Bismarck aus dem 3D-Drucker

584948_web_r_by_jens-bredehorn_pixelio-deNeue technische Erfindungen führen stets auch zu weitreichenden Folgen für die Gesellschaft. Deshalb sollte man sie im Auge behalten. Die Pioniere des Automobils oder des Flugzeugs hätten sich beispielsweise einst wahrscheinlich nicht träumen lassen, wie sehr sie mit ihren Ideen die Welt verändern würden. Unsere Mobilität mit allen positiven wie negativen Aspekten, vom Warenverkehr, über den Tourismus bis zur Einwanderung, ist kaum ohne diese Erfindungen denkbar.
Und noch vor zwei Jahrzehnten hätte man die Dimension der digitalen Revolution durch Computer, Internet und Smartphones nicht abschätzen können. Das Informationsmonopol der alten Medien wurde gebrochen. Sie könnten beispielsweise andernfalls nicht einmal diesen Kommentar lesen. Noch ist das Internet ein ziemlich freier Raum. Die Zukunft wird zeigen, ob es an Restriktionen interessierten politischen Kreisen gelingen wird, durch Quereinstige wie den „Kampf gegen Kinderpornographie“ oder „gegen rassistisches Gedankengut“ die Schlinge in Richtung Zensur sukzessive enger zu ziehen.
Aufwendige Gußformen werden nicht mehr benötigt
Nun steht eine Erfindung vor dem Siegeszug, die zwar bereits 1983 von dem US-Amerikaner Chuck Hull entwickelt wurde, aber erst 30 Jahre später zum Massenphänomen wird. Einfach ausgedrückt, handelt es sich bei dem 3D-Drucker um eine computergesteuerte Maschine, die dreidimensionale Modelle oder Gegenstände herzustellen in der Lage ist. Mit Hilfe eines Computerprogramms legt man die Maße und das Material des Werkstoffs fest, und schließlich gießt die Maschine daraus Schicht für Schicht und ohne Materialverlust das fertige Produkt.
Der Vorteil gegenüber dem klassischen Spritzgußverfahren ist, daß auf aufwendige Gußformen verzichtet werden kann. So können aus Kunststoffen, Kunstharzen, Keramiken und Metallen in Zukunft beispielsweise seltene Ersatzteile einfach selbst ausgedruckt werden. Man kann Teller, Gläser, ganze Schränke selbst entwerfen und dann zu Hause innerhalb kürzester Zeit fertigen lassen.
Große gedruckte 3D-Struktur aus Sand
Science-fiction? Mitnichten. Längst sind 3D-Drucker auch von Privatpersonen zu kaufen, Bauanleitungen kursieren im Internet. Bereits heute wird das Verfahren nicht nur im Maschinenbau, sondern auch in der Kunst und Architektur erprobt. Am Anfang der sogenannten modernen Architektur stand der Kampf des (nun pädophiler Neigungen bezichtigten) Österreichers Adolf Loos gegen den Fassadenschmuck. Der schrieb unter anderem in „Ornament und Verbrechen“ (1908): „Ornament ist vergeudete Arbeitskraft und dadurch vergeudete Gesundheit (…) Der moderne Mensch (…) braucht das Ornament nicht, er verabscheut es.“ Die Meinung großer Teile der Bevölkerung wurde das nie, aber man fügte sich aus Kostengründen schließlich in das Schicksal unserer heutigen schmucklosen Stadt.
Das könnte sich nun durch günstige 3D-Druckverfahren ändern. Der Architekt Michael Hansmeyer entwickelte unlängst mit „Digital Grotesque“ (in diesem Video zu sehen) die erste solide gedruckte 3D-Struktur aus Sand. Das 16 Quadratmeter große Ornament, stilistisch zwischen Jugendstil, Gotik und H. R. Giger angesiedelt, könnte als Prototyp einer neuen Kultur des Schmucks dienen. Zuerst im Kulissenbau und der Innenarchitektur, später womöglich als Fassadengestaltung. Zudem werden, wie das Arte-Magazin Futuremag zeigte, mittlerweile nicht nur Architekturmodelle viel schneller über den 3D-Drucker gebaut. Auch ganze Häuser sind bereits, wenn auch noch grobschlächtig, im Entstehen.
Ungeahnte Möglichkeiten
Die Folgen sind noch nicht absehbar. So wie die Elektroindustrie Einbußen erleiden könnte, wenn Bürger kaputt gegangene alte Geräte mittels Selbstausdruck von Ersatzteilen wieder instand setzen, so könnte auch die Bauindustrie getroffen werden, wenn in Zukunft viele Häuser nicht vom Maurer, sondern einem Riesendrucker gegossen werden. Zumal auch für den Abriß von Betongebäuden längst Roboter entwickelt werden. Auf der anderen Seite bietet das Verfahren ungeahnte Möglichkeiten. Bislang teuer herzustellender Bauschmuck könnte bald viel günstiger produziert werden. Rekonstruktionen verlorener historischer Gebäude werden dadurch erschwinglicher und womöglich wahrscheinlicher. Reliefs und Skulpturen können am Rechner eingescannt und dann rasch nachgegossen werden.
Manch verlorenes Bismarck-Denkmal könnte auf diese Weise beispielsweise innerhalb weniger Tage wiedererstehen. Und was der „Islamische Staat“ gerade an historischen Kulturgütern zerstört, stellt man im Gegenzug via 3D-Druck zumindest plastisch wieder her. Der Umsetzung vieler kreativer Ideen sind somit kaum noch Grenzen gesetzt – im Guten wie im Schlechten.

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 16.3.2015
Foto: Jens Bredehorn, pixelio.de

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