Die Welle glatt gebügelt

578769_web_R_by_Dieter Schütz_pixelio.deUnlängst unterhielt ich mich mit heutigen Mittelstufen-Schülern über die Qualen des Deutsch-Unterrichts. Ich berichtete von der zähen einstigen Lektüre etwa eines Günther Grass oder Friedrich Dürrenmatts, die zum Schulalltag der achtziger Jahre gehörte. Und davon, daß ich damals meiner stramm linksliberalen Deutschlehrerin einige kritische Einwände nicht ersparte, auch auf die sehr begründete Gefahr hin, deshalb eine oder gar zwei Noten tiefer gestuft zu werden.
Die Schüler antworteten mir, daß so etwas bei ihnen nicht mehr gelesen würde. Eher gehöre Morton Rhues Roman „Die Welle“ nun zum Standardrepertoire des politisch-korrekten Unterrichts. Und wahrlich stoße ich in Zeitungsberichten immer mal wieder auf Aufführungen von Schultheater-AGs zu diesem Thema. Und zum Kinofilm hat es der Stoff unvermeidlich auch noch geschafft. Insofern hat also auch in diesem Bereich eine massive Verflachung eingesetzt.
Das 1981 erschienene Buch handelt von einem Geschichtslehrer, der im Unterricht die Themen Holocaust und Zweiter Weltkrieg durchnimmt. Die Schüler zeigen sich betroffen, äußern aber, daß sich derartige Manipulationen eines politischen Systems nicht wiederholen könnten. Deshalb entschließt sich der Lehrer dazu, ein Experiment mit dem Namen „Die Welle“ zu starten, mit dem eine ähnliche Ausgangssituation wie zu NS-Zeiten konstruiert werden soll. Den Schülern soll dadurch ein Gefühl dafür gegeben werden, „was es bedeutet haben mochte, in Nazi-Deutschland zu leben“. Das Experiment soll zeigen, daß Menschen mit einfachen Methoden manipuliert werden könnten.
Reduzierung des NS-Systems auf Manipulation
Und faktisch wird der „Faschismus“ durch solche Sekundärtugenden kreiert, die einst auch Oskar Lafontaine für das Funktionieren eines KZs angeprangert hatte. Die „autoritäre Gemeinschaft“ wird durch Disziplin, Gemeinschaftsgefühl und das aktive Handeln zusammengeschustert. Der Lehrer inszeniert sich als autoritäre Person, er propagiert ein überindividuelles Gemeinschaftsgefühl mit einem Identität stiftenden Gruß. Fertig ist die Mitläufermasse. Es ist klar, daß langsam das eigenständige Denken der Schüler verkümmert, zugleich einstige private Verbindungen zerreißen.
Der Lehrer in „Die Welle“ verpflichtet seine Schüler bald zur Gruppenegalität (zum Beispiel in der Kleidung) und dazu, neue Mitglieder anzuwerben. Zudem müssen sie abweichendes Verhalten melden, wodurch ein hierarchisch strukturiertes Überwachungssystem installiert wird. Natürlich erkennt der Lehrer irgendwann die Gefährlichkeit seines Tuns, nämlich als ein jüdischer Schüler Gewalt erfährt. Totalitäre Strukturen scheinen sich demnach per se antisemitisch zu entwickeln, mag wohl die Botschaft sein. Am Ende zeigt der Lehrer öffentlich ein Bild Adolf Hitlers und klagt die Schüler an: „Ja, ja, Ihr wärt alle gute Nazis gewesen.“ Nun sind alle ganz betroffen und wollen das Experiment rasch verdrängen.
Das ganze ist natürlich sehr stumpf, läßt diese Reduzierung des NS-Systems auf Manipulationen doch völlig außer Acht, in welcher geistigen, weltpolitischen und ökonomischen Ausgangslage die historischen Bewegungen entstanden sind. Detaillierte Kenntnisse zur komplexen deutschen Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts, zum ersten Weltkrieg, dem Versailler Vertrag, dem aufkommenden Kommunismus, kann man ohnehin kaum noch bei vielen heutigen Schülern voraussetzen.
Stark schematisiertes Denken
Selbst wenn die kritische Sicht nach Genuß der „Welle“ auf ähnliche historische Phänomene erweitert würde, bedeutet ein stumpfer Vergleich von NS-System, Faschismus, Kommunismus und heutigen religiösen Psycho-Sekten, völlig die unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen zu ignorieren. Man könnte schlicht von stark schematisiertem Denken sprechen.
Ich erinnere mich noch an die Oberstufenzeit meines Schulunterrichts, in dem als Phänomene für Agitation und Verführung vorzugsweise Hitler-Reden analysiert wurden. Schon damals brachte ich den Einwand vor, daß man solche Phänomene doch fast eben so gut in Reden aktueller Politiker wieder finden könnte, ja, daß es doch viel lehrreicher für uns Gegenwartsmenschen sei, uns mit heutigen Agitationsformen zu beschäftigen. Schließlich gehörte schon damals nicht viel geistige Arbeit dazu, zu den Sätzen einer Hitler-Rede gewichtig die Nase zu rümpfen, um eine gute Note zu bekommen. Doch nicht einmal die kommunistische Agitprop fand damals kritische Erwähnung.
Heute wäre das mögliche Feld der Beobachtung vielleicht noch größer. TV-Nachrichtensendungen, Promi-Mobbing mit eingeschlossener Medienkampagne (bei Eva Herman beispielsweise), der „Kampf gegen Rechts“ oder gar die komplette Werbebranche böten ein perfektes Untersuchungsobjekt zu den sehr verfeinerten Strategien der Manipulation in der Gegenwart. Doch darum geht es eben gar nicht. Nichts weniger will ein Staatsapparat mit seiner pädagogischen Arbeit erzeugen als kritische Geister, die möglichenfalls seine eigenen Grundlagen hinterfragen könnten. Deshalb dient die diesbezügliche Fixierung auf die NS-Zeit exakt dem Gegenteil.
Erziehungsziel: Der kleine Anpasser
Durch die assoziative Verknüpfung von Manipulation mit „Faschismus“ soll Wohlwollen gegenüber der Gegenwart erzeugt werden. Ist schließlich die  Menschenmanipulation im „faschistischen“ Bereich fest eingetütet, kommt sie also immer markig grüßend und uniformiert daher, kann im Gegensatz dazu der Mensch mit liberalen oder linken Meinungen ja stets nur von der Aufklärung und Humanität geküßt sein. Nach diesem Schema sind Menschen, die sich „gegen Rechts“ engagieren, von geistigem Durchblick und emanzipierter Herzenswärme nur so gesegnet, selbst wenn man mit etwas Phantasie jede Antifanten-Gruppe heutzutage als Live-Anschauungsmaterial für die „Welle“ heranziehen könnte.
„Die Welle“ ist das perfekte populärliterarische Werkzeug dieser „Denke“, denn es verknüpft die NS-Historie fest mit dem Begriff der Massensuggestion, blendet aber, einmal abgesehen von NPD und Co., diese für viele Gegenwartsphänomene aus. Mit einem derart banalen Quatsch werde also heute Schüler malträtiert, und das doch vor allem mit dem wahren Ziel, sie zu kleinen Anpassern zu erziehen. Totalitäre Strukturen werden in der hedonistischen Gesellschaft unserer Tage kaum noch durch antiquierte und hohle Rituale erzeugt. Die Pop-, Mode- und Musikindustrie manipuliert die Konsumentenmassen heute viel subtiler.

 
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 11.6.2012
Foto: Dieter Schütz, pixelio.de

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