Morgenlicht ist ausgeknipst

lichtschalterDie „Bewegung Morgenlicht“ ist dingfest gemacht. Ein arbeitsloser Betriebswirt aus Frankfurt am Main, der Ein-Euro-Jobber Thomas R., steckte anscheinend hinter einer kleinen Anschlagserie im Rhein-Main-Gebiet, die im November 2009 begonnen hatte. Zwei Brandanschläge auf Bankfilialen gehen also wohl auf sein Konto, zudem einer auf ein Zeitarbeitsunternehmen und eine Schlecker-Filiale. Außerdem gab es noch eine Bombenattrappe samt Drohbrief an Hessens Ministerpräsident Roland Koch.
Das eigentlich bemerkenswerte an diesen Taten sind aber gar nicht diese selber, sondern die Reaktionen in der Presse. Der Widerhall war nämlich auffallend laut, wirkte weitaus engagierter als bei jenen Straftaten, die viel offensichtlicher auf das Konto von „Autonomen“ gehen, etwa die Brandanschlagserie gegen Automobile in Berlin. Sogar ein langer „Wikipedia“-Artikel wurde eigens zu dieser scheinbaren Terrorzelle verfaßt, in dem die angebliche Gruppe als „eine klandestine, militante Organisation“ interpretiert wurde.
Auch die „Deutsche Presse Agentur“ (DPA) war ganz vorne dabei, wenn es um die Erwähnung der „Bewegung Morgenlicht“ und die Verbreitung deren Bekanntheitsgrades ging. Der Einfluß von DPA auf die deutsche Presselandschaft ist groß. Er betrifft zwar weniger die Qualitätspresse, aber fast sämtliche kleinere Regionalzeitungen von Flensburg bis Konstanz, die sich kein breites Korrespondentennetz leisten können. Sie alle werden täglich von der Agentur mit vorgefertigen Presseartikeln zum Geschehen im In- und Ausland versorgt. Hier liegt also ein Zentralpunkt bundesdeutscher Meinungsbildung.
DPA ist dabei traditionell ganz vorne dabei, wenn es um die üblichen Verzerrungen in der Berichterstattung geht, gerade im Bezug zum „Kampf gegen rechts“. Spötter nennen die Agentur gelegentlich schon mal „DeppPA“. Dies, weil entweder einzelne der dortigen Journalisten sehr einfältig oder von Blindheit geschlagen sein müssen oder weil sie sehr wohl ihre Schieflagen kennen und den Leser schlicht „zum Depp machen“ möchten.
Zur „Bewegung Morgenlicht“ fuhr DPA das Repertoire der Mystifizierung auf. Fast täglich, fast in jeder Meldung las man vom „rätselhaften“ oder „mysteriösen“ Charakter der ominösen Gruppe. Und der Leser konnte vor lauter Mysterien-Beschwörerei rätseln: Könnten Anhänger der chinesischen Falun-Gong-Sekte hinter der Anschlagserie stecken? Oder letzte Getreue der irakischen Baath-Partei? Oder gar Mitglieder der Priesterbruderschaft Pius X.?
Rätsel über Rätsel, die uns DPA fast täglich übermittelte. Dem Selbstdenker war das Ganze hingegen gar kein so großes Mysterium. Es boten sich eigentlich nur zwei Interpretationen:
1. „Autonome“ stecken hinter den Anschlägen. „Autonome“ betreiben bisweilen eine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, in der sie sich den ansonsten verachteten Normalbürgern in etwas positiverem Licht darzustellen versuchen. Das betrifft vor allem den „Kampf gegen rechts“, bei dem es Sympathien und Gelder abzugreifen gilt. Insofern könnte die Aggression gegen Schlecker- und Zeitarbeits-Ausbeutung ein Versuch gewesen sein, sich als Vollstrecker aktuellen sozialen Unmuts zu positionieren.
2. Ein sozial gescheiterter Einzelgänger ist verantwortlich. Dann wären die Taten letztlich vom Hintergrund nichts anderes, als jene irgendeines Amokläufers oder eines überforderten Jugendlichen, der nachts Bushaltestellen demoliert.
Die zweite (sicherlich unwahrscheinlichere) Option traf offenbar zu. Nun sind solche Brandanschläge weder neuartig (sie erinnern an die „Revolutionären Zellen“ der 1970er Jahre) noch wirklich ungewöhnlich. Schließlich verwöhnen einen „Autonome“ immer wieder mal mit derartigen Gewaltaktionen gegen Sachen. Zudem waren die „Morgenlicht“-Anschläge keinesfalls ausgefeilt oder originell, sondern recht plump verübte Straftaten. Scheiben einschlagen und benzingetränkte brennende Lappen in Räume werfen, kann nun wirklich fast jeder. Und dies hat wahrlich nicht den Charakter eines „rätselhaften“ oder „geheimnisvollen“ Kunst-Happenings.
