Kein Spaß mit Pussy Riot

533750_web_R_by_Dr. Stephan Barth_pixelio.dePolitischer Protest und Humor unterliegen einem steten Spannungsfeld. Der Humor kann dabei traditionell dazu dienen, Autoritäten und Machtstrukturen bloßzustellen. Beispielsweise in der Karikatur, diente diese doch bereits seit den Glaubenskriegen des 16. Jahrhunderts als probates Mittel, die gegnerische Partei oder den jeweiligen Machthaber ins Lächerliche zu ziehen oder – wie im Falle des Kupferstechers William Hogarth (1697-1764) – den Finger in die Wunden der gesellschaftlichen Zustände zu legen.
Dass im „Kampf gegen Rechts“ dieser Spieß häufig umgedreht ist, zeugt nicht von der Qualität des aktuellen politischen Humors, sondern allenfalls von Spitzfindigkeit der Herrschenden und der Humorlosigkeit ihrer Gegner. So rief beispielsweise unlängst der sozialdemokratische Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Matthias Brodkorb, für den 11. August 2012, aus Anlaß eines bedeutungslosen NPD-Pressefestes zu einer Menschenkette für „Demokratie und Toleranz“ in Pasewalk auf.
Das angeblich von 75 Mitgliedsorganisationen getragene Aktionsbündnis schaffte es gerade einmal, 2000 Leute auf die Straße zu bringen.
Gefahrloser Humor
Das waren etwa 26 Anhänger pro Organisation. Eher also eine etwas größere Mitgliederversammlung. Die Veranstalter gaben dazu an, daß die Resonanz größer als erwartet gewesen sei. Man ist wirklich bescheiden in Meck-Pomm. Das hielt das mitgereiste Fernsehen selbstverständlich nicht davon ab, die mutigen 2000 als Ausdruck eines Volonté générale der mecklenburgischen Gesamtbevölkerung darzustellen.
Und der gefahrlose Humor blieb dabei nicht auf der Strecke, wurde doch zum wiederholten Mal der alte Gag des „Storchen Heinar“ bemüht, eine angeblich lustige Verballhornung der Modemarke „Thor Steinar“. In Meck-Pomm bleiben demnach nicht nur „braune Idyllen“ länger als anderswo haltbar, sondern auch alte Witze.
Mich erinnert derartige Form von Witz an eine Szene in einer Kneipe, deren Zeuge ich vor vier Jahren wurde. In der dunklen Wirtsstube, die sicher vermutlich seit der Gründung der „Grünen“ keine Renovierung mehr erfahren hat, erzählte ein Stammgast am Nebentisch, daß er dort einmal einen bahnbrechenden Witz erfolgreich gelandet hätte: „Kommt der Gorbatschow zum Reagan…“, fing er auch gleich an. Alle hätten damals in der Kneipe gelacht, offenbar vor Jahrzehnten. Und ich dachte etwas bedrückt, als ich die alte Zote hörte, daß es die Sternstunde im Leben des armen Tropfes gewesen sein muß.
„Die Kirche ist die Scheiße Gottes!“
Doch zum eigentlichen Thema: Hat man in Deutschland also bisweilen gewisse Probleme mit gutem Humor und Reibungspunkten, so ist man weiter östlich offenbar bereits völlig humorlos.
Zwei Jahre Lagerhaft wurde nun im Moskauer Chamowniki-Gericht als Strafe für drei junge Frauen der Protestgruppe „Pussy Riot“ verkündet, weil sie im Februar ein gegen Präsident Putin gerichtetes sogenanntes „Punkgebet“ in der Moskauer „Christus-Erlöser-Kathedrale“ durchgeführt haben.
Dabei liefen sie mit über den Kopf gezogenen Mützen in den allerheiligsten Bereich, zu dem nur hohe Priestern Zutritt haben, und schrien den anwesenden Gläubigen beispielsweise „Die Kirche ist die Scheiße Gottes!“ zu.
Immerhin baten die drei Angeklagten in dem Prozeß um Entschuldigung, falls sie die Gefühle Gläubiger verletzt hätten. Religiöser Haß sei nicht ihr Antrieb gewesen.
