Geschichte für Brüssel

SONY DSC Geschichte wurde instrumentalisiert, Gegenwart wird ausgeblendet. Diese Methode heutiger Volkspädagogik wurde mir schon zu Schulzeiten bewußt. Wir analysierten (wenn man dieses Wort für den Schulunterricht überhaupt gebrauchen möchte) Hitler-Reden. Und ich fragte mich damals, warum wir Manipulationen nicht auch in aktuellen Reden von Politikern der Gegenwart untersuchen könnten? Schließlich wären wir davon weit stärker betroffen als von den längst fremdartigen Worten jenes Jahrzehnte toten „Führers“.
Daß Geschichtsbilder oft zur Legitimation von politischer Herrschaft benutzt werden, wurde einem später als Student in Universitätsseminaren breit gefächert nahegebracht. Vor allem die Nutzung zur Stärkung nationaler Identität wurde damals von den Professoren sehr kritisch bewertet. Doch sobald sich die Zeitschiene der Gegenwart näherte, war stets Schluß mit der kritischen Analyse. Es sollte wohl nicht so genau hingeschaut werden, wie auch in der Bundesrepublik Geschichte ge- und benutzt wird.
Beispielsweise ist das am derzeitigen offiziellen Gedenken zum Ersten Weltkrieg erkennbar. Die Verantwortung für das Massensterben verlagert sich auffällig von der früher behaupteten Alleinschuld einzelner Personen oder Nationen – also Kaiser Wilhelm II. und Deutschland – hin zu allgemeineren Anklagen von „Nationalismus“ und „Fremdenfeindlichkeit“. So heißt es beispielsweise im Online-Lexikon „Wikipedia“ im Stichwort „Fremdenfeindlichkeit“: „Ein wesentliches Kennzeichen der Propaganda im Ersten Weltkrieg war, daß zur Motivation der eigenen Bevölkerung der teilnehmenden Länder zum Kriegsdienst mit fremdenfeindlichen Vorurteilen und patriotischen Symbolen geworben wurde.“
Fritz Fischer ist nicht mehr so ganz zeitgemäß …
Fritz Fischer hat also offenbar langsam ausgedient. Ein nur auf Deutschland fokussierter Schuldvorwurf ist in Zeiten der „europäischen Einigung“ womöglich kontraproduktiv, mindestens nicht mehr ganz up to date. Somit bedarf es eines neuen „Verantwortlichen“, der ganz im Einklang mit der postnationalen Gesellschaft steht: den nationalen Gedanken an sich. Patriotismus bedeutet in dieser Logik Krieg. Folgerichtig wird die Europäische Union, also die Aufgabe nationaler Souveränitäten zugunsten der Brüsseler Bürokratenföderation, nun als die Lehre aus den Schlachten des Ersten Weltkriegs und als der Friedensgarant schlechthin verkauft.
Es war Joachim Gauck vorbehalten, diese neueste Geschichtsinstrumentalisierung mit der nötigen Prise Aggression zu würzen. Bei der so zur neuen Feindbestimmung mißbrauchten Gedenkfeier im elsässischen Wattweiler äußerte er, „es müsse unermüdlich an einem vielgestaltigen Europa gearbeitet werden. Dazu gehöre auch, populistischen Strömungen entgegenzutreten, die mit antieuropäischen Parolen Stimmung machten“.
Wenn das die toten Soldaten auf den Schlachtfeldern von Verdun und Ypern geahnt hätten. Sie sind also faktisch für Jean-Claude Juncker, den Euro und die „Vielgestaltigkeit“ gestorben. Und ihr Opfereinsatz wird heute im Kampf gegen Marine Le Pen, Nigel Farage und die AfD fortgeführt.
„Vier verschiedene Geschichtsinterpretationen zu Stauffenberg“
Doch nicht nur der Erste Weltkrieg wird heute für die Instrumentalisierung genutzt, auch beim deutschen Widerstand gegen Hitler findet solche Geschichtspolitik statt. Hier vor allem durch politische Eingemeindung und inhaltliche Neutralisierung. Anläßlich des 70. Jahrestages des Stauffenberg-Attentats äußerte ich Ende Juli dazu in der Berliner „Bibliothek des Konservatismus“:
„Da die politischen Auseinandersetzungen jener Zeit nicht mehr verstanden werden, sie fremd geworden sind, Kenntnisse dazu weitgehend fehlen, wird heute das Thema ‘Widerstand’ wie überhaupt des Nationalsozialismus nur noch unter dem Aspekt der NS-Judenverfolgung betrachtet. Das heißt in letzter Konsequenz, daß etwaige politische Ziele des ‘Widerstands’ irrelevant geworden sind, nicht mehr in die westliche Konsumgesellschaft heutiger Tage passen, sondern allein der Aspekt zählt, ob dadurch versucht wurde, jüdische Leben zu retten oder nicht. Bei Widerstandsgedenken wird heute somit oft nur noch allgemein der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Ein Stauffenberg wird also mit behinderten Euthanasie-Opfern oder verfolgten Zigeunern auf eine Ebene gestellt, um sich auf diese Weise auch nicht mehr konkret mit seinen politischen Zielen auseinandersetzen zu müssen.“
Ein Mitdiskutant antwortete daraufhin: „Ich habe in meinem Leben nun schon vier verschiedene Geschichtsinterpretationen zum Stauffenberg-Widerstand mitbekommen. In den fünfziger Jahren waren die Widerständler vielen Deutschen noch schlicht ‘Verräter’. In den sechziger Jahren dienten sie dazu, die deutsche Position im Kalten Krieg zu stützen, galten somit nun als moralischer Beweis des ‘anderen Deutschland’. Später, als die Linke zunehmend die Medien beeinflußte, wurden aus den Männern der Stauffenberg-Gruppe wiederum halbe ‘Nazis’, die nur 5 vor 12 ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen versucht hätten. Und nun erzählen sie mir, daß der Widerstand keine wirkliche Rolle mehr spielt, sein Andenken somit unbedeutend geworden ist.“
Bezugnahme auf nationale Helden nicht mehr erwünscht
Richtig erkannt, denn in Zeiten der allseits geförderten postnationalen Gesellschaft spielen Bezugnahmen auf nationale Helden und national fundierte politische Lösungsansätze keine Rolle mehr. Es wird allenfalls der Hinweis auf eine politisch inhaltsleere Moralität vermittelt. Eine Ausnahme bilden nur die Befreiungsmythen des US-amerikanischen Hegemons, zuletzt in dem Kunstretter-Spielfilm „Monuments Men“ zu bestaunen, denen weiterhin eine bedeutende popkulturelle Rolle zukommt.
Joachim Gauck ist zwar schon lange nicht mehr der Bundespräsident aller Deutschen, aber auch hier ein guter Indikator für das offizielle Denken der politischen Eliten. So würdigte Gauck unlängst den Widerstand gegen Hitler als Vorbild für den Kampf um Menschenwürde, Freiheit und Demokratie: „Der 20. Juli (…) erinnert uns an das, was wir wollen, was wir können möchten und was wir leben sollten: mutig zu unseren Werten zu stehen. Dazu gehört, daß wir uns nicht mitschuldig machen, wenn anderen Unrecht geschieht.“
Durch solche Entpolitisierung wird heute auch das „Geheime Deutschland“ letztlich zum gefahrlosen Teil einer Gesellschaft, deren Helden zwar jederzeit „Zivilcourage“ verkörpern, aber diese bitte nicht zu ernst nehmen sollen.
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 4.8.2014
Foto: Siegbert Pinger, pixelio.de

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