Acht CDs

Vielleicht hat der ein oder andere noch nichts zu Weihnachten gefunden. Oder es steht ein Geburtstag vor der Tür. Oder er hat nur mal wieder Lust auf neue Musik, jenseits von Charts und abgetretenen Wegen. Demjenigen also, der sich davon angesprochen fühlt, seien acht recht aktuelle CDs kurz vorgestellt…

CDs 1
Zwei „Black Music“-CDs mit genreübergreifendem Charakter dürften nicht nur die Herzen von Soul-Liebhabern ohne jeden Zweifel höher schlagen lassen. Die Scheiben eignen sich bestens zum Tanzen, wie auch nur zum möglichst geschmeidigen Mitwippen während der Autofahrt – selbstverständlich mit Afro-Frisur und Spiegelsonnenbrille. Der Doppel-Sampler „Harmony. Melody & Style“ von Soul Jazz Records vereinigt britische Raritäten der Jahre 1975 bis 1992. Die Stücke werden unter der Bezeichnung „Lovers Rock“ präsentiert, eine Stilrichtung des Reggae mit ausgeprochen souligem Akzent. Der Rhythmus ist hier klassisch, unaufgeregt, der Gesang ein angenehm sanftes Hintergrundplätschern. „Lovers Rock“ entstand Mitte der 1970er Jahre als Reaktion auf die Dominanz politischer und religiöser Inhalte des Reggae. Bereits La Famille zeigt auf der CD mit dem bestens tanzbaren Eröffnungsstück „All Night Long“ die Absetzung vom Bob Marley-Stil oder Roots-Dub jener Jahre. Sandra Reid nähert sich mit „Don´t Tell Me Tell Her“ am weitesten dem Soul an. Und Yvonne Archer steuert dieser gelungenen Compilation eine für heutige Ohren ungewöhnliche Version des Chaka Khan-Songs „Ain´t Nobody“ bei. Eine ganz andere Verbindung geht der Soul hingegen in Ralph Kiefers Album „The Soul Session: One“ ein. Hier wird die schwarze Musik mit Jazz und modernen Elektronik-Elementen verschmolzen. Trotzdem es sich um einen deutschen Komponisten handelt, verliert sich Kiefer nicht allzu in gewollt experimentellen Verspieltheiten. Der Sound bleibt geerdet und atmet durchaus den Charakter der 70er Jahre. Hierzu tragen nicht zuletzt die Gastsänger bei, Bajka bei „Struggles and Blessings“, Karl Frierson bei „Soul Desire“ oder Ana bei „Woman and Man“. Erstaunlich gelungen erscheinen sogar Lounge-Coverversionen des Doors-Songs „Light my fire“ und des Hippie-Klassikers „Horse with no name“ von America. „The Soul Session: One“ ist somit eine Verneigung vor der klassischen Black Music, allerdings auf Augenhöhe.

CDs 2
„Weltmusik“ entführt vornehmlich in die exotischen musikalischen Szenen und Traditionen anderer Kontinente. Sie ist deshalb vor allem für jene geeignet, die mit dem Mainstream der Pop- und Unterhaltungsmusik wenig zu tun haben, zugleich aber nicht in die Bereiche allzu avantgardistischer Subkulturen abgleiten möchten. Einen Zug Besonderheit mag man zusätzlich darin finden, wenn man sich die fremde Musikwelt gerne durch eine weibliche Stimme erklären lässt. Die Bedeutung von weiblichen Sängerinnen im Weltmusik-Bereich unterstreichen pars pro toto die neuen Auskopplungen von Natacha Atlas und Céu. Natacha Atlas bewegt sich zwischen Orient und Okzident. 1964 in Brüssel geboren ist sie nun bereits seit bald 20 Jahren damit beschäftigt westliche Elektronik mit arabischen und afrikanischen Klängen zu verschmelzen. Ihre neueste CD „Mounqaliba-Rising: The Remixes“ stellt dabei eine elektronisch aufgepeppte Nachbearbeitung ihres 2010er-Albums „Mounqaliba“ dar. Darin ist auch ein mit Klavier untermalter Bonus-Track enthalten, „Egypt – Rise To Freedom“, der als Ehrerbietung an die ägyptische Revolte des Jahres 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo gedacht ist. Die 1980 in Sao Paolo geborene Céu machte hingegen erstmals 2007 mit dem Album „Céu“ auf sich aufmerksam. Nach dem 2009er-Album „Vagarosa“ folgt nun „Caravana Sereia Bloom“, das sich inspiriert von mehreren Visiten in den Nordosten Brasiliens mit dem Reisen beschäftigt. Céu steht für die sanften Klänge der brasilianischen Musik. Ihre schöne Stimme hat sie im neuesten Album mit dezenten Einflüssen von Ska, Psychedelic-Rock und diversen südamerikanischen Stilen garniert. Das macht die Stücke allesamt durchaus angenehm hörbar, eignet sich aber am besten für Hörer, die nicht die ganz glatte Reise in die brasilianische Musikwelt erwarten. Für Einsteiger wäre somit eher der neue Sampler „Brazilian Beat“ aus dem Hause Putumayo zu empfehlen, der zudem mehrere junge brasilianische Musikerinnen vorstellt, so etwa Tamy, Bruna Caram und Tita Lima.