Weltweite Unterstützung
Die weltweite Unterstützung ist den jungen Frauen gewiß. Von Popsängerin Madonna über Udo Jürgens und Marius Müller-Westernhagen bis zu den unvermeidlichen Peter Maffay und Udo Lindenberg lautet die große Solidaritätsadresse. Hinzu kamen Politiker, wie die „Grüne“ Renate Künast oder gar Bundeskanzlerin Angela Merkel, die das harte Urteil beklagte.
Wie armselig müssen sich eigentlich hiesige Linksradikale fühlen, daß sie regelmäßig Gesetze übertreten, aber nie wirklich in solcher Weise bestraft und gerichtlich vorgeführt werden? Und dies, obwohl sie, wie Martin Lichtmesz einmal richtig bemerkte, offenbar regelrecht um die fällige Watschen betteln.
Selbst Sachbeschädigungen im hohen Maß sind möglich, doch niemand möchte Hand an die „jungen Leute“ legen. Und man kann Gottesdienste im Kölner Dom stören und Bilder des Papstes mit verkackter Robe drucken, ohne viel befürchten zu müssen. „Lustigkeit kennt keine Grenzen“, wenn der deutsche Humor sich mal wieder in gewohnter Weise an alten Feindbildern abreagieren darf.
Nach unseren Maßstäben hat „Pussy Riot“ also zweifellos eine sehr harte Strafe für etwas „Spaß“ erhalten. Die westliche Empörung aber ist durchsetzt von Heuchelei. Denn wenn hierzulande drei Mädels mit SS-Shirts in eine Kirche oder gar Synagoge reinmarschieren würden, um dort vor den Gläubigen im Stechschritt zu tanzen, sähe es womöglich nicht viel anders aus.
Merkel würde härtere Strafen fordern
Oder nehmen wir am Ende eine Moschee, in die ein Scherzkeks mit Straßenschuhen und Storch Heinar-Kostüm spaziert, um dort etwas über die „Scheiße Gottes“ kundzutun. Das könnte richtig lustig werden, besonders wenn sich dieser Punk danach auf einer Todesliste wiederfände und so gar keine Unterstützung von Politik, 75 mutigen Organisationen, Popwelt und Medien erhält.
Nicht mal ein Matthias Brodkorb würde sich mehr blicken lassen. Und Angela Merkel würde vermutlich mit gesenktem Blick dem betroffenen Iman die Hand schütteln und im Fernsehen schärfere Strafen fordern. Auch ein Spaß.
Nun, „Pussy Riot“ in ihrem Selbstverständnis als Bestandteil der weltweiten feministischen Punkbewegung „Riot Grrrl“ ist eben ein Popphänomen. Man kann ihren Protest inhaltlich gutheißen oder in seiner Form verabscheuen.
Die drei Frauen haben, wenn man sie sich so anschaut, ganz bewußt mit dem Feuer im Putin-Rußland gespielt, und sie haben bekommen, was sie erwartet und auch irgendwie gewollt haben. Das sind keine heulenden Teenies, die aus Versehen bei „Facebook“ den falschen Knopf gedrückt haben. Die Drei sind sich im Klaren, was sie angestoßen haben. Die hübsche Nadezhda Tolokonnikova posierte im Gericht sogar mit einem provokativen „No pasaran“-T-Shirt.
Medieninszenierung
Da gibt es nichts zu beschweren. Das ganze ist also eine Medieninszenierung, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Denn sie fällt in der westlichen Welt auf einen auch geostrategisch günstigen Nährboden.
Man kann es auch mal positiv sehen: Wer bestraft wird, wird zumindest ernst genommen. Hierzulande könnte man nackt durch die Kirche laufen und an den Altar urinieren und die Pfarrer sagen noch: „Das muß man irgendwie auch verstehen. Vielleicht möchte er nächste Woche noch einmal zum Gottesdienst wiederkommen?“…

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 20.08.2012
Foto:  Dr. Stephan Barth, pixelio.de

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