Guru

366218_R_K_B_by_Rainer-Sturm_pixelio.de_1-150x102 Vor wenigen Tagen sah ich in einer Pressevorführung den bald in die Kinos kommenden Dokumentarfilm „Guru“, der mich nachhaltig beschäftigte. Er erzählt anhand von alten Originalaufnahmen und aktuellen Berichten zweier ehemaliger enger Getreuer die Geschichte des „Sektenführers“ Bhagwan Shree Rajneesh, kurz Bhagwan genannt. Und er erzählt die Geschichte seiner Bhagwan-Bewegung.
Eine Besprechung soll an anderer Stelle erscheinen, ich will nur ein bischen von meinen Gedanken beim Betrachten des Streifens berichten.
Ein wenig an meine Kindheit fühlte ich mich erinnert, jene Zeit, als in der Fußgängerzone meiner Heimatstadt des öfteren kleine Gruppen von Anhängern der „Hare Krishna“-Bewegung erschienen, die in orangene Gewänder gekleidet tanzten und ihre Sanskrit-Mantras sangen: „Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama…“ Auch Bhagwan war ein Phänomen jener Jahre, der Suche nach spiritueller Erneuerung aus der östlichen Tradition (die bis heute keinesfalls verschwunden ist). Bhagwans Popularität unter westlichen Jugendlichen, seine Erfolgsgeschichte im Rahmen der Hippie-Bewegung, entwickelte sich vor dem Hintergrund seines positiven Verhältnisses zum Kapitalismus (worunter vor allem Konsumfreude verstanden werden muß) und zur freien Sexualität. Westlicher Materialismus und Hedonismus gingen eine Verbindung mit östlicher Durchgeistigung ein. Hinzu kamen persönliches Charisma und spirituelle Wachheit, die dem Meister von seinen Anhängern in der Nachbetrachtung mindestens für die Anfangsjahre uneingeschränkt zuerkannt werden.
Rainer Langhans, Mitbegründer der „Kommune 1“, beschrieb mir die von ihm erlebte 68er-Erfahrung einmal als ein großes „Feld der Liebe“, das sich einem „heiligen Geist“ ähnlich über die jungen Menschen jener Jahre ausgeschüttet hätte. Langhans meinte damit nicht den sich bald abzweigenden politischen Strang der 68er, der dann irgendwann in K-Gruppen-Zwänge und RAF-Gewalt umschlug, sondern die Anfangszeit, die eigentlich unpolitische Sinnsuche, die einem Lebensexperiment glich. In dem von mir herausgegebenen Buch „Bye-bye `68“ sagte er:
„Ziel dieser Aktionen war keine bestimmte Utopie einer Idealgesellschaft. Nein, eine Utopie war uns bereits zu unbeweglich, zu erstarrt. Es ging nicht um die Institutionalisierung erreichter Zustände. Dogmatische Festlegungen, wie sie von bestimmten Linken angestrebt wurden, lagen uns nicht. Wir wollten nicht einmal Anarchie, da sie schon eine geregelte Ungeregeltheit bedeutet hätte. Statt dessen war wir an der Bewegung an sich interessiert, am Energetischen, am `Feld´, am `Spaß´. Ja wir suchten die intensive Erfahrung in der eigenen Beweglichkeit und waren am `Spaß´ orientiert – `Forever young´. Aus diesem Grund waren wir viel wacher als Leute, die immer etwas Bestimmtes wollen, die immer vergeblich nach etwas suchen und nicht erkennen, dass sie bei der Suche etwas vielleicht Unerwartetes, etwas anderes gefunden haben.“
Die Hippies mögen als ein Frühphänomen bzw. als Erbe dieser von Langhans beschriebenen Zeiterfahrung verstanden werden. In ihnen bündelte sich jene Lebensbejahung, die schließlich auch durch den „Guru“ im indischen Pune zusammengeführt und energetisch angereichert wurde. Sieht man sich den besagten Film an, dann ist man vielleicht ein wenig befremdet, aber zu einem großen Teil auch verzaubert von jenem Experiment, dass sich im Zuge der frühen Bhagwan-Bewegung verdichte. Die richtigen Menschen trafen zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufeinander, heißt es. Und aus aller Welt strömten diese jungen, schönen Menschen herbei, von der Suche beseelt, offen für allerlei auch befremdlich wirkende Experimente der Meditation und des Gemeinschaftslebens. Eine friedlich wirkende Kommune der orange gewandeten Jugend, so wirkt es jedenfalls. Und – das ist der entscheidende Punkt – im Gegensatz zu vielen heutigen Esoterikansätzen, die sich primär im Therapiebereich abspielen, im Bereich der Heilung von Störungen bei oftmals kranken oder unsicheren Menschen, scheinen diese jungen, schönen Hippies, die dort zusammenkamen, um sich und die Liebe zu finden, vor Gesundheit und Kraft und Mut nur zu strotzen.
