Sergej in der Urne

509631_web_R_K_B_by_Carsten Grunwald_pixelio.de In der Wochenzeitung “Junge Freiheit” vom 24.2.2012 erschien eine Kinokritik aus meiner Feder zu dem Dokumentarfilm “Sergej in der Urne. Da nicht mehr Platz zur Verfügung stand, musste die Rezension stark gekürzt werden. Für cineastisch Interessierte stelle ich somit die Vollversion hier ins Netz…
Kino: „Sergej in der Urne“ von Boris Hars-Tschachotin
Einem seltsamen politischen Strippenzieher ist der Dokumentarfilm „Sergej in der Urne“ gewidmet. Der 1883 als Sohn eines zaristischen Diplomaten geborene Sergej Tschachotin war ein Biologe auf dem Gebiet experimenteller Zellforschung. Da es ihm aber offenbar am Zeug zum ganz großen Wissenschaftler fehlte, verlegte er bei sich bietenden Gelegenheiten gerne seine Energien in den Bereich politischer Mobilisierung. Hierin hatte er ein gewisses Talent, und bereits 1902 engagierte er sich als linksorientierter Student gegen die zaristische Regierung. Da er Diplomatensohn war, entging er der Deportation nach Sibirien, wurde somit nur ausgewiesen. Über Messina führte sein Weg nach Heidelberg, dann 1913 auf Bitte des berühmten Professors Iwan Pawlow zurück nach St. Petersburg. 1915 gründete Tschachotin dort nach einem Zeitungsaufruf ein Organisationsbüro, nun zur besseren Ausbildung der russischen Armee. Unter Gönnerschaft des zaristischen Kriegsministeriums bildete er Soldaten zu Technikern für den Giftgaskrieg aus. Das wäre ein „Frontwechsel“ gewesen, erklärt im Film sein Sohn Wenja über den zuvor als Pazifisten auftretenden Vater. Nach dem gescheiterten Kronstädter Aufstand flüchtete Tschachotin und wurde kurzzeitig Propagandaminister des Zaristen Pjotr Krasnow in der Ukraine. Bald musste er als Bauer verkleidet auch dort untertauchen. Er nahm einen Lehrstuhl in Heidelberg an. Doch in Deutschland erfüllte ihn nun die zunehmende NS-Propaganda mit Sorge. Er sah darin die intuitive Nutzung der Pawlowschen Reflexe zum Zweck politischer Manipulation. Sein Sohn Wenja berichtet dem Filmemacher, wie er selbst als junger Mann eine Goebbels-Rede besucht hatte. Obwohl bereits intellektueller Gegner der Nationalsozialisten wäre auch er kurz davor gewesen, sich von der Begeisterung der Masse ergreifen zu lassen und in Jubel zu verfallen. Sergej Tschachotin beschloss nun, eine Gegenpropaganda zu entwickeln. Er geriet in Kontakt zu dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Carlo Mierendorff und stellte fortan seine Kreativität in den Dienst des Sozialismus. So war es Tschachotin, der die „antifaschistische“ Symbolik der SPD-dominierten „Eisernen Front“ entwarf: Drei Pfeile, die dem Hakenkreuz entgegen gestellt wurden und es in kombinierter Darstellung als laufende, die Flucht antretende Füße aussehen ließen. „Der Sozialismus zerstört das Hakenkreuz“, sollte diese „antifaschistische“ Symbolik ausdrücken, die – in heutiger Zeit von jedem dummen Schläger verwendet – als pars pro toto erst ihre ganze negative, repressive Kehrseite entfaltet hat. „Er war in der sozialistischen Partei so etwas wie Dr. Goebbels bei der NSDAP“, äußert sein Sohn Petja. Und Sohn Wenja: „Seine Dialektik war ein Verführungskunststück.“ So konnte Tschachotin eine kurze Zeit sein ganzes Talent im Abhalten von Konferenzen und der Entwicklung von Propagandaformen entfalten. Er erkannte den Einfluss des Symbols auf die Psychologie der Massen, kombinierte die Pfeile mit der Faust der Arbeiterbewegung und dem Ruf „Freiheit“. Doch die träge SPD-Führung hörte nur wenig auf den Enthusiasten.
