Fundamentalismus durch Globalisierung? Zum Unterschied zwischen Islamismus und Salafismus

443479_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.deÜber die Ursachen des islamischen Neofundamentalismus und dessen Zusammenhang mit der Globalisierung verfasste der Autor Benedikt Kaiser einen bemerkenswerten Artikel, der an dieser Stelle vorgestellt werden soll. Der Artikel mit dem Titel „Der Terror der Entwurzelung. Die Ursache des Neofundamentalismus“ erschien in der konservativen österreichischen Zeitschrift Neue Ordnung, Ausgabe 2/2013.
Der Artikel setzt die aktuellen islamischen Strömungen in Zusammenhang mit dem konservativ-rechten „Identitäts“-Diskurs und den Herausforderungen durch die moderne liberal-kapitalistische Globalisierung. Dabei benennt Kaiser die Unterschiede zwischen klassischem Islamismus und modernem Neofundamentalismus beziehungsweise Salafismus: „Das wesenhaft Andere, von manchen Identitären als ‚der‘ Islam verstanden, ist kein monolithischer Block, und seine identitären ‚Marker‘ zeigen sich ebenfalls bedroht: durch Entwurzelung und Vereinzelung, Entfremdung und Verunstaltung. Nicht ‚der‘ Islam ist es, dessen religiöses System zu Terrorakten und gesellschaftlichen Konflikten führt. Vorausgehende Entwurzelung junger Menschen und deren folgende Radikalisierung über eine reine Lehre sind ein drängendes Problem in einer Welt der verschiedentlich angestrebten Vereinheitlichung.“
Benedikt Kaiser nennt die unterschiedlichen aktuellen Theorien, die das Aufkommen islamistischer und fundamentalistischer Ideologeme zu erklären versuchen. Er erwähnt Gunnar Heinsohns „Youth-bulge“-Theorie, die den Überschuss perspektivloser, arbeitsloser junger Männer als Voraussetzung für den Erfolg radikaler Werber sieht. Ebenso Udo Ulfkottes These von der Defensivträgheit und falsch verstandenen Toleranz westlicher Demokratien. Kaiser fühlt sich aber am ehesten von den Beobachtungen des französischen Islamwissenschaftlers Olivier Roy hingezogen, der eine begriffliche Gleichsetzung teils entgegen gesetzter Phänomene in der Islam-Diskussion bemängelt und deshalb für einen differenzierten Blick plädiert. Dabei unterscheidet Roy zwischen zwei heterogenen und konkurrierenden Hauptströmungen, die in Europa oft unreflektiert vermengt würden: Dem stark politisch ausgerichteten Islamismus stünde der rein religiös argumentierende Neofundamentalismus teils militant gegenüber. So würden beispielsweise Terrornetzwerke a la Al-Qaida oder salafistische Gruppierungen nicht einer islamistischen bzw. nationalislamischen Bewegung entspringen, sondern einem modernen Universalismus.
Der Islamismus, wie er beispielsweise vom Iran praktiziert wird, stallt nach Olivier Roy vor allem eine politische Ideologisierung des Islams dar, und zwar nach dem Vorbild politischer Doktrinen des 20. Jahrhunderts, also des Marxismus oder des (italienischen) Faschismus. Der deutsche Historiker Ernst Nolte spricht somit von ihm auch als dritter „Widerstandsbewegung“ gegen die westliche Moderne mit all ihren Begleiterscheinungen (Auflösung traditioneller Bindungen, Kommerzialisierung des Lebens). Der Islamismus stehe positiv zum institutionellen Rahmen „Staat“, den er als angemessene Form sieht, die Herrschaft über eine Nation zu sichern. Sein Maximalziel ist die Schaffung einer Theokratie. Somit vollziehe der Islamismus im Zuge der Regierungsübernahme stets eine Nationalisierung der eigenen Weltanschauung, was ihn aber berechenbar und eingrenzbar macht. Völker und regionale Besonderheiten werden vom Islamismus somit berücksichtigt und teils gepflegt. Die auf Konsolidierung und außenpolitische Wirkung bedachten Islamisten verfolgen konkrete Wirtschafts- und Sozialprogramme. Sie vermeiden Pläne zu einer konstanten Radikalisierung der Individuen, weil dies irgendwann auch die Legitimität der eigenen Regierung in Frage stellen würde. Da der Islamismus somit nicht nur von religiösen, sondern auch von nationalen Aspekten geleitet ist, ist er auch für nicht-islamische Gruppen als Partner für wirtschaftliche und politische Kooperationen möglich und berechenbar.
