Die Fahne der Vernunft

465673_R_K_by_Susanne-Schmich_pixelio.de_1-150x112Die derzeitige, vom Sozialdemokraten Thilo Sarrazin angestoßene, Diskussion um soziale und kulturelle Standards zeigt denn doch mal wieder, dass auch auf der Linken gesunder Menschenverstand, das Denken jenseits von Schablonen und ideologischen Verblendungszusammenhängen, nicht gänzlich ausgestorben ist – zumal eine fiktive „Sarrazin-Partei“ unter Linkspartei-Wählern weitaus mehr Anhänger fände als unter Freunden der CDU.
Ein weiteres Beispiel für diesen Erhalt von Vernunft im linken Spektrum ist offenbar das Berliner Online-Magazin „Rote Fahne“, das sich nun zu einer kritischen Bestandsaufnahme des „Kampfes gegen rechts“ aufraffen konnte – und dabei sogar die durchaus heikle Rudolf Heß-Story neu aufzurollen wagte.
In den letzten Jahren hat die politische Linke, sieht man von den üblichen Sozialforderungen an leere Kassen ab, vor allem nur durch gelebten „Antifaschismus“ auf sich aufmerksam gemacht. Diese schlichte Erfolgsgeschichte scheint aber selbst bürgerliche Kreise mittlerweile mürbe gemacht zu haben. Denn wenn Martin Otto in der „Frankfurter Allgemeinen“ glaubt, daß „Antifaschismus“ mittlerweile „so intelligent“ sein könne, liegt er definitiv falsch. „Antifaschismus“ im Jahre 10 nach dem Millennium ist womöglich strategisch durchdacht, aber nie und nimmer intelligent im Sinne von verantwortungsvoller sozialpolitischer Weitsicht. Allenfalls als clever kann man ihn bezeichnen, aber Cleverness bedeutet gerade hier eher eine Ressourcenverschwendung, steht also letztlich tendenziell für mangelnde Intelligenz. Denn gerade je unkomplizierter, dümmer, stereotyper und dreister sich der „Kampf gegen rechts“ gebiert, je mehr Claudia Roth in ihm steckt, umso besser gelingt ihm die Breitenwirkung in Medien und Politik. Der Konsument der offiziell veröffentlichten Meinung möchte immer wieder die gleichen Bilder vorexerziert bekommen, um die immer gleichen, befriedigenden Rituale vollziehen zu dürfen.
Insofern wollte ich der „Kommunistischen Plattform“ der Partei „Die Linke“ gar nicht unrecht tun, indem ich ihre Forderung nach tätiger Reue Andersdenker vom Kopf auf die Füße zu stellen bemüht war. Die Feststellung der „Plattform“, dass es auch „rechts“ denkende und reflektierenden Menschen geben könne, unterscheidet selbst sie doch immerhin meilenweit von jenen „links“ immer noch tonangebenden Schreihälsen, die sich im „Nazi“ oder „Fascho“ stets nur eine bedrohlich aufmarschierende Welle von Zombiewesen vorstellen können.
Recht weit darin, die linke Fahne der Vernunft aufrecht zu halten, ging nun die Zeitschrift „Rote Fahne“ (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen wüsten MLPD-Blättchen), die sich gar zu einer grundsätzlichen Kritik des gegenwärtig gelebten „Antifaschismus“ aufraffen konnte:
Das Problem beginnt bereits damit, dass kaum jemand unter den gutwilligen Antifaschisten weiss, worum es in der Sache überhaupt geht. Und in der Aufrechterhaltung der imperialen Desinformation liegen auch Motiv und Nutzen für die imperiale Rechte (= die bürgerlichen Parteien der NATO/Imperium) in ihrer Unterstützung dieser Interpretation von „Antifaschismus“.
Das hat Autor Stephan Steins richtig erkannt. Seit 1968 fungiert die „Linke“ immer wieder als Unterstützer des offiziell von ihr so verhassten kapitalistischen Systems. Zwar ist man als „Rechter“ davon gar nicht so überrascht, denn schließlich hat schon Marx den Kapitalismus als Wegbereiter des kommenden Paradieses beschrieben, und zudem hat beispielsweise ein Alain de Benoist die egalitäre Wesensverwandtschaft der beiden materialistischen Denksysteme bereits dargelegt. Dennoch mag sich in der linken Befindlichkeit hier eine Art Grundwiderspruch auftun, den die „Rote Fahne“ sehr klarsichtig dargelegt hat:
Es wird höchste Zeit, dass Linke beginnen hinter die imperiale Matrix zu schauen und wieder wissenschaftliches und fundiertes Arbeiten zur Grundlage ihres Wirkens zu machen. Was sich da in den vergangenen Jahrzehnten als vermeintliche „Linke“ entwickelt hat, mutet mitunter eher wie ein systemtreuer Popanz zwischen Pisa-Studie und Spassgesellschaft an, denn als revolutionäres politisches Subjekt.
Doch das Blatt geht noch weiter und wagt den Blick auf die Wirklichkeit jenseits ideologischer Verhärtungen und Feindbilder. Und so wird gar die Aufklärung der Umstände des Todes von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß gefordert. Das ist nun wirklich bemerkenswert:
Hintergrund der möglichen Ermordung Rudolf Heß´ könnte demnach der Umstand gewesen sein, dass der damalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow laut Radio Moskau verkünden liess, Heß noch vor Weihnachten aus der Haft nach Hause zu entlassen. Aus Sicht des Imperiums und seiner Propaganda wäre daran problematisch gewesen, dass Heß trotz seines hohen Alters möglicherweise noch die Kraft aufgebracht hätte, als Protagonist öffentlich zu Akten und Dokumenten aus der Zeit des zweiten Weltkriegs Stellung zu nehmen, welche noch mindestens bis zum Jahre 2019 im britischen Nationalarchiv „The National Archives“ (TNA) unter Geheimhaltung und Verschluss durch die britischen Behörden gelagert werden. Dieser gesamte historische Komplex ist recht umfangreich, Die Rote Fahne wird den Fall Heß, nicht nur die Umstände seines Todes, sondern seine Rolle im zweiten Weltkrieg, im Rahmen historischer Forschung demnächst in einem Projekt ausführlich behandeln. (…)
Nun stellen sich Manche auf den Standpunkt, dass Rudolf Heß als Nazi sowieso den Tod verdient hatte. Warum also den Fall aufklären wollen? Halten wir fest, dass Heß nicht zum Tode verurteilt wurde. Und völlig unabhängig davon, wie man zur Todesstrafe stehen mag, geht eine solche Haltung vollständig am eigentlichen Thema vorbei. Der Punkt hier liegt nicht in den Taten oder Nichttaten des Nazis Heß, sondern in der Autorität und Gewalt, in den Taten und Verbrechen imperialer Dienste und Terrororganisationen jenseits des internationalen Völkerrechts und der mehr oder weniger demokratischen Strukturen und Rechtsnormen des republikanischen Staates. Heß durch ein imperiales Killerkommando an der Legislative vorbei ermorden zu lassen bedeutet nichts anderes, als genau jene faschistische Tat zu verüben, deren man sein politisches Lager bezichtigt. Für Linke kann es keine Option sein, historische Wahrheiten deswegen unterdrücken zu wollen, weil Neonazis diese für ihre politischen Ziele missbrauchen könnten. Die so denken, begreifen nicht, dass sie dem neuen Faschismus und Totalitarismus in der Konsequenz in die Hände spielen und dessen Geschäft erledigen. Die imperiale Rechte benutzt die nationale Rechte, um von sich selbst abzulenken.
Das alles ist natürlich keine Freundschaftserklärung an die „nationale Rechte“. Keinesfalls. Soll es auch nicht. Aber es ist ein Beweis dafür, dass sich bei kleinen Teilen der „Linken“ immerhin Restbestände selbständigen und kritischen Denkens erhalten haben.

 
(Zuerst veröffentlicht bei Sezession.de am 7.9.2010)
Foto: Susanne Schmich, pixelio.de

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