Worin liegen also die Gründe dieser Pressemystifizierung? Sollten sie in der „klammheimlichen Freude“ in mancher Redaktionsstube zu finden sein?
Der angeführte „Wikipedia“-Artikel äußert zu den Beweggründen der „Bewegung“: „Ziele sind nicht näher definierte Reformen der Wirtschaft, die sie durch öffentlichkeitswirksame Anschläge auf Sachen herbeiführen wollen. Sie äußern sich als erbitterte Gegner der kapitalistischen Marktwirtschaft. Die Bewegung Morgenlicht sagte in ihrer Satzung `unsozialen Unternehmen´ den Kampf an und wirbt um neue Mitglieder.“ Gegner der Gruppe seien „Unternehmen, Konzerne, Banken.“
Soviel zur konfusen, letztlich inhaltsleeren Kapitalismus-Kritik, wie sie im Zuge der Wirtschaftskrise oft bei sich zu kurz gekommen Wähnenden grassiert. „Der Banker“ oder „der Manager“ oder „der Konzern“ an sich fungiert darin als Feindbild und Alibi. Auch eigene Asozialität und Anspruchsmentalität wird bisweilen durch den Verweis auf „die da oben“ stabilisiert, die ja noch viel asozialer und raffgieriger seien als man selber. Und deshalb hätte man auch das „Recht“, irgendwas kaputtzumachen (weil „die anderen“ ja „noch viel mehr“ kaputtmachen würden und weil es einem dann irgendwie seelisch besser geht) oder etwas zu stehlen (weil „die Großen da oben“ das ja auch täten) oder etwas von der Allgemeinheit zu fordern (weil einem „auch mal was“ zustünde). So richtig die Kritik an der Raffgier und falschen Politik der ökonomischen und politischen Eliten sein mag, so berechtigt auch Abscheu angesichts des unsozialen Lohndumpings bei Schlecker ist, an den Kern der wirtschaftlichen Problematik wird mit dieser Haltung nicht herangegangen, sondern der Geist nur dem Sozialneid überlassen. Weil irgendein Manager vielleicht eine Yacht in Monaco besitzt, sei es demnach doch nur recht und billig auch ein wenig zu schummeln, um zum Beispiel noch mehr Stütze abzugreifen, während man heimlich doch schwarz arbeitet. Daß es auch nach einer möglichen Versenkung der monegassischen Yacht niemandem in Deutschland wirklich besser geht, daß sich die Lebensverhältnisse durch ein bißchen Zerstörung oder Umverteilung nicht wirklich ändern, stört offenbar nicht sonderlich, so lange nur eine konfuse Wut befriedigt wird. Das ist aber auch eine Form der Systemstabilisierung.
So in etwa jedenfalls dürfte auch Thomas R. gedacht haben, als er unter anderem nebenbei Wohnungen und eine Metzgerei beschädigte und einen Sachschaden von 130.000 Euro hinterließ, für den wohl die Allgemeinheit aufkommen darf. Und die klammheimlichen Freunde in den Presseagenturen und Redaktionen rieben sich vermutlich die Hände, hofften sie doch darauf, daß hier jemand anderer ihre eigene Wut endlich in Taten umsetzen würde. In irgendwelche Taten gegen „die Banken“ oder gegen Schlecker oder gegen den verhaßten Roland Koch. Und so schrieben sie und umsponnen die Aktionen eines Gescheiterten mit dem Garn des „Geheimnisvollen“, des „Abenteuerlichen“, auf daß sich vielleicht nach der Lektüre noch andere abenteuerlustige Nachahmer finden könnten, die Schlecker und Koch einen gehörigen Schrecken einzujagen imstande wären.
„Morgenlicht“ war also gar nicht nur „geheimnisvoll“, sondern auch ein bißchen „sympathisch“, auch wenn man sich das so deutlich nicht zu schreiben traute. Einer traute sich doch. Peter Rutkowski in der Frankfurter Rundschau. „Morgenlicht“ habe „ein Signal gesetzt“, kommentiert er.
(Zuerst veröffentlicht bei Sezession.de am 1.3.2010)
Foto: Detlev C. bei flickr

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