Das Deutsche finden. Die Voraussetzung gelungener Integration

562120_web_R_by_Reinhard Grieger_pixelio.deBeim unten stehenden Text handelt es sich um das Manuskript eines kürzlich von mir gehaltenen Vortrags. Es ging um gelungene Integration und die Selbstfindung der Deutschen…
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Integration. Die Ausländer sollen sich integrieren, heißt es. Oder: Man soll den Ausländern stärker helfen, sich zu integrieren, sagen die anderen. Integration. Das hört man in letzter Zeit von allen Seiten. Die Eingliederung soll wahlweise, also je nach politischer Ausrichtung und Interpretation des Begriffs, in unsere westliche oder in eine spezifisch deutsche Gesellschaft erfolgen. Was unter der Eingliederung in die westliche Lebenswelt gemeint ist, ist immerhin klar umrissen. Viel ist es ja nicht. Ausländer sollen sich an die Gesetze halten und die deutsche Sprache lernen. Das ist logisch: Eine Gesellschaft kann schließlich nur funktionieren, wenn man sich auch an irgendwelche Gesetze hält. Und eine Verkehrssprache benötigt man, da es sonst bislang noch schwierig ist, zu kommunizieren, also Arbeitsabläufe zu koordinieren. Die Ausländer sollen also bei dieser arg abgespeckten Form der Integration in ein System des Produzierens und Konsumierens eingereiht werden. Ansonsten aber – so das Credo des westlichen Liberalismus – können die Ausländer wie jeder andere Bürger auch weitgehend tun und lassen, was sie wollen. Religion, Kultur, familiäre Alltagssprache, Sitten, Essgewohnheiten – all dies spielt in der gänzlich ökonomisierten Gesellschaft allenfalls noch eine Rolle im Privaten, faktisch als persönliche Folklore. Heute mal ein wenig thailändisch, morgen ganz im Country-Look – alles kann, nichts muss.
Schwieriger haben es da schon diejenigen, die eine weitergehende Integration fordern. Also eine Integration in eine spezifisch deutsch geprägte Kultur. Man könnte sogar von Assimilation sprechen. Die Antwort auf die Frage, was denn die Ausländer bitte tun sollen, um eine solche Integrationsleistung auch erbringen zu können, fällt in der Regel aber sehr stockend aus. Die westliche („multikulturelle“) Gegenseite polemisiert dann gerne. Ob der Türke beispielsweise nur noch Heino hören dürfe, wird dann ironisch gefragt, oder ob er zum Essen von Sauerkraut gesetzlich verpflichtet werden solle. Hihihi, die Schlaumeier dieser Welt sind meistens grün oder rot und natürlich stets so geistreich. Die passende Antwort allerdings fällt deshalb so schwer, weil die Deutschen sich oft selbst nicht damit beschäftigt haben, was eigentlich das Deutsche an ihnen ist.
So bleibt als Deutsch-Sein oft nur ein diffuses privates Gefühl der Vertrautheit. Es umschließt die Nachbarn, die einen sprachlich und auch mental verstehen, wenn man mit ihnen einen Plausch über den Gartenzaun hält. Es umschließt bestimmte, im Idealfall unter Deutschen weit verbreitete Grundsitten: Dass man beispielsweise seinen Vorgarten pflegt und mit Blumen bepflanzt, man sonntags keine türkische Popmusik laut vom Balkon dudeln lässt, dass man „Guten Tag“ sagt, wenn man sich auf der Straße begegnet, man kein Sperrgut in den Wald kippt, sondern Müll sauber trennt. Es ist für den Normalbürger dieses Beheimatet-Sein in der Welt von Recht, Ordnung und Sauberkeit, die er als deutsch wahrnimmt und die er durch Einwanderung, durch Schmutz und Müll (also ein anderes Umweltbewusstsein), durch Großfamilien, durch Jugendliche, die U-Bahnsitze bekritzeln und auf den Boden spucken, eventuell gar schon durch kriminelle Banden, deren Sprache er nicht versteht, bedroht sieht.
Weiter geht das selten. Das liegt auch daran, dass die Deutschen seit 1945 keine Vorstellung einer nationalen Sendung mehr formulieren konnten. Dass sie sich keine Gedanken mehr darüber machen brauchten, was das Deutsche ist und welche positive Rolle es für die Welt spielen könnte. Allenfalls im protestantischen Schuldstolz, in der Gedenkminute, in Stolperstein und Co., findet sich so etwas wie eine metaphysische Kraft jenseits der ganzen Profanität unseres Materialismus. Doch diese Kraft ist ins Negative gewendet und basiert auf der Verneinung der nationalen Tradition und Herkunft.
