Kino: “Gone Girl” von David Fincher

In Kürze. Als ich die Pressevorführung von David Finchers neuestem Film “Gone Girl” sah, war ich angenehm überrascht, eine weitere Facette des Regisseurs wahrnehmen zu können. Die Verfilmung des Bestsellers von Gillian Flynn verzichtet zum einen weitgehend auf Darstellungen von Gewalt, die ja ein Markenzeichen mancher Fincher-Filme gewesen ist. Man denke an “Sieben”, “Fight Club” oder “Panic Room”. Zum anderen ist der Film ohne explizite Bildästhetik inszeniert. So beginnt er mit Bildern, die auch einer amerikanischen Nachmittagsserie entsprungen sein könnten, mit etwas hölzernen Dialogen (zumindest in der Synchronisation), die das Kennenlernen des Protagonisten-Paares schildern, und einem tumb wirkenden Ben Affleck in der Rolle des Nick Dunne.
Besagter Dunne kommt eines Tages nach hause und bemerkt, dass seine Frau verschwunden, möglicherweise entführt, ist. Ein banal wirkender Anfang einer banal wirkenden Geschichte. Doch die Geschichte macht viele Wendungen? Hat Dunne etwa seine Ehefrau Amy (Rosamund Pike) selbst umgebracht? Ist es nur ein PR-Gag der bankrotten Eltern, die ihre Tochter frühzeitig als Comic-Heldin vermarktet hatten? Hat Amy ein düsteres Geheimnis?
Fincher wählte für seinen Psychothriller offenbar die Alltags-Ästhetik, um dadurch umso intensiver das Böse hinter der glatten Fassade des bürgerlichen Lebens präsentieren zu können. Alles ist Image, alles nur Fassade. Niemand ist ehrlich in diesem Film, in dem alle die Saubermänner spielen wollen. Vor allem die Frauen kommen nicht gut weg in diesem Film. Sie erscheinen verschlagen und skrupellos darin, ihre Interessen, ihr Ziel des Familienglücks und der Sicherheit zu erreichen. Das Bild der Frau als Versuchung und Partner der sündigen Schlange, vielfach in der Kulturgeschichte angeführt, z.B. in der “Sünde” Franz von Stucks, findet hier seine filmische Entsprechung. Vor allem aber übt sich Fincher in schonungsloser Medienkritik, zeigt, wie Anwälte und Boulevardjournalisten windig taktieren oder zur Hatz auf Medienopfer blasen. Somit steckt in Finchers Streifen, der auch mit einem schalen Happy-End aufwartet, weit mehr gesellschaftskritische Tiefe, als man bei oberflächlicher Sichtung erwarten dürfte.
Claus Wolfschlag

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