Ganz anders die Neofundamentalisten, die bereits die bloße Akzeptanz des Prinzips Staatlichkeit als Organisationshülle und die Überführung des Islams in ein berechenbares politisches Fahrwasser als „unislamische“ Häresie ablehnen. Ihrer Auffassung nach können Recht und Ordnung nicht von einem Staat, sondern nur von Gott kommen, weshalb ihr Ziel die globale Einführung des islamischen Rechtssystems, der Scharia, ist.
Benedikt Kaiser schreibt: „Der Neofundamentalismus nach Olivier Roy ist die den modernen Gegebenheiten der Globalisierung entsprechende Weiterentwicklung nachislamistischer Bestandsreste.“ Da islamistisch begründete Herrschaft durch weltliche Belange überlagert würde, somit ebenfalls eine Tendenz zur Säkularisierung in sich trage, hätten die Anhänger islamistischer Theoreme zwei Alternativen: Der „türkische Weg“ des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, der islamische und nationale Traditionen verbindet, oder die religiöse Radikalisierung, die sich der Staatskontrolle entzieht, um in der Forderung nach rigider Anwendung der Scharia zu münden.
Der Unterschied ist augenfällig. Stehen beim Islamismus Staat und Nation letztlich im Vordergrund der politischen Ordnung, so richtet sich der (salafistische) Neofundamentalismus an „das durch die Folgen der Globalisierung entwurzelte Individuum in den modernen Gesellschaften, das sich der Scharia von der Geburt bis zum Tod zu unterwerfen hat.“ Neofundamentalismus ist demnach Sinngebung für die Entwurzelten in den säkularen Gesellschaften der modernen Großstädte. Diese findet gerade dort, wo Menschen keine national und religiös homogenen Rahmenbedingungen mehr vorfinden, ihren Nährboden. Die Ausrichtung ist folglich genauso universal wie das westliche, US-amerikanische Lebensmodell.
Benedikt Kaiser: „Die Globalisierung wird von Predigern nicht – wie von vielen Islamisten – als Gefahr für Religion und Völker abgelehnt, sondern als Chance interpretiert, ‚verlorene‘ Glaubensbrüder zum einzig wahren Islam zurückzuholen. Durch die Atomisierung (Vereinzelung) in multikulturellen Gesellschaften seien die Muslime von ihren nationalen und religiös-regionalen Traditionen teilweise oder gänzlich befreit, individualisiert könnten sie durch die reine, von historischen Überlieferungen der Stämme oder Völker (d.h. vom ‚Volksislam‘) unverfälschte Lehre wiedergewonnen werden. Durch die (ökonomische) Globalisierung und daraus resultierende Migrationsströme profitiert dieser Neofundamentalismus daher als rekrutierende Heilslehre. Entwurzelte, weil ihrer traditionellen Bindungen beraubte Individuen können – nach Roy – durch neofundamentalistische Prediger neue Impulse erhalten, die ihnen das nicht zu unterschätzende Gefühl geben, der Atomisierung durch freiwillige Unterordnung in ein Kollektiv zu entgehen.“
Benedikt Kaiser erwähnt in diesem Zusammenhang die (scheinbare) westliche Paradoxie, dass beispielsweise ein schiitischer Iran, dessen Bestrebungen sich zumindest nur auf den nationalen beziehungsweise großregionalen Raum beziehen, im Westen als Schurkenstaat identifiziert wird, während der sunnitisch-wahabitische Neofundamentalismus Saudi-Arabiens als Partner umgarnt wird, obwohl er global ideologisch verwandte Bewegungen fördert.
Salafisten spielen demnach die gleiche Klaviatur, die in westlichen Gesellschafen ansonsten nur von der Wirtschaftselite oder linken Ideologien eingenommen wird. Aus der Vereinzelung erfolgt die Vermassung, sei es durch Werbestrategien der Großkonzerne, die ihre Konsumidioten erzeugen, sei es durch passend aufbereitete Ideologieangebote, beispielsweise von „antirassistischen“ oder  „antifaschistischen“ Netzwerken, die wiederum im Interesse der Wirtschaftseliten liegen.
So überrascht es nicht, dass die Neofundamentalisten zum Beispiel in Mali selbst den Tuareg das Tragen landestypischer Gewänder verboten hatten, da diese als Ausdruck partikularistischer, folglich hier: „unislamischer“, Traditionen wahrgenommen wurden. Ähnlich könnten hierzulande radikale Linke argumentieren, nur dass sie sich dann gegen „reaktionäre“ oder „nationalistische“ Traditionslinien wenden.
