„We are all Gay, Gypsy and Jew!“

Roma-Musiker-pixelio.de-Jerzy-150x104Ein Bekannter sandte mir eine Winter-Rundmail von „Essay Recordings“, dem führenden Plattenlabel für moderne osteuropäische Musik, hierzulande oft „Balkanbeat“ genannt. Die seien wohl nun „komplett gaga und durchgeknallt“, schrieb der Bekannte und bezog sich auf die dortige Zustimmung zur programmatischen Stellungnahme der musikalischen Formation „Rotfront“: „We are all Gay, Gypsy & Jew!“
Nun, es müßte zu prüfen sein, ob wirklich alle Künstler und Mitarbeiter von „Essay Recordings“ Homosexuelle, Zigeuner oder Juden sind. Wahrscheinlich nicht. Zudem dürfte diese Aussage sicherlich auch nicht auf geschätzte mindestens 90 Prozent der CD-Käufer, Konzert- und Partybesucher zutreffen. Weshalb also dann solch eine irrwitzige Stellungnahme?
Nun, weil es sich nicht um eine reale Feststellung sexueller Neigung oder ethnischer Zugehörigkeit dreht, sondern um ein diffuses ideelles Zugehörigkeitsgefühl. Dabei spielt gar keine Rolle, daß die meisten real existierenden Angehörigen von Roma- und Sinti-Sippen den vor ihnen tanzenden Balkanbeat-Freak nicht mit der Kneifzange anfassen würden, selbst wenn er auf „ideeller Gypsy“ macht, und wohl noch weniger, wenn er den Schwulen mimt. Weshalb also fühlt man sich als in der Regel heterosexueller weißer Mitteleuropäer meist christlicher Herkunft dazu veranlaßt, sich zu einem ideellen Schwulsein, Zigeuner- oder Judentum zu bekennen?
Offiziell wird aktuell das Erscheinen rechtsgerichteter Kohorten in Ungarn dafür verantwortlich gemacht. Offenbar formieren sich dort seit geraumer Zeit sogenannte „Garden“, die sich teils aggressiv gegen die genannten Zielgruppen wenden. Auch deutsche „Antifaschisten“, denen Gewalt von links selten eine Zeile wert ist, zeigen sich naturgemäß empört. Daß diese Erscheinung in Ungarn (und nicht nur dort) keinesfalls immer ohne jegliche begründete Ursache auftritt, kann aber selbst die linke Presse nicht völlig verschweigen.
Das oben erwähnte ideelle Bekenntnis zur Homosexualität, zum Zigeuner- oder Judentum basiert also zuerst einmal auf einer Geste des „In-Schutz-Nehmens“. Von angeblich bösen „Gardisten“ bedroht, stellt man sich vor die angeblich schutzbedürftigen Minderheiten und verkündet solidarisch: „Wir sind ein Teil von Euch. Wir stehen wie eine Wand bei Euch.“ Eine pathetische Geste also.
Die Blickwinkel unterscheiden sich. Mag der ungarische „Gardist“ oder auch mancher besorgte Bürger hierzulande (und erst recht mancher Ausländer in Deutschland) das Treiben etwa von Zigeunern bisweilen etwas pauschalisieren. Mag er etwa Zigeuner möglichenfalls zu einseitig stets nur mit Ruhestörern, aggressiven Bettlern, Dieben und Räubern gleichsetzen, so gehen die „Balkanbeatler“ (wie der gesamt popkulturelle Überbau) in das genaue Gegenteil. Dort wird der „Gypsy“ aller negativen historischen Erfahrung entkleidet und statt dessen zum fiedelnden Spaßgesellen romantisiert, wie ja auch schon vor ihm der deutsche Schlager stets das Bild des zur Gitarre oder Geige greifenden Träumers bemühte. Eine offenbar ebenso alte Tradition wie der angebliche „Antiziganismus“, und keinesfalls historisch gänzlich „unbelastet“.
Die Ursache für die oben erwähnte Solidaritätsadresse gerade besagter Plattenfirma liegt natürlich auf der Hand. So sind doch die wahrlich mitreißenden Gypsy Sounds und die Klezmer Musik konstituierende Bestandteile des aktuellen Balkanbeat-Pops. Die Solidarisierung erfolgt also auch konkret über die Musik. Das ideelle Bild, das der west- und mitteleuropäische Partygänger erhält, wird nicht aus realen Erfahrungen, etwa aus solchen der Nachbarschaft zu besagten Gruppen, gespeist, sondern primär musikalisch vermittelt. Schwule erscheinen dem Balkanbeat-Fan demnach primär als tolle Tänzer, Juden oft als intellektuell-traurige Fiedelkünstler, Zigeuner als lustige Spaßgesellen.
Musik geht in die Herzen, sie schafft Solidarität – und Politik. Zur Akzeptanz von Schwarzen im gesellschaftlichen Leben der USA etwa mag nicht unerheblich die ungemein erfolgreiche „black music“ beigetragen haben. Bilder des amerikanischen Präsidentenpaares werden heute in den Medien gelegentlich mit Old School Soul klanglich unterlegt. Barrack und Michelle Obama in ihrer Optik als schwarze Kennedys scheinen so bisweilen gerade auf dem Weg zu einem Konzert der bezaubernden Gladys Knight befindlich. Und nur noch John Shaft und Sidney Poitier als smarte Leibwächter fehlen, um zu dokumentieren, daß hier Soul, Funk und R´n´B endlich den Siegeszug ins Weiße Haus vollendet haben.
Wieviel schwerer dürfte es ein Deutscher auf dem Weg ins Weiße Haus haben, da ihm jegliche musikalischen Hilfstruppen fehlen, wie Martin Lichtmesz im Juni 2009 richtig erläuterte.
Und wie unmusikalisch wirken gegen all die tanzenden Schwarzen, Schwulen, Zigeuner und Juden erst jene so ungern gesehenen „rechten Gesellen“, nicht nur in Ungarn. Ganz steif stehen sie immer da, mit starrem Blick, und allzeit nur zum bedrohlichen Gleichschritt bereit. Und nicht einmal ein ganz kleiner Hüftwackler ist ihnen abzugewinnen. Es mag dies einer der Bausteine sein, daß ihnen so wenige Sympathien zufliegen, daß sie die Herzen der Menschen immer noch so wenig erreichen, auch wenn ihre Anliegen gar nicht so unedel sind, wie sie von ihren Feinden gerne dargestellt werden.
Ja, hätte Mussolini einst manchmal auf der Straße besser einfach die Tuba ausgepackt. Ja, hätte Hitler lieber die Massen zum Tanz gebeten und dann das Reichsparteitagsgelände in einen Zirkus der Ekstase verwandelt. Ja, würden die ungarischen „Gardisten“ zu Dudelsackklängen ihre Waden über den Budapester Heldenplatz zirkeln lassen, auf daß die chinesischen Touristinnen in Jauchzen ausbrechen. Manch einer würde dann heute wohl mit einem Glas Vodka Tonic in der Hand wie ein Ping-Pong-Ball durch die großstädtischen Keller-Clubs hüpfen und dabei euphorisch rufen: „We are all Faschists, Nazis & Hungarians!“ Ob das dann besser wäre, ist natürlich eine andere Frage.
(Zuerst veröffentlicht bei Sezession.de am 4.1.2010)
Foto: Jerzy, pixelio.de

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