Rabbi-Angriff ohne Folgen

155368_original_r_k_by_gerald-henseler_pixelio-deZu einem verabscheuungswürdigen Vorfall soll es vor wenigen Tagen in Offenbach gekommen sein. Ein Rabbiner wurde nach eigener Aussage am frühen Abend in einem Einkaufszentrum von sechs bis acht „südländisch aussehenden“ Jugendlichen beschimpft und wohl auch handgreiflich attackiert. Security-Mitarbeiter des Einkaufszentrums wären nicht helfend eingesprungen, sondern hätten den Rabbiner statt dessen aufgefordert, zur Dokumentation gemachte Handy-Aufnahmen zu löschen. Offenbar eine „Deeskalationsstrategie“. Der Rabbiner wäre schließlich von den Jugendlichen verfolgt, dann aber durch ein zufällig vorbeifahrendes jüdisches Gemeindemitglied aus der riskanten Lage befreit worden.
Schon aus Image-Gründen können die Kommunalpolitiker und auch diverse Meinungsführer der Stadt nicht umhin, Stellungnahmen zu diesem Vorfall abzugeben. Dabei ist weniger interessant, daß die Attacke deutlich verurteilt wird – eine Selbstverständlichkeit für eine zivilisierte Gesellschaft. Vielmehr lohnt es sich, das Augenmerk auf den Inhalt der Reaktionen zu legen, also Analysen des Vorgangs und mögliche Lösungsansätze.
Es ist für jeden Menschen, der mit offenen Augen durch unser Land geht, klar, wer mit „südländisch aussehenden“ Tätern gemeint ist. Es handelt sich dabei weder um Vietnamesen, noch um Portugiesen, von Südtirolern sogar ganz abgesehen. Es besteht also, um nicht lange um den heißen Brei zu reden, ein Problem mit großen Teilen von Jugendlichen aus dem muslimischen, dem vorderasiatischen und nordafrikanischen Kulturraum. Hier müßte eine Analyse ansetzen und auf dieser Basis müßte nach Lösungsversuchen geforscht werden.
Kein Einzelfall, sondern alltägliche Wirklichkeit
Doch solche Deutlichkeit würde Tabus berühren. Sie würden in der Konsequenz eine über Jahrzehnte propagierte Einwanderungs- und Sozialpolitik in Frage stellen. Sie könnte sogar dazu führen, die dafür verantwortlichen politischen und gesellschaftlichen Gruppen zu delegitimieren, folglich deren Machtbasis aushöhlen. Schon aus diesem pragmatischen Grund ist man darauf bedacht, das Denken stets nur entlang des vorgegebenen Dogmas auszurichten.
Der glücklicherweise ohne körperliche Folgen gebliebene Angriff auf den Offenbacher Rabbi ist ja nun wahrlich kein Einzelfall. Sicherlich gibt es in einigen deutschen Regionen bisweilen auch antisemitische Ausfälle verwahrloster deutscher Jugendlicher, aber das eigentliche Problem ist von ganz anderer Seite her im Wachsen.
Einige Beispiele: 2002 wurden zwei junge orthodoxe Juden aus Amerika auf dem Berliner Alexanderplatz von acht wohl arabischstämmigen Jugendlichen verletzt. Ebenfalls 2002 wurden zwei Jüdinnen in Neukölln von „südländischen“ Männern wegen einer Davidstern-Kette ins Gesicht geschlagen und getreten. 2003 wurde ein 19-jähriger Jude in Neukölln von arabischen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 16 Jahren beleidigt und geschlagen. 2007 stach der 23-jährige Sajed A., ein Afghane mit deutscher Staatsangehörigkeit, einen Rabbiner in Frankfurt auf offener Straße nieder. Der Rabbiner überlebte durch eine Notoperation. 2010 warf ein elfjähriger Iraker Steine auf eine jüdische Tanzgruppe in Hannover. 2012 wurde ein jüdischer Geistlicher vor den Augen seiner kleinen Tochter in Berlin-Friedenau von „arabischstämmigen“ Jugendlichen zusammengeschlagen.
Die Reaktionen: skurril bis bizarr
In dem Maß, wie man sich zum Einwanderungsland erklärt hat, hat man auch die überall lodernden Konflikte des Auslands in das eigene Land geholt. Deren Unterdrückung dürfte nur so lange gelingen, wie die deutschstämmige Bevölkerung noch die Mehrheit stellt, vor allem im administrativen Apparat, und noch ausreichend Geld vorhanden ist, um Konflikte irgendwie zu deckeln.
