Neue Burschenschaft?

515399_web_r_k_by_klaus-bruheim_pixelio-deIm Oktober 2013 hatte der Chefredakteur der “Jungen Freiheit”, Dieter Stein, einen Aufsatz zum Zustand der deutschen Burschenschaften verfasst. Er lautete “Für eine neue Nation” und ist hier nachlesbar:
https://jungefreiheit.de/kultur/gesellschaft/2013/fuer-eine-neue-nation/
Eigentlich gehört der Bereich nicht zu meinen Themen. Ich fühlte mich aber dennoch zum Verfassen einer Antwort herausgefordert, in der ich Kritik an einem allzu unkritischen Hantieren mit dem Liberalismus-Begriff formulierte. Leider fand mein Debattenbeitrag kein Gefallen und somit keine Abnahme. Da ich mir aber nun einmal die Arbeit gemacht hatte, stelle ich ihn einfach an dieser Stelle ins Internet. Viel Freude oder Anregung beim Lesen.
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Zur Neuausrichtung der Deutschen Burschenschaft hat sich der Chefredakteur der “Jungen Freiheit”, Dieter Stein, vor vier Wochen geäußert. Steins Anliegen ist im Grundsatz begrüßenswert. Probleme liegen im Detail, im Risiko inhaltlicher Verwässerung.
Es sei vorweg gesagt, dass Dieter Stein und ich keine Burschenschafter sind, noch je waren. Insofern ist es stets nicht ganz unproblematisch, Gruppierungen bzw. Lebensmilieus als Außenstehender Ratschläge zu erteilen. Probleme können nur erwähnt und Lösungswege nur angestoßen werden. Echte Änderungen aber können nur aus dem Inneren dieser Gruppierungen vorgenommen werden, und auch nur dann, wenn dazu ein Wunsch besteht.
Es ging in Steins Stellungnahme gar nicht spezifisch um eine Kritik am burschenschaftlichen Milieu, sondern um eine am Zustand weiter Teile der politischen Rechten generell. Er wählte aber für seine Kritik den Umweg des “pars pro toto”. Das ist natürlich riskant, weil sich bestimmte Gruppen einseitig angegriffen fühlen können.
Dies zumal die Burschenschaften heute primär nicht mehr ein aktiv politisches Milieu darstellen, sondern nur eines, in dem auf tendenziell “unpolitische” Weise ein recht spezifischer konservativer Lebensstil gepflegt wird, zu dem man stehen kann, wie man will.
Letztlich sind sie dadurch aber für eine politische Kritik ein etwas unglücklicher Adressat.
Dieter Stein ist in zwei zentralen Punkten inhaltlich zuzustimmen. Zum einen muss sich heute niemand einen Zacken aus der Krone brechen, Stauffenberg ehrenvoll zu gedenken. Allerdings muss man sich auch im Klaren sein, dass ein geschichtspolitischer Streit um Stauffenberg oder Bonhoeffer für die heutige Öffentlichkeit nur noch marginalen Charakter hat. Das Bekenntnis sagt etwas über die Wahl der eigenen historischen Vorbilder aus, die persönliche Identität. Die politischen Probleme der Bevölkerung liegen aber längst an ganz anderer Stelle.
Zum anderen werden auch die offiziell politisch zugelassenen Ergebnisse der realen Einwanderung in Deutschland nach neuen Lösungen von konservativer Seite verlangen. Der Mensch ist durch seine Anpassungsgabe zur führenden Spezies der Erde geworden. Auch Konservative bzw. Rechte müssen sich der gegebenen Situation anpassen, wenn sie überleben und politisch mitspielen wollen. Das bedeutet aber keine Aufgabe der Grundsätze. Wenn eine Burschenschaft keine außereuropäischen Bewerber aufnehmen möchte, ist das eben ihre Regel und ihr Recht. Ebenso kann ein feministischer Verein einem Mann die Aufnahme verweigern. Wo man nicht erwünscht ist, möchte man im Normalfall ohnehin nicht verweilen.
Aber auch eine Öffnung gegenüber interessierten Neubürgern, für die ich stets plädiere, sollte nicht dazu führen, gegen eine “Überbetonung von Volk und Vaterland” zu Felde zu ziehen. Im Gegenteil: Migranten, die sich dem nationalen und konservativen Milieu zuwenden, machen dies, weil sie Deutschland positiv als ihr Vaterland betrachten und Teil eines großen Volkes mit großer Geschichte sein wollen. Dies ist also ein nützlicher Beitrag zur Integration.
