Vertreibung im Film: Schatten und Licht

Schneelandschaft im Fichelgebirge (1)Das Thema Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten ist ein bislang noch künstlerisch verwaistes Thema. Die biographische Literatur mit Zeitzeugenberichten ist zwar erheblich, wenn auch großenteils nur im Selbstverlag gedruckt. In der graphischen Kunst und Belletristik taucht das Thema eher selten auf. Noch seltener werden deutsche Opfergeschichten im kostenintensiven Medium Film verarbeitet. Der Deutsche der Weltkriegszeit erscheint dort meist als Täter, sei es in Filmstorys des omnipräsenten Bereichs Judenverfolgung oder diversen Kriegsfilmen von „Der Soldat James Ryan“ bis „Inglourious Basterds“.
Das hinterläßt natürlich Spuren bei den Zuschauern. Als ich vor Jahren einmal über den Kriegsgefangenen-Film „So weit die Füße tragen“ mit einem eher links orientierten Freund diskutierte, äußerte dieser, daß es doch reichlich unangemessen sei, Deutsche im Kino als Opfer darzustellen.
Ähnliches begegnet einem in der Filmkritik, etwa wenn Sonja M. Schultz zu dem im Sudetenland spielenden Film „Habermann“ äußert: „Der Streit entzündet sich dabei meist nicht an der Frage, ob an deutsches Leid erinnert werden soll, sondern wie dies geschieht. (…)Tatsächlich verliefen die Vertreibungen aus den ehemals nationalsozialistisch besetzten Gebieten wie auch aus den vormals reichsdeutschen Regionen im Osten gewalttätig, oft mörderisch. Das ließe sich durchaus ohne überdeutliche Märtyrersymbolik und ohne eine bildliche Überschreibung der Erinnerung an die Shoah erzählen. (…) Seit den 1990er Jahren gibt es eine Entwicklung, die als ‘neuer deutscher Opferdiskurs’ bekannt geworden ist. Bücher, Filme und Zeitschriftenreihen thematisieren verstärkt das Leiden der deutschen Bevölkerung durch den Zweiten Weltkrieg. Ärgerlich wird dieser Diskurs immer dann, wenn es ihm nicht allein um Trauer und persönliche Erinnerung geht, sondern um ein Aufrechnen von Kriegsschuld und um eine Gleichsetzung der deutschen Erfahrungen mit den jüdischen. Der beim Bayerischen Filmpreis zweifach ausgezeichnete Habermann ist ein Paradebeispiel hierfür, das umso ekelhafter erscheint, je mehr die Produktion mit ihrer ‘wahrhaft historischen Bedeutung’ wirbt.“
Beispiele ohne volkspädagogische Dogmen
Es ist interessant zu sehen, wie weit die Schraube der neoreligiösen Dogmen bereits in manche konditionierten Köpfe eingedreht wurde. Ein einst von Filmemachern entwickeltes freies künstlerisches Ausdrucksmittel, das ebenfalls zu verwenden jedem Künstler frei steht, gilt dort bereits als Verstoß gegen eine exklusiv beanspruchte Bildsprache. Das konstruierte Bild wird in eins mit der historischen Vergangenheit gesetzt und gegen jede „Dekontextualisierung“ abgeschirmt, die als Angriff auf das Dogma der Unvergleichbarkeit interpretiert wird.
Habermann“ ist ein 2010 von dem jüdisch-slowakischen Regisseur Juraj Herz (geb. 1934) veröffentlichter Film, der im Sudetenland spielt. Er erzählt die Geschichte des Sägewerk-Besitzers August Habermann, der mit einer Halbjüdin verheiratet ist, sich aus dem Feld der Politik herauszuhalten versucht und dennoch in die Mühlen seiner Zeit gerät. In dem Film wird die Vertreibung und Ermordung der Sudetendeutschen durchaus gezeigt. Die von den Nationalsozialisten einst verfolgte Halbjüdin gilt den Tschechen bald als „Deutschen-Schlampe“. Und die Arbeiter, für die sich Habermann stets eingesetzt hat, foltern ihn am Ende zu Tode.
Nun habe ich dieser Tage zwei weitere Filme gesehen, die sich dieser Thematik widmen und ohne volkspädagogische Opfer-Täter-Liebesschmonzetten auskommen.
Róża / Rose“ des polnischen Regisseurs Wojciech Smarzowski (geb. 1963) entführt in das ostpreußische Masuren nach Kriegsende. Zwei kleine Elemente stellt er seinem Streifen voran, die vor allem dazu dienen dürften, ihm die Anschlußfähigkeit im polnischen Diskurs zu erhalten. Der Film spielt im Milieu der Volksgruppe der Masuren, denen eine nahe Verwandtschaft zu den Polen bescheinigt wird. Seit 1873 wären diese einer Germanisierung ausgesetzt gewesen. Doch geht Smarzowski nicht so weit, Geschichtsklitterung zu betreiben. Die Masuren waren bekanntlich sehr deutschfreundlich gesinnt, sprechen sie auch im Film deutsch, werden von den Polen als Deutsche behandelt und stehen somit exemplarisch für die Mißhandlung auch der „reinen Deutschen“ in den Ostgebieten. Zudem beginnt der Film mit einer Vergewaltigungsszene durch deutsche Soldaten, was der Vorstellung der Vertreibung als reiner Racheaktion bei manchem Betrachter Nahrung geben könnte.