Die offiziellen Stimmen im neuesten Fall wollen sich offenbar dieser Problematik nicht wirklich annehmen, sondern verharren statt dessen in den üblichen Gemeinplätzen der „multikulturellen“ Doktrin. So verurteilt man floskelhaft „Antisemitismus, Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Ein von sämtlichen Parteien (außer den Republikanern) verabschiedeter Dringlichkeitsantrag fordert, in Zukunft „Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten aufgrund von Religion, Herkunft und Aussehen zu verhindern“. Die „südländischen“ Jugendlichen werden faktisch teils als sozial benachteiligte Opfer dargestellt. Ein Politiker fordert „Respekt und Toleranz“ und ein „friedliches und konstruktives Zusammenleben“. Eine Pfarrerin fordert bizarrerweise „verstärkte Anstrengungen“ nicht nur beim Thema Antisemitismus, sondern auch zur „Islamfeindlichkeit“.
Ein Vertreter der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ fragt sich, „ob die deutsche Gesellschaft mit ihren Anforderungen ans Zusammenleben nicht mehr alle erreicht“. So, als wäre das Problem ganz überraschend über Nacht vom Himmel gefallen. „Es darf auch nicht sein, daß die veränderten Zuwanderungsbewegungen die Bemühungen um tolerantes Zusammenleben ad absurdum führen“, verlautbart er weiter. Diese Argumentation ist fast schon Kindern ähnlich, für die nicht sein darf, was ist, wenn es den eigenen Wünschen widerspricht.
Keine Silbe wert
Viele deutsche Normalbürger stehen selbst diesem Vorgang stumpf und desinteressiert gegenüber. Auch das ist (leider) erklärbar. Denn vergleichbar schreckliche Vorgänge finden fast täglich statt, verübt von als „südländisch“ titulierten Tätern, bloß werden sie unter die „normale“ Alltagskriminalität eingeordnet, und sind Politikern deshalb selten Stellungnahmen wert. Sie haben also keine politische Dimension. Wozu also durch Worte Unruhe schaffen, wenn man nicht dazu gedrängt wird?
Fast jede Woche liest man nicht nur in Offenbach von Raubüberfällen und Messerattacken mit eindeutigen Täterhinweisen. Im März wurde dort beispielsweise einem Passanten von einem etwa 20-jährigen Nordafrikaner ein Messer in den Bauch gestoßen, weil dieser dem Täter nicht eine Zigarettenpackung überlassen wollte. Im Mai verfolgte ein „südländischer“ Straßenräuber in den frühen Morgenstunden zwei Frauen bis ins Treppenhaus, versuchte sogar in ihre Wohnung zu gelangen, bis er nach einem Handgemenge die Flucht antrat. Die Frauen trugen Verletzungen an Kopf und Unterarm davon. Es sind Fälle wie diese, die sich den Opfern schmerzlich in die Seelen brennen. Und dabei wird durchaus registriert, daß es den Vertretern aus Politik und Gesellschaft meist keine Silbe wert ist, sondern bereits als „Normalität“ gilt, mit der man sich innerlich abzufinden habe. Insofern wird die intensive Imagepflege der Politik im aktuellen Fall an der Basis der Einwohnerschaft teils als Bevorzugung Bürger jüdischen Glaubens interpretiert.
Am nähesten an der Problembenennung dürften vermutlich die völlig isolierten Republikaner mit ihrem eigenen Antrag liegen. Doch der gesamte Parteienblock von CDU bis Linke wendet sich gegen diese, weil sie eine mögliche fremde Herkunft der Jugendlichen zu sehr betone.
Bräsiges Denken, hilflose Appelle, alter Trott
Da kann man einfach nicht mehr helfen. Es darf eben nicht sein, was ist, schon gar nicht darf genannt werden, was nicht sein soll. Also müssen die alten Rezepte durchgespielt werden. Augen zu und durch. Dabei gäbe es Möglichkeiten, diese sind aber nur national zu haben: Anstrengungen zu einer stärkeren Assimilierung problematischer Bevölkerungsgruppen. Propagierung einer Willensnation mit strengerem, maskulinem Erziehungspersonal. Fahnenappell in Schulen, Singen der Nationalhymne, Schaffung eines positiven Gemeinschaftsgefühls jenseits von Beliebigkeit und Kuschelpädagogik – es wären Ansätze, mit denen z. B. die USA lange Zeit dem ethnischen Auseinanderfallen entgegensteuern konnte. Auch das kann scheitern, wäre aber immerhin noch ein Versuch der Problemlösung.
Doch das ist im bräsigen, alten Denken des hiesigen „Multikulturalismus“ unvorstellbar. Und so gibt es bei den alten Kräften eben keine Lösung mehr, außer noch ein bißchen mehr Geld, noch zwei Pädagogenstellen mehr, noch etwas intensivierte NS-Vergangenheitsbewältigung, auf daß aus arabischen Machos dadurch hoffentlich irgendwann auch lammfromme Schuld-Deutsche werden. So wie es der Vertreter der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ formuliert, der die erzieherischen Institutionen auffordert, sich nun „verstärkt um Aufklärung der historischen und aktuellen Entwicklung in Deutschland zu bemühen“. Hilflose Appelle also, und so wird die Fahrt einfach im alten Trott weitergehen. Bis zur nächsten Untat.
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 10.6.2013
Foto: Gerald Henseler, pixelio.de

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