Folgerichtig wurde Tschachotin nach der „Machtergreifung“ 1933 von der Universität Heidelberg entlassen, da seine politische Haltung nun „absolut missbilligt“ wurde. Er reiste nach Dänemark aus, dann nach Paris, wo er während des zweiten Weltkriegs von der Gestapo verhaftet wurde. Just am Tag seiner Verhaftung wurde in Russland Tschachotins erste Frau Emma, eine gebürtige Deutsche, vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet. Sie kam weniger glimpflich davon. Während Emma hingerichtet und ihr Sohn für 15 Jahre nach Sibirien deportiert wurde, wurde Tschachotin 1942 mit Hilfe deutscher Wissenschaftskollegen aus dem Polizeilager entlassen.
Nach dem Krieg begann eine schwere Zeit. Tschachotin engagierte sich gegen die Atombombe, verstieg sich in absurde Utopien wie die Forderung nach einer Weltförderation unter Führung der Wissenschaftler. Es war eine „Wahnidee meines Vaters“, äußert sein Sohn Wenja trocken. 1958 wanderte er nach Moskau aus, weil er glaubte nach dem Amtsantritt Chruschtschows wurde in der Sowjetunion nun „endlich das ersehnte Paradies aufgebaut“. Auch ein Beispiel für die Verblendung vieler Intellektueller gegenüber dem Kommunismus. Zwei Jahre riet er einem seiner Söhne desillusioniert ab, ihm nachzukommen.
Der als Regisseur fungierende Urenkel befragte vier der verstreut lebenden Söhne seines Urgroßvaters, die sich seit Jahrzehnten nicht über die Form der Urnenbeisetzung Tschachotins einigen konnten. Eugen verwaltet das Archiv und bewahrt die Urne seines Vaters im Wohnzimmer auf. Der Aussteiger Wenja geht am schärfsten mit seinem Vater um, nennt ihn einen „Psychopath“, der beispielsweise den Alltag seiner Kinder minutengenau terminiert hat. Er wolle über „diesen Menschen“ nichts erzählen, sträubt er sich erst, wolle ihn weder kränken noch glorifizieren. Der Lebemann Andrej bekennt, ein alter Freund Le Pens zu sein, den er als Patriot bewertet und gegen Angriffe in Schutz nimmt. Und da ist noch das Nesthäkchen Petja in Moskau. Tschachotin war nämlich nicht nur ein Sprachtalent, er hat auch ein sehr egozentrisches Liebesleben geführt und dadurch eine riesige, in alle Welt verstreute Nachkommenschaft hinterlassen – ein weiteres Neben-Talent des Mikrobiologen. Fünfmal war er verheiratet, fünfmal ließ er sich scheiden, verließ stets seine Frauen für jüngere Nachfolgerinnen und nahm seinen jeweils jüngsten Sohn mit in die nächste Ehe. Das brachte ihm nicht nur Freunde in der Verwandtschaft ein.
So zwiespältig die Figur des Sergej Tschachotin auch erscheint, Urenkel und Regisseur Boris Hars-Tschachotin hat in seinen Dokumentarfilm viel Liebe und Kunstfertigkeit gesteckt. Das Licht einer Operationslampe verwandelt sich in das Granatlicht der aufständischen Kronstädter Matrosen. Auf der alten Fotografie eines Hauses beginnen sich die Blätter zu bewegen, bis man in der Gegenwartsaufnahme des Gebäudes angekommen ist. Hier ist zweifellos ein Talent für Bildkomposition erkennbar.

 
Claus-M. Wolfschlag
Foto: Carsten Grunwald, pixelio.de

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