CDs 3
Drei neue Sampler sind pünktlich zum Fest erschienen, die außerdem an dieser Stelle Erwähnung finden sollen. Die um das Jahr 2000 entstandene Stilrichtung „Electroswing“ setzt auf eine eigenartig nostalgische Verbindung. Swing, also die aus dem Jazz entsprungene Tanzmusik der 1920er und 30er Jahre, wird mit modernen elektronischen Rhythmen kombiniert. Dabei bedient man sich auch des seit der „House“-Musik zum Spannungsaufbau beliebten Stilmittels der mehrfachen direkten Wiederholung von aus dem Musikstück herausgelösten Kurzsequenzen. Zwei Vorreiter dieser noch nicht sehr bekannten Stilrichtung sind die französischen DJs Bart & Baker. In weißem Sakko und mit Fliege posierend könnte man sie als Robert Kreis-Typen für den Clubbetrieb interpretieren. Mehrere Auskopplungen hat das Duo mittlerweile veröffentlicht, und nun gesellt sich die durchweg gelungene Scheibe „Electro Swing V“ dazu. Die CD präsentiert unter anderem Tomato Jacks schwungvolle Interpretation des bekannten jiddischen Liedes „Bei mir bist du schejn“, Uc 64 steuern eine Abwandlung von „In The Mood“ bei und Andy Latoggo gelingt es mit „Wunderbar“ auch jedem modernen Tanzbein ein Zucken zu entlocken. In ganz andere, aber bisweilen für deutsche Ohren nicht minder exotische Welten stößt der Sampler „Lunapark“. Die Auskopplung präsentiert an 19 Beispielen russischer Musiker den aktuellen „Sound des Ostens“. Interessant ist hier besonders die Dramaturgie in der Abfolge einzelnen Stücke. Ist die erste Hälfte eher in Richtung Hardrock orientiert, mit dem melodischen Stück „Platye V Goroshek“ von „Underwood“ als Leuchtpunkt, so finden sich gegen Ende der Scheibe zunehmend gefühlvolle Balladen bzw. Chansons. In Stücken, wie Alina Orlovas „Lihoradka“, „Smeshnaya Sestryonka Leta“ von Pilot, „Mechtateli“ von Bez Bileta oder „Zima“ von Varya Demidova kommt dann die russische Sprache schön zu ihrem Klang und man meint deshalb vielleicht etwas von der Seele dieses weiten Landes zu spüren. Zuletzt sei noch die zweite Auskopplung von „Putumayo World Music“ zum Thema „Yoga“ empfohlen. Nachdem man bereits 2010 mit „Yoga“ einen Sampler zu der beliebten Sport- und Meditationspraxis herausgeben hat, wurden nun mit „World Yoga“ nachgelegt. Die neue Scheibe wirkt etwas westlicher als ihr Vorgänger. Die Musiker der 15 Stücke kommen zu einem nicht unbeachtlichen Teil aus Afrika, was sich auch hörbar niederschlägt, hinzu gesellen sich Amerikaner und Europäer. Wer indisches Flair und Sitar-Einsätze erwartet, dürfte enttäuscht werden. Stattdessen aber erwartet einen eine angenehm hörbare Scheibe, die sowohl für die Yoga-Sitzung, als auch einfach für entspannte Sommernachmittage auf dem Balkon bestens passt.
Claus Wolfschlag

 

(Zuerst veröffentlicht 2012)

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