Wenn man nach dem Deutschen fragt, geraten selbst die Deutschen ins Rätseln. Das hat teils mit der weitgehenden offiziellen Verengung von Geschichte auf 12 Jahre zu tun, also einem schwindenden Bewusstsein der eigenen Herkunft. Oft selbst bei denjenigen, die das Wort „Deutsche“ gegen die „Ausländer“ in Stellung bringen. Sie fahren mit dem Wrangler Geländejeep vom 12-Etagen-Apartmentblock zur Arbeit beim „Facility Management“, hören dazu die CD von Metallica, freuen sich schon auf die allabendliche RTL2-Serie aus USA. Und am Wochenende geht´s zum Geburtstag zu Burger King, mit den Kindern, Kevin und Alisha Whitney.
Das mag überspitzt klingen. Und vor allem: Wer von uns wollte sich da ausnehmen? Steckt nicht ein großer Teil jenes hier beschriebenen amerikanisch geprägten westlichen Lebensstils in uns allen? Verhindern können wir den Zeitgeist nicht, aber dennoch fragen, ob da nicht noch etwas anderes ist. Etwas jenseits von Einkaufscenter, Schnellstraße, Dönerbude und Flachbildschirm. Etwas, das daneben noch existiert. Etwas Seelisches. Das Deutsche.
Die Erde beispielsweise. Diese heilige Erde, so zerrissen, überdüngt, zerfurcht, versiegelt, bespuckt. Obwohl sie doch Generationen ernährt hat. Der Wald. Die hohen Stämme über unseren Köpfen dem Himmel entgegen strebend, als befände man sich in einer gotischen Kathedrale. Das Licht durch hunderte feiner Äste gebrochen. Die Bäume. Ja, sie stehen dem neuen Gewerbepark im Weg, den die Gemeinde zwecks Steuereinnahmen plant. Die alten Häuser, teils hunderte Jahre alt. So viele fielen schon, um gesichtslosen, austauschbaren Investorenkomplexen Platz machen zu müssen.
Man sagt, dass im letzten Krieg unsere Städte nur zum Teil zerstört worden sind. Vieles hätte auch wiederhergestellt werden können. Stattdessen riss man auch noch den stehen gebliebenen Rest ab, für Schnellstraßen durch Innenstädte, für Kisten, quadratisch, modern, wirtschaftlich. Einst konnte man am Grau und Staub der Steine geheimnisvolle Geschichten ablesen, mittlerweile sind die Wände mit Styropor beklebt. Nur noch grober Vandalismus kann hier noch eine Spur hinterlassen, wie ein Aufschrei in einer schallgedämmten Kabine – ein Gekritzel, eine Beule, eine in tausend Scherben zersprungene Bushaltestellenwand.
Du läufst durch die Stadt und suchst das Deutsche, doch Du findest es kaum. Und dass liegt gar nicht so sehr daran, welche Hautfarbe die Menschen haben, die Dir begegnen. Es sind auch die eigenen Landsleute, die – Pommes, Bretzel und Zigarette im Mund – vor Dir heraus stammeln, was ihre Sprache sein soll. „Alder“, sagen sie ständig, und „isch schwör“. Und die Geschichte? Ein Achselzucken. „Weiß ich nett. Interessiert mich nett“, sagt die Schülerin auf die Frage danach. Man muss schon selbst forschen, mitfühlen, mitleiden. Die Erzählungen der Großmutter aus der Kaiserzeit, der Hof in Ostpreußen, die Onkel im Krieg, die Vertreibung, die Flucht über die Zonengrenze, das Wirtschaftswunder. Teil einer Schicksalsgemeinschaft, die weit über einen hinwegreicht.
Einer Gemeinschaft, die aber offenbar gar keine mehr sein will. Man erzählt etwas von ihr, deren Teil die eigene Familie ist, und man erntet nur Schulterzucken, nur desinteressiert abwinkende Hände. Und von der Wurzel, vom Kern, darf nicht einmal mehr die Rede sein. Von den germanischen Stämmen, die sich vor zwei Jahrtausenden langsam anschickten, das Abendland zu erobern. Aus deren Sprache die unsere erwachsen ist. Die sind ganz außen vor, belächelt oder kritisch überwacht.
Ihr wollt integrieren, ihr Deutschen? Dann muss erst wieder etwas geschaffen werden, in das sich diejenigen, die kommen, integrieren können. Vielleicht sogar gerne integrieren möchten, weil eine magische Faszination, ein Zauber von diesem Land ausgeht. Führt zum Beispiel die Frakturschrift wieder ein. Lehrt die Kinder deutsche Schreibschrift. Eine Schrift, einzigartig in der Welt. Baut schmucke Häuser mit Materialien der Natur und echten Dächern, denen man die Aufmerksamkeit an der Fassade ablesen kann. Ehrt die Landschaft, die Bäume und Wiesen und Äcker. Achtet auf Eure Sprache. Erinnert Euch Eurer reichen Geschichte. Entdeckt die Liebe zum Selbst. Findet wieder zu einer eigenen Melodie. Erst dann, wenn ihr euch selbst liebt, können die anderen euch lieben. Erst dann, wenn ihr das Deutsche findet, haben die anderen überhaupt erst die Möglichkeit, Deutsche werden zu können.
Claus-M. Wolfschlag
Foto: Reinhard Grieger, pixelio.de

 

(Zuerst veröffentlicht 2012)

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