Meinung und Hirn

418073_web_R_B_by_Dieter Schütz_pixelio.de Woher stammen unsere politischen Anschauungen? Ein Kommentar in der Jungen Freiheit (JF 5/12) unter dem Titel „Niedliche Kaninchen, eklige Spinnen“ widmete sich kritisch dieser Frage: In einer US-amerikanischen Untersuchung der Lincoln-Universität Nebraska wurde die Weltsicht von Probanden, die sich als liberal oder konservativ eingeschätzt hatten, untersucht.
Mittels Elektroden und „Eyetackern“ maßen die US-Wissenschaftler Augenbewegungen und emotionale Reaktionen auf gezeigte Fotos. Dabei stellte sich angeblich heraus, daß Liberale eher auf schöne Bilder (Kaninchen, glückliche Kinder) schauten, Konservative eher auf unschöne Bilder reagierten (Spinnen, offene Wunden). Daraus schlossen die Wissenschaftler, daß Konservative über ein größeres Angstzentrum im Hirn verfügen müßten.
Der JF-Autor äußerte sich negativ zu der Untersuchung als „bisher einmaligen Tiefstand von polit-psychologischer Wissenschaft“. Und er stellte dem eine These der Milieudominanz entgegen: „Normalerweise weiß schon jedes Kind, daß politische Meinungen eine Sache des sozialen Zufalls, von konkreten Lebensumständen, Alter, Milieu, gesellschaftlicher Position und so weiter abhängen.“
Die Tücken der Milieutheorie
Ich schrieb ihm folgende Zeilen als Kritik: „Das ist allerdings schon eine ausgesprochen linke, wenn nicht marxistische Position. Das Sein formt demnach das Bewußtsein. Daran ist durchaus viel Wahres, andererseits erklärt diese Theorie nicht alles. Beispielsweise, warum es innerhalb von Familien konträr zueinander liegende Meinungen gibt. Warum ein Bruder Sozialdemokrat wird und der andere Nationalsozialist, obwohl sie aus dem gleichen Milieu mit den gleichen Lebensumständen stammen.
Die Beschränkung auf die Milieutheorie steht ja zum einen in Kontrast zur in konservativen Kreisen beliebten Genetik. Denn wenn nach Eysenck der überwiegende Teil der Intelligenz vererbbar ist, warum sollten es dann bestimmte Meinungsbilder und Weltsichten nicht auch sein? Zum anderen übersieht die Milieutheorie den Eigencharakter von Seelen. Menschen erkennen in anderen Seelenverwandte, teilen ihre Weltsicht, obwohl sie teils aus ganz anderen Regionen, Familien oder sozialen Milieus stammen.“
Man muß meine Äußerung insofern einschränken, daß ich nur von Personen spreche, die über eine eigenständige politische Anschauung verfügen. Dies ist bei geschätzten 95 Prozent der Leute hierzulande nicht der Fall. Bei jenen dienen politische Äußerungen oder Haltungen allenfalls als Maske, um sich ohne Gefahren durch den sozialen Kontext der Gesellschaft bewegen zu können. Solche Form von Opportunismus wechselt auch rasch, wenn von den Betroffenen erkannt wird, daß sich die Machtverhältnisse im gesellschaftlichen Überbau verschoben haben.
Politisch motivierte Untersuchungen
Bei allen Einwänden verstand ich allerdings auch die Reaktion des JF-Autors. Denn viele derartige Untersuchungen sind letztlich politisch motiviert. Sie werden finanziert um vorhersehbare Ergebnisse zu liefern, die der Bestätigung der bestehenden Machtverhältnisse dienen sollen. Solche Untersuchungen nach „Schema F“ führen meist zu jenem Abziehbild, das Günter Maschke mir gegenüber einmal so formulierte: „Der Rechte ist dumm, häßlich und völlig lächerlich – aber zugleich unglaublich gefährlich.“