Dieter Steins Text berührt eine generelle Frage alternativer Milieus: Wie weit muss ich mich abkapseln, um meine Identität zu bewahren? Und wie weit sollte ich mitspielen, um nicht nur ein gesellschaftlich einflussloses Parallelmilieu zu bilden? Wie weit muss ich die “reine Lehre” bewahren? Wie weit kann ich Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft vor mir selbst rechtfertigen? Auf der einen extremen Seite dieser Grundsatzfrage steht die völlige Abkehr vom gesellschaftlichen Mainstream. Man zieht sich ins Schöngeistige zurück oder bildet abgekapselte Parallelmilieus. Das muss nicht nur negativ sein, denn so kann sich kulturelles Erbe und Gedankengut ohne Anpassung in der Käseglocke für die Nachwelt erhalten. Viele Urvölker oder auch die Amish People sind Extrembeispiele dieser Haltung. In der aktiven Politik spielt man so allerdings vorerst nur noch eine marginale Rolle. Die Marginalisierung kann aber auch in die andere Richtung passieren. Indem man sich anpasst, bis man das eigene zunehmend zahnlose Gesicht verliert, und dennoch allenfalls am Tropf der etablierten Politik gehalten wird. Man sieht das beispielsweise bei den Vertriebenenverbänden.
Steins Text plädiert für eine Öffnung. Er regt an, aus dem “politischen Ghetto” auszubrechen, um am politischen Spiel mehr Teilhabe zu erlangen. Die sich daraus entwickelnde Identitätsfrage für Konservative ist stets, wieviel sie dafür von ihrer geistigen Substanz opfern müssen. Und ein Erfolg ist dabei keinesfalls sicher. Vor allem nicht, wenn dies mit Anpassungen an einen längst innerlich morschen Mainstream erkauft werden soll. In diesem Zusammenhang ist auch ein unkritisches Hantieren mit dem Liberalismus-Begriff fatal, verkennt dies doch, dass viele heutige Probleme mit der Individualisierung, der Auflösung traditioneller Bindungen, mit Globalisierung sowie mit der sozialen Ausbeutung von Unter- und Mittelschicht eine gewichtige Ursache in den Theorien des Liberalismus haben. Gerade angesichts der anziehenden globalen Wirtschaftskrise sollte hier eine gesunde Skepsis angebracht sein.
Das von Stein angesprochene Stockholm-Syndrom kann nämlich auch auf diejenigen angewandt werden, die einer Ausgrenzung durch Anpassung zu entfliehen versuchen, denn sie machen sich die Sache des sie Ausgrenzenden zu eigen. Das Beispiel des Verfalls der evangelischen Kirche sollte zeigen, dass eine Liberalisierung und Anpassung an den “Zeitgeist” keinesfalls zur Lösung von Nachwuchsproblemen führt. Im Gegenteil: Wer beispielsweise in eine Studentenverbindung eintritt, sucht gerade ein klares Profil und ist offen für eine zeitgeistkritische “Parallelstruktur”.
Auch ich habe Burschenschaftern gelegentlich zu einer Modernisierung ihres Erscheinungsbildes geraten. Webseiten, Verbindungshäuser, Werbestrategien, Feiern müssten modernen Ansprüchen angepasst werden. Das war allerdings nicht auf eine Veränderung des inhaltlichen Bereichs bezogen, der nur von den Studenten selbst vorgenommen werden kann.
Ein weiterer Problempunkt ist die Inkonsequenz der Argumentation. Häufig liest man in der “Jungen Freiheit”, dass sich die Kirchen nicht dem Zeitgeist anpassen dürften. Die Wahrung der Grundsätze hinsichtlich Homo-Ehe, Familie, Abtreibung oder Zölibat sei hier gefragt. Somit ist es aber widersprüchlich, von den nationalen Milieus, hier besonders den Burschenschaften, eine Aufweichung ihrer Grundsätze und eine Liberalisierung zu verlangen, gleichzeitig diese Liberalisierung für das christliche Spektrum abzulehnen. Natürlich kann man die theologische Doktrin als spirituell höherwertig gegenüber der nationalen bewerten. Doch im Gegenzug könnte man die Wertung auch umgekehrt vornehmen, denn der emotionale Bezug zur eigenen Nation ist in der Bevölkerung mittlerweile und immer noch stärker ausgeprägt, als jener zu den christlichen Amtskirchen, was der massive Schwund an Mitgliedern und Gottesdienstbesuchern augenfällig macht. Wenn man dem Nationalen also einen politisch minderen Rang zumisst, dem Christlichen aber höheren, dann ist das eine Aussage. Dass heißt aber nicht, dass sie von politischem Erfolg gekrönt sein wird und man ihr deshalb folgen müsste.
Steins Anregung, dass die Burschenschafter wieder stärker zu einer freiheitlich-patriotischen Avantgarde werden, die sie im 19. Jahrhundert waren, ist begrüßenswert, wenn auch unsicher. Das Konzept kann allerdings nur durch die einzelnen jungen Köpfe gelingen, die es als soziale Basis tragen. Und diese wird man eben nur gewinnen, wenn man sich auch erkennbar vom liberalen Mainstream unterscheidet.
Foto: Klaus Brüheim, pixelio.de

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