Der weltweite Sehnsuchtsort Venedig im Dokumentarfilm portraitiert

548981_web_R_K_B_by_daniel stricker_pixelio.deOrte, die als touristische Anziehungszentren fungieren, haben es schwer ihr autonomes Eigenleben zu bewahren. Sie werden meist nur durch den Blick des Reisenden wahrgenommen, nicht als natürlicher Lebensraum. Eines solchen Lebensraums hat sich nun Carlo Mazzacurati in dem Dokumentarfilm 6 x Venedig angenommen.
Sechs Schicksale in der unnormalsten Stadt der Welt
So wenig wie Rothenburg ob der Tauber nur ein zurückgebliebenes Fachwerkdorf ist, kann man Venedig allein auf den Markusplatz und eine Gondelfahrt reduzieren. Der Tourismus stellt zweifellos eine entscheidende Einnahmequelle dar, doch ist die Stadt zugleich auch Wohnort ganz normaler Menschen. Carlo Mazzacuratis präsentiert in 6 x Venedig sechs dieser Einwohner mit ihren kleinen Geschichten und ihrem kleinen Leben. Möglichenfalls unfreiwillig wird dabei deutlich, dass Venedig wahrlich keine Durchschnittsstadt und die gezeigten Personen auch keine Durchschnittsmenschen sind. „Wie normal sind Menschen, die in einer der unnormalsten Städte der Welt leben?“, fragt denn auch der Film passend.
Man begegnet dem pensionierten Mestriner, der als freiwilliger Archivar im Staatsarchiv tätig ist. Mit innerer Würde berichtet er davon, wie er über den Tellerrand der eigenen einfachen Herkunft herauszublicken gelernt hat. Er habe im Archiv die richtigen Menschen kennenlernen dürfen, Menschen mit Bildung. Und durch diese Fügung konnte er das eigene Interesse für die Herkunft und die Geschichte seiner sich so stark verändernden Heimatstadt entwickeln. Viele seiner ehemaligen Klassenkameraden seien irgendwann geistig stehengeblieben, würden keine Neugier mehr auf das Leben haben. Das sei bei ihm zum Glück anders gelaufen.
Das Zimmermädchen Roberta erzählt mit Stolz von ihrer Tätigkeit in einem barocken Luxushotel. Sie schwärmt für den Duft der Seife Jerry Lewis´ und berichtet ernüchtert davon, dass Reiche und Prominente auch nur Menschen sind. Sie kommen in das Hotel, bringen ihre Ängste und Neurosen mit, hinterlassen teils verschmutzte Zimmer. Fast beiläufig und doch ergreifend erwähnt die Tochter eines Gondoliere ihren früh verstorbenen Bruder.
Menschen, die man in Berlin eher selten trifft
Auf einen kauzigen Archäologen folgt der versponnene Kunstmaler Carlo. Ein sonderlicher, zurückgezogener Einsiedler, der die Welt durch die Abstraktion wahrnimmt und dem Geld nicht viel bedeutet. Er ist ein sozialer Außenseiter, dem von seiner nicht sonderlich kunstsinnigen Umgebung offene Missachtung entgegenschlägt. Die menschlich berührendste Geschichte ist die des ehemaligen Diebes Ramiro, der über seine heiße Jugend und den jähen Absturz berichtet. Eine klassische Kriminellenkarriere. Er habe kein gutes Leben gehabt, reflektiert er und lacht bitter, deutlich in die Jahre gekommen und mit Zahnlücken ausgestattet. Den Abschluss bildet ein frühreifer und sehr extravertierter Junge, der den Betrachter in die Welt der jugendlichen Wahrnehmung zurückführt. Eine Welt, in der sich alles um Sport, Bruce Lee, die Samurais und Musik zu drehen scheint.
Die menschliche Intimität in den Interviews basiert auf dem Vertrauen, das der Regisseur aufzubauen in der Lage war. Er erläuterte dies folgendermaßen: „Für jeden ist es immer anstrengend, vor einer Kamera zu sprechen. Das Geheimnis war, sie immer griffbereit zu haben auch während der vorbereitenden Treffen, peu à peu nahmen sie die Kamera nicht mehr wahr. An diesem Punkt entblößen sie sich, aber du musst ehrlich sein, darfst sie nicht betrügen. Du erzählst mir, was du willst, nimmst dir die Zeit die du brauchst, weil man viel Zeit braucht, um zur Wahrheit zu gelangen. So entsteht eine affektive Beziehung, eine Bindung. Es ist das Gegenteil der Aggressivität, mit der das Fernsehen in das Leben der Menschen eindringt. Sie selbst haben nicht die Charaktereigenschaft der Leute, die vom Fernsehen vergewaltigt werden wollen. Heutzutage lässt jedoch der Fernsehprozess einen jeden zum Protagonisten werden durch die fast pornographische Zurschaustellung der Dramen des eigenen Lebens.“
Ein gelungenes Portrait der Lagunenstadt
Der Film möchte für das „normale“ Venedig sensibilisieren. Keinesfalls wird dabei die touristische Attraktivität in 6 x Venedig geleugnet. Regisseur Mazzcurati erklärt denn auch die Wirkung der Stadt als weltweiter Sehnsuchtsort: „Ich denke immer, wenn jemand eine Maschinerie erfände, um das Erstaunen dessen zu messen, der in Venedig ankommt und das Profil des Wassers sieht, wenn er aus dem Bahnhof oder von der Piazzale Roma herauskommt, dann gäbe es einen unglaublichen Energiefluss!“ So entdeckt man in dem Film durchaus die städtischen Anziehungspunkte, den Markusdom, ebenso den Canale Grande, die Rialtobrücke. Dennoch versucht der Film Abziehbilder zu vermeiden und entführt stets in ganz andere, faktisch private Ecken der Lagunenstadt.
Das Manko von 6 x Venedig ist dabei allerdings, dass dem Film thematisch der rote Faden fehlt. Zwar leben alle sechs Personen in Venedig, doch man vermisst die Gemeinsamkeiten und ein übergeordnetes Motiv. 6 x Venedig weist stellenweise nicht mehr Inhalt auf, als diverse Reisereportagen zu deutschen Landstrichen im hiesigen Fernsehen. Gleichwohl ist der Streifen eine qualitativ hochwertig gefilmte Liebeserklärung an die Lagunenstadt. Das eigentlich interessante sind denn auch die sechs vorgestellten Gesprächspartner, die aus ihrem Leben berichten und dem Betrachter dadurch deutlich machen, dass hinter vielen Menschen, denen wir oft nur flüchtig begegnen, eine packende Lebensgeschichte stecken kann. Vielleicht würden wir anders schauen und reden, wenn wir nur wüssten.

 
Zuerst veröffentlicht bei blauenarzisse.de am 29.3.2012
Foto:  Daniel Stricker, pixelio.de

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