Beispielsweise wollen etwa Forscher der Brock-Universität in der kanadischen Provinz Ontario unlängst herausgefunden haben, daß aus dummen Kindern in der Regel später „Rassisten“ oder „Homophobe“ würden. Im Umkehrschluß sind also Menschen, die beispielsweise für Einwanderung eintreten oder Homosexuelle ausgesprochen mögen, mehrheitlich intelligent. Eine solche Studie führt natürlich auch zu gewünschten Ergebnissen, denn wer möchte schon zu den Dummen gehören? Daher kann man demnächst in der Kneipe begeistert von der „Vielfalt als Chance“ schwadronieren und darf sich dabei ausgesprochen intelligent fühlen.
Nun stehen stumpfe Ressentiments oder irrationaler Haß wirklich nicht für einen reflexiven Geist. Solche Untersuchungen könnten bei anderer Fragestellung rasch das gegenteilige Ergebnis erbringen. Man bräuchte nur statt des linken Fragekanons („Leidet das Familienleben, wenn die Frau in Vollzeit arbeitet? Sollten Schüler lernen, Autoritäten zu gehorchen? Stört es Sie, mit Menschen anderer Hautfarbe zusammen zu arbeiten?“) Fragen nach der Art stellen: Würden sie Wut empfinden, wenn ihr Nachbar in einer rechtspopulistischen Partei aktiv ist? Stören sie sich an Menschen in Luxusautos? Haben sie Verständnis für Frauen, die sich nur der Hausarbeit und Kinderaufzucht widmen möchten, ohne berufliche Karriereabsichten zu hegen?“ Rasch könnte man aus den richtigen Antworten schlußfolgern, daß „Probanden mit verfestigten antifaschistischen Gedankenstrukturen“, „Menschen mit Sozialneid-Empfindungen“, „Personen mit feministischen Rollenmustern“ nun wahrlich eine ganz besonders dumme, von Ressentiments und Irrationalität gesteuerte Spezies sind.
Das menschliche Hirn hat keine statische Struktur
Zurück zur Ausgangsuntersuchung der Lincoln-Universität in Nebraska. Hier sehe ich die Denunziationsabsicht nicht so eindeutig wie der JF-Autor. Und so schrieb ich ihm: „Ganz so falsch finde ich somit auch die dargelegte und von Dir kritisierte Untersuchung nicht. Es könnte durchaus möglich sein, daß Konservative über ein meßbar größeres Angstzentrum im Hirn verfügen. Jedenfalls neigen Konservative traditionell zur Vorsicht, zur Vorsorge, zur Sicherheit und sie äußern häufig kulturpessimistische, gar apokalyptische Zukunftsprognosen (Bürgerkrieg und so weiter). Das unterscheidet sie eklatant von Liberalen oder Linken, die in der Zukunft meist ein positiv erreichbares fortschrittliches Ziel wittern. Warum sollte so etwas nichts mit dem Hirn zu tun haben beziehungsweise sich auf die Struktur des Hirns auswirken?“
Unser Gehirn ist schließlich kein statisches Instrument, es baut sich ständig um. Diesen Umbau können wir auch bewußt steuern und verfestigen. Schlaganfallpatienten können beispielsweise durch ihren Willen einen großen Teil ihrer ehemaligen Hirnfunktionen wieder erlernen. Man kann auch durch kontinuierliche Übungen seine Psyche aktiv beeinflussen. Unser Leben und unser Denken hat unmittelbaren Einfluß auf das Gehirn. Und unser Geist wiederum bestimmt auch, was wir sehen. Gehe ich beispielsweise mit einem Freund durch eine vertraute Straße, bemerke ich sofort die Fassadensanierung eines Hauses, er hingegen das neue Feinkostgeschäft in dessen Erdgeschoß. Warum also sollten nicht auch Konservative und Liberale die Welt wirklich mit anderen Augen sehen?
Mit anderen Worten: Gerade Konservative werfen Linken und Liberalen oft die „rosarote Brille“ angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse vor. Insofern muß auch der Hinweis der amerikanischen Forscher auf das größere Angstzentrum nicht gleich als Denunziation verstanden werden. Angst kann positiv und produktiv sein, so sie zur Vorsorge, zur Umsicht und zu einer realistischen Gefahrenanalyse führt.
Zuerst veröffentlicht bei jungefreiheit.de am 7.2.2012

Foto: Dieter Schütz, pixelio.de

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