Benedikt Kaiser: „Die Islamisierung der Menschen vollzieht sich dabei radikaler als in einem genuin islamischen Kulturkreis. Denn anders als beispielsweise in Syrien oder in Teilen Indiens, wo islamische Vorschriften mit landestypischen Traditionen verwachsen sind und der Islam ‚organisch‘ gelebt wird, vollzieht sich die Re-Islamisierung einer muslimischen Minderheit (vor allem in Westeuropa) durch die Aufnahme der ‚reinen‘, unverfälschten Lehre (durch Videos, Predigten, Fatwas), die dogmatisch aufgeladen und durch Hass auf die direkte Umgebung – Deutschland, Frankreich, Großbritannien usw. – geprägt ist.“
Die Heimatlosen bilden also ein internationalistisches Netz, das in seinem Auserwähltheitsglauben gegenüber dem Rest der Menschheit von Ablehnung geprägt ist. Nationen, Völker und Stämme sind ihnen als trennende und  „unislamische Konstrukte“ ebenso fremd wie den westlichen Globalisierern, die die Welt mit Kampagnen für „Antirassismus“ und gegen nationalstaatliche Abgrenzung überziehen. Kaiser bringt das auf den Punkt: „Der global agierende neofundamentalistische Salafismus ist das Gegenstück zum global agierenden Weltvereinheitlichungsstreben westlicher Hardliner.“
Hieraus ergebe sich auch die große sicherheitspolitische Gefahr. Während Islamisten durch die Globalisierung selbst in ihrer Substanz gefährdet seien und nur auf ihrem konkreten Staatsgebiet zum Risikofaktor werden können, ist das bei Neofundamentalisten ganz anders. Islamisten achten und propagieren traditionelle Lebensweisen, streben nach politischer Legitimation, machen Zugeständnisse an die irdische Welt. Schwerlich lassen sich dafür junge Anhänger in den westlichen Großstädten finden. Der moderne neofundamentalistische, in der Regel sunnitische Groll hingegen sieht das Mittel des Terrorismus spätestens seit den 1990er Jahren als legitim an, um durch gezielte Aktionen aufzuschrecken und den „Gegner“ zu bekämpfen. Der Tod von Menschen, selbst Glaubensgenossen, wird umstandslos akzeptiert, vor allem wenn es „Abweichler“ von der „einen, wahren Lehre“ sind (Schiiten, Alewiten usw.).
Die Saat der Individualisierung in den westlichen Gesellschaften geht so auf. Volkstribune blasen den Marsch in Richtung Vermassung, sei es unter „antirassistischen“ oder salafistischen Gesichtspunkten. Benedikt Kaiser schreibt: „Was wächst sind einfach gehaltene Erweckungsreligionen, leichtverständliche Schwarz-Weiß-Glaubenssysteme, die ihre Schäfchen an den Rändern der Gesellschaft einsammeln, wo – jedenfalls in Westeuropa – wiederum quantitativ beachtliche Immigrantengruppen anzutreffen sind.“ Der Übergang von traditionellen zu fundamentalistischen Strukturen sei ein Resultat der Globalisierung und zeige sich übrigens, laut Olivier Roy, auch außerhalb des Islams. Auch die traditionelle Kirche im Christentum befände sich nämlich in der Krise, während christliche Zusammenschlüsse mit neuerer Religionsausübung, etwa das Pfingstlertum, weltweit konstante Zuwächse zu verzeichnen hätten. Das Sinn-suchende Individuum wird heute also nicht mehr durch Grenzen und Traditionen gehalten, es sucht kaum noch die örtlich gebundene Gemeinschaft, sondern richtet seine Positionen mit Hilfe von Wireless LAN aus, um sich zu „Lifestyle-Communities“ zu verbinden.
Kaiser: „Da die bisherige kulturell-religiöse Selbstverständlichkeit eines vor Ort verwurzelten Glaubens ‚dekonstruiert‘ überwunden wurde, erfolgt durch religiöse Gruppen neueren Ursprungs eine Zurschaustellung einer ‚reinen‘ Lehre ohne vermittelnde, gewachsene Traditionen, ohne symbolische Orte. Salafistische Extreme zerstören Heiligtümer verschiedenster Religionen und lehnen die Verehrung von Räumen und Orten grundsätzlich ab, das gilt sogar für die Grabstätte des Propheten Mohammed.“ Auch im christlichen Bereich nehmen beispielsweise Pfingstler eine ähnliche Position ein, wenn sie die Haltung vertreten, dass ein heiliger Ort unwichtig sei, weil der Heilige Geist ja universell sei, somit keine Kultstätte benötige. Auch hier hat sich längst der „Verlust des Ortes“ (Volker Mohr), das zentrale Merkmal der globalistischen Moderne, durchgesetzt.