„Róża“ zeigt die Entstehung Nachkriegspolens als mit Blut besudelt
Doch dem ist nicht so. Mit erschreckend drastischen Bildern zeigt „Róża“ die völlige Rechtlosigkeit der masurisch-deutschen Volksgruppe. Diebstahl, Raub und Mord sind an der Tagesordnung und werden von keinem Rechtsstaat gebremst. In dem Film sucht Tadeusz Mazur, Veteran der antikommunistischen polnischen Untergrundarmee und des Warschauer Aufstands, ein kleines Dorf in Ostpreußen auf, um der Witwe eines deutschen Wehrmachtssoldaten, dessen Tod er miterlebt hatte, letzte Habseligkeiten des Verstorbenen zu überbringen. Die Witwe veranlaßt den integer wirkenden Mann, am Ort zu bleiben. Er wird in den folgenden Wochen Zeuge der völlig anarchistischen Zustände, in denen eine enthemmte russische Soldateska, sowjetische NKWD-Folterknechte und polnische Kommunisten die Bevölkerung mit alltäglichem Terror überziehen – mit dem Endzweck der vollständigen Polonisierung der betroffenen Gebiete.
Selten wurde die Geburt des Nachkriegspolen so deutlich als mit Blut besudelt dargestellt. „Die Deutschen haben uns wie Menschen behandelt“, äußert die junge Frau einmal als Vergleich. „Róża“ dürfte es nicht leicht haben, einen deutschen Verleih zu finden, denn zu sperrig steht der Film dem BRD-Geschichtsdiskurs mit seinen einseitig festgelegten Täter-Rollenbildern gegenüber. Wer dennoch eine (möglichst englisch untertitelte) DVD ergattern kann, sei vorgewarnt. Es ist keine leichte Kost, die hier serviert wird. Der Film zeigt die völlige Verrohung, die Krieg anrichten kann, somit besteht er zu einem großen Teil aus Vergewaltigungsszenen.
Weitaus leichter präsentiert sich hingegen der deutsche Spielfilm „Wintertochter“ von Johannes Schmid (geb. 1973). Der Film spielt in der Gegenwart, verweist aber deutlich auf das Thema Flucht und Vertreibung. Eine Stärke des Films ist, daß er dies eher auf der Andeutungsebene beläßt und somit zeigt, wie die Geschichte in den psychologischen Tiefenschichten weiterlebt. Zwei Reisen in die Vergangenheit werden gezeigt, die eines jungen Mädchens und einer alten Frau – ein Motiv auch aus der familiären Geschichte der Drehbuchautorin Michaela Hinnenthal.
Auch „Wintertochter“ ist gelungen
Am Weihnachtsabend schreckt hier ein Telefonanruf eine Berliner Familie auf. Ein fremder Mann mit dem Namen Alexej ist am anderen Ende der Leitung. Aufregung entsteht und die Mutter beichtet ihrer Tochter Kattaka übereilt, daß es ihr leiblicher Vater war, der einst als russischer Soldat in der DDR stationiert gewesen ist. Die junge in ihrer Identität verunsicherte Pubertierende, überfordert von dieser Neuigkeit und rebellisch, wünscht, ihren echten Vater zu sehen, der momentan als Seemann im nahen Stettin weilt. Da Kattakas Mutter aber gerade hochschwanger ist, willigt die alte Nachbarin Lene Graumann ein, mit dem Mädchen zum Stettiner Hafen zu fahren. Doch der ursprünglich geplante Tagestripp entwickelt sich zum Road Movie: Die beiden landen erst in Danzig und schließlich im tiefsten Ostpreußen, wo Lene Graumann in der Weite einer weißen Winterlandschaft ihre eigene Vergangenheit wiederfindet.
Wintertochter“ ist kein politisch engagierter Film, und insofern versucht sich der junge Regisseur auch gegenüber der wachsamen hiesigen Filmkritik abzusichern: „Es ist tatsächlich so, daß diese Themen auf eine Art angerissen werden, die hoffentlich bewirkt, daß jüngere Zuschauer darüber mit ihren Eltern oder Großeltern sprechen. Was die Geschichte der beiden Länder betrifft, wollen wir natürlich nicht in eine bestimmte politische Ecke gestellt werden. Der Film erzählt das persönliche Leid einer Fluchtgeschichte, aber er weist keine Schuld zu, sondern versucht, diese Schicksale im historischen Geflecht zu verankern. Deshalb gibt es auch die Episode auf dem Bauernhof tief im polnischen Masuren. Das ist eine sehr wichtige Szene, wo man die Verletzung spürt und sich fragt: Was haben die Deutschen im Krieg eigentlich in Polen alles gemacht?“
Doch Schmid beläßt es bei einer kurzen diesbezüglichen Anmerkung als durchaus akzeptablem Feigenblatt und liefert einen insgesamt gelungenen, bezaubernden und ausgesprochen berührenden Film, der auch als DVD erworben werden kann.

 

Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 21.1.2013
Foto: friparvus, Schneelandschaft im Fichtelgebirge (1); „Some rights reserved“; „Quelle: www.piqs.de

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