Schnappatmung wegen blauer Blume

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Der 9. November war 2018 der Tag der Schnappatmung. Bildungsferne Politiker und drittklassige Kolumnisten konnten sich mal wieder in aufgeregten Stellungnahmen überbieten. Der Grund: Eine kleine blaue Blume.

Zum Schweigemarsch zur Andacht der ermordeten Juden Berlins anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht erschien nämlich auch der AfD-Politiker Andreas Wild. In früheren Jahre war Wild Mitglied der CDU, der FDP und der Partei Bündnis 90/Die Grünen gewesen. Mittlerweile hat es in in die AfD verschlagen. Nach einigen unsensiblen verbalen Äußerungen wurde der Diplom-Sozialpädagoge 2017 allerdings von seiner Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus ausgeschlossen. Während seiner aktuellen Teilnahme an dem Schweigemarsch, trug er nun eine blaue Kornblume am Revers. „Und damit provozierte er viele Menschen“, wusste zum Beispiel Katja Colmenares in der „B.Z.“ zu berichten. Dies deshalb, weil in Österreich die Kornblume einst auch Parteiblume der großdeutschen Bewegung und von 1933 bis 1938 der illegalen Nationalsozialisten gewesen war. Diese sich heute provoziert fühlenden „vielen Menschen“ haben aber nicht zufällig häufig Parteibücher anderer Colour. Berlins Integrations-Senatorin Elke Breitenbach von der „Linken“ (Farbe Rot) erregte sich über „eine Verhöhnung der Opfer.“ Und die „Grünen“ (Farbe Grün) sprachen von einer „widerlichen Provokation“.

Neu ist die aktuelle Erregung um die blaue Blume auch nicht. Bereits im September ereiferten sich eifrige „Nazi“-Spürnasen bei Facebook darüber, dass ein Mitarbeiter der Ruhr-Universität Bochum und AfD-Mitglied eine blaue Kornblume am Revers getragen hatte. Dies wäre „die Tradition der Schönerer-Bewegung, sowie der Nationalsozialisten in Österreich“. Der Mitarbeiter hätte gezeigt, „wessen Geistes Kind er ist“. Sofort wurde eine Kampagne initiiert, und 1000 Reaktionen zwangen die Universität zur Überprüfung. Der Betroffene, Matthias Helferich, rechtfertigte sich etwas ungelenk, dass die blaue Blume „nun mal die Parteifarbe“ sei, er aber wohl besser eine Tulpe gewählt hätte.

Auch Andreas Wild gab schließlich eine seltsam unbekümmerte Rechtfertigung für seine Blume ab. Sie sei „ein Erkennungszeichen, das wir blau orientierte Leute seit einigen Wochen tragen. Als Ausdruck zu unserer Verbundenheit zum Vaterland.“

Natürlich hätte Wild der ganzen Veranstaltung fern bleiben können, was wohl besser gewesen wäre. Für AfD-Politiker ist es nämlich letztlich beinahe egal, ob sie sich an solchen hochsensiblen Veranstaltungen beteiligen oder zu hause bleiben. Machen sie mit, können sich Leah Rosh und Konsorten über die „Provokation“ echauffieren, bleiben sie fern, liefern sie den Kolumnisten der Qualitätspresse das gesuchte Fressen nach dem Motto: „Jetzt haben sie ihr wahres Gesicht gezeigt.“ Jacke wie Hose also.

Angesichts des Blumen-„Skandals“ durfte nun in der Presse wieder losgegeifert werden, bevor auch nur eine Minute nachgedacht worden war. Dass selbst zu solchen Kleinigkeiten wüste Nazi-Vergleiche gezogen werden, hat natürlich zwei Gründe. Zum Einen ist das Establishment in Politik, Presse und Kulturbetrieb nervös angesichts der weltweiten Verschiebungen bzw. Korrekturen der Machtverhältnisse. Der „Nazi“-Vorwurf ist die derzeit letzte und härteste Waffe, um die Kräfte der Wachablösung von den Fleischtöpfen fern zu halten. Die abgespeicherten Bilder der Geschichte können so wieder einmal für die Gegenwart nutzbar gemacht werden. Hierfür wird ständig akribisch nach möglichen Vergleichen zur NS-Zeit gesucht. Zudem ist es relativ einfach, für alles vom Mainstream Abweichende „Nazi“-Vergleiche zu ziehen, weil der Nationalsozialismus viele Elemente der deutschen Kulturgeschichte für eigene Zwecke genutzt und somit „beschmutzt“ hat. Zum Anderen ist kulturgeschichtliche Allgemeinbildung bei vielen Journalisten und Politikern heutzutage nur noch begrenzt vorhanden. Dazu kommt das Desinteresse, denn eigentlich könnte man sich durch eigenständige Internetrecherche rasch schlauer machen. Doch geht es ja gar nicht darum, richtige Schlüsse zu ziehen, wenn man sich in den Dienst der Propaganda gestellt hat. Wer AfD-Bashing betreiben und „Nazi“-Analogien herstellen will, wird den Teufel tun, sich differenziert mit der Materie zu beschäftigen.

Nun mag man die blaue Blume nur aufgrund ihrer Farbe als Parteisymbol betrachten. Es gibt aber noch einen tieferen Hintergrund. Die blaue Blume ist nämlich kein geheimes „Nazi“-Erkennungszeichen, sondern das historische Symbol der Romantik. Das Motiv taucht erstmals in einem Romanfragment des Dichters Novalis auf. Es ist ein Zeichen für Liebe, das Streben nach Selbsterkenntnis in der Natur und die Sehnsucht nach Unendlichkeit. In unseren Breiten wurde oft die Kornblume als reales Vorbild für dieses metaphysische Motiv herangezogen. Die blaue Blume tauchte in der romantischen Dichtung und Malerei auf, wurde auch in der Wandervogel-Bewegung verwendet. Die protestierenden Studenten der 68er-Zeit kannten sie zumindest noch, als sie skandierten: „Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot!“ In Frankfurt am Main wird gerade ein Romantik-Museum unter der Regie von Christoph Mäckler gebaut. Es erhält bewusst einen blauen Erker als Fassadenelement. Im Museumsshop werden blau blühende Blumensamen verkauft.

Indes, es ist verlorene Liebesmüh, solche Zusammenhänge jenen ungebildeten und ferngesteuerten Zeitgenossen erklären zu wollen, denen es nur noch darum geht, „Nazis“ hinter jedem Blütenblatt aufspüren und das dann gegen die AfD verwenden zu können.

So könnte nur auf dem gleichen Niveau gekontert werden. Die rote Nelke ist ein bekanntlich bei den Sozialdemokraten gerne verwendetes Motiv. Es stammt aus der Zeit der Sozialistengesetze und wurde 1890 als Erkennungszeichen der Arbeiterbewegung entwickelt, weil bei Kundgebungen das Mitführen von Fahnen verboten worden war. Wenig thematisiert wird, dass die russischen Kommunisten regelmäßig tausende dieser roten Nelken zum Todestag von Diktator und Massenmörder Stalin auf dessen Moskauer Grab legen. Für die SPD offenbar bislang noch kein Grund, von diesem skandalösen Symbol Abstand zu nehmen.

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