Somit bestünde eine Gemeinsamkeit zwischen dem liberalen Kapitalismus und dem salafistischen Neofundamentalismus: „Es hat den Anschein, dass zwei nicht miteinander vereinbare, der alleinigen Wahrheit selbstsichere und binär denkende Universalismen die unübersichtliche Weltkarte von widerspenstigen Regierungen und Gruppierungen säubern. Zurückbleiben werden „failed states“ wie der Irak, wo die traditionelle konfessionelle Kluft durch extremistische (neofundamentalistische) Söldner aus dem weltweiten Ausland potenziert wird, was erst durch die Intervention westlicher Truppen gegen das Baath-Regime ermöglicht wurde.“
Somit hätte der Westler Samuel Huntington unrecht, wonach die aktuelle politische Frontlinie zwischen den Kulturen verlaufe: „Die Demarkationslinie trennt jene, deren Anliegen die Bewahrung der globalen Vielfalt im Zeichen lokaler, regionaler, nationaler oder religiös-kultureller Identitäten bedeutet – die also in allen Kulturen das Besondere und Individuelle schätzen -, von jenen Extremen, die an einer grauen Welteinheitszivilisation unter der Führung des globalen Kapitalismus oder einer neofundamentalistischen Strömung wie dem Salafismus arbeiten, und die damit, bewusst oder unbewusst, an der Erosion zahlreicher Gesellschaften mitwirken, die Menschen gegeneinander aufbringen und die wahrhafte Völkerverständigung mit dem scheinheiligen (oder naiven) Ruf nach Völkerbegegnung auf lange Sicht torpedieren.“
Benedikt Kaiser zitiert eine Sendung im Deutschlandradio, die die beiden unterschiedlichen Haltungen auf den Punkt bringt. Sagt die eine „Lösche aus, was Du bist!“, so antwortet ihr die andere: „Was immer Du im Leben machst, ist ganz egal, wenn Du nur das Bewusstsein für  Deine Wurzeln bewahrst. Wenn Du nicht vergisst, wo Du herkommst. Dann kannst Du ein noch so modernes Leben führen, aber Du wirst Dein Gesicht nie verlieren. Deine Identität wahren, Deine Kultur, Deine Tradition und alles, was damit zusammenhängt.“
Die Ursachen für unsere heutigen Probleme mit dem religiösen Neofundamentalismus, so Kaiser, lägen demnach bei uns selbst, im „pathologischen Selbsthass“: „Dass die Erosion altehrwürdiger, bewährter Religionsauffassung und abendländischer Kultur ungehemmt fortschreitet, ist jedoch für Europa in erster Linie kein Problem der Anderen, sondern beruht zuallererst auf der eigenen Unzulänglichkeit infolge eines gestörten Identitätsbewusstseins; Frank Lisson nennt dies in seiner beachtlichen Analyse die ‚Verachtung des Eigenen‘.“
Benedikt Kaiser versucht in seinem Aufsatz somit bewusst zu machen, dass fundamentalistischer Terror und die global voranschreitende Entwurzelung nicht voneinander getrennt betrachtet werden können. Sie gingen miteinander einher und begünstigten sich wechselseitig. „Der ‚Markt der Religionen‘ vor dem Hintergrund einer durchrationalisierten und zur Vereinheitlichung strebenden Welt gebiert Extreme und die verschiedenartig auftretende ‚heilige Einfalt‘ (Roy). Das Gegenbild hieße nicht die globale Abkehr von Religionen im Zeichen eines postidentitären Weltbürgerstrebens oder gar die Propagierung Huntingtons ‚Kampf der Kulturen‘, sondern kulturell-religiöse Verwurzelung und gegenseitige ‚identitäre‘ Anerkennung und Achtung. Dies setzt zwangsläufig ein gesundes Eigenbewusstsein voraus. Denn ohne dies ist weder die gebotene Verteidigung des Eigenen noch die fruchtbare Kenntnis des Anderen zu denken.“
Zuerst erschienen bei blu-news.org am 10.3.2014
Foto: Rainer Sturm, pixelio.de

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