Schwarzes Erdbeben

Haiti_Dieter-Schütz_pixelio.de_-150x112Der alte weiße Mann ist ein Übel, weshalb sich die europäische Welt auch in eine „bunte“, eine „farbige“ Welt umzuwandeln habe. Vor einigen Tagen ermöglichte es die Frankfurter Rundschau in einem Interview dem Schweizer Soziologen Jean Ziegler, die These von der angeblichen Schuld des weißen Mannes neu in den Ring zu werfen.
Ziegler, Sohn eines protestantischen Amtsrichters, wurde 1934 in Thun geboren. Der Soziologe war bis 1999 Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei seines Landes. Bis 2008 fungierte er als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, im Auftrag der Menschenrechtskommission und des Menschenrechtsrats. Außerdem ist er bei der Organisation „Business Crime Control“ engagiert. Er selbst bezeichnet sich angeblich als Kommunist, lobt auch schon mal die Politik Kubas. Die These vom Bevölkerungswachstum als Ursache von sozialem Elend lehnt er natürlich ab. Es komme schließlich nur auf die „gerechte“ Umverteilung der Güter an. Dann könnten 12 Milliarden Menschen – zu welchem Zweck auch immer – durchgefüttert werden.
Zieglers Hauptanliegen ist aber ein anderes: die schwarze Weltrevolution. In der Hoffnung, die außereuropäischen Völker könnten sich gegen die weißen Europäer erheben, sieht er ein weltweites gesellschaftsveränderndes und für seine Ziele attraktives Potential.
Um allgemeine Empörung über diese kaum versteckt vorgetragene Absicht klein zu halten, wird – natürlich – die Schuldkeule bedient. Am Elend der Erdbebenopfer in Haiti etwa sind wieder mal die Weißen schuld:
„Der Westen kümmert sich viel zu spät um Haiti. Das Land war uns ja bisher praktisch egal. Aber genau das rächt sich jetzt, im Moment der Katastrophe.“
Zur humanitären Hilfe dieses Westens erläutert Ziegler:
„Wie viele Menschen wurden denn gerettet? Unter über 200000 Toten genau 137. Das ist nicht viel. Kuba hat einen Zivilschutz, genau so wie die Dominikanische Republik und viele andere. In Haiti gab es nichts davon. Hier wurde der Aufbau eines Nationalstaates verhindert.“
Fragt sich bloß, wer die Haitianer davon abgehalten hat, funktionierende staatliche Strukturen aufzubauen. Ziegler bleibt die Antwort schuldig. Dabei erlangte Haiti schon 1804, also in der napoleonischen Zeit, seine Unabhängigkeit. Das ist über 200 Jahre her! Gejammer mit langem Nachhall also. Nach Zieglers Theorie aber sind für die Erdbebenopfer im Port-au-Prince des Jahres 2010 und die katastrophalen gesellschaftlichen Zustände des Landes letztlich immer noch die kolonialen Erfahrungen der Vergangenheit schuld. Merkwürdig nur, daß das Nachbarland Dominikanische Republik zwar erst Jahrzehnte später (1844 bzw. 1865) unabhängig wurde, heute aber wirtschaftlich viel besser dasteht. Merkwürdig auch, daß manch asiatisches Land erst Mitte des 20. Jahrhunderts die Kolonialherrschaft abstreifen konnte, heute aber zu den wirtschaftlich boomenden Regionen des Erdballs zu zählen ist. Und dies, ohne daß darin die Ursache in den weißen Ex-Kolonialherren gesucht wird.
Ziegler jedenfalls kommt angesichts der Folgen der Erdbebenkatastrophe ins politische Schwärmen:
„Die werden dramatisch sein. Denn dieses fürchterliche Unglück ist auch ein Aufbruch. Der haitianische Staat hat sich als unfähig erwiesen. Die Menschen wollen jetzt etwas anderes. Staatspräsident Préval und die ganzen korrupten Söldnertruppen werden radikal abgelehnt. (…) Aufstand des politischen Bewußtseins. Das verwundete Gedächtnis erwacht.“
In seiner politischen Romantik sieht er den Aufstand der farbigen Völker gegen die kapitalistischen „Weißen“ als Garant für die Errichtung sozialistisch orientierter Staatsformen:
„Am 1. Januar 2006 trat der erste indianische Präsident Südamerikas sein Amt an. Vorher hatte man nie etwas Marginaleres, Verschlosseneres, Versteinerteres gesehen als die Indios, Quetchua und Aimara. Die Menschen waren massakriert in den Bergwerken, die haben gehungert, 500 Jahre lang. In Potossi sind seit dem 15. Jahrhundert acht Millionen Menschen gestorben. Und plötzlich erleben die eine Renaissance. Es gab Aufstände, einen Wasserkrieg, dann die Wahlen. Da ist eine Kollektividentität aus der fernen Vorgeschichte auferstanden. Und zwar mit unglaublicher Dynamik, und das hat diesen Evo Morales nach vorne katapultiert.
Dort hat er innerhalb von sechs Monaten Gas- und Erdölgesellschaften zu Dienstleistungsbetrieben umfunktioniert. 82 Prozent der Gewinne fließen jetzt an den bolivianischen Staat. Und die westlichen Gesellschaften haben das alles unterschrieben. Bolivien war ja das drittärmste Land hinter Haiti. Und ist jetzt im Begriff, ein komplett anderes Land zu werden. Kein Hunger, Spitäler werden gebaut und Straßen, die Unterernährung geht zurück. Ich habe hier die Zahlen vom Weltwährungsfonds, das ist ja kein Freundeskreis von Revolutionären. Unglaublich, wie die Fortschritte sind, gestützt auf diese Wiederauferstehung, die Verwandlung des verwundeten Gedächtnisses. Da wird echte Souveränität geschaffen, ein Rechtsstaat, eine Nation.“
Rhetorisch fragt die Frankfurter Rundschau, was passieren könnte, wenn Morales umgebracht würde. Jean Ziegler weiß (und freut sich offenbar), daß ein solcher Mord nur wieder den „Weißen“ angelastet würde:
„Natürlich kann man den töten – aber wenn das geschieht, dann wird in den nächsten dreißig Jahren kein Weißer den Fuß nach Bolivien setzen. Es gäbe Anarchie oder das totale Chaos. Die Bolivianer sind nicht mehr bereit, unter den Weißen zu arbeiten.
Es dauert sehr lange, bis das verwundete Gedächtnis historische Kraft und Bewußtsein geworden ist. Aber dann läßt es sich nicht mehr aufhalten. Und das müssen wir begreifen. Wenn wir jetzt nicht erwachen und mit den demokratischen Kräften des Südens solidarisch werden, einen neuen planetarischen Gesellschaftsvertrag schließen, aufhören zu stehlen, und zu lügen, dann geht diese Welt zugrunde.“
Zieglers Thesen sind eine Art „kommunistischer Rassismus“, bei dem sich das farbige „Proletariat“ gegen seine stehlenden und lügenden „weißen Unterdrücker“ klassenkämpferisch aufzulehnen und dann im Dienste der sozialistischen Sache zur neuen „Herrenrasse“ aufzuschwingen habe. Ziegler zündelt damit auch am sozialen Gefüge der europäischen Staaten, die längst nennenswerte Bevölkerungsgruppen aus Ländern Afrikas oder Lateinamerikas in ihren Grenzen beherbergen. Aber wenigstens spricht er seine Thesen offen aus.
(Zuerst veröffentlicht bei Sezession.de am 24.2.2010)
Foto: Dieter-Schütz, pixelio.de

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