Strohpuppenzukunft – Nachklapp zur WM (2010)

411934_R_by_Jens-Bredehorn_pixelio.de_-145x130 Durchaus zu Recht verärgert sind jene Fans, die der deutschen Nationalelf nach ihrer Rückkehr am Frankfurter Flughafen ein wenig zuwinken wollten. Doch anders als die übrigen Halbfinalteilnehmer, die sich in ihren Heimatländern Uruguay, Niederlande und erst recht Spanien begeistert feiern ließen, zog es die Löw-Elf vor, sich nicht mal fünf Minuten den treuen Anhängern am Flughafen zu zeigen, sondern einfach sofort in den persönlichen Urlaub zu gehen.
Vielen guten und schönen Spielen zum Trotz paßt dieser ungehörige Abgang zum unwürdigen Auftakt der Mannschaft, der von der Weigerung einiger Spieler überschattet war, nicht die Nationalhymne singen zu wollen. Daran ändern auch nachgeschickte Entschuldigungen wenig.
Während der Spiele wurde zudem von den hiesigen Medien die Multikulti-Phrasendreschmaschine übermäßig angeworfen. Eine Multikulti-Mannschaft, die in einer Regenbogennation die Menschen begeistert, die – gleich ob weiß oder schwarz – selbst in irgendwelchen Townships gemeinsam auf dem Klappstuhl feiern würden. Blablabla. Und das jeden Tag. So einfach kann und soll die Welt erscheinen. All das lag auf der Zwanziger-Linie und dem Versuch, über den Fußball eine Art „antirassistisches“ und seltsam verschobenes neudeutsches „national-building“ zu betreiben.
Nun ist überhaupt nichts dagegen zu sagen, daß Zuwanderer sich für die deutsche Nationalelf begeistern oder gar bei ihr mitspielen. Ganz im Gegenteil. Cacau etwa ist da ein sehr angenehmes, ja sympathisches Beispiel für solch gewünschte Integration. Wenn Einwanderer sich so einfach für Deutschland begeistern lassen würden und einen Motivationsschub für ihre positive Eingliederung erhielten – nichts spräche gegen solches „nation-management“. Indes, Integration funktioniert eben nicht um jeden Preis. Und dann kann man trotz mittelmäßiger Leistung einen Özil noch so sehr in den Medien hypen, – sich für die Nationalmannschaft aufstellen lassen und dann der Nation die kalte Schulter zeigen, indem man die Symbolebene nicht bedienen will, war nicht nur schlechter Stil, es zeugte von Egoismus und mißglückter Integration. Anständig wäre gewesen, wenn er erklärt hätte, noch nicht mental reif für das Spiel in der Nationalmannschaft zu sein, und dankend verzichtet hätte.
Ein Bekannter sagte mir: „Bei Müller sieht man das befreite Aufspielen, während man bei Özil merkt, daß er innerlich zerrissen ist. Er hat aus Gründen des persönlichen Vorteils mitgemacht, um Geld zu verdienen und bekannter zu werden, wodurch sein Marktwert und die Werbevermarktungschancen steigen. Er steht aber eigentlich nicht hinter der Sache. Das sieht man in seinem gehemmten Spiel.“
Einem Freund, dem das Singen reichlich unwichtig erschien, versuchte ich das Ganze auf die Business-Welt bezogen zu erklären: „Nehmen wir einen regionalen Firmenwettstreit. Die Deutsche Bank stellt ein Team für einen Sportwettbewerb auf. Alle tragen Trikots mit den Bezeichnungen ihrer Banken, Versicherungen oder Werbeagenturen. Alle Teilnehmer erhielten eine Prämie und bezahlten Urlaub. Im Deutsche Bank-Team aber weigern sich plötzlich jene, die sich freiwillig zum Wettbewerb gemeldet haben, das Firmentrikot zu tragen. `Ja, das muß man schon verstehen. Der Herr Kunz war vor drei Jahren noch bei der Sparkasse beschäftigt. Da hängt er noch emotional dran. Deshalb geht das mit einem Deutsche Bank-Trikot gar nicht für ihn´, hört man plötzlich. Und: `Ja, die Mutter der Frau Schneider mag die Deutsche Bank einfach nicht. Deshalb möchte Frau Schneider aus Respekt vor ihr auch auf das Trikot verzichten und lieber eines mit Schweinchen Dick darauf tragen´ usw.usf. Wie aber müßte die Firma eigentlich über solche Leute urteilen?“
Teile der DFB-Elf haben sich vor allem gegenüber ihren Fans schäbig verhalten, und das kann auch die durchsichtige Multi-Kulti-Beschallung in den Medien nicht völlig überschmieren. Insofern geht es moralisch in Ordnung, daß diese Mannschaft nicht den Cup geholt hat.
