Debatte um Heimatministerium

Globalisierer sorgen sich um einen Begriff

KM, IMG_1518

Begriffe lösen Assoziationen aus. Sie sind heute nicht selten Teil von Marketing-Strategien. Oft wollen diejenigen, die einen Begriff verwenden, positive Effekte erzeugen. Doch bei anderen werden negative Empfindungen geweckt. Das kann derzeit mal wieder bei der Diskussion um den Begriff „Heimat“ festgestellt werden.

Offenbar hat die in der Entstehung befindliche „Große Koalition“, vor allem aber die vor der Landtagswahl stehende CSU, ein Bedürfnis in der Bevölkerung erkannt. Das möglicherweise künftig von Horst Seehofer geleitete Innenministerium soll im Namen durch den Begriff „Heimat“ erweitert werden.

Es gibt dafür mehrere aktuelle Vorbilder. In Bayern existiert seit 2014 unter Markus Söder das „Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat“, und in Nordrhein-Westfalen wurde 2017 das „Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung“ eingeführt. Der Inhalt ist ziemlich harmlos. In Bayern geht es laut offizieller Verlautbarung zum Beispiel darum, „gleichwertige Lebensverhältnisse im ganzen Freistaat“ zu schaffen, also den öffentlichen Raum zu fördern.

Für die einen Marketing, für die anderen ein Unwort

Daß die Institution aber nicht „Ministerium für Gleichwertigkeit“ heißt, sondern den „Heimat“-Begriff verwendet, richtet sich auch als Zeichen an die verunsicherten Bürger im Land. Es soll signalisieren, daß die politische Klasse sich des Wunsches der Bürger nach geordneten Verhältnissen, nach Geborgenheit, nach Verwurzelung in ihrer Region und ihrem Land angenommen hat. Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen hat es vorgemacht, und die Verwendung des „Heimat“-Begriffes dürfte ihm 2016 entscheidende Pluspunkte bei seiner Wahl zugeführt haben.

Was für die einen positives Marketing ist, ist für die anderen die Verwendung eines Begriffs, der in die falsche Richtung weist. Der Landesgeschäftsführer der Berliner Linkspartei Sebastian Koch befürchtet, daß durch den Begriff die gesellschaftliche Entwicklung zu mehr Globalisierung und Internationalität gefährdet werden könnte. Man müsse sich zwischen „Deutschtümelei und Weltoffenheit“ entscheiden.

Der Begriff „Heimat“ ist Koch also bereits zu deutsch, zu national besetzt. Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, fühlt sich bedroht. Die Übertragung des „Heimat“-Begriffs in einen politischen Kontext, „halten wir nicht nur aufgrund der deutschen Vergangenheit für problematisch. Wir befürchten, daß er nicht Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit, sondern Ausgrenzung und Spaltung fördert“, verlautbarte er.

Drei Varianten von Globalismus

Und auch der Schriftsteller Daniel Schreiber wettert nun in der Zeit, daß mit diesem Begriff „Deutschland so werden soll, wie es nie war“. In Schreibers inhaltlich sehr dünnen Zeilen offenbaren sich exemplarisch die weitgehend unreflektierten, durchaus antideutsch zu titulierenden, Ressentiments, die vielen Zeitgenossen in ihre Hirne transplantiert wurden.

Schreibers historisches Zeitverständnis ist in starkem Maße determiniert, also von der Vorstellung eines „Fortschritts“ und eines „Rückschritts“ strukturiert. „Fortschritt“ ist im Kontext solchen Denkens ein Mehr an Globalisierung, an Internationalität, an Grenzöffnung, an Migration, an Multikulturalismus, an Auflösung traditioneller Lebensformen, an weltweiter Vernetzung, an digitaler Geschwindigkeit, an Normierung bei gleichzeitiger Vielfalt der Produktauswahl.

An der politischen Selbstverortung des jeweiligen Publizisten oder Politikers liegt es dann, ob er sich mit diesem globalistischen Konzept zufrieden gibt (neoliberal) oder ob er noch eine Prise mehr an „sozialer Gerechtigkeit“ darüber zuckern möchte (gemäßigt links) oder ob er sich von Einwanderung zukünftig einen globalen Umsturz hin zu einer kommunistischen Welt-Gesellschaft erhofft (radikal links).

Sand im Getriebe der globalen Vereinheitlicher

So detailliert äußert sich Schreiber nicht, aber für ihn steht fest, daß es eine Entscheidung zwischen zwei Richtungen gibt, in die sich das Land und die Welt entwickeln können. Der Begriff „Heimat“ weist für ihn in die „rückschrittliche“ Richtung, also eine Welt der Trumpschen Mauern, des polnischen Katholizismus, des österreichischen und ungarischen „Nationalismus“, der türkischen Erdogan-„Diktatur“, der russischen „Hetze“ gegen „Schwule, Lesben und Transgender“ und der Brexit-Briten.

Unterschiedlichste Zeitphänomene werden also in einem Aufwasch als Feinde markiert, und zwar weil sie allesamt Sand im Getriebe einer auf Globalisierung und Vereinheitlichung ausgerichteten Welt-Utopie sind. Daß die „Rechtsextremen“ im Bundestag, gemeint ist die AfD, in einen Kontext mit Erdogan, Putin, der polnischen PiS-Partei und Trump gestellt werden, zeigt, daß die Komplexität der modernen Welt gerade bei Globalisierungsanhängern in ein schlichtes schwarz-weißes Blockdenken zurückverdichtet wird.

Nun kritisiert Daniel Schreiber, daß sich mit dem Begriff „Heimat“ das Bestreben nach einem „irrealen Sehnsuchtsort“ verbinde. Es verberge sich der dahinter der Wunsch nach einer vormodernen Idylle, die „Projektion von kollektiven Sehnsüchten, Ängsten und Nostalgien“.

Irrationale Ängste der Globalisten

Diese Einschätzung mag sogar stimmen. Indes, was ist das anderes, als Globalisierungsfreunde wie Schreiber ebenfalls vertreten? Sie vertreten mit ihrem Projekt einer internationalisierten „Moderne“ ebenfalls einen „irrealen Sehnsuchtsort“. In ihrem Bestreben nach einer Welt des ewigen Friedens in Konsum und Unterhaltungsindustrie, einer Welt der globalen Reise- und Niederlassungsfreiheit sowie der post-ethnischen Vermischung der Völker, offenbaren sich ebenfalls „kollektive Sehnsüchte“.

Und ihre eigenen Ängste zeigen sich ja angesichts der scharfen Attacken gegen sämtliche Störelemente auf dem Weg in die „multikulturelle“ Idylle ganz deutlich. Gerade im Begriff des „rechten Randes“, den Schreiber warnend verwendet, in den Angriffen gegen „Fremdenfeinde“ und „Populisten“ kann man diese durchaus irrationalen Ängste der Globalisten sehr gut erkennen.

In diesem Kampf zwischen Licht und Dunkelheit wirkt Schreibers Vorschlag, den Begriff „Heimat“ doch lieber durch „Zuhause“ zu ersetzen, indes nur lau. Während die Heimat den Umgestaltungsphantasien der Globalisten überlassen werden soll, wird dem Volk nur noch ein „Zuhause“, ein scheinbarer Rückzugsort in den eigenen vier Wänden, zugestanden. Dahinter verbirgt sich allerdings nur der Versuch einer Ent-Politisierung der kritischen Bürger.

 

Zuerst erschienen bei jungefreiheit.de am 12.2.2018

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