Linke Aggregatszustände (1): „Die Linke“ stumpf mit dem Kopf gegen die Wand der eigenen Schwächen

495891_R_B_by_Rainer-Sturm_pixelio.de_-150x112Vielgestaltig zeigte sich mir dieser Tage mal wieder die deutsche Linke – von stumpfsinnig über ressentimentgeladen bis geistreich. An einem einzigen Tag wurde ich mit allen drei Aggregatszuständen fast gleichzeitig konfrontiert: einer lustigen Parole der Partei „Die Linke“ im Briefkasten, von der hier zuerst kurz die Rede sein soll; einem psychologisierenden Artikel in der „taz“ und einer bemerkenswerten Analyse aus der „Roten Fahne“, beides zum kürzlich erfolgten Norwegen-Attentat.
Im Briefkasten also die Werbeschrift „Klar“ der Partei „Die Linke“, gleich auf der Titelseite des inhaltlich recht schlichten Blättchens die Parole „Zukunft ohne Armut!“ und dann noch „`Klar´ zeigt, wie DIE LINKE Armut bekämpfen will!“
Nun, viel erfährt man in dem Blatt dazu dann aber doch nicht, außer den üblichen sozialen Versprechungen und der Forderung nach sozialer Umverteilung: Es soll einfach immer mehr Geld ausgegeben werden. Mehr Geld soll in gebührenfreie Bildungsangebote für Kinder fließen, es soll eine Grundsicherung für Kinder geschaffen werden, Leiharbeiter und Minijobber sollen 10 Euro die Stunde an Lohn erhalten (was wohl zu weiterer Betriebsrationalisierung führen dürfte), es sollen höhere Renten früher ausgezahlt werden. Wie all das finanziert werden soll, woher der große Beschäftigungs- und Produktionsschub kommen soll, darüber erfährt man wenig. Von einer Millionärssteuer ist irgendwo die Rede, als ob damit die maroden öffentlichen Finanzen saniert würden. Nein, angesichts der anrollende Krise sollte eine „Linke“ eigentlich neue, kreative und selbstverständlich soziale Modelle präsentieren, statt nur abgelatschte und unglaubwürde Forderungen ohne Realisierungskonzept in den Raum zu werfen.
Als ich mit der Zeitschrift in der Hand an den Schreibtisch zurückstapfte, dachte ich über einen Vergleich der „Linken“ mit einem Amateur-Fußballverein nach. Ich dachte, wie viel klüger zum Beispiel der SV Rauenthal agiert.
Denn in einer Sache war die politische Linke bislang seit jeher schlecht: Der „Bekämpfung von Armut“. Das konnte man bei allen sozialistischen Experimenten der Vergangenheit zu Genüge sehen, etwa auch anhand der verfallenen, grauen Häuser am Ende der DDR-Geschichte. Am Ende linker Wirtschaftslenkung waren bislang stets alle arm, außer vielleicht einigen Parteifunktionären, die etwas weniger arm waren.
Vielleicht sollte die „Linke“ also vom SV Rauenthal lernen, der zur Zeit in der Kreisoberliga Rheingau-Taunus spielt. Der Fußballclub verspricht auf seiner Webseite nicht vollmundig „Mit uns zum deutschen Meistertitel“ oder „Mit SV Rauenthal von Sieg zu Sieg“. Dafür hat man es eben in der 85-jährigen Vereinsgeschichte einfach nicht weit genug gebracht. Statt dessen betont der Verein seine Stärke:
Insgesamt bietet der SV Rauenthal seinen Mitgliedern und Besuchern eine gemütliche und kameradschaftliche Atmosphäre bei der aber auch der sportliche Erfolg nicht zu kurz kommt!
Das ist doch geschickt. Der SV Rauenthal wirbt primär mit seiner Gemütlichkeit und Kameradschaftlichkeit. Auf diesem Gebiet mag er sogar den FC Bayern München schlagen können. Vielleicht könnte er auch die landschaftliche Schönheit seines Trainingsgeländes, das Grün seines Rasens betonen, und damit gegenüber der Allianz-Arena punkten. Und der FC Bayern wiederum kann natürlich mit Recht hinsichtlich seiner fußballerischen Leistungen offiziell die Losung „Von Beginn an erfolgreich“ verkünden. Hier ist der Rekordmeister in seinem Element. Vereinsführung und Mannschaften kämen indes nicht auf die Idee, sich nun als Expertenteam zur Euro-Krise darstellen zu wollen.
Von der „Linken“ ist derzeit also, außer ein paar populistischen Forderungen, offenkundig keine funktionierende Alternative, keine Lösung der anstehenden ökonomischen Probleme zu erwarten. Statt somit immer wieder stumpf die Bereiche zu betonen, in denen man offenkundig versagt hat (also etwa die „Armutsbekämpfung“), sollte die Partei besser versuchen, eigene Stärken zu formulieren. Vielleicht nicht gerade: „Schauen Sie, wie DIE LINKE mehr Demokratie, Freiheit und Menschlichkeit verwirklicht“. Das wäre wohl ebenso problematisch hinsichtlich einer glaubhaften corporate identity. Aber zum Beispiel „Schauen Sie, wie DIE LINKE die lustigsten Sommerfeste organisiert“ oder „Wir zeigen Ihnen, wie man mit Improvisationstalent jede Krise besser meistert“ oder „Lernen Sie mit uns, auch als Porschefahrer zufrieden und im Einklang mit sich selbst zu leben“. Der Phantasie sind eigentlich keine Grenzen gesetzt. Man muß nur die eigenen Stärken finden und dann auch betonen. Dann wird sich der Erfolg irgendwann schon einstellen.

 
(Zuerst veröffentlicht bei Sezession.de am 11.8.2011)
Foto:  Rainer Sturm  / pixelio.de

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