opfer dieses Zwangs geschützt werden, als die Täter bestraft gehören. Denn der Hintergrund des Kopftuchs sei, daß den Frauen eine teuflische Aura angedichtet werden, angesichts derer sich Männer nicht kontrollieren könnten. Deshalb müsse die Frau vor der Öffentlichkeit verborgen werden, müssten die Welten der Männer und Frauen strikt getrennt werden. Während Kreuz und Kippa die Demut gegenüber Gott symbolisieren würden, würde das Kopftuch die Demut gegenüber dem Mann symbolisieren. Das sei der Unterschied. Erst die Emanzipation der Frau führe zu einem neuen, säkularen Islam.

Den Abschluss der Veranstaltung machte die ehemalige Rektorin der Griesheimer Berthold-Otto-Schule, Ingrid König. König gab einen tiefen Einblick in den heutigen Alltag einer Frankfurter Grundschule. Nur noch wenige Bio-Deutsche gäbe es dort, so König. Migrationshintergünde dominieren komplett, davon 70% Muslime. Früher sei Religion kein Problem gewesen, bis etwas 2000 habe sie keine groben Respektlosigkeiten feststellen können. Nur gelegentlich hätte es Probleme mit Jungs gegeben, die als kleine Prinzen erzogen wurden. Dann fingen die Probleme mit dem Schwimmunterricht an. Ein afghanischer Vater wollte nicht, daß seine Tochter daran teilnahm. Eventuell auch, weil er sich nichts darunter vorstellen konnte, so König. Mittlerweile würden Hindu-Kinder wegen „Vielgötterei“ gemobbt. Ebenso muslimische Kinder, die den christlichen Religionsunterricht besuchen. Eltern schütteln Lehrkräften nicht die Hände. Weibliche Lehrkräfte werden angegangen, weil sie nicht dezent genug gekleidet wären. Heute gäbe es viel „Rassismus“ in der Schule. „Nicht von Deutschen, denn die gibt es nicht mehr“, konstatierte König.

Zuerst veröffentlicht bei bff-frankfurt.de am 31.5.2019