Der Film zeigt aber auch schonungslos die Schattenseiten, also wie alles den Bach runter ging. Wie – ähnlich der Entwicklung von der Studentenbewegung zur RAF – Paranoia, Geltungssucht, Konsumgier, Betrug, Machtspiel und Gewalt Einzug in die Bewegung der Sannyassins hielten und diese zerstörten. Man könnte eigentlich heulen, wenn man die Bilder sieht und Stellungnahmen hört. Bhagwans Anhänger beschreiben zudem die Persönlichkeitsveränderung des einstigen Gurus, seine Krankheiten, sein Konsum- und Größenwahn, seine Flucht in Drogen. Möglichenfalls ist hier das generelle Risiko des Guru-Wesens versteckt.
Manche Esoteriker werten ja beispielsweise auch den jungen Hitler als eine Art Guru. Hitler also, den Werner Best in den Nürnberger Prozessen für die Anfangsjahre als „freundlich, entgegenkommend, verständnisvoll, charmant, eher weich als energisch oder gar hart“ beschrieb. Hitler, von dem Rainer Langhans meinte, dass es sein Fehler der Entschluß war, Politiker zu werden, statt nur eine Art Guru zu bleiben.
Und Jesus? Kann er womöglich auch als eine Art Guru interpretiert werden? Wer weiß denn wirklich, was aus Jesus geworden wäre, wenn er nicht gekreuzigt worden wäre. Das soll nicht als Blasphemie missverstanden werden. Aber schließlich war er auch ein Mensch und damit fehlbar.
Viele Gurus scheitern offenbar, wenn sie nicht die Kurve nehmen, sich rechtzeitig zurückzunehmen verstehen. Sie scheitern, wenn ihre Charakterstruktur auf stetes Wachstum ausgelegt ist. Ihre dynamische Energie strahlt sicherlich nicht ewig. Der persönliche Rückzug muß also wohl irgendwann hinter eine geschaffene Institution erfolgen, ein Auffangbecken, ein mehr oder minder „erstarrtes“ Lehrgebäude. Ein Guru, der ewig als solcher präsent bleiben will und nach dem steten „Mehr“ strebt, bewegt sich oft knapp am Abgrund des eigenen Scheiterns. Das einstige Erfahrungsfeld, das so viel positive Energie bei den Anhängern freizusetzen imstande war, verengt sich. Statt dessen verhärtet sich das Gesicht des Gurus angesichts der Fallstricke von Macht und Gewalt.
Ein Nachbarsmädchen, durch meine Vermittlung eine Zeitlang sogar mit einem meiner besten Schulfreunde liiert, entschied sich nach ihrem Abitur in den späten 80er Jahren – also bereits zur Spätphase der Bewegung – in das Bhagwan-Zentrum im indischen Pune zu reisen und dort für längere Zeit zu bleiben. Sie war ein Mädchen aus bürgerlichen Kreisen und ihr Schritt mochte damals auf wenig Verständnis bei vielen Bekannten und Nachbarn ihrer Umgebung gestoßen sein. Selbsterfahrungsberichte aus ihrer Feder erschienen in der Zeitschrift „Connection“. Ich war damals vermutlich weniger geschockt oder negativ berührt als viele andere. Sie und ihr Schritt erschienen mir wohl einfach nur irgendwie fremd. Ja, sie war mir fremd geworden, was mich wohl irgendwie gekränkt hatte. Ich wünschte ihr wohl alles Gute, verstand ihren Schritt aber nicht.
Heute, und nicht erst seit dem Betrachten des Films „Guru“, meine ich alles etwas besser zu verstehen. Wäre ich in den 70ern erwachsen gewesen und durch zufällige Umstände in Kontakt zu Sannyassins geraten, womöglich wäre auch ich gerne zu Bhagwhan gegangen. Keinesfalls unkritisch oder mir blinder Guru-Gläubigkeit. Das verböte wohl schon mein tendenziell „antiautoritär“ ausgerichteter Charakter. Und Bhagwans Physiognomik, die für mich einen fast abstoßend selbstgerechten Zug aufzuweisen scheint, sein protziger Lebensstil, seine sprunghaften Entscheidungen, sie hätten mein Misstrauen vermutlich nie gänzlich wegwischen können. Ich wäre wahrscheinlich stets in Distanz zum Guru geblieben, bin wohl kein guter Guru-Anhänger, aber ich hätte wohl gerne etwas von dem Erfahrungsfeld dieser glücklich wirkenden jungen Menschen, dieser Gemeinschaft der Sannyassins mitbekommen – diesem Gefühl, dieser Energie, diesem „Feld der Liebe“. Vielleicht, aber wer weiß das schon so genau.
Diese hochexperimentelle Zeit ist wohl vorbei. Und doch werden sich irgendwann neue Zeitfenster öffnen, in denen Liebe über das Ich und Du hinaus möglich wird. Zeitfenster, in denen neue Gurus, neue Auserwählte, jene oft nur brachliegende positive Energie zu entfachen in der Lage sein werden. Möge ihnen und ihren Anhängern ein besseres Schicksal beschieden sein, als der Bhagwan-Bewegung.

 
(Zuerst veröffentlicht bei Sezession.de am 9.8.2010)
Foto: Rainer-Sturm, pixelio.de

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