Haßwörter und Pesthauch

724387_web_r_by_andreas-hermsdorf_pixelio-deDeutsche Kulturjournalisten verwöhnen ihre Leser nur selten mit originären Gedanken, über die zu diskutieren lohnen würde. In der Regel erfüllen sie allein die Funktion, die Herrschaft des bestehenden Zeitgeistes und die moralische Legitimität der politischen Eliten durch mehr oder minder intellektuell wirkende Kommentare zu bestätigen. Man ist tendenziell ein Freund amerikanischer Politik, der Einheit Europas, der Globalisierung, der Einwanderung, der Aufklärung und des scheinbaren Fortschritts zu einer Welt angeblich gleichberechtigter Individuen, kurz: des gegenwärtig dominanten Linksliberalismus. Gelegentliche antikapitalistische Beimischungen sind in der Regel Garnitur zur Gewissensberuhigung.
Im Ernstfall sind Kulturjournalisten vorzugsweise antideutsch eingestellt, steht doch für sie das Deutsche als historischer Antipode zur begrüßten amerikanischen Moderne. Sie üben also gerne Kritik an den Deutschen und deren kulturgeschichtlicher Überlieferung, wie sie es im gleichen herablassenden Tonfall nie gegenüber Amerikanern oder Afrikanern wagen würden. Sie kritisieren selbst bei ungeklärten Hintergründen den mangelnden Rückgabewillen von echter oder vermeintlicher NS-Raubkunst. Nie würden sie mit gleicher Vehemenz die Rückgabe illegal angeeigneten deutschen Kulturgutes fordern.
Sie suchen in Krümeln nach möglichen deutschen Vergehen der Vergangenheit und Gegenwart, relativeren aber mit Vorliebe das Leid, das Deutschen zugefügt wurde und wird – von der Vertreibung bis zu den Opfern messerschwingender Jugendgangs. Ihr bevorzugtes Propagandainstrument teilen sie mit allen „Antifaschisten“ und linken Politikern: Sie meinen, nur die Bannworte „Nazi“ oder „Rechts“ hauchen zu müssen, und schon müßten diejenigen, die sie aus dem Diskurs ausgrenzen wollen, in Schockstarre und Stottermodus verfallen. Die irrationalen Distanzierungsorgien geistig überforderter bürgerlich-konservativer Kreise scheinen ihnen allerdings immer wieder auch Recht zu geben und führen somit zur ständigen Reproduktion der benutzten Stereotypen. Das Spiel läuft nun schon seit Jahrzehnten unverändert.
Mit der Nazikeule gegen den Gutmenschen-Begriff
Zwei Beispiele von sehr niedriger intellektueller Qualität, dafür aber um so mehr entlarvender Sprache sind mir dieser Tage in die Finger gekommen. Das erste sei heute behandelt: Der Welt-Feuilletonredakteur Matthias Heine zeigte sich am 23. März in einem Essay über den Begriff „Gutmensch“ sichtlich verärgert. Vor allem darüber, daß das beliebte Instrument des „Nazi“-Vorwurfs auf der gegnerischen Seite ein, wenn auch keinesfalls so scharfes, Gegenstück erhalten hat. Der Begriff „Gutmensch“ dient dem Bürger nämlich dazu, viele negativ erfahrene Eindrücke in dem Bild eines Menschentypus zu verdichten. Im Unterschied zum „Nazi“-Vorwurf wendet sich der „Gutmensch“-Begriff aber gegen große Teile der Eliten in Gesellschaft und Medien, nicht gegen gesellschaftliche Außenseiter oder weite Teile des Volkes schlechthin. Was einen Welt-Redakteur, der sich als Teil der so schnöde kritisierten feinen Gesellschaft versteht, naturgemäß erzürnt.
Heine versucht in seinem Essay nun den „Gutmenschen“-Begriff recht primitiv mit der alten „Nazi“-Keule wieder wie den Geist in die Flasche zurückzuprügeln. Er spricht vom „langen Weg nach rechts“, bedauert, daß die Begriffshoheit an dieser Stelle den „Besonnenen“ und „der Linken entglitten“ sei, zitiert das berüchtigte „Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung“. Der Begriff „Gutmensch“ „sei in den Besitz politischer Gruppierungen übergegangen, deren Spektrum von dümmeren Teilen der FDP über Thilo Sarrazin und Akif Pirinçci bis zu Rechtsextremen reicht. (…) Mit anderen Worten: Es ist völlig egal, ob die Nazis von früher das Wort erfunden haben. Entscheidend ist, daß die Nazis von heute sich den Begriff angeeignet haben“.
Heine charakterisiert den Begriff „Gutmensch“ folglich als „Haßwort“, welches „von Rechten eilfertig als verbales Geschütz gegen jeden in Stellung gebracht wird, der ihre Paranoia und ihre Hetze in Frage stellt“. Dieser Vorwurf ist lustig, fällt er doch exakt auf die assoziative Vorgehensweise Heines zurück. Schließlich werden doch von ihm die maßgeblichen Kritiker, die die gegenwärtige Einwanderungs- und Euro-Politik in Frage stellen, sogar die (natürlich) „dümmeren Teile der FDP“, suggestiv zu „Nazis“ erklärt. Da könnte manch Böswilliger durchaus von Haß oder Hetze sprechen, wenn er denn wollte.
Welt-Autor bedient sich bei Robert Ley
Ebenso feingeistig schließt Heine: „Doch wenn ein Wort so oft von Rassisten im Munde geführt wird, bleibt an ihm der Pesthauch der ekligen Gesinnung haften.“ Hier bewegt sich Heine auf so dünnem Eis, daß sogar der „Nazi“-Vorwurf leicht auf ihn selbst zurückfallen könnte. 1944 veröffentlichte der frühere Reichsleiter der NSDAP Robert Ley bekanntlich eine antisemitische Schrift mit dem bezeichnenden Titel „Pesthauch der Welt“. Der Begriff „Pesthauch“ diente der Entmenschlichung von Außenseitern, in diesem Fall der Juden. Der bewußte Gebrauch eines solch belasteten Begriffs im Welt-Feuilleton gibt Hinweise darauf, daß Autoren wie Heine vermutlich auch in anderen politischen Systemen ihrer journalistischen Funktion für die jeweiligen Eliten anstandslos nachgekommen wären.

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 30.3.2015
Foto: Andreas Hermsdorf, pixelio.de

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