Liebe unerwünscht – Der Fall “Alice” alias Vanessa Hessler

218284_R_by_Alexander Hauk _ www.alexander-hauk.de_pixelio.deJahrelang war sie das Gesicht der Telefon-Marke „Alice“: Vanessa Hessler. Oft erfreute mich ihr Anblick, wenn ich mal wieder mit dem Auto im Stau stand und auf eines ihrer großen Plakate traf. Damit ist es nun vorbei. Das 23-jährige italienische Model wurde allerdings nicht etwa wegen schlechter Arbeitsleistung oder ungesetzlichem Verhalten gekündigt, z.B. aufgrund von Drogenkonsum oder Fahren unter Alkoholeinfluss. Vielmehr ist die Liebe schuld. In politisch einseitigen Zeiten kann einen also bereits den Job kosten, den falschen bzw. politisch-unkorrekten Geliebten zu haben.
Vanessa Hessler äußerte öffentlich ihre Trauer über den Tod des Gaddafi-Sohnes Mutassim, mit dem sie vier Jahre liiert gewesen war. Mutassim wurde am 20. Oktober diesen Jahres von libyschen Aufständischen umgebracht. Es sei eine leidenschaftliche Geschichte gewesen, beichtete die Italienerin. Zudem erklärte sie, dass das Medienbild der Gaddafi-Familie nicht der Wahrheit entspreche, vielmehr habe es sich um „ganz normale Menschen“ gehandelt. Frankreich und Großbritannien hätten schließlich das einstige System finanziert. Das libysche Volk sei ihr weder besonders arm noch sonderlich fanatisch vorgekommen. „Man muss nicht alles glauben, was so gesagt wird“, sagte sie. Und: „Die Leute wissen nicht, was sie tun.“ Das alles tue ihr „sehr weh“, bekundete sie, und dass ihr Libyens Schicksal am Herzen liege.
Das empfand ihr Auftraggeber nun aber als zu sehr dem Zeittrend widersprechend, folglich als Image-Gau, wie es das „Hamburger Abendblatt“ formulierte. Fragt sich nur für wen.
Man kann durchaus anderer politischer Meinung sein, aber menschlich unsympathisch erscheinen einem Hesslers Äußerungen trotzdem irgendwie nicht. Meist haben auch Tyrannen und Diktatoren menschliche Seiten, haben Geliebte, die ihnen nachtrauern. Man mag diese Frauen für naiv oder verblendet halten, doch sind wir das nicht alle, wenn wir lieben? Für die Taten und Untaten ihrer Männer verantwortlich machen kann man sie jedenfalls nicht. Und an Hesslers unzweifelhaft emotionalen Äußerungen kann ich somit auch nichts für „Alice“ rufschädigendes erkennen.
Hessler selbst zeigte sich übrigens schockiert von der Entscheidung des Unternehmens: „In einem Augenblick einer besonderen und starken Emotion habe ich einige Aussagen der Presse gegenüber gemacht, an die ich mich nicht vollkommen erinnern kann“, gab sie über ihr Management in Rom bekannt. Sie sprach von Manipulation und distanzierte sich von jeder Art „von Tyrannei, Gewalt und Unterdrückung“.
Es hätte dem Unternehmen somit angestanden, einfach nun „Ist gut, Mädchen“ zu sagen. Statt dessen hechelte man dem politischen Zeitgeist hinterher. Das aber ist viel rufschädigender für die Münchner Telefónica Germany GmbH & Co. OHG, die dieses Jahr mit dem ursprünglichen Betreiber HanseNet Telekommunikation GmbH verschmolzen wurde.
Ich spielte eigentlich wirklich mit dem Gedanken, demnächst „Alice“-Kunde zu werden. Das überdenke ich jetzt aber noch einmal. Ich lasse mir also mit der Entscheidung noch eine Weile Zeit – auch aus Solidarität mit der hübschen Vanessa Hessler.
Foto: Alexander Hauk, http://www.alexander-hauk.de, pixelio.de

 

(erstmals 2011 veröffentlicht)

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