Und die Fans? Wie gestaltet sich eigentlich das Verhältnis zwischen Fußballmannschaft und Nation? Das Fußballspiel als zivilisiertes Kriegs-Abstraktum funktioniert aus der Identifikation der Fans mit den Spielern. Ohne diese Fans wäre Fußball kein Massenphänomen, also wirtschaftlich unrentabel, also unbedeutend. Doch die Fans übersehen, daß längst der Kapitalismus Einzug gehalten hat ins Fußballgeschäft. Nur noch eine Minderzahl an Bundesliga-Spieler entstammt der Region ihrer Vereine. Ja, schon vor Jahren wurden gar dort die Ausländerbeschränkungen aufgehoben. Seitdem sind die Vereine reine Wirtschaftsunternehmen, die beliebig verschiebbare Gladiatoren einkaufen und verkaufen können. Teams wechseln ständig ihr Gesicht. Die Identifikation des Fans mit „seinem“ Verein beruht also immer mehr auf einer Fiktion, nicht den Realitäten. Dieses kapitalistische Prinzip hält nun auch zunehmend auf der Ebene der Nationalmannschaft Einzug.
Das stellt die Frage nach der Zukunft, nach dem Grad, wie lange man die verbindende Linie zwischen Fans und Mannschaft aushöhlen kann, ohne daß das System implodiert. Wie lange also kann die Symbolebene medial aufrechterhalten werden, während sie real schon längst wegbricht? Wie lange erkennen die Bürger in der DFB-Elf die „deutsche“, als „ihrige“ Mannschaft?
Es wäre ein Sozialexperiment wert: Wenn etwa die Spieler von Uruguay und Deutschland ihre Trikots getauscht hätten, und wenn die Bürger eine Weile in den Medien darauf vorbereitet worden wären, daß die deutsche Mannschaft nun von Forlan und Suarez gebildet würde, während Müller und Özil „Urus“ seien, hätten das die Zuschauer irgendwann geschluckt? Hätten die Deutschen also für Forlan im Spiel um Platz 3 gejubelt?
Eine Stufe weiter: Hätte man auch einfach irgendwelche 11 Westafrikaner als deutsche Mannschaft hinstellen können, und das Publikum hätte auch gejubelt? Macht es also allein das Trikot und der zugehörige Medien-Hype, wer als deutsche Identifikationsfigur herhält?
Dann müßte man den Test noch einmal verschärfen: Die Westafrikaner treten nicht mehr mit Schwarz-Rot-Gold auf, sondern nur noch mit einem großen violetten Gummibärchen auf dem Trikot. Würde auch dies der Verbindung der Fans zu der Nationalelf keinen Abbruch tun? Ist also allein die mediale Vermittlung verantwortlich, die Events hochheben oder verschweigen kann?
Noch eine Stufe weiter: Könnten eventuell auch bewegliche, mit Motoren ausgestattete Strohpuppen, von einer Trainerbank aus ferngesteuert, die Nationalelf bilden, wenn nur die Medien die nötige Identifikationsebene herstellen, den nötigen Tratsch verbreiten, und dann auch ausreichend Tore geschossen werden?
Wenn solche Entortung gelingt, könnte dem Fußball der Sprung in seine „spätrömische“ Hochphase gelingen. Mannschaften bestünden dann aus vollends entregionalisierten Teams, die nur von Fan-Communities getragen werden. Medientauglich könnten schrille Outfits und Spielertypen den Unterhaltungseffekt steigern. Dann könnten die „Commerzbank Wave Punkers“ mit traditionellem Irokesenschnitt und schwarzen Trikots gegen die „Siemens Hot Indians“ mit stets wechselnder Kriegsbemalung antreten. Die Meisterschaft ginge vielleicht an die „Glam Boys North Opel“, die gerne mit silbrig glitzernden Neopren-Badeanzügen zum Spiel erscheinen. Fußball würde so zum optisch aufgepeppten Show-Spektakel. Eine Art gigantische Wrestling-Show mit Ball. Wäre dann das Endziel des „Systems Zwanziger“ erreicht? Vielleicht, aber es wäre auch der Anfang vom Ende der Fußball-Epoche. Und 200 Jahre später könnte man dann vielleicht in den alten Stadien Gemüsebeete bewundern – und Strohpuppen…
(Zuerst veröffentlicht bei Sezession.de am 16.7.2010)
Foto: Jens Bredehorn, pixelio.de

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